Lisa Bolz: Nachrichtenpräsentation im 19. Jahrhundert

Der Wandel von Nachrichtenproduktion und Berichterstattung durch
technische Innovationen

Nachrichten unterliegen technischen Transmissions- und Produktionsbedingungen, die jeweils ihre Epochen prägen. Im 19. Jahrhundert war neben der Eisenbahn und neuen Drucktechniken der Telegraph von besonderer Bedeutung für das Pressewesen. Ab dem Zeitpunkt der Öffnung des Telegraphen für den privaten Gebrauch wurde dieser auch für journalistische Zwecke verwendet, vor allem die Nachrichtenagenturen nutzten die Telegraphie für den eigenen Profit. Die allgemeine Bevölkerung hatte nur selten direkten Zugang zur neuen Technik und konnte sich nur durch die regelmäßige Erwähnung der Telegraphie in der Literatur oder in der Zeitung ein Bild von ihr machen. Neben der medialen Repräsentation der Telegraphie wurde ihr Aufkommen auch als Übertragungstechnik in den Zeitungsredaktionen begrüßt, wobei die neue Technik neue Routinen erforderte, wie die Berücksichtigung einer neuen Temporalität und häufig sehr spät eintreffender Nachrichten. Schließlich hatte die journalistische Nutzung des Telegraphen zur Folge, dass dieser auch die Art und Weise des Formulierens, des Schreibens, des Redigierens von Nachrichten prägte. Ein telegraphischer Stil, ein Nachrichtenstakkato, fand Einzug in die Zeitungsseiten und beeinflusste maßgeblich u. a. die Auslandsberichterstattung der Nachrichtenagenturen und damit auch das Bild des Auslands, das über diesen Kanal kommuniziert wurde.

Christian Schäfer-Hock: So sehen gedruckte Zeitungen aus

Bedingungen, Forschungsergebnisse und Vorhersagen zur Entwicklung
von Layout und Design der Tageszeitungen in Deutschland

Der Beitrag präsentiert neueste Forschungsergebnisse zum Wandel von Layout und Design gedruckter deutscher Tageszeitungen im Zeitraum von 1992 bis 2012. Er greift dabei in einer Sekundärauswertung auf Daten aus einer umfangreichen quantitativen Inhaltsanalyse zum Wandel journalistischer Darstellungsformen zurück (Schäfer-Hock 2018; 2019). Dabei zeigt sich ein Visualisierungsschub, der gekennzeichnet ist durch einen Zuwachs an (farbigen) Bildern, längeren und zugleich stärker portionierten Beiträgen und durch mehr Leseeinstiegsmöglichkeiten wie Spitzmarken, Zwischenüberschriften, Kästen, Grafiken. Hinzu kommen kürzere Überschriften, mehr zentral platzierte Aufmacher und nicht zuletzt eine neue journalistische Darstellungsform: der umfassend gestaltete Lokalaufmacher. Daran anschließend werden auf Grundlage einer Bestandsaufnahme zentraler Bedingungsfaktoren für den Wandel von Layout und Design aus der Forschungsliteratur (gesellschaftliche Beschleunigung, Schlüsselereignisse, Pressefreiheit, Marktwirtschaft, technische Innovationen und Führungswechsel in Redaktionen) Vorhersagen zur zukünftigen Zeitungsoptik getroffen.

Norbert Küpper: Aktuelle Trends im Zeitungsdesign Print und Online – die Perspektive der Praxis

Die Auflage gedruckter Zeitungen ist nahezu überall rückläufig. Statistisch gesehen lesen 14- bis 29-Jährige nur noch zwei Minuten täglich gedruckte Zeitungen und Zeitschriften. Trotzdem ist die Annahme, dass es bald keine Zeitungen mehr geben wird, falsch, denn junge LeserInnen nutzen 49 Minuten am Tag Online-Inhalte von Zeitungen (Schröder 2019). Zeitungen sind denn auch in den meisten digitalen Nachrichtenkanälen erfolgreich und kommen auf hohe Nutzungszahlen. Medienhäuser reagieren auf das veränderte Leseverhalten, indem sie die gedruckte Zeitung mit mehr Hintergrundinformationen versehen und/oder sie zu täglichen Magazinen umwandeln. Methoden der Leseforschung wie ReaderScan, Lesewert oder Blickaufzeichnungstests sind wichtig für die Weiterentwicklung der Zeitungen in Print und Online, weil dadurch das NutzerInnenverhalten erkannt werden kann. Die Zeitung wird zum 24-Stunden-Medium, denn durch Morning-Newsletter, Podcasts und mehrmals tägliche Aktualisierung der News-Websites begleiten sie die NutzerInnen permanent.

Sarah Müller: Nachrichtenmedien auf Instagram

Eine Bildtypenanalyse

Der Beitrag behandelt visuelle Berichterstattungsmuster deutscher Nachrichtenmedien auf Instagram. Ein Vergleich der Feeds von Tagesschau, Bild.de, RTL Aktuell und Spiegel Online erfolgt auf Basis einer quantitativen Bildinhalts- und Bildtypenanalyse von 263 Postings aus den Jahren 2016 und 2017. Zunächst werden die Postings zu Bildtypen zusammengefasst und nach Bildthema und Bildkontext kategorisiert. Grundannahme der Studie ist, dass Nachrichtenmedien bei der Auswahl und Aufbereitung ihrer Bildmotive für Instagram bestimmten kanalspezifischen Konventionen folgen. Die Befunde zeigen, dass besonders die Themenbereiche Human Interest, Politik und Natur in den Bildtypen repräsentiert sind. Wie die Medien die Instagram-spezifischen Konventionen interpretieren und auf Newsbilder anwenden, zeigt sich darüber hinaus in ihrem ästhetischen Profil. Schnappschüsse und Pressefotos werden entgegen der öffentlichen Wahrnehmung häufiger gepostet als anspruchsvolle Kunstfotos. Eine übermäßig ausgeprägte Bildästhetik mit einem Hang zu romantischen Naturaufnahmen zeigt sich einzig im Account von Spiegel Online.

Jakob Henke, Elena Link & Wiebke Möhring: Lohnt sich der Aufwand?

Die Wirkung interaktiver Grafiken auf die Erinnerung und das Leseerleben von NutzerInnen

In der journalistischen Berichterstattung hat die Visualisierung von Daten eine hohe Relevanz, durch die steigende Zugänglichkeit großer Datensätze und digitale sowie multimediale Präsentationsmöglichkeiten ist diese noch weiter gestiegen. Und obwohl insbesondere interaktive Visualisierungen in der Praxis weit verbreitet sind, setzen sich bisher nur wenige Studien mit der Wahrnehmung durch und Wirkung auf RezipientInnen auseinander. Auf der Grundlage bisheriger Arbeiten ungeklärt ist die Frage, ob der Einsatz interaktiver Grafiken im Vergleich zu statischen Grafiken zu einer (substanziellen) Verbesserung des Rezeptionserlebens führt und so den höheren Arbeitsaufwand rechtfertigt. Der vorliegende Beitrag untersucht diese Frage mit einem einfaktoriellen Eye-Tracking-Experiment. Insgesamt deuten die Ergebnisse darauf hin, dass interaktive Elemente nicht zu einer intensiveren Rezeption und Informationsverarbeitung führen. Folglich stellt sich die Frage, wann der hohe Aufwand für das Erstellen interaktiver Grafiken gerechtfertigt ist.

Rezensionen 1/2020

BENZ, WOLFGANG (2019). Im Widerstand. Größe und Scheitern der Opposition gegen Hitler. München: C.H.Beck 2018, 556 Seiten.
– rezensiert von Simon Sax, Bremen

CSÁKY, MORITZ (2019). Das Gedächtnis Zentraleuropas. Kulturelle und literarische
Projektionen auf eine Region
. Wien: Böhlau, 392 Seiten.
– rezensiert von Valerie Strunz, Wien

VÖGL, KLAUS CHRISTIAN (2018). Angeschlossen und gleichgeschaltet. Kino in Österreich 1938-1945. Wien, Köln, Weimar: Böhlau Verlag 2018, 447 Seiten.
– rezensiert von Bianca Burger, Wien

Call for Papers: Offenes Heft | Open Issue 2020

Call for Papers: Offenes Heft | Open Issue 2020

Herausgeber*innen: Erik Koenen (Bremen), Christina Krakovsky (Wien),
Mike Meißner (Fribourg), Bernd Semrad (Wien)
Gastherausgeberin: Maria Löblich (Freie Universität Berlin)

Editors: Erik Koenen (Bremen), Christina Krakovsky (Vienna),
Mike Meißner (Fribourg), Bernd Semrad (Vienna)
Guest Editor: Maria Löblich (Freie Universität Berlin)

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Heft 4/2019

Offenes Heft zu historischer Kommunikations- und Medienforschung

herausgegeben von Christoph Classen, Erik Koenen, Christina Krakovsky, Mike Meißner & Bernd Semrad

  • Editorial: Christoph Classen, Erik Koenen, Christina Krakovsky, Mike Meißner & Bernd Semrad
  • Lisa Bolz: Die Übersetzungspraktiken der Nachrichtenagenturen im 19. Jahrhundert
  • Carmen Schaeffer: Gegen „Schmutz und Schund“ in populärer Jugendliteratur Reaktionen der LehrerInnenschaft auf den Medienwandel um 1900
  • Maria Löblich & Niklas Venema: Die SPD und ihre Frauenpresse. Die Gleichheit im Parteidiskurs nach Ausbreitung der Massenpresse
  • Kathrin Meißner: Die ‚Mietskaserne‘ als planungskulturelles Narrativ der 1980er-Jahre Zwei Fallbeispiele der Altstadt-Erneuerung in Ost- und West-Berlin
  • Research Corner
    Ernst Theis: Radio Hekaphon, Österreichs erster Rundfunksender
  • Rezensionen

Editorial 4/2019

Christoph Classen (Potsdam), Erik Koenen (Leipzig), Christina Krakovsky (Wien),
Mike Meißner (Fribourg) & Bernd Semrad (Wien)

Mit der letzten Ausgabe des Jahres 2019 setzt medien & zeit das Konzept eines offenen Heftes fort. In Ergänzung zu den vielfältigen und thematisch fokussierten Schwerpunktheften bietet das Offene Heft ein Forum, um die Bandbreite kommunikations- und medienhistorischer Forschung in einer Ausgabe abzubilden. Damit bedient das Format ein gegenwärtiges Bedürfnis – nicht zuletzt von jungen WissenschaftlerInnen – innerhalb der deutschsprachigen Kommunikations- und Mediengeschichte, wie die Einreichungen deutlich zeigen. Insofern ist es das Anliegen der HerausgeberInnen, weiterführende Diskussionen und Forschungen mit den AutorInnen anzuregen.

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Lisa Bolz: Die Übersetzungspraktiken der Nachrichtenagenturen im 19. Jahrhundert

Die drei großen europäischen Nachrichtenagenturen des 19. Jahrhunderts (Havas, Reuters, Wolff’s Telegraphisches Bureau) gründeten ihren Erfolg auf einen effizienten Nachrichtenaustausch, der Ressourcen bündelte und Konkurrenz abhielt. 1859 und 1870 unterschrieben sie umfassende Kooperationsverträge, die die Nachrichtenverteilung auf viele Jahrzehnte hin prägten. Essentiell bei der Verteilung waren Übersetzungsprozesse, wobei die telegraphischen Depeschen in der Regel vorgegebenen Routen folgten und täglichen Übersetzungsroutinen unterworfen waren. Auf diese Weise kann mit der Etablierung der telegraphischen Depesche als journalistisches Format eine Standardisierung der Nachrichtenvermittlung festgestellt werden. Innerhalb dieses Netzwerkes lassen sich auch Unregelmäßigkeiten erkennen, die die Komplexität der Arbeitsprozesse unterstreichen und eine qualitative Analyse der Agenturübersetzung unabdingbar machen. Durch die täglichen Routinen und internationalen Normen entstand die Depesche als transkulturelles Objekt, das mit Leichtigkeit zwischen Ländern und Zeitungen zirkulierte und Teil eines transnationalen Nachrichtenproduktionsprozesses war.