Christoph Jacke & Martin Zierold: Produktive Konfrontationen Warum der Erinnerungsdiskurs von dem Austausch mit der Popkulturforschung profitiert – und umgekehrt

Einleitung:

1. Unverhofft kommt oft? Die ‚Entdeckung’ eines Forschungszusammenhangs

In den letzten Jahren hatte u.a. in der Wissenschaftstheorie und -soziologie das Schlagwort ‚Serendipity’ eine Renaissance (vgl. u.a. Merton, Barber, 2004; Schury, Barthold, 2006). Der Begriff bezeichnet unverhoffte Entdeckungen, die man eigentlich gar nicht angestrebt hat – als schon ‚klassische’ Beispiele müssen meist Kolumbus’ Entdeckung Amerikas oder auch die überaus lukrativen ‚Nebenwirkungen’ des ursprünglich zum Blutdrucksenken entwickelten Wirkstoffs von Viagra herhalten. Die noch kurze Geschichte der Konfrontation des wissenschaftlichen Diskurses über das ‚kulturelle Gedächtnis’ bzw. die ‚Erinnerungskulturen’ mit der Popkulturforschung hat einen sicher nicht gleichermaßen spektakulären Verlauf genommen, aber doch in den letzten Jahren eine Produktivität entwickelt, die zumindest für uns bei unseren ersten Diskussionen zum Thema 2005 noch nicht absehbar war. Schließlich hatten wir zunächst nicht mehr als einen Vortrag anlässlich eines Geburtstagskolloquiums für Siegfried J. Schmidt geplant, bei dem unsere jeweiligen Forschungsschwerpunkte in einen Dialog treten sollten (Jacke & Zierold, 2009). Diese Idee erschien uns zu jenem Zeitpunkt als gleichermaßen originell wie gewagt, denn trotz der offensichtlich stetig wachsenden Popularität beider Diskurse im Kontext der internationalen Kulturwissenschaften gab es bisher wenig Anzeichen für ein breites Interesse daran, die jeweiligen Konzepte in Verbindung zu bringen oder – um mit Mieke Bal zu sprechen – ‚auf Reisen zu schicken’ (Mieke, 2002). Vielmehr galt noch vielerorts die meist unausgesprochene, aber nicht minder wirksame Überzeugung, dass ‚der Pop’ per se gedächtnislos und allein auf das Hier und Jetzt bezogen sei, und ‚das kulturelle Gedächtnis’ sich auf die staatstragenden identitätsstiftenden Phänomene der Hochkultur zu beziehen habe.

Dass diese (hier überspitzt skizzierten) Positionen hochgradig problematisch und fragwürdig sind, ist selbstverständlich schon lange in den jeweiligen Diskursen bekannt und vielfach diskutiert worden. Doch erst in der Ausarbeitung des Vortrags und durch die angeregte Diskussion unseres Beitrags auf dem Kolloquium wurde uns deutlich, dass wir mit der weitgehend pragmatisch begründeten Themenwahl eine Entscheidung getroffen hatten, die weit über einen Geburtstagsvortrag hinaus wirkt – ja, die sogar einen Forschungszusammenhang beschreibt, der in der Lage sein kann, eine Reihe der spezifischen Problemen sowohl der Erinnerungsforschung als auch der Popkulturforschung zu bearbeiten und aufzulösen.

Dieser Forschungszusammenhang „Pop&Erinnerung“ hat in den vergangenen Jahren seine Produktivität schon vielfach bewiesen, und steht doch noch in den Anfängen. Der vorliegende Aufsatz soll knapp einige der bisherigen Ergebnisse der Forschung zu Pop und Erinnerung skizzieren, einen Ausblick auf künftige Perspektiven geben und so demonstrieren, inwiefern die Konfrontation der Diskurse um Pop und Erinnerung für beide Seiten produktiv war und weiter sein kann. …

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