Désirée Dörner: „Bloß nicht den Faden verlieren“ Eine kommunikationshistorische Netzwerkanalyse zu den inneren und äußeren Verbindungslinien der bürgerlichen Frauenbewegung im Deutschen Kaiserreich am Beispiel des Münchener Vereins für Fraueninteressen

Abstract

Aktuelle sowie historische soziale Bewegungen sind auf gut funktionierende Netzwerke angewiesen, um einerseits mediale Aufmerksamkeit und damit Eingang zu politischen Entscheidungsgremien zu finden und sich andererseits gesellschaftlichen Rückhalt für die Durchsetzung ihrer Interessen zu sichern. Vor diesem Hintergrund untersucht der Beitrag mit Hilfe von quantitativen Erhebungsverfahren die Netzwerkaktivitäten der bayerischen Frauenbewegung im Deutschen Kaiserreich. Als Analysematerial werden Zeitungsberichte herangezogen, welche sich als sehr ertragreiche Quellen für die historische Netzwerkforschung herausstellen. Die standardisierte Erhebung der in der Münchener Zeitung publizierten Vernetzungsaktivitäten zeigt, dass neben den Verbindungslinien innerhalb der Frauenbewegung auch vielfache Beziehungen außerhalb der Bewegung identifiziert werden können. Insbesondere die Beziehungen zur Politik und zu weiteren gesellschaftlichen Teilbereichen spielen in den direkten und indirekten Kontakten eine zentrale Rolle.

Heiner Stahl: Propagandawissen und Stellenbesetzungen in der Presseabteilung der Direktorialkanzlei des Verwaltungsrates des Vereinigten Wirtschaftsgebietes (1948-1949)

Abstract

Dieser Beitrag untersucht die Bedeutung von persönlichen und professionellen Netzwerken, die bei der Besetzung von Referentenstellen in der Presseabteilung der Direktorialkanzlei des Verwaltungsrates des Vereinigten Wirtschaftsgebietes der US-amerikanischen und britischen Besatzungszone zum Tragen kamen. Die Presseabteilung existierte zwischen Juli 1948 und September 1949 und stellt einen direkten Vorläufer des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung der Bundesrepublik Deutschland dar. Ein katholisches, ein auf das Auswärtige Amt vor 1945 bezogenes sowie ein – an die CDU gebundenes – auf die publizistische Neuausrichtung der Westzonen in Richtung Europa zielendes Beziehungsgeflecht war dabei mit seinen Personalvorschlägen erfolgreich; ein aristokratisches, ein akademisches sowie ein auf Berufserfahrungen im journalistischen Betrieb – sowohl vor wie auch nach 1933 – beruhendes Geflecht von Beziehungen jedoch nicht. Der Beitrag stellt exemplarisch sechs Lebensläufe von Bewerberinnen und Bewerbern vor und arbeitet daran die Selbstinszenierung beruflicher Erfahrung, die Darstellung von Ausbildungs- und Karrierewegen sowie die Hervorhebung fachspezifischer Kenntnisse bzw. individuellen Wissens bezüglich Propagandapraktiken heraus, mit denen sich diese präsentierten. Dabei wird deutlich, dass diese Lebensläufe im Sinne von Berufsbiografien sowohl durch Brüche wie auch durch Bemühungen um Wiederanschluss an und Selbsteinpassung in sich ändernde politische, soziale und – vor allem – publizistische Bedingungen gekennzeichnet waren.

Zehra Özkececi: Das Propagandamodell von Chomsky und Herman und die Medienpolitik in der heutigen Türkei

Abstract

Die politische Entwicklung in der Türkei, die seit mehreren Jahren zunehmend autoritäre Züge annimmt und demokratische Grundsätze in Frage stellt, hat Debatten darüber ausgelöst, wie die türkische Staatsform jetzt zu bewerten ist. Handelt es sich überhaupt noch um eine Demokratie, herrscht eine feudale Oligarchie, wo alle wichtigen Regierungsgeschäfte im Familienbetrieb vergeben werden oder ist es bereits eine Diktatur? Neben anderen Theorien wurde auch das fast schon in Vergessenheit geratene Propagandamodell von Chomsky und Herman herangezogen, um die aktuelle türkische Politik zu erklären.

Dieser Artikel beschäftigt sich daher mit der Frage, ob diese Demokratie- und Medientheorie tatsächlich dazu geeignet ist, die AKP-Politik zu analysieren. Dazu wird die Theorie zunächst vorgestellt, bevor ihre Anwendbarkeit auf das türkische System untersucht wird.

4/2017

Fakt – Fake – Pop
Kulturelle Dynamiken, Spiele und Brüche

herausgegeben von Christoph Jacke & Beate Flath

 

Inhalt

Editorial 4/2017 Christoph Jacke & Beate Flath

„Vor Jahren habe ich mal eine Weile in der Redaktion eines Pop-Magazins arbeiten dürfen. […] Das ist immerhin ein Ort, an dem man noch vergleichsweise viel Erfahrungshunger hinsichtlich kulturindustrieller Erzeugnisse erwarten darf, ein Ort, an dem die übleren Borniertheiten des schöngeistigen Milieus nicht vorkommen sollten. Wie habe ich mich deshalb darüber gewundert, dass ich dort erleben musste, wie Damen und Herren mit lupenreinster Bohème-Sozialisation in den besten Rauchkneipen Altwestdeutschlands in den Pausen zwischen öden Redaktionskonferenzen und hektischer Heftmacherei sich immer wieder das Maul über drastische Unterschichtsvergnügungen zerrissen haben – Pazifistinnen, Feministen, lauter Leute, die sich eher die Zunge abgebissen hätten, als ein politisch unkorrektes Röcheln von sich zu geben, schmähten da, so gut sie konnten, missliebige Rocker als ‚Inzest-Hinterwäldler‘, bezeichneten schrille weibliche Disco-Stars als ‚peinliche Realschülerinnen‘ oder nannten Computerspiele mit hohem Metzelfaktor ‚Unterhaltung für Untermenschen‘ – nicht im guten, bösen Spaß, sondern mit erhobenem Zeigefinger, im schönsten Lehrertremolo. Man kann ihn sich nicht vorstellen, wenn man nicht dabei war, diesen mit Ekel vor vermeintlich niederen Lebensformen vermischten Klassendünkel von Anwaltstöchtern und Fabrikantensöhnen, Buben mit Adelstiteln und Mädchen mit Nazigroßvätern, dieses altjüngferliche … na ja, schon gut. Ich hatte in meinem Leben vor meiner Arbeit bei der Pop- und sonstigen Kultur sowenig mit diesem liberalen Menschenschlag zu tun wie umgekehrt jene Damen und Herren mit Proleten, auch ordentlich anintellektualisierten wie mir.“
(Dath 2005, 82-83) Weiterlesen

Sonja Eismann: Manche sind faker als andere

Pseudo. Das schlimmste Schimpfwort für alle Jugendlichen, die in den 1980er-Jahren unbedingt einer der zur Auswahl stehenden Subkulturen angehören wollten. Punk nur, weil es gerade Mode ist. Heute Waver, morgen Rockabilly, übermorgen Popper. Die Klamotten beim Faschingszubehör statt im einzigen richtigen Laden erstanden. Nicht ernsthaft, nicht ernst zu nehmen, Ächtung, Ausschluss. Da half es auch nichts, dass sich die Punkband Slime 1982 der virulenten Thematik auf ihrer zeitgeistig fragwürdig Yankees raus betitelten Platte annahm und alle Negativzuschreibungen in einer Art Reclaiming-Strategie avant la lettre vorweg nahm:

„Ich bin ein Pseudo, das ist mir so bewusst
Doch wer ist das Original, hätt’ ich gern mal von dir gewusst
Ich bin ’ne Kopie, das ist mir so klar
Doch weiß ich immer noch nicht, wer der erste war“.

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Stefanie Roenneke: Identitätsspiele Die neue Künstlichkeit von St. Vincent

Abstract
Mit der Veröffentlichung ihres fünften Studioalbums Masseduction Ende 2017 überraschte die Musikerin Annie Clark alias St. Vincent mit einer ganzheitlichen Inszenierung, die bewusst auf Künstlichkeit und Stilisierung ausgerichtet ist. Daher wurde sie seitens der Musikkritik sowohl mit David Bowie verglichen als auch in die Nähe zu einer Camp-Ästhetik gerückt. Durch den Umgang mit nostalgischen und aktuellen Versatzstücken aus Popkultur und Mode sowie durch die Objektifizierung der Figur lassen sich Momente einer camp-typischen Überreizung und spielerischen Sinnentleerung erkennen.

Jens Balzer: Es gibt keine Wahrheit im Pop – es sei denn, man fälscht sie

Die Wahrheit zu suchen, ist leider auch keine Lösung: Das war einer der vorherrschenden Gedanken, die einem beim Blick auf das popmusikalische Jahr 2017 immer wieder durch den Kopf gingen. Im Jahr zuvor, mit der Brexit-Kampagne und dem Präsidentschaftswahlkampf in den USA, war die Politik nach allgemeiner Einschätzung in das postfaktische Zeitalter eingetreten; in Deutschland und Großbritannien wurden postfaktisch und post-truth jeweils zu den Wörtern des Jahres gewählt. Seither pflegt man die Verwirrung von Fakten und Fakes gemeinhin dem technischen Arsenal der politischen Reaktion zuzuschlagen. Weiterlesen

Joachim Westerbarkey & Christoph Jacke: Pop im Kopp Ein Vorschlag zur Image-Analyse eines schwer fassbaren Phänomens zwischen Fakt, Fiktion und Fake

Abstract
Weil es keinen Konsens darüber gibt, was Pop(kultur) genau ist, sollte man Pop als das definieren, was Menschen darunter verstehen und wie sie sich mit anderen darüber verständigen. Maßgeblich dafür sind die Images der Popmusik und ihrer Akteure, die aus Selbstdarstellungen, eigenen Beobachtungen, Erzählungen und Medienangeboten resultieren. Wer der Popkultur immer noch Trivialität bescheinigt, übersieht, dass Triviales Kommunikation erleichtert und dass das die enorme Kreativität von Popakteuren und ihr Spiel mit verschiedenen Realitäten alles andere als trivial sind. Um die hohe Varianz möglicher Pop-Images von Musikern und Publika, Veranstaltern und Journalisten, Fans und Kritikern zu erfassen, wird ein empirisches Instrument entworfen, mit dem man die Zuschreibung von Merkmalen darstellen und vergleichen kann. Als Anregung dazu diente die Lektüre diverser Programm- und Pressetexte zu Pop-Ikonen, Pop-Epigonen und Musikveranstaltungen.