Andreas Fickers: Europäische Fernsehgeschichte Elf Kernkonzepte zur vergleichenden theoretischen Analyse und historischen Interpretation

Einleitung: Die Überwindung der nationalstaatlichen Perspektive als Paradigma der modernen Geschichtswissenschaft wird seit einiger Zeit mit unterschiedlichen Begriffen versehen und mit teils divergierenden, teils überlappenden konzeptionellen Entwürfen eingefordert. Ob „Globalgeschichte“, „entangled history“, „transnationale Geschichte“ oder „histoire croisée“ – gemeinsam ist diesen Ansätzen das Anliegen, den nationalen Bezugsrahmen als einen wichtigen, jedoch relativen in Bezug auf dessen Erklärungspotential der Moderne zu begreifen und entsprechend zu problematisieren (als aktuelle Übersicht siehe Conrad, 2007. Siehe auch die Debatten zu transnationaler Geschichtsschreibung auf http://geschichte-transnational.clio-online.net/). In welche Relation der Nationalstaat dabei gebracht wird – etwa zu anderen Nationen (transnational), zur gesamten Welt (global), zu den Kolonien (entangled) – unterscheidet die unterschiedlichen Ansätze voneinander und hat entsprechende epistemologische Konsequenzen. Neben dem relationalen Aspekt unterscheiden sich die diversen Ansätze aber vor allem in der kausalen Dimension, d.h. der Beschreibung und Analyse der wechselseitigen Beziehungen, die zwischen den jeweiligen Relationen herrschen. Je nach Komplexitätsgrad der Fragestellung und methodischen Herangehensweise variieren hier ein- oder mehrdimensionale Transfer- und Aneignungsprozesse, synchrone und diachrone Perspektiven sowie einseitige oder wechselseitige Beziehungen und Beeinflussungen. Ohne auf das Für und Wider der jeweiligen Ansätze eingehen zu wollen, zielt dieser Beitrag darauf ab, das analytische Potenzial dieser den Nationalstaat problematisierenden und teilweise transzendierenden Ansätze für eine vergleichende europäische Fernsehgeschichte auszuloten. Das Fernsehen als Leitmedium des massenmedialen Ensembles in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, so lautet die Ausgangshypothese, eignet sich in geradezu idealer Weise als Studienobjekt einer transnationalen und vergleichenden europäischen Geschichtsschreibung, da es im Zuge seiner konstanten und ambivalenten Entwicklung und Veränderung zahlreiche Spannungen und Brüche zeigt, die lediglich mittels einer transnationalen und vergleichenden Perspektive verständlich und erklärbar werden.

Die folgenden Überlegungen und Beispiele fußen auf zahlreichen Diskussionen und Gesprächen, die im Rahmen diverser Workshops des European Television History Networks sowie im Kontext der Arbeit an dem gemeinsamen Buch A European Television History gemacht werden konnten (Bignell & Fickers, 2009). In diesem Sinne tritt der Autor hier als „Kollektivsubjekt“ auf, der sich des bedeutenden Einflusses zahlreicher Kolleginnen und Kollegen auf die hier zugrunde gelegten Ideen und Überlegungen bewusst ist. Die vorgestellten Kernkonzepte historischer Fernsehanalyse reflektieren insbesondere den intensiven Dialog mit meinem britischen Kollegen Jonathan Bignell….

Rezensionen 3/2008

Christian Stegbauer & Michael Jäckel (Hg.): Social Software. Formen der Kooperation in computerbasierten Netzwerken. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2008, 245 Seiten.
rezensiert von Gerit Götzenbrucker

Gabriele Melischek, Josef Seethaler & Jürgen Wilke (Hg.): Medien & Kommunikationsforschung im Vergleich. Grundlagen, Gegenstandsbereiche, Verfahrensweisen. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2008, 480 Seiten.
– rezensiert von Wolfgang Duchkowitsch

Karin Harasser, Sylvia Riedemann & Alan Scott (Hg.): Die Politik der Cultural Studies – Cultural Studies der Politik. Wien: Tura + Kant 2007, 271 Seiten.
– rezensiert von Christoph Jacke

Tanja Thomas (Hg.): Medienkultur und soziales Handlen. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2008, 321 Seiten. (= Medien – Kultur – Kommunikation, hg. von Andreas Hepp, Friedrich Krotz & Waldemar Vogelsang).
– rezensiert von Thomas A. Bauer

Katherine Sarikakis: Media and Cultural Policy in the European Union. (= European Studies – An Interdisciplinary Series in European Culture, History and Politics). Amsterdam, New York: Editions Rodopi B.V. 2007, 249 Seiten.
– rezensiert von Christian Schwarzenegger

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Thomas Beutelschmidt: Grenzüberschreitender Verkehr Anregungen zu einer komparativen Betrachtung der Fernsehkulturen in der DDR und Österreich

Einleitung: Aus der Perspektive des Medienhistorikers konnte ich an der Universität Wien – einer Einladung des Instituts für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft folgend – im März 2007 Fragestellungen und Ergebnisse des Forschungsprojekts „Programmgeschichte des DDRFernsehens“ vorstellen. Diese Präsentation zielte nicht nur auf eine Einführung in die ostdeutsche Medienkultur als Beitrag zur gesamtdeutschen Fernsehgeschichte, sondern diente vor allem als konkrete Anregung für weiterführende Kooperationen und Untersuchungen unter Berücksichtigung der österreichischen Fernsehentwicklung.

So möchte ich hier die Relevanz komparativer TV-Studien begründen und im Anschluss einige potenzielle Themenfelder benennen. Die Überlegungen korrespondieren mit dem Ansatz des 2004 lancierten „European Television History Network“, das sich als „gemeinsamer Nenner für interdisziplinäre Forschungen im Bereich der europäischen Fernsehgeschichte“ versteht (Fickers, de Leeuw, 2005, S. 4). Darüber hinaus hatte unser Teilprojekt zur Fernsehdramatik am Institut für deutsche Literatur der Humboldt-Universität zu Berlin bereits Kontakt mit der EU-geförderten Fernseharchivinitiative „Building an Interactive Research and delivery network for Television Heritage“ – oder kurz BIRTH (siehe www.birth-of-tv.org) – geknüpft; mit Unterstützung des Südwestrundfunks (SWR) konnte hierfür exemplarisch ein Multimedia-Beitrag realisiert werden, in dem eine medienhistorische Recherche mit ausgewählten Dokumenten und Filmausschnitten verbunden und für das Internet aufbereitet wurde (Beutelschmidt, 2006). …

Knut Hickethier: Das Programm – Schlüsselbegriff der Medienwissenschaft Zur Prgrammgeschichtsforschung der Rundfunkmedien

Einleitung: Das „Programm“ ist eines der Schüsselwörter der Medienwissenschaft. Es geht in der Analyse, Theoriebildung und Geschichtsschreibung insbesondere der zeitbasierten Medien wie Film, Radio und Fernsehen darum, wie mit den großen Mengen an Produktionen, Sendungen und Filmen umzugehen ist, ohne dass nur eine Programmstatistik betrieben wird. Eine sich in den Kultur- und Geisteswissenschaften verortende Medienwissenschaft muss nicht nur mit diesem Mengenproblem fertig werden, sie kann sich auch nicht immer auf die meist exemplarisch gesetzte Einzelanalyse zurückziehen (Fischer, 2005). Die Kategorie des „Programms“ gehört in den Komplex der kategorialen Gruppenbildungen wie das Genre, die Gattung, das Oeuvre etc. Sie repräsentiert auf einer strukturellen Ebene einen intertextuellen Zusammenhang zwischen den innerhalb eines Programms ausgestrahlten Sendungen, meint aber implizit auch Steuerungsmechanismen wie kulturelle Angebote, gleich welcher Art, einem möglichen Publikum respektive Nutzerkreis dargeboten werden können (Hickethier, 2003).

Wenn es stimmt, dass der Programmbegriff mit der Moderne, mehr noch, mit dem Konzept der Moderne als eine letztlich auch auf einer Massenbasis sich verstehenden Industriegesellschaft gelten kann (Paech, 1999), muss angenommen werden, dass auch das Programm als eine Organisationsform von Kultur mit dem Wechsel von der industriellen zur postindustriellen Gesellschaft abgewertet wird bzw. neu definiert werden muss, so dass es auch andere Aspekte einbezieht. Dies wird vor allem unter dem Aspekt der zeitlichen Strukturierung zu diskutieren sein. Die folgenden Überlegungen konzentrieren sich vor allem auf das Programm als Erscheinungsform des Rundfunks, also des Radios und Fernsehens. Es soll versucht werden, die historische Entwicklung des Programmverständnisses und seiner Beschäftigung mit ihm zu skizzieren. …

Monika Bernold: Nach dem Fernsehen. Fernsehgeschichte(n) im 21. Jahrhundert Vergleichend, transmedial, kritisch/ situiert, global

Autorin: Nichts ist weniger sicher, als dass es eines Tages eine Geschichte des Fernsehens geben wird“ (Daney, 2000, S. 192), schrieb der französische Filmwissenschafter Serge Daney 1987 und verwies damit auf die grundsätzliche Schwierigkeit, die mit dem Fernsehen als schwer eingrenzbarem Forschungsgegenstand verbunden ist. Judith Keilbach spricht in diesem Zusammenhang von dem Fehlen einer „autorisierten Gegenstandsdefinition“, die das „Fehlen einer autorisierten Geschichtsdefinition“ des Fernsehens begründe (Keilbach, 2005, S. 33). Anders als das Kino hat das Fernsehen keine „Werke“ und „Autoren bzw. Autorinnen“ hervorgebracht, sondern Programme und Formate, einen Fluss von Bildern, der wesentlich schwieriger in traditionelle Formen der Historisierung integrierbar ist. Fernsehen funktioniere, so Serge Daney, als „Sklave reiner Gegenwart“ und es sei daher nicht verwunderlich, dass es weder seine Geschichte noch seine Historiker hervorgebracht habe (Daney, 2000, S. 194).

Diesem Befund zum Trotz wurden in den letzten Jahrzehnten in vielen Ländern umfangreiche Historiographien des Fernsehens finanziert und daher auch verfasst. In der Bundesrepublik Deutschland etwa hat der sogenannte Sonderforschungsbereich Bildschirmmedien vor mehr als 20 Jahren einen breiten Impuls zur Erforschung verschiedenster Aspekte des Fernsehens gesetzt. In Österreich gab es in diesem Ausmaß kein vergleichbares Forschungs- bzw. Förderszenario, mit einigen Ausnahmen, beispielsweise der vom ORF selbst initiierten Reihen und Publikationen zur Fernsehgeschichte 1979 / 1980 und 1974-1985. Es fehlen hierzulande insbesondere seit den 1980er-Jahren im breiten Rahmen angelegte Forschungsförderprogramme und Studien. Eine großflächig und systematisch analysierte Programmgeschichte bzw. Institutionengeschichte des Österreichischen Fernsehens existiert daher bis heute nicht. …

Edzard Schade: Wege zur Analyse von Radio- und Fernsehwandel Publizistische Prgrammierung von Rundfunkorganisationen

Einleitung: Wer die Entwicklung der Massenmedien Radio und Fernsehen oder der digitalen Online-Medien in historischer Perspektive nachzeichnen möchte, steht vor einer großen theoretischen und methodischen Herausforderung. Denn eine solche Geschichte muss sich systematisch mit der Programmproduktion bzw. mit der publizistischen Leistung dieser Medien auseinandersetzen, also auf die eine oder andere Weise eine Programmgeschichte schreiben. Und das ist grundsätzlich ein aufwändiges Unterfangen. Wie eine solche Programmgeschichtsschreibung aussehen könnte, wurde im Laufe der letzten drei Jahrzehnte – besonders in Deutschland – rege debattiert. Die in Deutschland formulierten Abhandlungen zur Konzeptualisierung der „Programmgeschichtsforschung“ weisen bei aller Verschiedenheit eine folgenreiche Gemeinsamkeit auf: Sie betrachten den Forschungsgegenstand als hoch komplex. Die Komplexität des Forschungsgegenstandes wird rasch ersichtlich, wenn man der vielfach rezipierten Auslegeordnung von Winfried Lerg (1982) folgt. Der Medienhistoriker plädiert für eine integrale Darstellung der Programmgeschichte und für starke Bezüge zur Kommunikator- und Rezipientengeschichte. Dementsprechend müssten nicht nur die publizistischen Produkte selber, sondern auch die Faktoren Politik, Recht, Wirtschaft, Kultur und Technik in die Analyse systematisch miteinbezogen werden, da sie den publizistischen Produktionsprozess mehr oder weniger stark mitprägen würden. Tatsächlich bezeichnet seither ein Großteil der Autorinnen und Autoren programmhistorischer Projekte einen interdisziplinären Forschungsansatz für unerlässlich, denn nur so könnten auch die Ergebnisse der anderen sozialwissenschaftlichen Fachgebiete (Sozialpsychologie, Soziologie, Politologie u. a.) sowie der Geschichts-, Kultur- und Sprachwissenschaften genutzt werden. …

Rezensionen 2/2008

Klaus Beck: Kommunikationswissenschaft. Konstanz: UVK/UTB 2007, 244 Seiten.
Siegfried J. Schmidt & Guido Zurstiege: Kommunikationswissenschaft. Systematik und Ziele. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt (rowohlts enzyklopädie) 2007, 288 Seiten.
– vergleichend rezensiert von Roland Burkart

Christl Reinhard, Clemens Hüffel & Anneliese Rohrer: Hat öffentlich-rechtliches Fernsehen Zukunft? (= Mediewissen für die Praxis des FH Wien-Studiengangs Journalismus, Bd. 2). Wien: Holzhausen 2007, 128 Seiten.
rezensiert von Julia Wippersberg

Wolfgang Müller-Funk: Kulturtheorie. Einführung in Schlüsseltexte der Kulturwissenschaften. Tübingen und Franken: A. Franke Verlag 2006, 336 Seiten.
Thomas Hecken: Theorie der Populärkultur. Dreißig Positionen ovn Schiller bis zu den Cultural Studies. Bielefeld: Transcript Verlag 2007, 230 Seiten.
Stephan Moebisu & Dirk Quadflieg (Hg.): Kultur. Theorien der Gegenwart. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2006, 590 Seiten.
– vergleichend rezensiert von Christian Schwarzenegger

Franz X. Eder (Hg.): Historische Diskursanalyse. Genealogie, Theorie, Anwendungen. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2006, 338 Seiten.
– rezensiert von Bernd Semrad

Siegfried J. Schmidt: Beobachtungsmanagement. Über die Endgültigkeit der Vorläufigkeit. Konzeption, Regie und Produktion: Christoph Jacke, Sebastian Jünger, Klaus Sander, Guido Zurstiege. Berlin: Supposé 2007, 80 Minuten. Booklet 8 Seiten.
rezensiert von Christian Schwarzenegger

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Thomas A. Bauer: Sind Medien schwul? Strittige Anmerkungen zur kulturellen Interferenz von Medialität und Homosexualität

Einleitung: Will man das Verhältnis zwischen Homosexualität und Medien analysieren und dabei herausfinden, was die Thematik für die Medien bedeutet und was die Medien für diese Thematik bedeuten, dann ist ein solcher Versuch (zunächst) nichts anderes als die übliche und schon weithin abgegriffene Beschreibung der Rolle von Sexualität in den Medien (meist reduziert auf „sex sells“) und umgekehrt (meist reduziert auf Aufklärung), wäre da nicht ein differenzierender Faktor: nämlich die Sonderheit von Homosexualität. Sie ist, wie zu beschreiben sein wird, für Medien bzw. für die mediale Durchsetzung der gesellschaftlichen Konversation von spezifischer Attraktion. Man weiß mittlerweile in aufgeklärten und säkularen Gesellschaften, dass diese Sonderheit natürlich ist, aber nicht natürlich relevant. Die Auffälligkeit ist ein Faktum der kultürlich differenzierenden Wahrnehmung und Einschätzung, die zunächst durch das statistisch gewichtende Argument der Aufteilung in eine heterosexuelle Mehrheit und eine homosexuelle Minderheit gestützt wird. Diese Gewichtung ist (nur) eine kultürliche Beschreibung einer natürlich natürlichen Vorfindlichkeit. Jede Beobachtung von Natur aber ist kultürlich, kulturell konzipiert. Sie formt die Natur im Wege der Objektivierung (Vereinzelung, Vergegenständlichung) und macht so ein Objekt der ihm durch Gebrauch zugeschriebenen Bedeutung wegen vom anderen unterscheidbar. Die Unterscheidung ist kultürlich, der Unterschied natürlich. Die Feststellung des Unterschieds ist eine kulturelle Erschließung von Natur wie auch schon die Feststellung der Natürlichkeit (z.B. der Sexualität) das Ergebnis einer unterscheidenden Beobachtung (Foerster, 1985) ist und in eben diesem Sinne ein kultureller Akt, eine kulturelle Auswertung der Beobachtung (Edgar, 1991, S. 75-84). Zunächst sind die Natürlichkeit des Geschlechts und die Kultürlichkeit der Geschlechtsdarstellung bzw. der Geschlechterbegegnung zwei Paar Schuhe, es sei denn, man hält Kultur für natürlich definiert.

Das wiederum kann man nur, wenn man die Natur nicht als ein aus sich sich entwickelndes Programm versteht, sondern als Kreatur, als geschaffene Materie, die mit einem Plan versehen, der ihr durch (göttlichen) Willen inhäriert worden wäre und auf dessen Erfüllung sie bis zu ihrem Zusammenbruch („Weltuntergang“) festgelegt sei. Dass die Natur eine kulturell unterschiedliche Wertung in sich schon einschließe und vorgebe (was natürlich und was unnatürlich ist) kann man nur annehmen, wenn man glaubt, die Natur sei ein durch (göttlichen) Willen geschaffenes Programm, das auch wieder durch (göttlichen) Willen beendet würde – und dessen Beendigung vor allem dann drohe, wenn man sich von dem Programm durch den unnatürlichen Gebrauch der ihr inhärenten Kultur absondere (Sünde). Vor allem Kreationisten und andere, meist biblisch-religiös fundierte kulturkonservative Positionen wehren sich gegen eine solche (konstruktivistische) Annahme der kulturellen Unbestimmtheit von Natur, indem sie das Dogma ausgeben, dass die Ordnung (Ästhetik und Ethik) der kultürlichen Welt ihr (auch schon) qua Natur (Kreatur) als eine Art endogenes intelligentes Design mitgegeben sei (Schönborn, 2005), woraus sie (meinen) folgern (zu können), dass jede Abänderung daher auch einen Bruch mit einer natürlich vorgegebenen Kultur (Sonderheit als Sünde, Sünde als Absonderung) sei. Der Glaube, dass Homosexualität unnatürlich und ein Bruch mit einer (gottverschriebenen) Kultur sei, hat sich durch die Dominanz der christlich-theologischen Interpretation von Natur über Jahrhunderte in unser Kulturprogramm eingeschrieben. Er hat Homosexualität – durch emotionelle pejorative Geschmacksverstärker (Homophobie, sexuelle Tabus) in einem faschistoiden Aufwisch, gekennzeichnet durch Dogmatismus und Autoritarismus (Bauer, 1982) – über eine lange Geschichte der kulturellen Dominanz von ideologisch fundierten Institutionen (alten Typs: Hierarchie) zu einem Objekt der gesellschaftlichen Hassliebe gemacht. …

Alexander Hecht: Gay ORF?! Das ORF Fernsehprogramm durch die rosa Brille betrachtet – ein Streifzug durch das Arichiv

Einleitung: Die Ausgabe des ORF-Filmmagazins Apropos Film vom 20. Juni 1969 widmete sich zum Großteil dem Filmfestival im französischen Cannes. Neben den üblichen Beiträgen über die prämierten Filme und den Interviews mit Leinwandstars zeigten die Sendungsmacher auch Bilder vom Trubel rund um das Festival. Ein Teil dieser Berichterstattung sticht dabei in besonderem Maße hervor. Am Strand von Cannes klagte das Starlet Anne Marie Birnbaum ihr Leid über die Konkurrenz, die ihr das Kennenlernen von Produzenten und Filmemachern erschwere. Das Besondere daran: Nicht etwa die weibliche Konkurrenz machte Frau Birnbaum Sorgen, nein, es waren die vielen jungen Männer „von der anderen Seite“, die sich zuhauf in Cannes eingefunden hätten und offensichtlich den Herren der Filmbranche (mehr) den Kopf verdrehten.

Damit war der journalistische Ehrgeiz des Teams von Apropos Film angestachelt, man wollte die Behauptungen verifizieren und interviewte den Tänzer Hermann S. in einer schwulen Bar. Er erzählte freizügig davon, dass sich das alljährliche Filmfestival auch zu einem Anziehungspunkt für Schwule entwickelt hätte und nannte auch gleich die angesagtesten Cruising Areas in der Stadt und am Strand. Auch die Frage nach bekannten Namen, die ihm während seiner „Streifzüge“ begegnet wären, beantwortete Herr S. ohne zu zögern – leider wurden die Namen im Bericht ausgeblendet, die Zeit der sensationellen Outings von VIPs war noch nicht angebrochen und der ORF übte sich in schamhafter Selbstzensur. Nur die abschließende Prophezeihung des Interviewten, dass in einigen Jahren kein Mensch mehr nach Cannes käme, weil die Preise immer verrückter würden, hat sich nicht bewahrheitet.

Besagte Folge von Apropos Film beinhaltet nach meinen Recherchen sticht aus der Berichterstattung des ORF Fernsehens zum Thema „Homosexualität“ vor allem wegen des frühen Datums heraus. Man mag einwenden, dass die Sendung immerhin aus der Zeit unmittelbar nach 1968 stamme, darf dabei aber nicht vergessen, dass in Österreich das Totalverbot homosexueller Handlungen erst im Zuge der Strafrechtsreform der Kreisky-Alleinregierung im Jahr 1971 aufgehoben wurde.

Der Zufall wollte es, dass der besprochene Beitrag aus Cannes genau eine Woche vor den sogenannten „Stonewall Riots“ in der New Yorker Christopher Street ausgestrahlt wurde. Am 27. Juni 1969 setzten sich die Besucher der Szenebar „Stonewall“ mit zugegebenerweise nicht gerade zimperlichen Mittel gegen eine der damals üblichen Polizei-Razzien im „Gay Quarter“ von New York City zu Wehr – für viele markierte dieses Ereignis den Beginn der modernen Bewegung für die Rechte und die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Lebensweisen. Der ORF räumte den Straßenkämpfen von New York allerdings kaum Raum in seiner Berichterstattung ein – so weit rollte die „Informationslawine“ des Gerd Bacher dann doch nicht. …

Brigitte Theißl: Der gekaufte Mann Männlichkeits-Diskurse in den neuen Männermagazinen. Metrosexualität als Geschlechter-stabilisierende (Konsum)Kategorie

Einleitung:

Männerforschung – Hinführung

Männerforschung beziehungsweise Männlichkeitsforschung, die sich mit dem Geschlechtswesen Mann beschäftigt, ist eine junge und nach wie vor wenig beachtete wissenschaftliche (Teil-)Disziplin. Bührmann und Wöllmann vergleichen etwa den Stellenwert der Männerforschung innerhalb der Geschlechterforschung mit jenem sogenannter „Sonderthemen“ der Gender Studies wie Queer, Gay oder Lesbian Studies (Bührmann, Wöllmann, 2006, S. 180-193). Universitäre Geschlechterforschung ist de facto vielerorts Frauenforschung, die von Frauen betrieben wird. Für diese Asymmetrie lassen sich verschiedene Gründe finden, die unmittelbar mit dem Gegenstand der Männerforschung verbunden sind. „Aus der Position derjenigen, die zuerst einmal von einem patriarchalen System profitieren, das wichtigste Mittel zur Ausgestaltung der Individualität wie Bildung und Beruf in erster Linie für Männer reserviert, kommt es diesen überhaupt nicht in den Sinn, die Geschlechterfrage zu problematisieren”, schreibt Holger Brandes (2002, S. 15) in einem Überblick zur Männerforschung.

Aus einer anderen Perspektive lassen sich im Grunde die gesamten Geistes- und Sozialwissenschaften als Männerforschung begreifen, da großteils Forschung von Männern für Männer betrieben wurde. Diese geschlechtsblinde Wissenschaft klammerte jedoch nicht nur „die Anderen“ – sprich Frauen, sondern auch das scheinbare Neutrum Mann aus. Eine kritische Männlichkeitsforschung rückt Männer als Geschlechtswesen in den Blickpunkt: „Nachdem der Mann nicht länger ein unanfechtbares Konstrukt verkörpert, sondern als variables Bündel kultureller Normen begriffen wird, ist die Zeit reif, Maskulinität auch wissenschaftlich zu thematisieren, nun als eine Vielzahl möglicher Maskulinitäten”, so Therese Frey Steffen (2006, S. 84).

Während sich die Männlichkeitsforschung im deutschsprachigen Raum erst Mitte der neunziger Jahre zu etablieren begann, entstanden die ersten Arbeiten unter dem Label men’s studies bereits Ende der siebziger Jahre in den USA und Großbritannien (Meuser, 2006, S. 91-96). Den Ausgangspunkt bildete die Emanzipation der Frau und die damit einhergehende Auflösung „scheinbar natürlicher Geschlechterdifferenzen und -hierarchien“ (Frey Steffen, 2006 S. 84) . Aufgrund des brüchig Werdens Jahrhunderte langer männlicher Selbstverständlichkeit wurde die viel beschworene „Krise der Männlichkeit“ ausgerufen und in zahlreichen Studien nach dem „neuen Mann“ gesucht. …