Horst Pöttker: Momente einer Debatte Wie die deutsche Kommunikationswissenschaft sich heute vor ihrer Vergangenheit schützt

Einleitung: Wie andere Fächer hat die deutsche Kommunikationswissenschaft sich bisher nicht zu einem wahren und lebensdienlichen1 Erzählen ihrer Vergangenheit im NS-Regime durchringen können und wehrt selbstkritische Einsichten und Schuldempfindungen, die damit verbunden wären, nach wie vor ab. Diese Basisthese soll hier illustriert und plausibel gemacht werden.

1. Zeittypisches und Wissenschaftsspezifisches

In einer differenzierteren Version setzt die Grundannahme voraus, dass eine wissenschaftliche Disziplin für die Abwehrleistung rational erscheinende Argumente braucht, die sie der aktuellen Situation anpassen muss. Verdrängung der NS- Vergangenheit ist ein Prozess, in dessen Verlauf sich die kognitiven Instrumente wandeln, mit denen wahre Erinnerung abgewehrt wird. Dieser Wandel reagiert darauf, dass immer mehr Stücke auf die Dauer nicht unterdrückbarer Wahrheit sich empirisch oder logisch durchsetzen. Im Folgenden werden hauptsächlich Abwehrargumente diskutiert, die fünf bis sechs Jahrzehnte nach dem Ende des NS-Regimes aktuell sind. Dabei kommt es darauf an, einerseits ihre im wissenschaftlichen Milieu überzeugenden, rational erscheinenden Seiten, andererseits aber auch die ihnen innewohnenden Irrtümer zu zeigen. …

Hans Bohrmann: Als der Krieg zu Ende war Von der Zeitungswissenschaft zur Publizistik


Einleitung:
Wissenschaft und Ausübung von Wissenschaft hat immer mit Staat und Politik zu tun und sei es allein dadurch, dass in Deutschland die Universitäten traditionell durch den Staat unterhalten werden, was bei der Ernennung der Hochschullehrer, die als solche in fast allen Fällen Beamte waren, zumindest eine staatliche Vetoposition bedeutete. Es ist kein Einwand, für die Gründung und den Unterhalt von Hochschulinstituten sei neben den planmäßigen (staatlichen) Haushalttiteln regelmäßig das Nutzen diverser anderer Wege der Mittelzuweisung erforderlich, denn bei deren Vergabe wirken staatliche Instanzen zumindest mit.

Wissenschaftliche Studiengänge sind oft dann besonders erfolgreich, wenn sie staatlich anerkannte Examina oder gleich Staatsexamina anbieten können. Die Zeitungswissenschaft eiferte diesem Ziel nach 1933 mit dem Zertifikat des Deutschen Zeitungswissenschaftlichen Verbandes nach, das das ordentliche Absolvieren eines Studiums von sechs Semestern gemäß dem sog. reichseinheitlichen Lehrplan der Zeitungswissenschaft bescheinigte. Diese DZV-Bescheinigung bewirkte 50 % Rabatt beim Redaktionsvolontariat. Die vom Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung in der Zeitungswissenschaft seit der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre an vielen Hochschulen bewirkte Umwandlung von außerplanmäßigen in planmäßige Dozenturen und von ao. Professuren in Ordinariate, war zugleich die Qualifizierung zum Hauptfach. Dieser Weg war in der Weimarer Zeit allein in Leipzig gegangen worden, als die Nachfolge für Karl Bücher gesucht und in Erich Everth gefunden worden war. Das bedeutete eine ansehnliche staatliche Förderung, denn im Hauptfach konnten nicht nur alleinverantwortlich jetzt Dissertationsthemen angeregt und betreut, sondern die wichtige mündliche Prüfung im Rigorosum konnte eigenverantwortlich abgenommen werden und das Fach erhielt damit auch das Habilitationsrecht. …

Hanno Hardt: Am Vergessen scheitern Essay zur historischen Identität der Publizistikwissenschaft

Einleitung: Reproduktionen der Vergangenheit sind stets Sache der Gegenwart, die sich um der Emanzipation und des Fortschritts willen erinnern muss, um nicht am Vergessen zu scheitern. Fachgeschichte als Interpretation vergangener wissenschaftlicher Praxis oder politischer Ambitionen ist unmittelbarer Ausdruck dieser Gegenwärtigkeit und bereichert mit jeder neuen Interpretation das Verständnis der eigenen historischen Situation. Der folgende Beitrag versteht sich in diesem Sinne als kritische Anmerkung zur historischen Identität des Faches.

Die Geschichte der deutschen Publizistikwissenschaft ist seit der Etablierung eines Instituts der Zeitungskunde an der Universität Leipzig (1916) bis zur Rehabilitierung des Faches nach Ende des Zweiten Weltkrieges eng mit der politischen Geschichte Deutschlands verknüpft.

Die historische Erfahrung dieser Verflechtung wissenschaftlicher und politischer Interessen, insbesondere der Zeitungswissenschaft im „Dritten Reich“, gehört zum Wissen um die Vorgeschichte der Identität einer „neuen“ Publizistikwissenschaft, genauso wie die sich nach 1945 anschließende Revision der gängigen Definition des Faches im wissenschaftlichen Diskurs, der sich mehr an die amerikanische Massenkommunikationswissenschaft mit ihren pragmatisch-positivistischen Forschungsansätzen hielt und weniger an eigene historischsoziologische Traditionen, die mit der Entwicklung der deutschen Sozialwissenschaften verbunden waren.

Diese Faszination einer dominanten, empirischen US-Massenkommunikationsforschung versteht sich als emanzipatorisches Erlebnis. Im Gegensatz zu einer (längst fälligen) Identifizierung mit der traditionellen (europäischen) Soziologie, mit ihren Wurzeln in der Philosophie, versprach die Massenkommunikationsforschung der neuen Welt, mit ihrem Fetischismus der kontrollierbaren Fakten, eine Abkehr vom spekulativen Denken und damit eine klare wissenschaftsideologische Trennung. Darüber hinaus war die Übernahme einer amerikanischen Tradition der Sozialforschung auch eine konsequente Identifizierung mit auf „demokratischem“ Boden gewachsener Theorie und Praxis und konnte daher als ein wichtiger Schritt in Richtung einer politischen Rehabilitierung des Faches angesehen werden. Allerdings nicht als Patentlösung; denn die Probleme der Vergangenheit hingen weiterhin ungelöst über der „neuen“ Publizistikwissenschaft: neben einer Neuauflage der alten Rivalität mit der Soziologie, die ebenfalls vom Einfluss der US-Sozialforschung profitierte, gab es den problematischen Verbleib einer mit dem „Dritten Reich“ identifizierten Professoren- und Dozentenschaft. …

Bernd Sösemann: Kämpferische Wissenschaft Zeitungs- und Publizistikwissenschaftler zwischen Versailles und Kaltem Krieg

Einleitung: Im Mittelpunkt meines Beitrags stehen Bemerkungen zu grundsätzlichen methodischen und konzeptionellen Fragen. Ich werde jedoch überall dort nicht auf Einzelheiten verzichten können, wo diese zur Klärung der Uberlieferungssituation, des Forschungsstands, der Quelleninterpretation und der Bearbeitungsdesiderata beitragen. Es sollen die Perspektiven und Aspekte hervortreten, die berücksichtigt werden müssen, wenn es um die wissenschaftsgeschichtliche Aufarbeitung des Faches Zeitungs- und Publizistikwissenschaft geht. In dieser steht die nationalsozialistische Zeit im Mittelpunkt. Auf diese richtet sich das Hauptinteresse der nicht erst heute kritisch Zurückblickenden ebenso, wie auf das Verhalten der Amtsinhaber und Publizisten während der zwölf Jahre. Die Fragestellung ist verständlich, denn offensichtlich war bislang keine Epoche der deutschen Geschichte folgenreicher als die NS-Zeit. Weniger verständlich sind jedoch Pauschalvorwürfe gegen die seiner Zeit Tätigen, der Verzicht auf ein intensives Quellen- und Literaturstudium oder eigene Forschungen sowie der anklägerische Ton und die moralisierende Grundhaltung vieler dieser Attacken. Die Anschuldigungen werden nicht selten noch durch unterstellte oder explizit vorgebrachte Vorwürfe ergänzt, die in eine Verschwörungsthese münden. Der Höhepunkt wird erreicht, wenn suggeriert wird, der Betreffende habe nach 1945 im gleichen Geist fortwährend gewirkt und mit dazu beigetragen, die nachfolgende Wissenschaftler-Generation von der kritischen Erforschung der Fachgeschichte fernzuhalten. …

Horst Pöttker: Konformität – Opportunismus – Opposition Zur Typologie von Verhaltensweisen im NS-Regime und danach


Autor:
Fachgeschichte sollte systematisch geschrieben werden. Dazu sind Begriffsinstrumente und Maßstäbe nötig. Um einen Vorschlag für solche Maßstäbe geht es hier, (noch) nicht um substantielle Thesen als Folge ihrer Anwendung.

Fragestellung und Methode

Im Titel der Tagung finden sich die Begriffe „Kontinuität“ und „Umbruch“, beide im Plural und nicht durch „oder“ mit Fragezeichen, sondern durch „und“ verbunden. Das hebt die Vermutung, in der Kommunikationswissenschaft habe es über 1945 hinweg sowohl Umbruch als auch Kontinuität gegeben, in den Rang einer Prämisse. Sie zu teilen entbindet nicht von der Aufgabe zu untersuchen, wo und wie in unserem Fach Kontinuität und Umbruch stattgefunden haben. Dabei erheben sich Probleme wie die folgenden:

  1. Kontinuität wird oft mit der Identität von Systemen in der Zeitdimension gleichgesetzt. Kontinuität von Systemen kann aber auch deren Wandel im Interesse von Umweltanpassung und Funktionsfähigkeit erfordern. Und Umbruch wird oft mit Diskontinuität gleichgesetzt, aber auch allmählicher Wandel kann, wenn er tiefgreifend ist, zur Diskontinuität von Systemen führen.
  2. Oft ist unklar, auf welche Phänomenebene sich die Begriffe „Kontinuität“ und „Umbruch“ beziehen: die von Personen, Strukturen, Institutionen oder Theorien, wie es in der Einladung zum Workshop heißt?
  3. Im Zusammenhang mit der NS-Zeit sind die Begriffe „Kontinuität“ und „Umbruch“ moralisch und politisch aufgeladen. Das ist aus dem Bedürfnis zu erklären, zu dieser Epoche der planmäßigen Menschenvernichtung Distanz zu gewinnen. In bestimmter Auffassung, der meine Begrifflichkeit allerdings nicht folgen wird, erscheint Kontinuität aber selbst beim Nationalsozialismus nicht per se abzulehnen,
    Umbruch nicht per se wünschbar. Z.B. ist eine gewisse Kontinuitätsvorstellung wohl Voraussetzung dafür, die NS-Vergangenheit als kulturelle Erbschaft annehmen und verarbeiten zu können, was die nur auf Umbruch setzende DDR nicht geschafft hat.
    Um solche Probleme zu klären, ist das Verständnis von „Kontinuität“ und „Umbruch“ zu schärfen. Im Hinblick auf die Frage nach der Systemidentität spreche ich im Folgenden von „Diskontinuität“ statt von „Umbruch“. Die Begriffe „Kontinuität“ (im Sinne von Systemidentität) und „Diskontinuität“ (= Nicht-Identität) werden auf die gesamtgesellschaftliche Ebene bezogen. Entsprechend dem moralisch-politischen Hintergrund spreche ich von „Kontinuität“ bei Faktoren, die die Fortsetzung bzw. Wiederbelebung des nationalsozialistischen oder eines ähnlichen Regimes begünstigen, während Faktoren, die dem entgegen stehen, unter „Diskontinuität“ subsumiert werden.

Fachgeschichte kann nicht getrennt von der allgemeinen Zeit- und Kulturgeschichte, in die sie eingebettet ist, geschrieben werden. Instrumente, die zu Antworten auf Fragen nach Kontinuität oder Diskontinuität verhelfen, sollten daher auch jenseits der Fachgrenzen anwendbar sein. Mit anderen Worten: Die Fachgeschichte sollte Begriffe verwenden, mit der auch die allgemeine Geschichte des NS-Regimes arbeiten kann.

Personen, Strukturen, Institutionen und Theorien hängen zusammen. Trotzdem müssen Maßstäbe, mit denen Kontinuität oder Diskontinuität festgestellt werden soll, zunächst auf eine bestimmte Phänomenebene bezogen werden. (Auch Temperatur und Luftfeuchtigkeit hängen zusammen, trotzdem werden sie mit verschiedenen Instrumenten gemessen. Erst die voneinander unabhängige Messung von Variablen erlaubt die Feststellung von Zusammenhängen zwischen ihnen.) Die folgende Typologie bezieht sich auf die elementare Ebene des sozialen Handelns und seiner Regelmäßigkeiten („Hand-lungsweisen“), die für alle anderen Phänomenebenen als Basis relevant ist. Mit dem Begriff des Handelns wird der auf das NS-Regime bezogene subjektive Sinn eines Tuns oder Lassens zur konstitutiven Dimension einer Typologie, die gleichwohl die Frage nach der objektiven Funktion einer Handlungsweise für das Regime nicht aus dem Auge verliert.

Ich schlage eine Typologie von Handlungsweisen im NS-Regime und danach im Sinne der idealty- pologischen Methode Max Webers2 vor. Idealtypen können als Permutationen von Ausprägungen binärer Codes konstruiert werden. In Bezug auf Handlungsweisen im NS-Regime kommen dafür z.B. in Frage: subjektive Identifikation mit dem Regime vs. Nichtidentifikation; Bereitschaft zu Straftaten vs. Nichtbereitschaft; objektiver Nutzen für das Regime vs. Schaden; Belohnung durch das Regime vs. Nichtbelohnung; subjektive Orientierung an einer zu erwartenden Belohnung vs. Desinteresse; Bestrafung durch das Regime vs. Nichtbestrafung; subjektive Bereitschaft zum Risiko der Bestrafung vs. Nichtbereitschaft. Die Zahl der mathematisch möglichen Kombinationen ist um ein Vielfaches höher als die Zahl der vorgeschlagenen Varianten, die ich auf sieben typische reduziere.

Hilfreich bei dieser Reduktion ist, dass Idealtypen nach Weber auch aus realen Erscheinungen, hier Handlungsweisen bestimmter Subjekte, als deren abstrahierende Übersteigerung abgeleitet werden können. Personen der Zeitungs- und späteren Kommunikationswissenschaft, an denen sich die sieben Handlungsweisen typischerweise zeigen, werden im Folgenden exemplarisch erwähnt. Diese Personen müssen aber nicht immer im Sinne des jeweiligen Typus gehandelt haben. Z.B. kann ein Subjekt, das typischerweise regimekonform war, auch jüdische Freunde beschützt haben. (Himmler hat das in einer berüchtigten Rede vor SS-Offizieren beklagt: An sich würden die Deutschen als gute Nationalsozialisten ja von der Notwendigkeit überzeugt sein, dass die jüdische Rasse ausgerottet werden müsse. Aber dann käme eben doch jeder Deutsche und hätte seinen „guten Juden“, der ausnahmsweise zu verschonen sei.) Oder ein Oppositioneller kann sich in besonderen Situationen auch opportunistisch verhalten oder Kompromisstexte veröffentlicht haben, die für das Regime objektiv nützlich waren. Oder innerhalb einer Biographie kann sich Wandel, gar Umbruch von einer Handlungsweise zur anderen vollzogen haben. …

Stefanie Averbeck & Arnulf Kutsch: Thesen zur Geschichte der Zeitungs- und Publizistikwissenschaft 1900-1960

Einleitung: Die folgenden Ausführungen verstehen sich als Aufriss zu einem größeren Projekt: einer systematischen Geschichte der Zeitungswissenschaft. Wir werden dabei, angelehnt an die zeitgenössische Wissenschaftssoziologie, zwei Ebenen betrachten: die Sozial- und die Ideengestalt der Zeitungswissenschaft. Für die vorliegende Darstellung haben wir uns zunächst weitgehend auf die Ideengestalt beschränkt. Wir haben vier Thesen zur Entwicklung dieser Ideengestalt des Faches zwischen 1900 und 1960 formuliert. Sie sollen einen chronologischen und einen systematischen Zugriff erlauben. Die Thesen beziehen sich auf vier Phasen: 1. Problemidentifizierung, etwa 1900 bis 1925, 2. Problemdefinition, etwa 1925 bis 1933, 3. ideologische und organisatorischpragmatische Überformung 1933-1945 und schließlich 4. die Entideologisierung und Rekonstruktion des Problems nach 1945. Mit „Problem“ ist die Gegenstands- und Erkenntnisperspektive des Faches gemeint. …

Rudolf Stöber: Emil Dovifat, Karl d’Ester und Walter Hagemann Die Wiederbegründung der Publizistik in Deutschland nach 1945

Vorgeschichte: Nach 1945 musste sich die Publizistikwissenschaft zunächst bescheiden. Von ehedem 17 reichsdeutschen Instituten hatten nur drei überlebt. Der folgende Beitrag gilt der Darstellung dieser drei westdeutschen Institute in den ersten Nachkriegsjahren. Das vierte Institut, das der Leipziger Universität, kann hier nicht behandelt werden.

Der Blick auf die unmittelbare Nachkriegszeit gewährt interessante Einblicke in die Entwicklung der Disziplin von der geisteswissenschaftlichen Zeitungswissenschaft zur sozialwissenschaftlich orientierten Publizistik- und Kommunikationswissenschaft. Zudem ist die Betrachtung ein interessantes hermeneutisches Lehrstück. Es lässt sich zeigen, wie wichtig es ist, Argumente mit Interessen zu verbinden und Aussagen mit denen früherer Zeit oder anderer Herkunft zu vergleichen, um zu einem quellenkritisch abgesicherten Urteil zu kommen. Wenn in diesem Aufsatz zum Teil umfangreicher zitiert wird, als dies für die reine Feststellung der Sachaussagen nötig wäre, so vor allem, um argumentative Nuancen deutlich zu machen, weniger jedoch, um ein bestimmtes Zeitkolorit oder ein Psychogramm der Handelnden zu erstellen.

Zu den Handelnden und Betroffenen Karl d’Ester, Emil Dovifat und Walter Hagemann gibt es gute Einzeldarstellungen. D’Ester erfuhr eine ausführliche Kritik anlässlich seines 100. Geburtstags durch Hans Bohrmann und Arnulf Kutsch, Dovifats Bemühungen um die Wiederbegründung des Berliner Instituts wurden jüngst eingehend von Andreas Kübler4 gewürdigt und Hagemanns Schicksal in Münster wurde vor mehr als zehn Jahren quellenkritisch von Anja Pasquay beschrieben.

Eine vergleichende und quellenkritische Darstellung steht aus. Auch dieser Beitrag wird sie nicht schreiben, das verästelte Thema kann man nicht auf wenigen Seiten schildern. Es wäre aber lohnend, einmal eine Gesamtdarstellung der Geschichte der Disziplin im 20. Jahrhundert zu schreiben, denn nach 1945 lässt sich nichts verstehen, ohne dass ein Blick auf die Zeit davor geworfen wird. Auch zielt eine auf die Literatur und das wissenschaftliche Werk der Beteiligten gerichtete Betrachtung zu kurz, wie sie Hachmei- ster6 vorgelegt hat, weil es nicht nur um Wissenschaft und Ideologie, sondern vor allem und immer wieder um Macht, Einfluss, Beteiligung und Stellen, Sympathien und Antipathien – kurz um allzu Menschliches ging, das sich nicht den Publikationen entnehmen lässt.

Um es vorweg zu nehmen: Unter den Beteiligten finden sich weder Lichtgestalten noch Dunkelmänner. Jan Tonnemachers Bemerkung auf dem Dovifat-Symposium von 1991, es gebe „Licht und Schatten“, besitzt ihre Gültigkeit auch für d’Ester und Hagemann. Zwar lässt sich die Geschichte der Institute nicht auf die Personen reduzieren, doch gerade in der Anfangszeit passierte wissenschaftlich wenig, weil zumindest zwei der Beteiligten alle Hände voll damit zu tun hatten, wieder in Amt und Würden sowie an Brot zu gelangen. …

Walter J. Schütz: Neuanfang mit brauner Lektüre Studienbedingungen nach 1945 – ein Erfahrungsbericht

Autor:  Als „Zeitzeuge“ über Studienerfahrungen in der Nachkriegszeit zu berichten, erfordert die Beschränkung auf Aspekte, die besonders in Erinnerung geblieben sind. So vorzugehen kann weder systematisch noch historisch-akribisch sein; aber schließlich liegt die Studienzeit mehr als ein halbes Jahrhundert zurück.

Eine gewisse Fokussierung erfolgt hier auf die zentralen Fragen: Ist beim Aufbau der Publizistikwissenschaft nach dem Zweiten Weltkrieg die Indoktrinierung der Zeitungswissenschaft im „Dritten Reich“ weitgehend unbeachtet geblieben? Wie stark war die inhaltliche und personelle Kontinuität? …

Peer Heinelt: Portrait eines Schreibtischtäters Franz Ronneberger (1913 – 1999)

Einleitung: Schreibmaschinentäter“ nannte Otto Köhler die von ihm identifizierten „unheimlichen Publizisten“ des „Dritten Reichs“. In Bezug auf das 1999 verstorbene Ehrenmitglied der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (DGPuK), Franz Ronneberger, greift der Begriff jedoch zu kurz. Ronneberger gehörte nicht nur zu den Propagandisten des NS-Regimes, er war ebenso an der systematischen Erarbeitung der informationeilen Grundlage der NS-Propaganda beteiligt wie an der Schaffung der wissenschaftlichen Basis für die nationalsozialistische Kriegs-, Ausbeutungs- und Vernichtungspolitik. Die von ihm in diesem Zusammenhang entwickelten Vorstellungen über die Funktionsweise und Wirkungsabsicht der Massenmedien decken sich mit denen, die er nach dem Ende des „Dritten Reichs“ in der Bundesrepublik Deutschland zu Papier brachte. Diese Thesen sollen im Folgenden anhand seiner Biographie belegt werden.
Aussagekräftiges Quellenmaterial zu Ronneber- gers Karriere im „Dritten Reich“ findet sich in verschiedenen deutschen und österreichischen Archiven: Herangezogen wurden der von der NSDAP-Gauleitung Wien angelegte Gauakt 90457, der im Österreichischen Staatsarchiv, Abteilung Archiv der Republik, aufbewahrt wird, sowie die ebenfalls hier vorhandenen Akten der Reichsstatthalterei Baldur v. Schirach und des Kurators der wissenschaftlichen Hochschulen in Wien. Im Bundesarchiv Berlin findet sich eine Personalakte über Ronneberger (Bestand des ehemaligen Berlin Document Center); diese wurde ebenso eingesehen wie die hier vorhandenen Aktenbestände des Reichssicherheitshauptamts (R 58) und der Südosteuropa-Gesellschaft in Wien (R 63). Hinzu kam der Briefwechsel zwischen Ronneberger und dem Südosteuropaforscher Fritz Valjavec, der im Südost-Institut München der wissenschaftlichen Öffentlichkeit zur Verfügung steht. Die im Bundesarchiv Koblenz vorliegende Akte über das Spruchgerichtsverfahren gegen Ronneberger in den Jahren 1947 und 1948 (Z 42 VII/1455) ist nur von bedingter Aussagekraft, da sie über weite Strecken lediglich die Ausflüchte des Angeklagten dokumentiert.
Dass ich mich bei meiner Darstellung der NS- Biographie Ronnebergers fast ausschließlich auf Archivalien stütze, hat Gründe: Während Ronneberger in neueren Forschungsarbeiten zur Wissenschafts- und Kulturpolitik des „Dritten Reichs“ allenfalls am Rande vorkommt, bestimmte er im Rahmen der bundesdeutschen Kommunikationswissenschaft die Aussagen über seine NS-Vergangenheit weitgehend selbst. Seine apologetische Sichtweise wurde von Kollegen, Schülern und Adepten in Festschriften, Würdigungen und Nachrufen vorbehaltlos übernommen. Was allerdings den Lebensweg Ronnebergers in der Bundesrepublik betrifft, stellen Äußerungen dieser Art eine wichtige Quelle dar: An diesem Punkt der Biographie angekommen, musste nichts mehr vertuscht oder schöngeredet werden, vielmehr konnte man sich im Glanz der interdisziplinären Karriere eines renommierten Wissenschaftlers sonnen. Im ersten Teil der vorliegenden Arbeit wird in aller gebotenen Kürze versucht, den beruflichen Werdegang Ronneber- gers im „Dritten Reich“ zu rekonstruieren. Der zweite Teil wird dann seine bundesdeutsche Biographie zum Inhalt haben.

Christian Oggolder: Wissenschaft und Forschung in der nationalsozialistischen Presse 1938 – 1945

Einleitung:

Realitäten in Relation

“Der völkische Staat muß von der Voraussetzung ausgehen, dass ein zwar wissenschaftlich wenig gebildeter; aber körperlich gesunder Mensch mit gutem, festem Charakter, erfüllt von Entschlußfreudigkeit und Willenskraft, für die Volksgemeinschaft wertvoller ist, als ein geistreicher Schwächling ‘ So urteilt der Führer in seinem Buche ,Mein Kampf über die Bedeutung der Leibesübung und hat damit dem deutschen Sport seine Losung gegeben!”

Unter dem Gesichtspunkt unserer Fragestellung handelt es sich dabei nicht bloß um eine Äußerung zur „Bedeutung der Leibesübungen“, sondern ebenso um eine Stellungnahme zur Bedeutung von Geist und Intellekt in der Konzeption des „völkischen Staates“.
Am 21.7.1944 bringt das Blatt auf Seite zwei unter der Überschrift: Scheel vor Professoren und Soldaten / Auch der Wissenschaftler an der Front eine Rede des nunmehrigen Reichsdozentenführers: “[..fett hervorgehoben] Wir wollen es aussprechen: der Wissenschaftler und der Mann des akademischen Berufes, der sich in diesem für das deutsche Volk so wichtigen, ja entscheidenden Lebenssektor bewährt, verdient auch öffentliche Anerkennung Die Bedeutung der akademischen Berufe, der Arzte, Richter, Ingenieure und Erzieher für die Entwicklung und Zukunft des deutschen Volkes und den Kampf um den Sieg ist sehr groß.
Wir wollen uns der Größe der Verpflichtung, die mit diesen Berufen verbunden ist, jederzeit würdig erweisen. [Ende Hervorhebung] Ln besonderem Maße gilt das für die Forschung. Forscher und Träger der Wissenschaft sein zu dürfen, bedeutet höchste Berufung. Wenn wir gerade im Kriege darüber sprechen, dann möchten wir unsere Forscher als Generale des Geistes bezeichnen, […]”

Zwei völlig divergierende Äußerungen Geist und Intellekt betreffend, von unterschiedlichen Personen zu unterschiedlichen Zeiten geäußert, beide im Völkischen Beobachter veröffentlicht. Es stellt sich also die Frage: Hat sich die Position zu Wissenschaft und Forschung im Laufe der Jahre, unter dem Eindruck der Kriegsnotwendigkeit, in der NSDAP geändert? Oder ist dies Ausdruck unterschiedlicher Positionen zur Thematik?

Eine Analyse der Wissenschaftsberichterstattung im Nationalsozialismus kann derartige Fragen a priori nicht beantworten. Was sie beantworten kann, ist die Frage nach der Position der Zeitung zur Thematik, das heißt welches Ausmaß wurde insgesamt der Berichterstattung zu Wissenschaft und Forschung eingeräumt, gab es Schwerpunkte der Berichterstattung und schließlich – und das ist besonders zu betonen – gab es Divergenzen zwischen Berichterstattung über Wissenschaft und Forschung in der Presse und den wissenschaftspolitischen Bedingungen im NS-Staat?

Es handelt sich dabei um zwei Realitäten, in denen Wissenschaft und Forschung Thema sind. Eine Untersuchung von Medieninhalten ist somit eine Untersuchung der durch die Medien konstituierten Realitäten. Diese können nicht dafür herangezogen werden, um außermediale Realitäten zu rekonstruieren, vielmehr ermöglicht ihre Untersuchung eine klarere und umfassendere Bewertung historischer Phänomene. …