Veronika Siegmund: „Mutti, Mutti, wie weit bist Du doch von mir entfernt.“

Tagebuchschreiben im KLV-Lager zwischen politischer Instrumentalisierung und individueller Praxis (1940-1945)

Die in der Folge präsentierte Masterarbeit befasst sich mit der politischen Instrumentalisierung der jugendlichen Tagebuchkultur im Nationalsozialismus, die sich unter anderem in diversen Erziehungseinrichtungen vollzog: Kinder und Jugendliche wurden hier von Lehrkräften bzw. HJ-FührerInnen instruiert, regimetreue diaristische Aufzeichnungen zu verfassen. Im Zentrum der Mikrostudie steht das kollektive Tagebuchschreiben in den Lagern der Erweiterten Kinderlandverschickung (KLV). Zunächst wird basierend auf NS-Publikationen der Frage nachgegangen, welche thematischen Aspekte KLV-Tagebücher nach Vorstellungen der OrganisatorInnen der KLV idealerweise aufweisen sollten. Anhand der Tagebücher zweier Mädchen wird dann − unter Anwendung der Qualitativen Inhaltsanalyse nach Philipp Mayring − exemplarisch untersucht, inwiefern die auf den Inhalt der Diarien bezogenen Forderungen des NS-Regimes in der Tagebuchpraxis der KLV-Lager Umsetzung fanden. Dabei wird von der These ausgegangen, dass die beiden Schreiberinnen ihre Aufzeichnungen auch zu nicht vorgesehenen individuellen Zwecken nutzten.

Katrin Kühnert: AutorInnen-Autorität und literarische Tabubrüche im Holocaust-Diskurs

Fiktive Zeugnisliteratur aus TäterInnenperspektive als Herausforderung für die deutschsprachige Rezeption

Künstlerischen Bearbeitungen des Holocaust wird mit einem komplexen Erwartungshorizont
begegnet und Abweichungen bergen hohes Skandalpotenzial. Die thematische Analyse der
feuilletonistischen und literaturwissenschaftlichen Rezeption von Holocaust-Texten, die als
Tabubruch wahrgenommen werden, lässt die ungeschriebenen Regeln dieses Diskurses verstärkt hervortreten. Der AutorInnen-Instanz kommt in der Bewertung bedeutendes Gewicht zu und das Überleben des NS-Massenmords als (jüdisches) Opfer bietet hierbei die größtmögliche Legitimation. Für diesen Beitrag werden zeitlich gestaffelt, drei fiktive Zeugnistexte aus TäterInnenperspektive analysiert, deren Autoren in unterschiedlicher Verbindung zur NS-Zeit stehen. Der Fokus liegt auf der Aufnahme im deutschen Sprachraum, wo sich im internationalen Vergleich ein sensibilisierter Umgang offenbart. Die Untersuchung von Jorge Luis Borges’ Deutsches Requiem (1946), Edgar Hilsenraths Der Nazi & der Friseur (1971) und Jonathan Littells Die Wohlgesinnten (2006) basiert auf der neueren Rezeptionsforschung und der pragmatischen Texttheorie und zeigt die dominierende Forderung nach Authentizität im Holocaust-Diskurs.

Ernst Theis: Radio Hekaphon, Österreichs erster Rundfunksender

Die wissenschaftliche Darstellung des ersten österreichischen Radiosenders Radio Hekaphon ist der erste Teil der Dissertation Musik für das Medium Radio (1923-1934), die der Autor des Artikels im Frühjahr 2019, begleitet vom Institut für Musiksoziologie der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, vorlegte. Die im Folgenden vorgestellten Aspekte daraus beschäftigen sich im Wesentlichen mit der Entstehungsgeschichte des nahezu unbekannten Senders Radio Hekaphon, seiner Entstehungsgeschichte und geht den Fragen nach warum er sich nicht durchsetzen konnte und warum er einen Platz als vollgültiger Sender, nicht als Randerscheinung, in der österreichischen Mediengeschichte verdient hat.

Andre Dechert: Dad on TV Sitcoms, Vaterschaft und das Ideal der Kernfamilie in den USA, 1981-1992

Abstract
Ziel der Arbeit ist es auf Basis einer Analyse verschiedener Quellen nach historisch-hermeneutischer Methode herauszuarbeiten, wie hegemoniale Familienwerte in den USA in den 1980er- und frühen 1990er-Jahren zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen über die Figur des Vaters und des Kernfamilienmodells ausgehandelt worden sind und wie die jeweils in diesem Rahmen vertretenen Familienwerte an historische Familienwerte anknüpften oder sich von diesen abhoben. Den Untersuchungsgegenstand der Arbeit bilden dabei die Debatten um die Vaterschafts- und Familienkonzepte der drei US-amerikanischen Sitcoms Love, Sidney (NBC, 1981-83), The Cosby Show (NBC, 1984-92) und Murphy Brown (CBS, 1988-98). Die Debatten um diese drei Sitcoms haben eine besondere Qualität: Keine weitere Sitcom löste aufgrund der jeweils von ihr angelegten Vaterschafts- und Familienkonzepte eine vergleichbare Debatte aus, die in der massenmedialen Öffentlichkeit der USA Aufmerksamkeit fand.

Daniel Wollnik: Das Telefon und seine Einführung in Japan im 19. Jahrhundert Diskursanalytische Bemerkungen zu einem besonderen Fall der Telefongeschichte

Abstract
Der Beitrag gibt einen Überblick über die Problemstellung, das theoretisch-methodische Konzept und ausgewählte Ergebnisse der Masterarbeit Die gesellschaftliche Implementierung des Telefons in Japan im 19. Jahrhundert – Eine Analyse aus diskursgeschichtlicher Perspektive, die mit dem Nachwuchsförderpreis Kommunikationsgeschichte 2018 ausgezeichnet wurde.1 Ausgehend von der Beobachtung, dass die gesellschaftliche Implementierung des Telefons in Japan sowohl im internationalen Vergleich als auch im Vergleich zur schnellen Implementierung des japanischen Post- und Telegrafenbetriebs auffallend schwerfällig verlief, untersucht die Arbeit diesen Prozess und fragt nach den Gründen für die besondere Entwicklung der Telefonie in Japan im späten 19. Jahrhundert. Im Unterschied zur bisherigen Forschungsliteratur, die überwiegend technische, politische oder ökonomische Faktoren als Erklärung in den Vordergrund rückt, liegt der Analysefokus zu diesem Zweck auf der zeitgenössischen Perzeption und diskursiven Bedeutungskonstruktion des Telefons. Die Arbeit erschließt damit einerseits den besonders interessanten japanischen Fall für international vergleichende Studien zur Frühgeschichte des Telefons und bereichert andererseits den defizitären Forschungsstand zur japanischen Telefongeschichte durch ein theoretisch fundiertes und systematisches diskursanalytisches Vorgehen.

Zehra Özkececi: Das Propagandamodell von Chomsky und Herman und die Medienpolitik in der heutigen Türkei

Abstract

Die politische Entwicklung in der Türkei, die seit mehreren Jahren zunehmend autoritäre Züge annimmt und demokratische Grundsätze in Frage stellt, hat Debatten darüber ausgelöst, wie die türkische Staatsform jetzt zu bewerten ist. Handelt es sich überhaupt noch um eine Demokratie, herrscht eine feudale Oligarchie, wo alle wichtigen Regierungsgeschäfte im Familienbetrieb vergeben werden oder ist es bereits eine Diktatur? Neben anderen Theorien wurde auch das fast schon in Vergessenheit geratene Propagandamodell von Chomsky und Herman herangezogen, um die aktuelle türkische Politik zu erklären.

Dieser Artikel beschäftigt sich daher mit der Frage, ob diese Demokratie- und Medientheorie tatsächlich dazu geeignet ist, die AKP-Politik zu analysieren. Dazu wird die Theorie zunächst vorgestellt, bevor ihre Anwendbarkeit auf das türkische System untersucht wird.

Bianca Burger: Von Erregungskurven und Phallusgötzen Eheratgeber und ihre Strategien der Wissensvermittlung in den 1920er-Jahren am Beispiel Theodoor Hendrik van de Velde und Sofie Lazarsfeld

Abstract
Im folgenden Beitrag stehen zum einen die Eheratgeber Die vollkommene Ehe von Theodoor Hendrik van de Velde und Wie die Frau den Mann erlebt von Sofie Lazarsfeld im Fokus. Gerade in der Zwischenkriegszeit boomte die Sachbuchliteratur und die aufkommenden Ehe- und Sexualratgeber ermöglichten in einer Zeit der Liberalisierung einen öffentlichen Diskurs über Sexualität, die trotz allem ausschließlich im Rahmen der Ehe gelebt werden durfte. An Hand dieser beiden Druckwerke aus der Zwischenkriegszeit wird unter anderem die Frage erläutert, warum das Thema der Reproduktion in dieser Zeit von Seiten der Politik aber auch der Gesellschaft besondere Beachtung erfuhr was sich an der Verbreitung der biologischen und psychologischen Ehehygiene verdeutlicht. Anschließend werden die Eheratgeber einer diskursanalytischen Fragestellung unterzogen: welche Themen werden in welcher diskursiven Rahmung wie verhandelt, welche Geschlechterrollen werden in den Ratgebern präsentiert und wie sollte bzw. konnte die Ehe nach Meinung des Verfassers bzw. der Verfasserin verbessert werden. Während Lazarsfeld einen ganzheitlichen Ansatz verfolgte und auch den Lebensumständen vor allem der Frauen vor und während der Ehe Beachtung schenkt und bereits in der richtigen Erziehung der Kinder die Grundlagen sieht, fokussiert sich van de Velde vorwiegend auf die Ehe.

Julia Lönnendonker: Europäische Identität Methodisches Vorgehen einer historisch vergleichenden Diskursanalyse europäischer Identität

Abstract
Der Beitrag beschreibt historisch-vergleichend die Konstruktionen europäischer Identität anhand der Debatte um einen möglichen Beitritt der Türkei zur EWG/EG/EU seit 1959. Es wird untersucht, mit welchen Charakteristika die Gemeinschaft der EuropäerInnen im Diskurs beschrieben wird, wie ihre Grenzen definiert werden und wer als ihr potentielles Mitglied angesehen wird. Der Fokus des Artikels liegt auf der Beschreibung des empirischen Zugangs. Es wird ein Forschungsdesign für eine wissenssoziologische Diskursanalyse (WDA) der medialen Öffentlichkeit beschrieben, mit dem sich auch die Dynamiken der historischen Entwicklung und der Ausdifferenzierung der Identitätskonstruktionen zeigen lassen. Es werden zudem die Vor- und Nachteile der WDA Perspektive im Vergleich zu rein inhaltsanalytischen Verfahren diskutiert.

Stefanie Mathilde Frank: Wiedersehen im Wirtschaftswunder Remakes von Filmen aus der Zeit des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik (1949-63)

Abstract
Remakes sind ein typisches Phänomen im Publikumskino der Adenauer-Zeit, wurden aber in der filmhistorischen Forschung bis dato eher erwähnt als untersucht. Der Beitrag stellt die erste Dissertation über Remakes von Filmen aus der Zeit des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik (1949–63) in Bezug auf die theoretischen Ausgangspunkte, den analytischen Aufbau und ausgewählte Ergebnisse vor.
Die Remakeproduktion der 1950er Jahre basierte zum Großteil auf Stoffen und Drehbüchern, die bereits in der NS-Zeit verfilmt worden waren. Einerseits besteht dadurch eine direkte Verbindung zur Populärkultur im Nationalsozialismus, andererseits handelt es sich um Neuverfilmungen, also neue Inszenierungen der alten Filme. So bewegen sich die Remakes im Spannungsfeld zwischen Kontinuität und Veränderung, das es analytisch zu fassen galt. Die Studie erscheint im August 2017 unter dem Titel Wiedersehen im Wirtschaftswunder bei Vandenhoeck & Ruprecht unipress.

Anna Sawerthal: Eine Zeitung für Tibet Der yul phyogs so so’i gsar ‘gyur me long (1925-1963)

Abstract
Das hier vorgestellte Dissertationsprojekt beschäftigt sich mit dem Beginn der tibetisch-sprachigen Pressegeschichte und beleuchtet umfassend eine der ersten tibetisch-sprachigen Zeitungen, den yul phyogs so so’i gsar ‘gyur me long, den „Spiegel der Nachrichten aus verschiedenen Regionen [der Welt]“ (hier kurz Melong) im sozio-historischen Kontext. Diese Zeitung wurde von 1925-1963 im indischen Grenzort Kalimpong, das im heutigen Westbengalen liegt, produziert. Von dort wurde sie monatlich mit Yak-Karawanen nach Lhasa gebracht. Die Zeitung hatte zwar ein globales Distributionsnetzwerk, ihre HauptleserInnenschaft befand sich aber in Zentraltibet und Kalimpong.
Die medienhistorische Studie untersucht, wie das globale Produkt „Zeitung“ für ein tibetisch-sprachiges Publikum adaptiert wurde, und analysiert einerseits damit einhergehende Transformationsprozesse des Genres Zeitung und andererseits der daran teilhabenden Gemeinschaft „Tibet“. Aufgrund der Quellenlage fokussiert sie auf Vorstellungen über dieses Tibet innerhalb der Zeitung und verbindet somit Benedict Anderson’s Thesen der „Imagined Communities“ mit dem transkulturellen Ansatz.