Aktuelle Ausgabe

herausgegeben von Diotima Bertel, Gaby Falböck & Anna Klail

Editorial 2/2021

Diotima Bertel, Gaby Falböck, Anna Klail

Verletzbarkeit stellt „ein unhintergehbares Faktum menschlicher Existenz“ (Zirfas 2020, 142) dar. Als Thema der Kunst in ihren vielfältigen Darstellungsformen begegnet uns Vulnerabilität durch alle Epochen hindurch und innerhalb sämtlicher gesellschaftlicher Ebenen und Lebensphasen. Götter und Göttinnen, Königinnen und Könige, KriegerInnen und HeroInnen, Adel und BürgerInnentum, Bauern, Bäuerinnen und HandwerkerInnen können aufgrund einer unerwarteten politischen oder wirtschaftlichen Krise, einer Fügung des Schicksals, eines Unfalls, einer Krankheit, kurzum aufgrund eines unabsehbaren Ereignisses aus ihren vermeintlich stabilen Plätzen in den Rängen des sozialen Gefüges katapultiert werden. Der Mensch ist verletzlich: In seiner Körperlichkeit, seiner Psyche wie auch seinem sozialen Sein. Wer trotz der ästhetischen Impulse zur Stiftung von Sensibilität für diese Conditio Humana Zweifel gehegt haben sollte: Spätestens die Entwicklungen der letzten beiden Jahre, in denen eine vermeintlich mit Sicherungssystemen ausgestattete, technologisch hochentwickelte und in ihren sozialen Grundstrukturen moderne, aufgeklärte Gesellschaft mit einer gewaltigen medizinischen und sozialen Krise konfrontiert wurde und die (Vor-)Zeichen einer lange ignorierten ökologischen Krise unübersehbar werden, verdeutlichten den reichen westeuropäischen Gesellschaften ihre Vulnerabilität.

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Assimina Gouma & Johanna Dorer: Intersektionalität als (neues) Paradigma in der Kommunikationswissenschaft

Entwicklung und empirische Befunde

In der feministischen Theoriebildung ist die intersektionale Betrachtung sozialer Prozesse
durch kritische Beiträge von Frauenbewegungen – vor allem Schwarzen Feminist_innen – eingefordert worden. Der Beitrag zeichnet die Genealogie dieser Entwicklung und die Ausdifferenzierung intersektionaler Überlegungen nach. In der feministischen Kommunikationswissenschaft werden intersektionale Zugänge zunehmend wichtig und auf sämtliche Ebenen des gesellschaftlichen Kommunikationsprozesses angewandt. Methodisch stellen intersektionale empirische Projekte allerdings auch eine erhebliche Herausforderung dar.

Ljubomir Bratić: Kurze Geschichte der Printmedien von und für MigrantInnen aus Jugoslawien in Österreich

Der Beitrag beschäftigt sich mit der Geschichte der Printmedien von und für MigrantInnen
aus Jugoslawien in Österreich. Die Wirkungs- und Entstehungslinien dieser Medien werden
in einem historisch genealogischen Verfahren dargestellt. Zudem werden exemplarische und punktuelle Einblicke in deren Inhalte gegeben und damit die Veränderungen in der Ausrichtung der Zeitschriften illustriert. Die Medien werden als Teil eines komplexen Prozesses der Migration verstanden, eines der sich permanent in mehrere Felder und Zusammenhänge (Herkunftsstaat, Aufnahmestaat und persönliche Biographien von HerausgeberInnen aus dem Kreis der MigrantInnen in Österreich) entfaltet. Diese Zeitschriften sind Plattformen auf denen die laufenden Fragestellungen innerhalb der Community diskursiv bearbeitet werden und, in der Retrospektive die Versuche Wirksamkeiten zu entfalten, nachvollziehbar machen.

Anna Wagner, Susanne Kinnebrock & Manuel Menke: Vulnerabilität am Lebensende

Mediale Debatten und lebensweltliche Vorstellungen

Der Umgang mit Vulnerabilität am Lebensende und in finalen Phasen der Pflegebedürftigkeit
ist alltägliche Herausforderung im Leben vieler Menschen – und steht zunehmend auch im
Mittelpunkt öffentlicher Debatten und gesellschaftlicher Auseinandersetzung. Vorstellungen
und Bilder eines würdevollen Sterbens und Gepflegtwerdens, einer von Fürsorge geprägten
Angewiesenheit oder eines einsamen Dahinsiechens werden (massen-)medial verhandelt und konstruiert. Mediendarstellungen von Tod, Sterben und Pflegebedürftigkeit schlagen sich auch auf individueller Ebene in den Lebenswelten von Menschen und in ihrem Bestreben nieder, antizipative Regelungen für finale Lebensphasen zu treffen (Advance Care Planning). In diesem Beitrag werden die Ergebnisse von vier Studien eines mehrjährigen Forschungsprojekts vorgestellt, in dem die medialen Debatten und individuellen Vorstellungen zu (der Vulnerabilität in) finalen Lebensphasen beforscht wurden. Die Ergebnisse zeigen, dass Vulnerabilität sowohl in den Massenmedien als auch in den Vorstellungs- und Entscheidungswelten der Bürger*innen ambivalent wahrgenommen wird und die medialen Argumentationsmuster offenbar auch die lebensweltlichen Vorstellungen prägen.

Su Anson, Peter Wieltschnig, Mistale Taylor & Niamh Aspell: Understanding vulnerability to inform two-way inclusive COVID-19 communication

As a global pandemic, COVID-19 has resulted in a variety of different epidemiological,
cultural, political, and socio-economic impacts. However, similar to other disasters, COVID-19 is disproportionately impacting particular groups, including vulnerable populations. In this
paper, the authors examine how there is a need to understand the concept of vulnerability
and the information needs of vulnerable individuals, groups and communities through an
intersectional lens in order to develop inclusive communication that is accessible to different
groups. Two-way communication and ongoing interaction are a necessary step in ensuring that vulnerable groups are not excluded from COVID-19 communication practices, potentially further increasing their vulnerability.

Elisa Pollack: Medien und kollektive Identität

Biographische Annäherungen an Mediennutzung und -bewertung von Ost- und West-BerlinerInnen in der Nachwendezeit

Seit den frühen 1990er-Jahren stellt die kommerzielle wie akademische Nutzungsforschung
Unterschiede in Mediennutzung und -bewertung von Ost- und Westdeutschen fest. Entsprechende Befunde wurden oft mit einseitigem Fokus auf die Ostdeutschen und Verweis auf deren DDR-Sozialisation erklärt. Diese hätte eine mangelnde Informationskompetenz sowie das Entstehen einer speziellen „Ost-Identität“ befördert. Aus identitätstheoretischer Perspektive liegt es jedoch nahe, auch die Nachwendezeit als Ursprungsort bis heute etablierter Mediennutzungsmuster und -bewertungen zu begreifen. Der Beitrag setzt hier an und nimmt dabei erstmalig nicht nur den Osten in den Blick. Mittels biographischer Leitfadeninterviews von Ost- und West-BerlinerInnen wird untersucht, wie verschiedene Mediennutzungsmuster über die Existenz von sozialen bzw. kollektiven ost-/westdeutschen Identitäten erklärt werden können und ob in dieser Hinsicht nicht mehr Gemeinsamkeiten zwischen Ost und West vorhanden sind als weithin angenommen. Darauf aufbauend wird gefragt, welche Rolle den Medien für die Ausprägung, Aufrechterhaltung oder den Abbau von Ost-/West-Sonder-Identitäten zuzuschreiben ist. Der Beitrag beschränkt sich auf die Vorstellung der theoretischen und methodischen Konzeption der Studie sowie die Diskussion möglicher Kritikpunkte.

Heft 1/2021

herausgegeben von Christina Krakovsky, Josef Seethaler, Christian Schwarzenegger,
Valerie Schafer & Gabriele Balbi

  • Editorial: Christina Krakovsky, Josef Seethaler, Christian Schwarzenegger, Valerie Schafer & Gabriele Balbi
  • Merja Ellefson: Whose Nation? Memories of the 1918 Finnish Civil War in Military Magazines
  • Balázs Sipos: How to turn an enemy into friend – and vice versa. Pro-Soviet and anti-Soviet extreme right propaganda in Hungary
  • Ely Lüthi: Media and Communication as Swiss Cohesive Forces? The Role of Radio and Supercomputing in Gluing the Country
  • Simon Ganahl: Mapping Austrofascism and Beyond. Report on the Digital Research Project Campus Medius
  • Rezensionen

Editorial 1/2021

Christina Krakovsky, Josef Seethaler, Christian Schwarzenegger,
Valerie Schafer & Gabriele Balbi

Populism and populist politics were seen to be on the rise for several years and extreme ideologies as well as radical politics were striving for power in many European democracies and around the globe. With the end of the Trump presidency, with Brexit fulfilled and the right-wing populist FPÖ no longer being a part of the Austrian government, there is also some indication that this constant rise has partly been stalled. Nevertheless, the seed of putting democracies in jeopardy and enforcing divisive politics is still there. During the global Corona pandemic new fronts of populism may be in formation and new movements are set in motion expressing their discontent with the current state of political affairs.

Sensationalism, misinformation, rumors and conspiracy myths also in this context and time provide a fuel to populist agitation, which often is circulated or amplified by media in its diverse forms. Public debate and political pundits suggest that there is a link between the proliferation of radical politics, trenches of polarization between political camps and across societies on the one side and contemporary media environments on the other. The hope that media will save democracy and will be sentinel to democratic processes, serve as harbourers of a critical public sphere and deliberative discourse has changed over the last years. Of late the question whether democracy can be saved from the media, and social media in particular has been raised in discussed with increasing concerns (Sunstein, 2001; Swart et al., 2018; de Vries, 2020).

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