Ivan Lacasa: Zeitungswissenschaft als publizistische Aktion? Karl d'Ester, Emil Dovifat, Erich Everth

Einleitung: Dieser Beitrag beschäftigt sich mit den institutionellen Ursprüngen der Zeitungswissenschaft in Deutschland. Dabei werden die Ergebnisse einer größer angelegten Studie über die Vorgängerdisziplin der Kommunikationswissenschaft zusammenfassend vorgestellt (Lacasa, 2007). Im Mittelpunkt steht eine Analyse der Schriften von Karl d’Ester, Emil Dovifat und Erich Everth. Diese drei Personen gehören zu den ersten, die es auf eine feste institutionelle Position im Fach geschafft haben.

Was ist ein Kommunikationsprozess? Wie greifen zwischenmenschliche und öffentliche Kommunikation ineinander? Welche Faktoren in Presse oder Werbung wirken beeinflussend auf ihr jeweiliges Publikum? Von diesen und ähnliche Fragen wurde die Erforschung der Zeitung und der Werbung am Anfang des 20. Jahrhunderts in Deutschland angetrieben. Averbeck und Kutsch betonen, dass es sich bei der Beschäftigung mit diesen Begriffen durch die frühen Kommunikationstheoretiker um einen graduellen Prozess gehandelt hat. Die ersten Zeitungstheorien waren noch von unterschiedlichen Formalobjekten oder kognitiven Perspektiven geprägt. Allmählich erfolgte aber eine Angleichung dieser Formalobjekte: Die Frage nach der „publizistischen Wirkung“ drängte sich vor allem aufgrund der Erfahrungen in den Vordergrund, die während des Ersten Weltkriegs mit Propaganda gemacht wurden (Vgl. Averbeck & Kutsch, 2005; d’Ester, 1928, S. 131; Dofivat, 1929, S. 80; Everth, 1927). …

Andreas Scheu & Thomas Wiedemann: Kommunikationswissenschaft als Gesellschaftskritik Die Ablehnung linker Theorien in der deutschen Kommunikationswissenschaft am Beispiel Horst Holzer

Einleitung:

Forschungsinteresse

Das Bild der deutschen Kommunikationswissenschaft im Ausland, vor allem auch in Amerika, scheint immer noch geprägt von der „Kritischen Theorie“ – die Werke von Horkheimer, Adorno, Benjamin und Löwenthal gelten zum Beispiel bei Katz et. al. als „canonic texts in media research“ (Katz, 2003). Im Gegensatz hierzu zeigt die aktuelle deutsche Kommunikationswissenschaft kaum Interesse an dieser Theorietradition. Die Begriffe Adorno, Kulturindustrie und Frankfurter Schule sind in den Lehrbüchern des Faches entweder gar nicht erst enthalten, oder es wird nur sporadisch auf diese verwiesen (Meyen & Löblich, 2006). Vor allem in den 1970er Jahren entstanden aber zahlreiche Arbeiten, die unter dem Etikett „Kritische Kommunikationswissenschaft“ zusammengefasst werden können. Anstöße kamen hierbei aus der Kommunikationswissenschaft selbst, zum Beispiel von Jörg Aufermann, Franz Dröge oder Manfred Knoche, oft aber auch von „außen“, von Soziologen wie Horst Holzer oder Dieter Prokop. Diese Bemühungen blieben allerdings erfolglos. Es konnte sich keine „kritische“ Perspektive etablieren. Für Horst Pöttker spricht deshalb auch die Tatsache, „dass es in der deutschen Kommunikationswissenschaft weit und breit keine Marxisten gibt, […] nicht für den Pluralismus unseres Wissenschaftssystems“ (Pöttker, 2007).

Das Scheitern einer „Kritischen Kommunikationswissenschaft“ betrachten wir im Folgenden anhand des Falles Horst Holzer (1935 bis 2000). Eine exemplarische Analyse bietet den Vorteil, den Einzelfall in seiner ganzen Tiefe betrachten zu können, was dabei hilft, komplexe Zusammenhänge zu verstehen, Muster zu erkennen und Hypothesen zu generieren. Holzer, der selbst bei Horkheimer und Adorno studiert hatte, beschäftigte sich zeitlebens mit dem Gegenstandsbereich Massenkommunikation und hat insgesamt vierzehn Bücher und 49 Aufsätze, also über die Hälfte seiner Arbeiten, zu diesem Thema publiziert. Damit muss er in der deutschen Kommunikationswissenschaft verortet werden. Hierfür spricht auch, dass Wolfgang Langenbucher 2000 einen Nachruf in der Publizistik veröffentlicht hat (Langenbucher, 2000). Das Ziel dieser Untersuchung besteht darin, soziale und werkimmanente Rezeptionsbarrieren zwischen dem Akteur Holzer und seinen Arbeiten auf der einen und der deutschen Kommunikationswissenschaft auf der anderen Seite zu identifizieren.

Die Bewertung von Theorien gehört nach Thomas S. Kuhn zur „disziplinären Matrix“ (1973, S. 287) einer Wissenschaft. Die Analyse von Rezeptionsbarrieren gibt demnach Aufschluss über gültige Paradigmen, Identität stiftende Normen und den Zusammenhang zwischen der Ideen- und der Sozialgestalt eines Faches. So trägt die exemplarische Untersuchung der kommunikationswissenschaftlichen Rezeption Holzers zur Selbstreflexion des Faches und zum Verständnis der eigenen Geschichte bei. Dies sind Funktionen von Fachgeschichte, welche die Zukunftsfähigkeit des Faches erhöhen (Koivisto & Thomas, 2007). …

Martina Thiele: Konstruktivismus in der Kommunikationswissenschaft Außenseiter oder Mainstreamposition?

Einleitung: 

1. Bedingungen für die Etablierung neuer Ansätze und Theorien

Der Wissenschaftssoziologe Thomas S. Kuhn hat in dem 1962 erschienenen Buch „The structure of scientific revolutions“ darauf hingewiesen, dass Wissenschaftsprozesse weniger evolutionär, stetig kumulativ und fortschrittsgebunden als vielmehr von Brüchen gekennzeichnet sind. Paradigmenwechsel finden dann statt, wenn die Relevanz der bis dahin publizierten Forschungsergebnisse abnimmt, alle Hauptprobleme bis zu einem gewissen Grad gelöst erscheinen und die verbleibenden Fragestellungen zunehmend trivialer werden (Kuhn, 1962). Paradigma definiert Kuhn als „universally recognized scientific achievements that for a time provide model problems and solutions to a community of practioners“ (Kuhn, 1967). Paradigmenwechsel führen zu einer veränderten Sichtweise auf frühere Theorien, Untersuchungsgegenstände und Methoden, sie führen auch zu anderen Forschungsvorhaben, Lehrveranstaltungen und Grundlagenwerken wie z.B. Einführungen in die jeweilige Disziplin. Ein Paradigmenwechsel ist demnach u.a. durch eine Analyse der Publikationen, die um und nach diesem erschienen sind, feststellbar. …

Manuel Wendelin: Kanonisierung in der Kommunikationswissenschaft Lehrbuchentwicklung als Indikator einer "kognitiven Identität"

Einleitung: Die Kommunikationswissenschaft hat in den vergangenen gut 30 Jahren einen institutionellen Ausbau erlebt, den man rückblickend als „beachtenswerten Aufschwung“ und als Konsolidierung beschreiben kann (Pürer, 2002, S. 136). Während diese Entwicklung begrüßt wird, stoßen die Unklarheit des Formalobjekts und die Erweiterung des Materialobjekts vielfach auf Ablehnung. Die Einschwörung der „scientific community“ auf einen gemeinsamen Gegenstand wird vor diesem Hintergrund als unmöglich empfunden. Von „Undiszipliniertheit“ war die Rede (Saxer, 1995), gar im Zustand einer „verzögerten Detonation“ wurde das Fach schon gesehen (Ronneberger, 1978, S. 16). Trotzdem ist die Kommunikationswissenschaft bei der Ausbildung einer „kognitiven Identität“ (Lepenies, 1981) schon weitergegangen, als man beim Beobachten der immer wiederkehrenden Selbstverständnisdiskussion vielleicht vermuten mag. Der vorliegende Beitrag will anhand der quantitativen und inhaltlichen Lehrbuchentwicklung zeigen, dass gegenwärtig durchaus eine Art Kanon existiert, zumindest was den Kern des Fachs anbelangt und obwohl dieser Kanon auch dort immer „intellektuelle Konfliktzone“ (Reckwitz, 2002, S. 247) bleiben wird. Ausgangspunkt ist die im Folgenden zu begründende These, wonach die Lehrbuchproduktion des Fachs hauptsächlich von drei Faktoren beeinflusst wurde: Studentenzahlen, institutionelle Ausstattung und inhaltliche Ausrichtung. …

Rezensionen 4/2008

Markus Rhomberg: Politische Kommunikation. Eine Einführung für Politikwissenschafter. Paderborn: Fink 2008, 267 Seiten.
rezensiert von Marian Adolf

Michael Ponstingl: Wien im Bild. Fotobildbände des 20. Jahrhunderts. (= Beiträge zur Geschichte der Fotografie in Österreich, Bd. 5). Wien: Christian Brandstätter Verlag 2008, 202 Seiten.
rezensiert von Tania Hölzl & Michael Manfé

Wolfgang Kraushaar: Acht Und Sechzig. Eine Bilanz. Berlin: Propyläen 2008, 336 Seiten.
Martin Klimke & Joachim Scharlot (Hg.): 1968. Handbuch zur Kultur- und Mediengeschichte der Studentenbewegung. Stuttgart: J.B. Metzler 2007, 329 Seiten.
vergleichend rezensiert von Martina Novotny

Margarete Jäger & Siegfried Jäger: Deutungskämpfe. Theorie und Praxis Kritischer Diskursanalyse. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2007, 320 Seiten.
rezensiert von Klaus Kienesberger

Klaus-Dieter Altmeppen, Thomas Hanitzsch & Carsten Schlüter (Hg.): Journalismustheorie: Next Generation. Soziologische Grundlegung und theoretische Innovation. Lehrbuch. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2007, 451 Seiten.
rezensiert von Horst Pöttker

Jürgen Wilke (Hg.): Die Aktualität der Anfänge. 40 Jahre Publizistikwissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Köln: Herbert von Halem Verlag, 2005, 242 Seiten.
Edzard Schade (Hg.): Publizistikwissenschaft und öffentliche Kommunikation. Beiträge zur Reflexion der Fachgeschichte. Konstanz: UVK, 2005, 347 Seiten.
Michael Meyen & Maria Löblich (Hg.): “Ich habe dieses Fach erfunden.” Wie die Kommunikationswissenschaft an die deutschsprachigen Universitäten kam. 19 biografische Interviews. Köln: Herbert von Halem Verlag, 2007, 472 Seiten.
Michael Meyen & Manuel Wendelin (Hg.): Journalistenausbildung, Empirie und Auftragsforschung. Neue Bausteine zu einer Geschichte des Münchener Instituts für Kommunikationswissenschaft. Mit einer Bibliografie der Dissertationen von 1925 bis 2007, Köln: Herbert von Halem Verlag, 2008, 295 Seiten
– vergleichend rezensiert von Bernd Semrad

 

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Hans-Jörg Trenz: Methodologischer Nationalismus oder Mediennationalismus? Über die begrenzte Notwendigkeit einer Neuorientierung der Medien- und Öffentlichkeitsforschung in Europa

Einleitung: In der Einforderung der Legitimität des europäischen Integrationsprozesses wird die Geltung des Öffentlichkeitsprinzips über das Postulat eines Strukturwandels nationalstaatlicher Öffentlichkeiten aufrecht erhalten. Eine europäische Öffentlichkeit – so die Erwartung – bilde sich weniger als einheitlicher, massenmedialer Kommunikationsraum aus, als vielmehr in der Bereitstellung entsprechender infrastruktureller Kapazitäten für die mehrstufige Vermittlung des komplexen Regierens im Mehrebenensystem der EU. Fortschreitende Integration bewirke nicht nur die Vernetzung nationaler Öffentlichkeitsarenen, sondern fördere auch die Herausbildung neuer sektoraler oder transregionaler Kommunikationsgemeinschaften, die sich zunehmend von der Sprache und Kultur des Nationalstaats loslösen (Eder, Hellmann, Trenz, 1998). Innerhalb der empirisch ausgerichteten Medien- und Öffentlichkeitsforschung ist diese zumeist normativ begründete Erwartung in die Transnationalität politischer Öffentlichkeit allerdings regelmäßig empirisch entzaubert worden. Die Diskrepanz zwischen der Geltung des Öffentlichkeitsprinzips und seiner Anwendbarkeit im transnationalen Rahmen erfordert damit eine systematische Abhandlung. Die Frage stellt sich nach den Bedingungen und Grenzen eines durch den europäischen Einigungsprozess angeleiteten Strukturwandels politischer Öffentlichkeit.

Europäische Öffentlichkeit bezeichnet die kommunikative Infrastruktur zur Aushandlung der Legitimität des europäischen Integrationsprojekts. Sie ist gebunden an die Mobilisierung öffentlicher Aufmerksamkeitspotentiale, über die sich europäische Entscheidungsakteure den diffusen Erwartungshaltungen und den Meinungen des Publikums stellen. Dabei handelt es sich um einen reziproken Prozess der Provokation, Reaktion und Antizipation von Aufmerksamkeiten, in dem europäische Institutionen einerseits „auffällig“ werden und entsprechende Abwehr- und Widerstandsreaktionen absorbieren müssen, andererseits aber auch gezielte Aufmerksamkeiten des Publikums einfordern, um ihre jeweiligen Positionen zu stärken und Handlungsspielräume auszubauen. Gerade auch im transnationalen Rahmen bleibt ein solcher Prozess der Legitimationseinforderung und Legitimititätsherausforderung auf die Vermittlung durch die Massenmedien angewiesen, welche einerseits die Relevanz europäischer Entscheidungsprozesse für die jeweils fragmentierten Publika (national, lokal oder sektoral) übersetzen. Durch die medialen Operationen der Ausfilterung, Bündelung und Amplifikation von Kommunikation wird der diffusen Resonanz des Publikums eine Strukturierung verliehen und damit ihr Wirkungspotential auf das politische System der EU freigesetzt.

Die Bemühungen einer Eingrenzung der konstitutiven Elemente europäischer Öffentlichkeit sind typischer Weise durch eine Ambivalenz zwischen normativen und deskriptiven Ansätzen gekennzeichnet. Normativ erfolgt eine Identifizierung europäischer Öffentlichkeit über die Festlegung bestimmter Standards der Kommunikation und Vermittlung politischer Inhalte, die für die Legitimität der Europäischen Union als hinreichend erachtet werden. Von entscheidender Bedeutung ist dabei die Frage nach der qualitativen Bestimmung europäischer Öffentlichkeit, wobei sich die Forschung traditionell an der Habermas’schen Programmatik, also an dem Verständigungspotential deliberativer Meinungsbildungsprozesse, abgearbeitet hat (Vgl. Risse, 2004; Peters, Sifft, Wimmel, Brüggemann, Kleinen von Königslöw, 2005; Eriksen, 2005). Deskriptiv wird die europäische Öffentlichkeit über die Vernetzung von Sprechern unterschiedlicher Herkunft identifiziert, die in einen kommunikativen Austausch über Themen von gemeinsamer Relevanz treten und dabei bestimmte Meinungen und Erwartungshaltungen zum Ausdruck bringen. Entscheidend ist dabei die Frage nach der Quantifizierung politischer Kommunikation, die über die Konvergenz von Themen- und Aufmerksamkeitsstrukturen (Issue-cycles), Bewertungen politischer Prozesse (frames) und Rechtfertigungsmustern bestimmt wird (Vgl. Eder, Kantner, 2000; Trenz, 2004; Trenz, 2007).

In der Gegenüberstellung zwischen qualitativen und quantitativen Ansätzen der Öffentlichkeitsforschung gilt es allerdings zu beachten, dass die Normativität politischer Öffentlichkeit nicht nur theoretisches Konstrukt ist, sondern vielmehr mit der Legitimationspraxis kollektiver Akteure untrennbar verbunden ist und damit erst die Dynamik eines sich entfaltenden europäischen Kommunikationsraums anleitet. Die Spannung zwischen normativen Standards und kommunikativer Alltagspraxis politischer Vermittlungsprozesse kann folglich als ein konstitutives Element der Entstehung europäischer Öffentlichkeit angesehen werden. Als Startpunkt europäischer Öffentlichkeitsforschung empfiehlt es sich von daher, sich den ideengeschichtlichen Hintergrund des Öffentlichkeitsgedankens zu vergegenwärtigen, der im europäischen Kontext angewandt und validiert wird.

Im Folgenden soll die unterstellte Beziehung zwischen Nationalstaat und Öffentlichkeit auf ihre Konsistenz untersucht und Möglichkeiten einer Loslösung der Normativität des Öffentlichkeitsgedankens vom nationalstaatlichen Idealtypus aufgezeigt werden. Dabei geht es weniger darum, einen vermeintlichen methodologischen Nationalismus der Sozialwissenschaften anzuprangern, als vielmehr die Argumente zu sortieren und kritisch zu prüfen, die für eine Verteidigung der nationalen Fokussierung der Öffentlichkeitsforschung vorgebracht werden können. Der Transnationalisierungsthese seien dabei einerseits empirische Evidenzen der Trägheit des Wandels nationalstaatlicher Öffentlichkeit entgegengesetzt, deren Strukturen und Prozesse in der Medienökonomie westlicher Gesellschaften fest verankert sind. Die Transnationalisierungsthese muss sich des Weiteren aber auch mit der inhärenten Normativität von Öffentlichkeit auseinandersetzen, die sich nach wie vor an den Bedingungen von Nationalstaatlichkeit orientiert, um die Legitimität politischer Herrschaft im Transnationalen auszuhandeln. …

Irene Neverla & Wiebke Schoon: Europäischer Journalismus Annäherung an eine vernachlässigte Dimension europäischer Öffentlichkeit

Einleitung: Wer sich aus dem Blickwinkel der Kommunikationswissenschaft dem Thema “Europa” nähert, merkt schnell: Dieses Thema haben die Nachbardisziplinen Soziologie und Politikwissenschaft schon lange besetzt. Der tragende theoretische Begriff, mit dem hier überwiegend gearbeitet wird, ist der Begriff der europäischen Öffentlichkeit. Dabei sind zwei Forschungstraditionen erkennbar: Einmal die tendenziell normativ ausgerichteten Öffentlichkeitstheorien. Öffentlichkeit bildet hier ein hypothetisches Konstrukt – meist metaphorisch dargestellt als Forum, Arena oder Netzwerk – das als unabdingbar für die Konstituierung von Demokratie und modernen Gesellschaften gilt. Bezugspunkt der Analysen sind hier die politischen Institutionen der EU und deren Legitimation. Der Journalismus spielt in dieser Theoretisierung explizit kaum eine Rolle, “die Medien” oder “das Mediensystem” oder dessen “Vermachtung” hingegen schon. Schließlich kommt kein Öffentlichkeitskonzept der Moderne ohne die Berücksichtigung der Massenmedien aus. Die zweite Forschungstradition zur europäischen Öffentlichkeit liegt auf dem Feld der empirischen Forschung mit Methoden der Inhaltsanalyse; sie untersucht die Medienangebote im Hinblick auf Themen, die als europäisch relevant erachtet werden. Im Mittelpunkt stehen hier zumeist die Europäisierung der nationalen Öffentlichkeiten und die transnationalen Bezüge innerhalb der EU. Auch hier wird kaum nach den Hintergründen der Entstehung dieser Medieninhalte gefragt, die etwa in journalistischen Traditionen liegen könnten, in journalistischen Praktiken und Handlungsroutinen sowie Rollenmodellen und Handlungsnormen. Aufgrund der demokratietheoretischen Ausrichtung sind die genannten Forschungstraditionen auf die politische Öffentlichkeit begrenzt, forschungspragmatische Gründe rechtfertigen die Beschränkung auf einige – zumeist westeuropäische – Länder.

Zweifellos sind diese Forschungsperspektiven sachlich relevant und wissenschaftlich sinnvoll. Auch ist es zunehmend zu einer Verknüpfung der beiden Perspektiven gekommen – die empirische (kommunikationswissenschaftliche) Forschung wurde stärker theoretisiert; die Öffentlichkeitskonzepte wurden stärker an der empirisch prüfbaren Realität gemessen. Ein relativ junges Verbindungsstück stellen die empirischen Befragungen der KorrespondentInnen in Brüssel dar. Dennoch bleibt die Logik des Journalismus, als theoretisch ausgearbeitete und empirisch gestützte Dimension, eine vernachlässigte Perspektive. In diesem Sinn will der folgende Beitrag einen Impuls setzen für eine journalismustheoretische Ergänzung europäischer Öffentlichkeitsforschung. Dieses Vorhaben erfordert einiges an terminologischer Aufräumarbeit, an begrifflicher Abgrenzung und Präzisierung, die wir im folgenden Aufsatz lediglich in Ansätzen bieten können. Hier zunächst zwei Klarstellungen zu den gängigen Begriffen von “europäischem Journalismus” und zu “Europa”. …

Christian Schwarzenegger: Das Leben ist anderswo Anregungen zur Justierung des Blicks auf Heterotopien europäischer Alltagskultur

Einleitung: Es gibt kein Europa. Es gibt viele davon. So zumindest der sich aufdrängende Eindruck, wenn man sich mit einem Thema befasst, das eine lang anhaltende Konjunktur erfährt und in dessen Behandlung es nahezu eine Grundzutat bildet, zu betonen, dass Europa bislang meist wenig präzise definiert (Saxer, 2006) aus einer Pluralität von Vorstellungen gespeist worden und von wandelbarem Charakter (Requate & Schulze, 2002) oder überhaupt gar die „unbegriffenste Sache der Welt“ (Beck & Grande, 2004, S. 10), ein Dauerprozess und kein konservierter und fixierter Zustand (ebd. S. 16) sei, nicht ein Einheitliches sondern ein Unbestimmtes. Es gibt potentiell so viele Entwürfe Europas, wie es Versuche Europa zu entwerfen gibt. Und doch weisen die Entwürfe, die im wissenschaftlichen Kontext von Europa vorwiegend gemacht werden, der Logik der Disziplinen und Beobachtersensibilität der sich mit Fragen Europas beschäftigenden Wissenschaften geschuldet, augenfällige Stabilität und Kohärenz, auf. Denn Beschreibungen Europas ähneln sich bei aller thematisch, situativen Verschiedenheit der ausgeführten Ansätze darin, dass sie sich vornehmlich auf das Europa der politischen oder wirtschaftlichen Eliten zu beziehen und gleichsam zu beschränken scheinen. Europäisierung als Vorstellung wird daher auch als das Zusammenwachsen und vermehrtes Anerkennen der politischen und wirtschaftlichen Kooperationsgeflechte auf formaler (wirtschafts-)politischer, wie auch rechtlicher europäischer Ebene begriffen und gedeutet. Europäisierung, so ließe sich in Umlegung eines starken Adorno-Wortes sagen, wird im wissenschaftlichen Gebrauch häufig als die willentliche Integration ihrer Abnehmer von oben verstanden: Untersuchungen, die sich mit der Konstitution einer Europäischen Öffentlichkeit befassen oder das Maß an Zustimmung oder Ablehnung in der Einstellung zu Europa ermitteln wollen, zielen dabei stark auf das Europa der Europäischen Union und seine bürokratische Lokalisationsmetapher „Brüssel“; oder auf die mediale Vermittlung dieses Europas der Eliten durch die gesellschaftliche Informationselite des informierenden Nachrichten-Journalismus (vgl. für Österreich etwa Dietrich, 2006).

Gerade angesichts der veritablen Krise des politischen Einigungsprozesses, die nach den gescheiterten Verfassungsreferenden und dem nunmehrigen irischen Nein zu den Verträgen von Lissabon für die EU diagnostiziert worden ist und den als Reaktion darauf vielfach artikulierten Bekenntnissen, man müsse nun auf die Menschen zugehen und das Projekt Europa der Wahrnehmung und dem Erleben der europäischen Völker näher bringen, um die politische Integration zu legitimieren und von breiter Basis tragen zu lassen, erscheint es auch für die wissenschaftliche Beobachtung von Europa sinnfällig, den gewohnten und etablierten Blick zu justieren. Es gilt den Blick auch auf Phänomene zu richten, die abseits der politischen und wirtschaftlichen Elitendiskurse, im alltäglichen Leben und Erleben von teilkulturellen Gruppierungen Relevanz haben. Praktiken, Lebensmomente und kulturelle (Vergemeinschaftungs)Formen in denen europäische Realität gelebt wird, ohne dass diese explizit als in Zusammenhang mit dem politischen Projekt stehend interpretiert werden.

Dieser Beitrag versucht eine zu dieser vorherrschenden Behandlungsweise alternative Perspektive auf Phänomene und Praxis von Europäisierung, sowie der Möglichkeit der Bildung einer europäischen (kulturellen) Identität anzuregen. Eine Perspektive von Unten auf „Unten“, eine Perspektive auf ein Europa im Abseits (der Aufmerksamkeit), ein Gegenentwurf zum politisch und wirtschaftlich geprägten Europabild, aus dem Blickwinkel einer Gemeinschaftswerdung, die dort ansetzt, wo Vergemeinschaftungen stattfinden: Unten, im aktiven alltäglichen (kulturellen) Leben und Erleben jener, die sonst häufig nur als Probanden oder Rezipienten Eingang in die Forschungsarbeiten finden – unten bei uns allen. …

Swantje Lingenberg: Europäische Öffentlichkeit aus Publikumssicht Ein pragmatischer Ansatz mit Fallstudien zur europäischen Verfassungsdebatte

Einleitung:

„The public sphere does not begin and end when the media content reaches an audience; this is but one step in a larger communication chain that includes how the media output is received, made sense of, and used by citizens in their communicative interactions”
(Dahlgren, 2005, S. 321)

Dieser Artikel fokussiert die Publikumsebene einer europäischen Öffentlichkeit. Dabei wird zum einen die Bedeutung des Publikums für die Konstituierung europäischer Öffentlichkeit theoretisch reflektiert und konzeptualisiert, und zum anderen werden die kommunikativen Beteiligungen und Sinngebungsprozesse des Publikums am Beispiel der europäischen Verfassungsdebatte empirisch untersucht. Es wird angenommen, dass europäische Öffentlichkeit als soziales Konstrukt nicht allein durch die Generierung und massenmediale Vermittlung europapolitischer Themen, sondern schlussendlich im kommunikativen Handeln der Menschen entsteht und tradiert wird. Im Anschluss an eine Diskussion existierender Konzepte europäischer Öffentlichkeit wird zunächst und unter Rekurs auf John Dewey (1927) ein pragmatischer Ansatz europäischer Öffentlichkeit entfaltet, der sowohl die Publikumsebene, die politischen Zielfunktionen als auch den Raumbezug öffentlicher Kommunikationsprozesse in Europa umfasst. Europäische Öffentlichkeit wird dabei als ein translokales und transkulturelles Netzwerk themen- und ereignisbezogener Teilöffentlichkeiten verstanden, das in Abhängigkeit von der Wahrnehmung und Diskussion von Betroffenheit durch europapolitische Entscheidungs- und Problemzusammenhänge existiert. Im Rahmen qualitativer Fallstudien zur EU-Verfassungsdebatte in Frankreich, Italien und Deutschland werden die Aneignungs- und Sinngebungsprozesse durch das Publikum sodann empirisch untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass die Menschen den Verfassungsprozess als gesamteuropäisches Projekt – und ob der gescheiterten Referenden nunmehr Problem – wahrnahmen und mögliche Folgen für den Integrationsprozess diskutierten. Neben einer generellen Konvergenz der rekurrierten Themen und Argumente über die Länder hinweg wurden auch einige kulturelle und länderspezifische Differenzen der Aneignung und Lokalisierung offensichtlich. …

Günal Incesu & Jörg Requate: Auf dem Weg nach Europa Appelle als Kommunikationsform der Türkeit mit Europa

Einleitung: In seinen wiederholten Interventionen zur Frage, ob die Türkei Mitglied der Europäischen Union werden sollte, hat der Historiker Hans- Ulrich Wehler es als ein „prinzipielles Dilemma“ beklagt, dass die europäische Politik es bislang „vermieden (oder nicht gewagt)“ habe, die geographischen, politischen und kulturellen Grenzen Europas klar zu definieren (Wehler, 2008, S. 85). Unabhängig davon, wie man zu Wehlers Positionen im Einzelnen steht, ist an dieser Feststellung mehrerlei bemerkenswert. Zunächst ist in der Tat auffällig, dass eine öffentliche Debatte über die Grenzen und die Identität Europas zwar in wissenschaftlichen Fachdebatten, lange Zeit aber kaum in einer breiteren Öffentlichkeit stattgefunden hat. Wehlers Interventionen sind insofern als Versuch zu werten, diese Debatte auszuweiten und in sie einzugreifen. Gleichzeitig weist Wehler jedoch der „europäischen Politik“ die Aufgabe zu, die Definition der Grenzen vorzunehmen und internalisiert damit bereits jenes Demokratiedefizit, das sich nicht zuletzt im häufig beklagten Fehlen einer ausgeprägten europäischen Öffentlichkeit niederschlägt. So besteht das Dilemma tatsächlich eher darin, dass die europäische Politik durchaus Entscheidungen über Grenzen Europas – gerade auch in Bezug auf die Türkei – fällt und gefällt hat, ohne dass diese Entscheidungen in eine europäische Debatte eingebunden gewesen wären.

Schon die Gründung der EWG im Jahr 1957 konnte sich zwar auf eine gewisse Europa-Begeisterung stützen, war im Kern aber eine Entscheidung der politischen Eliten. Die Frage der Erweiterung der EWG, vor allem um England, hing lange Zeit allein von der Haltung De Gaulles ab. Die Aufnahme Griechenlands, Spaniens und Portugals war nach dem Untergang der jeweiligen Diktaturen ebenso folgerichtig, wie es letztlich die Osterweiterung der EU war. Angesichts der gewaltigen Veränderungen, die der EU dadurch ins Haus standen, ist es fast erstaunlich, wie wenig diese Erweiterung von einer breiten öffentlichen Debatte begleitet war. Zwar meldeten sich skeptische Stimmen, doch bezogen die sich eher auf Einzelfragen und auf zeitliche Abläufe. Eine grundsätzliche Absage an den Willen der ostmittel- europäischen Staaten „nach Europa zurückzukehren“, hätte das europäische Projekt auf eine rein ökonomische Zweckgemeinschaft zurückgeworfen. Das in den 1980er Jahren zunehmend einsetzende Aufbegehren gegen die von der Sowjetunion maßgeblich installierten und gestützten Regime selbst war bereits als ein Drängen zurück nach Europa zu verstehen (Kundera, 1986; Die Dokumentation der daran anschließenden Diskussion siehe In: Busek & Wilfinger, 1989). Der Eintritt dieser Länder in die Europäische Union folgte so, dem Appell, vieler Intellektueller und dann, der neuen Regierungen an Europa, doch bitte nicht vergessen zu werden. Das Eintreten für und der Kampf um die Werte, die Europa für sich reklamierte, ließ der Europäischen Union um den Preis des Ausschlusses aus einer ideellen europäischen Diskursgemeinschaft so gut wie keinen Spielraum in der grundsätzlichen Frage der Erweiterung. Der aus Ostmitteleuropa an Europa dringende Appell der Zugehörigkeit konnte vor diesem Hintergrund nur ein erfolgreicher sein.

Für die Frage des EU-Beitritts der Türkei ist die Geschichte der Erweiterung der EU, insbesondere der Osterweiterung, in doppelter Hinsicht von Bedeutung. Zum einen zogen mit den osteuropäischen Staaten viele Länder auf ihrem Weg „nach Europa“ an der Türkei vorbei, für die dieser Weg lange Zeit außerhalb jeder Diskussion stand. Zum anderen verweist die Vorgeschichte der Osterweiterung mit dem Appell an Europa auf ein besonderes Kommunikationsmuster, das für die Analyse der spezifischen Qualität und die Herausbildung europäischer Öffentlichkeitsstrukturen von zentraler Bedeutung ist. Dieser an anderer Stelle entwickelte Ansatz soll im Folgenden knapp erläutert werden, um anschließend die Besonderheit der Debatte um die Aufnahme der Türkei in die EU für die Frage nach der Herausbildung europäischer Öffentlichkeitsstrukturen analysieren und verorten zu können (Requate & Schulze Wessel, 2002). …