Jens Ruchatz: Fundus der Liebesklugheit Was "Schlaflos in Seattle" davon weiß, was der Film von der Liebe weiß

Einleitung:

“Es ist immer wieder neu, es ist immer wieder gleich.”
Die Regierung, „Natalie sagt“, 1994

Die Codierung der Liebe und ihre Verbreitungswege

Ich habe das alles schon 1000 mal gesehen, ich kenne das Leben, ich bin im Kino gewesen“, heißt es in einer denkwürdigen Zeile aus Grauschleier von den Fehlfarben, erschienen 1980 auf der LP Monarchie und Alltag. Und 1993 texten Tocotronic auf ihrer ersten CD im Titel Meine Freundin und ihr Freund: „Und im Leben geht’s oft her wie im Film von Rohmer und um das alles zu begreifen, wird man, was man furchtbar hasst, nämlich Cineast, zum Kenner dieser fürchterlichen Streifen…“ Die Erkenntnis, dass das Kino – als zumeist im Register des Populären operierendes Medium – helfen kann, das Leben zu verstehen und zu realisieren, ist selbst schon zu Pop geronnen. Popmusik könnte freilich ebenso gut für sich selbst beanspruchen, Orientierung für das Leben bereitzustellen. Dies gilt ganz besonders in Bezug auf die Liebe, einen zentralen, anscheinend unerschöpflichen Themenbereich populärer Kultur- und Sinnproduktion, der im Folgenden im Mittelpunkt stehen soll.

„Es ist ein Gemeinplatz“, so die Soziologin Eva Illouz, „dass die Medien unsere Vorstellungen von Liebe prägen, Liebesgeschichten haben das Gewebe unseres Alltagslebens so tief durchdrungen, dass wir den Verdacht hegen, sie hätten unsere Erfahrung von Liebe verändert oder sogar völlig transformiert“ (Illouz, 2007, S. 189). Ganz so klar liegt diese Angelegenheit jedoch nicht, denn es bleibt zu fragen, wie weit besagter Verdacht die Liebespraxis tatsächlich durchdrungen haben kann, wenn sich romantische Liebe nach wie vor über das Erleben authentischer Gefühlsregungen definiert. Es steht daher zu vermuten, dass die Konstruiertheit zunächst latent bleiben muss und erst rückblickend, in der Beobachtung zweiter Ordnung, ins Auge fallen kann. „Die Liebe entsteht wie aus dem Nichts, entsteht mit Hilfe von copierten Muster, copierten Gefühlen, copierten Existenzen und mag dann in ihrem Scheitern genau dies bewußt machen. Die Differenz ist dann die zwischen Liebe und Diskurs über Liebe zwischen Liebenden und Romanschriftsteller, der immer schon weiß, worum es eigentlich zu gehen hätte“ (Luhmann, 1982, S. 54), wie Niklas Luhmann schreibt. Zu der Einsicht, dass Liebe kopiert sei, kommt der Soziologe, weil er Liebe „nicht, oder nur abglanzweise, als Gefühl behandelt, sondern als symbolische[n] Code“ (ebd. S. 9), der überhaupt erst ermöglicht, das Gefühl, das wir Liebe nennen, zu bilden, zu identifizieren, zu kommunizieren und schließlich zu stabilisieren. Dem entgegen will Illouz – in expliziter Abgrenzung zu Luhmann – lieber noch einmal nachfragen, „[o]b die romantische Fiktion unsere tatsächliche ‚Erfahrung‘ ersetzt hat oder nicht“ (Illouz, 2007, S. 211). Diese Frage muss allerdings in die Irre führen, denn wie wollte man die „tatsächliche Erfahrung“ im Liebeserleben überhaupt von der fiktional ‚infizierten‘ unterscheiden? Zumal wenn Liebe ohne die mediale Instituierung eines Liebescodes möglicherweise gar nicht denkbar ist und dieser Code auch noch aufrichtige Emotion abseits jeglicher Konvention vorschreibt. Das Problem, ob es die authentische Liebe als Gegenpol zur codierten noch gibt oder je gegeben hat, werde ich daher nicht weiter verfolgen, jedoch zumindest am Rande streifen, wie mit dem Verdacht umgegangen wird, dass Liebe nicht mehr authentisch sei. …

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