Norbert M. Schmitz: Zwischen Selbstreflexivität und Affektrhetorik Transformationen der Hoch- in die Populärkultur

Einleitung: Der Alltag der Massenkultur ist schon lange von den Formexperimenten der klassischen Avantgarde des 20. Jahrhunderts geprägt. Selbstreflexive Werbefilme oder die Dekonstruktion des Classical Style im populären Kino scheinen die klassischen Systemgrenzen zwischen Hochund Populärkultur verschwinden zu lassen. In dieser geläufigen Sicht nahm und nimmt die Avantgarde der Kunst nur die Entwicklungen in der Gesamtkommunikation vorweg, indem sie gewissermaßen sensitiv als erste die Veränderungen der gesellschaftlichen Realität erspürt und dafür angemessene Formen erkundet.

Demgegenüber bleibt aber an der anhaltenden systemischen Ausdifferenzierung zwischen Hochund Massenkultur festzuhalten, denn entscheidend sind nicht bestimmte Formen, die durchaus die Systemgrenzen überspringen können, sondern deren unterschiedliche Ein- und Ausschlusskriterien. Das Überspringen dieser Grenze bedeutet gleichzeitig auch immer einen vollständigen Wandel der Rezeption, wodurch der Status zweier deutlich getrennter Subsysteme nicht nur nicht überwunden, sondern bestätigt wird.

Um diese beschreiben zu können, ist aber die allgemeine Unterscheidung zwischen Hochkunstund Populärkultur allein, so die zentrale These des Folgenden, unzulänglich. Stattdessen sollte einerseits zwischen einen System der Massenkultur – das unabhängig von irgendeiner ästhetischen Qualität gleichermaßen die klassische neuzeitliche Kunst wie die modernen Massenmedien umfasst –– und andererseits dem System ’autonomer Kunst’ unterschieden werden – das also als Reaktion auf den medialen Wandel der Industriekultur zu verstehen ist.

Dabei stehen sich die prinzipielle Redundanz der Massenkultur und die Singularität des Kunstwerks als Unterscheidungskriterium zwischen High- und Low Culture gegenüber. Der Zusammenhang zwischen der Singularität des Kunstwerks und der Ausbildung des neuzeitlichen Individuums ist offenkundig, doch auch die Redundanz der Massenkultur ist Voraussetzung derselben Individualisierungsprozesse in der Breite der industriell geprägten Funktionsgesellschaften. Die Paradoxie der Ausbildung der Individualität nur unter der Vorgabe gerade der massenhaften Vervielfältigung und rigider Ordnungsregeln teilt die Kunst mit einem anderen Subsystem der Neuzeit, dem Kunstgewerbe bzw. Design, wenn beispielsweise die Mode materiell und diskursiv ihre Vielfalt zur Grundlage der Selbstdarstellung des Individuums macht. Voraussetzung ist gerade ihre Normierung und manufakturelle bzw. industrielle Massenfertigung, mithin permanente Wiederholung. Das ästhetische Potenzial der Massenkultur ist also mehr als eine bloße Trivialisierung der Hochkultur, es gehorcht allerdings genuin anderen Generierungsregeln und Selektionsmechanismen als das Kunstsystem der Moderne.

Für die Medienwissenschaft sind diese Unterscheidungen von besonderer Bedeutung, denn sowohl der konkrete Anlass der Ausdifferenzierung des Subsystems autonomer Kunst, wie die ästhetische Entwicklung von medialen Formen in der industriellen Kultur sind letztlich Ergebnisse des medialen Wandels in der neuzeitlichen Kultur. So generiert der Medienwandel selbst die Zulassungskriterien und die Positionierung beider Systeme. Auch die symbolische Selbstverständigung einer Industriegesellschaft ist eine industrielle Produktion. …

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