Maximilian Brockhaus & Klaus Kain: Die Nutzen einer Frauen- und Geschlechtergeschichte für die Gesamtgesellschaft? Der Versuch einer Annäherung anhand zweier Beispiele österreichischer Geschichtsvermittlung

Kommunikationsgeschichte und ihre Relevanz für die Gegenwart

Frauen- und Geschlechtergeschichte macht sich in der Gegenwart auf unterschiedlich Art und Weise bemerkbar – Debatten, Proteste, aber auch Gedenktage, Ausstellungen, neue Literatur oder andere Initiativen treiben das interdisziplinäre Feld gesellschaftlich und politisch voran. Anlässlich der Relevanz des politisch-historisch geführten Diskurses, den die Disziplin nach sich zieht, nähert sich der vorliegende Artikel anhand zweier Exempel rezenter österreichischer Geschichtsvermittlung den folgenden Fragen an: Wo und auf welche Weise können Berührungspunkte zwischen der Gesamtgesellschaft und frauen- und geschlechterspezifischen Thematiken hergestellt werden? Welchen Nutzen können die Erkenntnisse der Frauen- und Geschlechtergeschichte für die Gesamtgesellschaft haben? Die Theorie des „kulturellen Gedächtnisses“ sowie die kritische Analyse bestehender historischer Narrative führen an den Stellenwert einer lebendig geführten Frauen- und Geschlechtergeschichte für Individuum und Kollektiv heran. So will der Artikel feststellen, welchen Anstrengungen es bedarf, einen solchen Nutzen wirkmächtig zu machen. Die Ausstellung 100 Jahre Frauenwahlrecht sowie ein Artikel der österreichischen Wochenzeitung Falter stehen dabei stellvertretend für ausgewählte Problemfelder, mit denen sich eine institutionalisierte Frauen- und Geschlechtergeschichte konfrontiert sieht.

Rezensionen 3/2019

Ursula Seeber & Veronika Zwerger (Hg.): Küche der Erinnerung. Essen & Exil. Wien: new academic press, 2018, 340 Seiten.
rezensiert von Sophie Emilia Seidler, Wien

Irmtraud Ubbens: 1918/1919. Das alte Deutschland ist nicht mehr. Das Ende einer Epoche und das erste Jahr der Republik im Feuilleton der Vossischen Zeitung. Bremen: edition lumière, 2018, 227 Seiten.
– rezensiert von Simon Sax, Bremen

Holger Schramm, Christiana Schallhorn, Holger Ihle & Jörg-Uwe Nieland (Hg.): Großer Sport, große Show, große Wirkung? Empirische Analysen zu Olympischen Spielen und Fußballgroßereignissen. Köln: Herbert von Halem Verlag, 2018, 292 Seiten.
rezensiert von Daniel Nölleke, Wien

Heft 3/2019

Journalismus in Österreich
Herausforderungen, Dynamiken, Widerstände
Festschrift für Fritz Hausjell

herausgegeben von Gaby Falböck, Wolfgang Duchkowitsch & Erik Bauer

  • Jörg Matthes: Umtriebig, sichtbar und relevant – ein Grußwort für Fritz Hausjell
  • Roland Steiner: Kommunikation als Konfrontation und Kontroverse. Für Fritz Hausjell
  • Editorial: Zum Inhalt der Ausgabe – Gaby Falböck, Wolfgang Duchkowitsch & Erik Bauer

Qualität im Journalismus im Spannungsfeld medienpolitischer Interessen

  • Roman Hummel: Der Österreichische Rundfunk im Kontext von Regulierungstraditionen
  • Josef Barth: Zensur an der Quelle. Ein journalismus ohne Recht auf Information
  • Hans Heinz Fabris: Qualitätsjournalismus – revisited

Kommunikationsgeschichte und ihre Relevanz für die Gegenwart

  • Wolfgang Duchkowitsch: Propaganda für die Volksabstimmung am 10. April 1938
  • Gaby Falböck & Christian Schwarzenegger: Am Rande, daneben und dazwischen – die Stimmen der Anderen. Ethnische Minderheiten und die Medien in Österreich
  • Marion Krammer & Margarethe Szeless: Heimatlos, staatenlos, bildlos. Fotografien von Displaced Persons in österreichschen Illustrierten
  • Maximilian Brockhaus & Klaus Kainz: Die Nutzen einer Frauen- und Geschlechtergeschichte für die Gesamtgesellschaft? Der Versuch einer Annäherung anhand zweier Beispiele österreichischer Geschichtsvermittlung

Rezensionen

Editorial 2/2019

Maria Löblich, Christian Schwarzenegger & Thomas Birkner

Dieses Heft geht zurück auf die Jahrestagung der DGPuK-Fachgruppe Kommunikationsgeschichte, die im Januar 2018 in Berlin stattfand. Der Call for Papers war vor allem von der Erkenntnisperspektive von Michel Foucault inspiriert, verfolgte diese aber nicht streng, um andere Diskursbegriffe ebenso nicht auszuschließen wie Ansätze, die sich auf alternative Weise mit medialer Realitätskonstruktion beschäftigen. Diese Einleitung beschreibt zunächst, 1) was die Idee der Tagung war, 2) aus welchen Gründen diese Idee relevant ist und schließlich 3) warum sich dieses Heft aus den fünf vorliegenden Beiträgen zusammensetzt.

Weiterlesen

Hendrik Michael: Die Darstellung der Unterschicht im wilhelminischen Berlin durch Sozialreportagen der Massenpresse

Dieser Beitrag geht der Frage nach wie ein gegenwärtig wieder im Fokus stehender Diskurs über Armut und soziale Ungleichheit in der Vergangenheit im Journalismus dargestellt wurde. Die Untersuchung konzentriert sich auf das späte 19. Jahrhundert als die soziale Frage erstmals allgegenwärtig im öffentlichen Diskurs war. Es wurde eine qualitative Inhaltsanalyse von Berliner Presseerzeugnissen durchgeführt, um die Darstellungsmuster der Armutsberichterstattung in der wilhelminischen Massenpresse zu beschreiben. Insgesamt zeigen die Ergebnisse, dass sich die Berichterstattung über Armut an gegensätzlichen Polen des gesellschaftlichen Diskurses verorten lässt. Während einerseits sensationalistische Deutungsmuster dominieren, die Armut als moralische Devianz begreifen, existieren auch Ansätze des investigativen Journalismus, der Armut als Symptom ungünstiger sozialer Bedingungen identifiziert und systematische Lösungsansätze präsentiert, um das Problem zu bekämpfen.

Jürgen Wilke: „Die Stunde der Prüfung“

Die Spiegel-Affäre und der Diskurs über Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik Deutschland

Gegenstand des Beitrags ist der Diskurs über Meinungs- und Pressefreiheit, der in der frühen Bundesrepublik Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg geführt wurde. Dabei werden sowohl der juristische Fachdiskurs als auch der journalistische Diskurs mit einbezogen. Am Anfang standen 1948/49 die Debatten in der Verfassungsgebenden Versammlung, dem Parlamentarischen Rat, in dem der Art. 5 GG mit der Garantie der Meinungs- und Pressefreiheit formuliert und beschlossen wurde. Anfang der 1950er-Jahre wurde der Versuch der Bundesregierung abgewehrt, die Pressefreiheit in verschiedener Hinsicht einzuschränken. Im Mittelpunkt steht aber die Polizeiaktion gegen das Nachrichtenmagazin Der Spiegel 1962, die als Spiegel-Affäre berühmt wurde. Sie wurde als bis dahin größte Bedrohung der Pressefreiheit in Deutschland wahrgenommen und löste in der Presse eine breite Diskussion aus, deren Ausmaß und Diskurselemente analysiert werden. Im letzten Teil werden die juristischen Folgen der Spiegel-Affäre dargestellt, die 1968 zu einer Änderung der strafrechtlichen Bestimmungen zum Landesverrat und Geheimnisschutz führten.

Andre Dechert & Aline Maldener: „Mit gutem Beispiel voran“

Medienakteure und der westdeutsche Jugendmedienschutzdiskurs der 1950er- und 1960er-Jahre

Anknüpfend an die Diskurstheorie von Ernesto Laclau und Chantal Mouffe setzt sich der Beitrag mit der in der Forschung bisher nur am Rande erörterten Frage auseinander, wie individuelle Medienakteure mit der ihnen im Jugendmedienschutz-Diskurs der 1950er- und 1960er-Jahre auferlegten Verantwortung für das Wohl kindlicher oder jugendlicher MedienkonsumentInnen umgingen und in diesem Rahmen bedeutungsstiftend agierten. Mittels zweier konkreter Fallbeispiele zeigt der Beitrag, wie individuelle Medienakteure unabhängig davon, ob sie in einer öffentlich-rechtlich organisierten und finanzierten Einrichtung oder für einen kommerziellen Medienanbieter arbeiteten, durch die konkrete Ausgestaltung ihres jeweiligen Angebots maßgeblich daran mitwirkten, Vorstellungen davon zu schaffen und zu etablieren, welche Medien für Kinder und Jugendliche unter welchen Voraussetzungen geeignet waren. Das erste Fallbeispiel nimmt das vom Bayerischen Rundfunk produzierte und im Deutschen Fernsehen ausgestrahlte Nachmittagsprogramm in den Blick, während sich das zweite Fallbeispiel der Rubrik Lebenshilfe und Sexualaufklärung der Jugendzeitschrift Bravo widmet.

Indira Dupuis: Die Berichterstattung über Jerzy Popiełuszko in ihrer Bedeutung für die polnische Öffentlichkeit

Legitimitätsverlust durch unintendierte Medienberichterstattung

Die Medienberichterstattung über den Mord an einem Priester, Jerzy Popiełuszko, hat in den 1980er-Jahren die Legitimität der kommunistischen Regierung Polens grundlegend untergraben. Auch wenn dies bereits in der zeitgenössischen Beobachtung durchaus registriert wurde, ist die polnische Medienberichterstattung dazu bisher noch nicht inhaltsanalytisch in ihrer Bedeutung für die politische Transformation in Polen untersucht worden. Die dem vorliegenden Artikel zugrundeliegende Studie soll dies nachholen. Für die überwiegend qualitative Inhaltsanalyse wurden Leitmedien ausgewählt, die den Deutungsspielraum in der kontrollierten polnischen Presse breit abbilden, die Parteizeitung Trybuna Ludu und die auf das intellektuelle Publikum ausgerichtete Wochenzeitung Polityka sowie die organisational unabhängige, jedoch gleichsam zensierte, liberal-katholische Wochenzeitung Tygodnik Powszechny. In den Ergebnissen zeigt sich, wie selbst die Parteizeitung zur Delegitimierung der Regierung innerhalb Polens beigetragen hat.

Anne Purschwitz & Alexander Hinneburg: Funktionsmechanismen gesellschaftlicher Wissenskonstruktion in der Aufklärung – Chancen und Grenzen des Topic-Modeling in den Geisteswissenschaften

Die halleschen Zeitungen und Zeitschriften 1688-1815

Topic-Modeling bieten eine Möglichkeit, große Dokumentensammlungen zu durchsuchen, zu strukturieren und zu selektieren. Die Darstellung von Themen als Liste der wahrscheinlichsten Top-Wörter ist jedoch nicht ausreichend, um ein nützliches Werkzeug in den Geisteswissenschaften zu etablieren. Der in Halle entwickelte TopicExplorer kombiniert Themenmodelle mit standardmäßigen linguistischen Annotationswerkzeugen und visuellen interaktiven Techniken, um Inhalte von Dokumenten auf nützliche Weise auszuwählen und darzustellen, um es Geisteswissenschaftlern zu ermöglichen, versteckte Bezüge zwischen Texten aufzudecken und ohne Programmierkenntnisse zu modellieren.
Da die Themenmodelle durch unüberwachtes Lernen erstellt werden, können sie angewendet werden, ohne dass Dokumente manuell kommentiert werden müssen. Allerdings können alle bekannten Algorithmen keine Garantie dafür geben, dass die abgeleiteten Themen für den Menschen auch interpretierbar sind. Daher sind Themen, die automatisch aus Themenmodellen abgeleitet werden, nicht immer einfach und klar ‚lesbar‘. Im Beitrag sollen die Vor- und Nachteile des Topic-Modeling, zunächst anhand einer lokal ausgerichteten Modelstudie für eine Anwendung auf heterogene historische Texte dargestellt werden.