Heinz Pürer: Zur Fachgeschichte der Publizistikwissenschaft

Einleitung: Die wissenschaftliche Reflexion über gesellschaftliche Kommunikation beginnt nicht erst etwa mit der Begründung der Zeitungswissenschaft im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts. Vielmehr setzt die Beschäftigung mit publizistischer Kommunikation im europäischen Raum bereits mit der Entwicklung der Rhetorik in der Antike ein. Ein kräftiger Impuls ging des Weiteren von der Erfindung der Buchdruckerkunst sowie in deren Gefolge vom Aufkommen erster Zeitungen zu Beginn des 17. Jahrhunderts aus. Seither verdichtet sich das wissenschaftliche Interesse an den publizistischen Medien kontinuierlich. Mit der Begründung der universitären Zeitungswissenschaft im Jahre 1916 durch Karl Bücher war ein wichtiger Schritt zur Etablierung des Faches getan. Es entfaltete sich anfangs nur langsam und erlitt durch den Nationalsozialismus insofern eine Zäsur, als es politisch vereinnahmt wurde. Der Wiederaufbau nach 1945 ging ebenfalls nur eher zögernd voran. Erst im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts erhielt es durch die Errichtung neuer Institute, Studiengänge, Lehrstühle und Professuren wichtige Anschubimpulse. Die Kommunikationswissenschaft ist heute – im Vergleich zu den Naturwissenschaften, den technischen Wissenschaften, der Medizin oder der Jurisprudenz – zwar immer noch ein relativ kleines Fach; sie ist aus dem Kanon der Geistesund Sozialwissenschaften sowie ästhetisch-künstlerischer Disziplinen jedoch nicht mehr wegzudenken. …

Wolfgang Duchkowitsch: Von Karl Oswin Kurth zu Kurt Paupié Eine Geschichte ideologischer Konformität?

Einleitung: Kurth, geboren 1910 in der sächsischen Kleinstadt Döbeln, war zehn Jahre älter als der in Linz auf die Welt gekommene Paupie. 1968 kreuzten sich ihre Lebenswege. Beide bewarben sich um die – laut Dienstpostenplan der Universität Wien neu geschaffene – Lehrkanzel für Zeitungswissenschaft an der Universität Wien. Die Berufungskommission reihte sie „primo et aequo loco“, Heinz Otto Sieburg „secundo loco“. Der Mitbewerberin Marianne Lunzer-Lindhausen, seit 1943 Assistentin am Institut und kraft ihrer unbelasteten Vergangenheit nach dem Ende des „Dritten Reichs“ als Assistentin weiterhin aktiv, attestierte die Kommission, eine „ausgezeichnete Lehrkraft“ und „vorzügliche Mitarbeiterin“ zu sein. Für eine Reihung an vorderer Stelle komme sie aber nicht in Frage. Seit ihrer Habilitationsschrift habe sie nämlich „kaum nennenswerte“ Publikationen hervorgebracht, woran „verschiedene familiäre Schicksalsschläge“ schuld seien.

Nachdem die Berufungskommission beschlossen hatte, Lunzer diese Begründung in geeigneter Form zukommen zu lassen, entschloss sie sich im nächsten Verfahrensschritt, Paupie den Vorzug vor Kurth zu erteilen. Für ihn spreche insbesondere der Band 2 seines „Handbuchs der österreichischen Pressegeschichte 1848-1959“. Der Band habe im In- und Ausland große Anerkennung gefunden, dokumentiert v.a. durch eine Rezension von Wilmont Haacke. Diese Beurteilung ergänzte ein extra eingeholtes Gutachten, verfasst von Rene Marcic. Er war während des 2. Weltkriegs (mit einer kurzen Unterbrechung) von 1943 bis Mai 1945 Kultur- und Pressereferent beim kroatischen Generalkonsulat in Wien, er stand also im Dienste der faschistischen Ustascha-Regierung. Ab 1946 war er Gerichtssaalreporter bei den Salzburger Nachrichten, ab 1954 Chefredakteur-Stellvertreter und von 1959-1964 Chefredakteur. 1959 habilitierte er sich für Allgemeine Staatslehre. 1963 erhielt er eine Professur für Rechts- und Staatsphilosophie in Salzburg und war Spiritus rector für die Gründung des dortigen Instituts für Zeitungswissenschaft.

Marcic beglaubigte Paupie, der im Wintersemester 1966/67 und im folgenden Semester eine Vorlesung zur „Geschichte der politischen Presse in Österreich“ am Institut für Zeitungswissenschaft der Universität Salzburg abgehalten hatte, „als einziger in profunder Weise die wissenschaftliche Theorie des Fachs“ vertreten zu haben, „neben“ [!] Hans Wagner, damals Assistent am Institut für Zeitungswissenschaft in München. Paupie würde gerne in Salzburg gesehen werden. Eine Berufung an das Salzburger Institut würde das Wiener Institut jedoch als „unfreundlichen Akt“ betrachten. So hoch gewürdigt, konnte Paupie die Lehrkanzel besetzen. …

Fritz Hausjell: Franz Ronnebergers Wiener Jahre Seine journalistische Tätigkeit und seine Mitarbeit am „Institut zur Erforschung und Förderung des internationalen Pressewesens der Union Nationaler Journalistenverbände (UNJ)“ in Wien 1941 – 1945

Einleitung: Am 11. Dezember 1941 wurde in Wien die Union Nationaler Journalistenverbände gegründet und tags darauf feierlich verkündet. Gründungsmitglieder waren Delegationen des Reichsverbandes der Deutschen Presse (RDP), des italienischen Journalistensyndikates sowie der bulgarischen, kroatischen, rumänischen, slowakischen und ungarischen nationalen Journalistenverbände.

Dieser Gründung waren andere Zusammenschlüsse vorangegangen: Im Sommer 1939 war ein Internationaler Presseverband gegründet worden, getragen vom Reichsverband der Deutschen Presse (RDP) und dem Sindicato Nazionale dei Giornalisti, dessen Aufgabe vor allem „in der Bekämpfung der internationalen Presselüge“ gesehen wurde. Dazu das RDP-Verbandsorgan Deutsche Presse”.

“Der Internationale Presseverband, der allen ehrlichen und anständigen Journalisten der Welt offenstehen wird, wird seine vornehmste Aufgabe darin zu erblicken haben, dem völkerverhetzenden Treiben einer gemeingefährlichen Weltpresse Einhalt zu gebieten und den internationalen Friedensstörern auf dem Gebiete der Presse das Handwerk zu legen, damit diese Methoden einer gewissen Weltpresse nicht zu einer Weltgefahr werden, die Europa in eine neue Katastrophe hineintreiben könnte?”

Am 24. Juli 1940 wurde in Berlin die erste Veranstaltung des Deutsch-italienischen Presseverbandes abgehalten. Dieser Verband diente „dem geistigen Kontakt zwischen dem nationalsozialistischen und faschistischen Journalismus“ und widmete sich auch „praktischen Aufgaben“: Die beiden Verbände vergaben jährlich je vier Austausch-Stipendien für „Jungschriftleiter“. Das Präsidium bildeten Reichspressechef Otto Dietrich und der italienische Volkskulturminister Luca Pavolini.

Am 11. und 12. Oktober 1940 fanden in München Besprechungen zwischen dem RDP und dem Faschistischen Nationalsyndikat der Journalisten (Sindicato Nazionale Fascista dei Giornalisti) statt. Reichspressechef Dietrich referierte dabei über die pressepolitische Neuordnung Europas nach dem Krieg und verlangte die Erziehung der Journalisten „durch ein neues Berufsethos von innen heraus“, wie das Neue Wiener Tagblatt berichtete:

“Träger dieser Erziehungsarbeiten werden die nationalen Berufiverbände der Journalisten in den einzelnen Ländern sein. Darüber hinaus gibt es einige wenige Grundsätze, die alle Völker gemeinsam interessieren, weil sie Allgemeingut aller anständigen Menschen sind. Zu ihnen gehören:

  • Die Sauberkeit des Journalistenberuf Standes, die jede Art von Bestechlichkeit ausschließt,
  • das Prinzip der persönlichen Verantwortung des einzelnen Journalisten,
  • die Bekämpfung der Presselüge und
  • der Ausschluß des Judentums aus der Presse.

Diese Grundsätze des allgemein anerkannten Ehrenkodex der Journalisten zu internationaler Geltung zu bringen […] wird Aufgabe eines neuen internationalen Berufsverbandes sein?”

Mit der Gründung der UNJ im Dezember 1941 wurde der schon davor begonnenen Zusammenarbeit der nationalen Journalistenverbände schließlich eine feste Organisationsform gegeben. …

Rezensionen 2-3/2002

Norbert Frei (in Zusammenarbeit mit Tobias Freimüller, Marc von Miquel, Tim Schanetzky, Jens Scholten & Mathias Weiss): Karrieren im Zwielicht. Hitlers Eliten nach 1945. Frankfurt am Main, New York: Campus Verlag 2001
– rezensiert von Bernd Semrad

Ulrich von Hehl: Nationalsozialistische Herrschaft. 2. Auflage. (= Enzyklopädie Deutscher Geschichte, Bd. 39). München: Oldenbourg Verlag 2001
– rezensiert von Fritz Randl

Dieter Stiefel (Hg.): Die politische Ökonomie des Holocaust. Zur wirtschaftlichen Logik von Verfolgung und „Wiedergutmachung“.  (= Querschnitte, Bd. 7). Wien: Verlag für Geschichte und Politik; München: Oldenbourg Verlag 2001
– rezensiert von Silvia Nadjivan

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