Li Gerhalter: Überraschend kommunikativ

Geheimnisse und andere Funktionen von Tagebüchern von Jugendlichen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Tagebücher sind jene Selbstzeugnisse, die von den meisten Menschen spontan mit dem Begriff ‚Geheimnis‘ assoziiert werden. Aber stimmt das überhaupt? Lässt sich diese Erwartungshaltung durch Quellen bestätigen? Am Beispiel von diaristischen Aufzeichnungen, die Mädchen und jungen Frauen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verfasst haben, wird diese Frage ausgeleuchtet. Es wird nach den Anlässen gefragt, warum Tagebücher überhaupt begonnen wurden. Weiters geht es um die Funktionen, die das Schreiben für die einzelne Verfasser/innen möglicherweise hatte und schließlich um verschiedenen Formen, die sich entsprechend zeit- und geschlechtsspezifischer
Konventionen und Moden etabliert haben.

‚Geheimnisse‘ werden dabei (nach Claudia Schirrmeister) als eine eigene „Kommunikationsform“ verstanden – und damit als eine der möglichen Funktionen des Tagebuchschreibens. Gezeigt und besprochen werden in dem Beitrag verschiedene Ausgestaltungen der Geheimhaltung. Insbesondere wird dabei die Praxis der geteilten Geheimnisse vorgestellt – und die Reflexionen der jungen Schreiberinnen darüber.

Michael Klemm: Wir Weltreisenden

Reisetagebücher in Weblogs und Instagram zwischen multimodalem
Storytelling und visueller Pose

Der Beitrag betrachtet, ausgehend von einer knappen historischen Skizze der Reiseerzählungen, die Veränderungen und die Spezifika von Reisetagebüchern im Zeitalter Sozialer Medien. Am Beispiel von Blog-Texten und Instagram-Einträgen von Weltreisenden wird deutlich, wie unterschiedlich selbst diese modernen Formen sind, was etwa die Rolle von Sprache und audiovisuellen Ausdrucksformen oder das Changieren zwischen individueller Stilisierung und kollektiver Standardisierung betrifft. Auch Reisedokumentationen sind dem derzeitigen umfassenden Medienkulturwandel unterworfen.

Peter Gentzel, Christian Schwarzenegger & Anna Wagner: Zeugnisse des Alltags

Tagebuchverfahren als Quelle und Methode in der (historischen)
Kommunikationsforschung

In diesem Beitrag beschäftigen wir uns mit der Bedeutung und dem Potenzial von Tagebüchern in der medien- und kommunikationshistorischen Forschung und darüber hinaus. Dabei werden sowohl der Quellenwert und der Quellencharakter von „echten Tagebüchern“ als Überreste eines vergangenen Alltags als auch zu Forschungszwecken angefertigte Tagebücher als empirische Erhebungsinstrumente thematisiert. Im Beitrag diskutieren wir zunächst, wozu in der Forschung Tagebücher herangezogen werden können, um Einblicke in subjektive Sinngebungen, persönliche Routinen und Erfahrungen der Lebensführung wie auch in gesellschaftliche Kontexte und Kulturen des Lebensvollzugs unter bestimmten Bedingungen und zu bestimmten Zeiten zu gewinnen. Wir erörtern hierzu das Erkenntnispotenzial, das sich aus Tagebüchern als Quelle aus einem gestrigen Alltag für heute ergibt. Hernach adressieren wir Möglichkeiten, die Charakteristika von solchen authentischen Tagebüchern, welche im tatsächlichen Lebenszusammenhang geführt worden sind, auf den gezielten empirischen Einsatz hin zu übertragen und diskutieren Spannungsfelder, die sich bei diesem Bemühen ergeben.

Veronika Siegmund: „Mutti, Mutti, wie weit bist Du doch von mir entfernt.“

Tagebuchschreiben im KLV-Lager zwischen politischer Instrumentalisierung und individueller Praxis (1940-1945)

Die in der Folge präsentierte Masterarbeit befasst sich mit der politischen Instrumentalisierung der jugendlichen Tagebuchkultur im Nationalsozialismus, die sich unter anderem in diversen Erziehungseinrichtungen vollzog: Kinder und Jugendliche wurden hier von Lehrkräften bzw. HJ-FührerInnen instruiert, regimetreue diaristische Aufzeichnungen zu verfassen. Im Zentrum der Mikrostudie steht das kollektive Tagebuchschreiben in den Lagern der Erweiterten Kinderlandverschickung (KLV). Zunächst wird basierend auf NS-Publikationen der Frage nachgegangen, welche thematischen Aspekte KLV-Tagebücher nach Vorstellungen der OrganisatorInnen der KLV idealerweise aufweisen sollten. Anhand der Tagebücher zweier Mädchen wird dann − unter Anwendung der Qualitativen Inhaltsanalyse nach Philipp Mayring − exemplarisch untersucht, inwiefern die auf den Inhalt der Diarien bezogenen Forderungen des NS-Regimes in der Tagebuchpraxis der KLV-Lager Umsetzung fanden. Dabei wird von der These ausgegangen, dass die beiden Schreiberinnen ihre Aufzeichnungen auch zu nicht vorgesehenen individuellen Zwecken nutzten.

Rezensionen 4/2020

SCHILLER, MELANIE (2020). Soundtracking Germany. Popular Music and National
Ideology.
(Popular Musics Matter: Social, Political and Cultural Interventions,
Paperbackausgabe des Erstdrucks von 2018), London, New York: Rowman & Littlefield International, 277 Seiten.
– rezensiert von Anita Mayer-Hirzberger, Wien

Call for Papers: Offenes Heft | Open Issue 2021

CfP: Offenes Heft | Open Issue 2021

Herausgeber*innen | Editors: Erik Koenen (Bremen), Christina Krakovsky (Wien), Mike Meißner (Fribourg), Hendrik Michael (Bamberg), Bernd Semrad (Wien)
Gastherausgeberin: Maria Löblich (Freie Universität Berlin)

Deadline for Extended Abstracts (10.000 characters): 31. Mai 2021

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Heft 3/2020: Offenes Heft 2020

herausgegeben von Erik Koenen, Christina Krakovsky & Mike Meißner

  • Editorial: Erik Koenen, Christina Krakovsky & Mike Meißner

Nachwuchsförderpreis Kommunikationsgeschichte 2020

  • Mandy Tröger: On Unregulated Markets and the Freedom of Media. The Transition of the East German Press after 1989
  • Hendrik Michael: Die Sozialreportage als Genre der Massenpresse. Erzählen im Journalismus und die Vermittlung städtischer Armut in Deutschland und den USA (1880-1910)
  • Maximilian Kutzner: Marktwirtschaft schreiben. Das Wirtschaftsressort der Frankfurter Allgemeinen Zeitung 1949 bis 1992

Lektüren

  • Thomas Ballhausen: Forschen mit Literatur. Über Elias Canettis Masse und Macht
  • Erik Bauer: Diskontinuitäten, Brüche, Formationen – Gedanken beim Wiederlesen von Michel Foucaults Archäologie des Wissens
  • Roman Hummel: Nachdenken über Wandel von Nachrichten. Andrew Pettegree als Impulsgeber
  • Erik Koenen: Experimentalsysteme und epistemische Dinge. Anregungen für eine Geschichte von Materialität und Praxis der Kommunikationswissenschaft
  • Christian Oggolder: Der Medienwandel und das Mittelmeer. Zum Konzept der langen Dauer bei Fernand Braudel
  • Josef Seethaler: „Ordinary people still have voices in the public sphere“. Zur Logic of Connective Action von W. Lance Bennett und Alexandra Segerberg

Heft 2/2020 – Technik und Mensch. Vorstellungen vom Mensch-Sein in und durch Technologien

herausgegeben von Diotima Bertel & Julia Himmelsbach

  • Editorial: Diotima Bertel & Julia Himmelsbach
  • Mona Singer: Was vom Transhumanismus übrigbleibt. Virus, Naturbeherrschung und Technikphilosophie
  • Kevin Liggieri: Non-Linearity and the Problem of Formulizing “the Human”
  • Wolfgang Pensold: Die Jagd auf Hawley Harvey Crippen, oder: Die Entdeckung des Live-Moments
  • Julia Himmelsbach, Diotima Bertel & Manfred Tscheligi: Questioning the User-Researcher Dichotomy. Situatedness of Knowledge and Power Structures in Research on Technology
  • Katrin Kühnert: AutorInnen-Autorität und literarische Tabubrüche im Holocaust-Diskurs Fiktive Zeugnisliteratur aus TäterInnenperspektive als Herausforderung für die deutschsprachige Rezeption
  • Rezensionen

Editorial 2/2020

Diotima Bertel & Julia Himmelsbach

“Von der Wissenschaft bis zum Alltagswissen, von der Wahrnehmung der Welt bis hin zur Erfahrung des eigenen Körpers, auf allen Ebenen sind wir nun technisch mittelbar Handelnde. […] Technologien sind nicht nur ausschlaggebend dafür, was wir wissenschaftlich wahrnehmen können und wie wir wahrnehmen, sie bestimmen zunehmend wie wir leben, wie wir kommunizieren und uns sozial verhalten, was wir hoffen können und was wir fürchten müssen.”
(Singer 2015, 7)

Wenn wir technisch mittelbar handeln, dann sind Technologien auch als (Kommunikations-)Medium zu verstehen. Nicht nur sind Medien und Informationen zunehmend digitalisiert (Hepp 2016, 228f ), nicht nur gewinnt computervermittelte bzw. digitale Kommunikation zunehmend an Verbreitung (z.B. Eurostat 2020), Ubiquität und Bedeutung, Technologien selbst werden zu Akteurinnen (z.B. Latour 2005) in gesellschaftlichen Kommunikationsprozessen. Entsprechend geht die aktuelle Medien- und
Kommunikationsforschung über eine trianguläre Beziehung zwischen Produktion, Text und
Publikum (Couldry & Hepp 2013, 193) und einer Vorstellung linearer Effekte hinaus, hin zu
einer umfassenderen Vorstellung von den Folgen der Einbettung von Medien und Kommunikationstechnologien in den Alltag (Couldry & Hepp 2013). Konzepte wie das der Mediatisierung widmen sich kritisch dem Verhältnis zwischen der Veränderungen von Medien und Kommunikation auf der einen und Veränderungen in Kultur und Gesellschaft auf der anderen Seite (Couldry & Hepp 2013). Daher muss sich die Kommunikations- und Medienwissenschaft mit Technik, Mensch-Computer-Interaktion (Strippel et al. 2018, 14f ) und digitalisierter Medienkommunikation auseinandersetzen (Hepp 2016, 233). Darüber hinaus manifestieren sich in unterschiedlichen Technologien auch Menschenbilder: Für wen wurde Technologie (nicht) entwickelt, welche sozialen Gruppen werden aus welchem Anlass und welcher Motivation durch Technik und Technologie als Nutzerinnen berücksichtigt, welche Normen sind in Technologien eingeschrieben, welche Vorstellungen des Menschseins, z.B. als rationale Akteurinnen oder als emotionale Wesen, werden imaginiert
und welche Folgen hat dies? Dabei müssen Facetten dessen beleuchtet werden, wie in einem historischen und sozialen Kontext situierte Innovationen und Technologien die Vorstellung dessen, was ‚das Menschsein‘ ausmacht, beeinfluss(t)en. Denn immer wieder werden über Technologien Vorstellungen von ‚dem Menschen‘ – die nur zu kurz greifen können wenn es um die Frage geht, was ‚die Natur des Menschen‘ ausmache – verhandelt.

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Mona Singer: Was vom Transhumanismus übrigbleibt

Virus, Naturbeherrschung und Technikphilosophie

Am Anfang dieses Jahrtausends sprach Jürgen Habermas (2001) von den Transhumanisten
noch als eine „Hand voll ausgeflippter Intellektueller“, deren Menschenzüchtungsphantasien
„einstweilen nur zum Medienspektakel“ reichen. 2017 warnen Ethiker*innen in einem Manifest vor den großen Gefahren, die vom Transhumanismus ausgehen würden. Sie sehen ihn als mittlerweile weit verbreitete technophile Weltanschauung, die in Forschungslaboratorien und Universitäten Einzug gehalten habe, und ein Menschenbild transportiere, das „das Mensch-Sein grundsätzlich“ missverstehe.
In diesem Artikel untersuche ich den Transhumanismus technikphilosophisch und erörtere
aus dieser Perspektive grundlegende Fragwürdigkeiten seiner Vorannahmen und Visionen. Der Transhumanismus proklamiert Menschenverbesserung durch Human Enhancement, hierin liegt nicht nur der politisch autoritäre Charakter dieses Ansatzes begraben, sondern hierin liegen auch technikphilosophisch seine Missverständnisse im Hinblick auf die Beherrschbarkeit der biologischen Naturhaftigkeit des Menschen.
Der Coronavirus zeigt uns aktuell, dass wir weit davon entfernt sind, „to control our body“,
wie die Transhumanisten das Fortschreiten unserer Spezies mit Technik nun als dem Motor der Evolution imaginieren.

Dieser Beitrag steht im Volltext zum Download zur Verfügung.