Andre Dechert: Dad on TV Sitcoms, Vaterschaft und das Ideal der Kernfamilie in den USA, 1981-1992

Abstract
Ziel der Arbeit ist es auf Basis einer Analyse verschiedener Quellen nach historisch-hermeneutischer Methode herauszuarbeiten, wie hegemoniale Familienwerte in den USA in den 1980er- und frühen 1990er-Jahren zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen über die Figur des Vaters und des Kernfamilienmodells ausgehandelt worden sind und wie die jeweils in diesem Rahmen vertretenen Familienwerte an historische Familienwerte anknüpften oder sich von diesen abhoben. Den Untersuchungsgegenstand der Arbeit bilden dabei die Debatten um die Vaterschafts- und Familienkonzepte der drei US-amerikanischen Sitcoms Love, Sidney (NBC, 1981-83), The Cosby Show (NBC, 1984-92) und Murphy Brown (CBS, 1988-98). Die Debatten um diese drei Sitcoms haben eine besondere Qualität: Keine weitere Sitcom löste aufgrund der jeweils von ihr angelegten Vaterschafts- und Familienkonzepte eine vergleichbare Debatte aus, die in der massenmedialen Öffentlichkeit der USA Aufmerksamkeit fand.

Daniel Wollnik: Das Telefon und seine Einführung in Japan im 19. Jahrhundert Diskursanalytische Bemerkungen zu einem besonderen Fall der Telefongeschichte

Abstract
Der Beitrag gibt einen Überblick über die Problemstellung, das theoretisch-methodische Konzept und ausgewählte Ergebnisse der Masterarbeit Die gesellschaftliche Implementierung des Telefons in Japan im 19. Jahrhundert – Eine Analyse aus diskursgeschichtlicher Perspektive, die mit dem Nachwuchsförderpreis Kommunikationsgeschichte 2018 ausgezeichnet wurde.1 Ausgehend von der Beobachtung, dass die gesellschaftliche Implementierung des Telefons in Japan sowohl im internationalen Vergleich als auch im Vergleich zur schnellen Implementierung des japanischen Post- und Telegrafenbetriebs auffallend schwerfällig verlief, untersucht die Arbeit diesen Prozess und fragt nach den Gründen für die besondere Entwicklung der Telefonie in Japan im späten 19. Jahrhundert. Im Unterschied zur bisherigen Forschungsliteratur, die überwiegend technische, politische oder ökonomische Faktoren als Erklärung in den Vordergrund rückt, liegt der Analysefokus zu diesem Zweck auf der zeitgenössischen Perzeption und diskursiven Bedeutungskonstruktion des Telefons. Die Arbeit erschließt damit einerseits den besonders interessanten japanischen Fall für international vergleichende Studien zur Frühgeschichte des Telefons und bereichert andererseits den defizitären Forschungsstand zur japanischen Telefongeschichte durch ein theoretisch fundiertes und systematisches diskursanalytisches Vorgehen.

Zehra Özkececi: Das Propagandamodell von Chomsky und Herman und die Medienpolitik in der heutigen Türkei

Abstract

Die politische Entwicklung in der Türkei, die seit mehreren Jahren zunehmend autoritäre Züge annimmt und demokratische Grundsätze in Frage stellt, hat Debatten darüber ausgelöst, wie die türkische Staatsform jetzt zu bewerten ist. Handelt es sich überhaupt noch um eine Demokratie, herrscht eine feudale Oligarchie, wo alle wichtigen Regierungsgeschäfte im Familienbetrieb vergeben werden oder ist es bereits eine Diktatur? Neben anderen Theorien wurde auch das fast schon in Vergessenheit geratene Propagandamodell von Chomsky und Herman herangezogen, um die aktuelle türkische Politik zu erklären.

Dieser Artikel beschäftigt sich daher mit der Frage, ob diese Demokratie- und Medientheorie tatsächlich dazu geeignet ist, die AKP-Politik zu analysieren. Dazu wird die Theorie zunächst vorgestellt, bevor ihre Anwendbarkeit auf das türkische System untersucht wird.

Bianca Burger: Von Erregungskurven und Phallusgötzen Eheratgeber und ihre Strategien der Wissensvermittlung in den 1920er-Jahren am Beispiel Theodoor Hendrik van de Velde und Sofie Lazarsfeld

Abstract
Im folgenden Beitrag stehen zum einen die Eheratgeber Die vollkommene Ehe von Theodoor Hendrik van de Velde und Wie die Frau den Mann erlebt von Sofie Lazarsfeld im Fokus. Gerade in der Zwischenkriegszeit boomte die Sachbuchliteratur und die aufkommenden Ehe- und Sexualratgeber ermöglichten in einer Zeit der Liberalisierung einen öffentlichen Diskurs über Sexualität, die trotz allem ausschließlich im Rahmen der Ehe gelebt werden durfte. An Hand dieser beiden Druckwerke aus der Zwischenkriegszeit wird unter anderem die Frage erläutert, warum das Thema der Reproduktion in dieser Zeit von Seiten der Politik aber auch der Gesellschaft besondere Beachtung erfuhr was sich an der Verbreitung der biologischen und psychologischen Ehehygiene verdeutlicht. Anschließend werden die Eheratgeber einer diskursanalytischen Fragestellung unterzogen: welche Themen werden in welcher diskursiven Rahmung wie verhandelt, welche Geschlechterrollen werden in den Ratgebern präsentiert und wie sollte bzw. konnte die Ehe nach Meinung des Verfassers bzw. der Verfasserin verbessert werden. Während Lazarsfeld einen ganzheitlichen Ansatz verfolgte und auch den Lebensumständen vor allem der Frauen vor und während der Ehe Beachtung schenkt und bereits in der richtigen Erziehung der Kinder die Grundlagen sieht, fokussiert sich van de Velde vorwiegend auf die Ehe.

Julia Lönnendonker: Europäische Identität Methodisches Vorgehen einer historisch vergleichenden Diskursanalyse europäischer Identität

Abstract
Der Beitrag beschreibt historisch-vergleichend die Konstruktionen europäischer Identität anhand der Debatte um einen möglichen Beitritt der Türkei zur EWG/EG/EU seit 1959. Es wird untersucht, mit welchen Charakteristika die Gemeinschaft der EuropäerInnen im Diskurs beschrieben wird, wie ihre Grenzen definiert werden und wer als ihr potentielles Mitglied angesehen wird. Der Fokus des Artikels liegt auf der Beschreibung des empirischen Zugangs. Es wird ein Forschungsdesign für eine wissenssoziologische Diskursanalyse (WDA) der medialen Öffentlichkeit beschrieben, mit dem sich auch die Dynamiken der historischen Entwicklung und der Ausdifferenzierung der Identitätskonstruktionen zeigen lassen. Es werden zudem die Vor- und Nachteile der WDA Perspektive im Vergleich zu rein inhaltsanalytischen Verfahren diskutiert.

Stefanie Mathilde Frank: Wiedersehen im Wirtschaftswunder Remakes von Filmen aus der Zeit des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik (1949-63)

Abstract
Remakes sind ein typisches Phänomen im Publikumskino der Adenauer-Zeit, wurden aber in der filmhistorischen Forschung bis dato eher erwähnt als untersucht. Der Beitrag stellt die erste Dissertation über Remakes von Filmen aus der Zeit des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik (1949–63) in Bezug auf die theoretischen Ausgangspunkte, den analytischen Aufbau und ausgewählte Ergebnisse vor.
Die Remakeproduktion der 1950er Jahre basierte zum Großteil auf Stoffen und Drehbüchern, die bereits in der NS-Zeit verfilmt worden waren. Einerseits besteht dadurch eine direkte Verbindung zur Populärkultur im Nationalsozialismus, andererseits handelt es sich um Neuverfilmungen, also neue Inszenierungen der alten Filme. So bewegen sich die Remakes im Spannungsfeld zwischen Kontinuität und Veränderung, das es analytisch zu fassen galt. Die Studie erscheint im August 2017 unter dem Titel Wiedersehen im Wirtschaftswunder bei Vandenhoeck & Ruprecht unipress.

Anna Sawerthal: Eine Zeitung für Tibet Der yul phyogs so so’i gsar ‘gyur me long (1925-1963)

Abstract
Das hier vorgestellte Dissertationsprojekt beschäftigt sich mit dem Beginn der tibetisch-sprachigen Pressegeschichte und beleuchtet umfassend eine der ersten tibetisch-sprachigen Zeitungen, den yul phyogs so so’i gsar ‘gyur me long, den „Spiegel der Nachrichten aus verschiedenen Regionen [der Welt]“ (hier kurz Melong) im sozio-historischen Kontext. Diese Zeitung wurde von 1925-1963 im indischen Grenzort Kalimpong, das im heutigen Westbengalen liegt, produziert. Von dort wurde sie monatlich mit Yak-Karawanen nach Lhasa gebracht. Die Zeitung hatte zwar ein globales Distributionsnetzwerk, ihre HauptleserInnenschaft befand sich aber in Zentraltibet und Kalimpong.
Die medienhistorische Studie untersucht, wie das globale Produkt „Zeitung“ für ein tibetisch-sprachiges Publikum adaptiert wurde, und analysiert einerseits damit einhergehende Transformationsprozesse des Genres Zeitung und andererseits der daran teilhabenden Gemeinschaft „Tibet“. Aufgrund der Quellenlage fokussiert sie auf Vorstellungen über dieses Tibet innerhalb der Zeitung und verbindet somit Benedict Anderson’s Thesen der „Imagined Communities“ mit dem transkulturellen Ansatz.

Christina Krakovsky: The Political Element in Serbian Public Discourse Or: Where to Look for Political Involvement in a Seemingly Apolitical Society

Abstract
The political system in Southeast Europe has a long and complicated history. Former citizens of Yugoslavia are not only used to comprehensive manipulation and exploitation of history by politicians, but also to the silencing of stories in a private and public context. It is hardly surprising that the overwhelming majority of studies examining the political activities and participation among the population in this region conclude that there is a rather low involvement in democratic processes by citizens. Focusing mainly on Serbia, this paper takes a different approach. The present paper aims to demonstrate that the political field is closely entwined with cultural, artistic, and civil activism. Hence, a vast amount of political competence lies in an often-overlooked, so-called non-political area. A recognition and integration of this political potential could be an important step towards a unified and equal Europe.

Christina Steinkellner: „Der Schoß ist fruchtbar noch,…“ Zur Entwicklung rechtsextremer Ideologien in einschlägigen Zeitschriften von 1952/1953 bis zum Staatsvertrag 1955

Abstract
Das Fortleben der Ideologien ehemaliger NationalsozialistInnen nach 1945 kann sich anhand von Presseartikeln, Dokumenten, gesellschaftlichen Geschehnissen und auch politischen Aktivitäten festmachen lassen. In vorliegender Analyse wird auf die Auseinandersetzung der österreichischen Politik und Gesellschaft mit dem nationalsozialistischen Erbe eingegangen und dessen Einwirkungen auf die einschlägige Presse, insbesondere auf die Gazetten Die Aula und der Eckartbote beleuchtet. Das Ziel dieser Arbeit ist das Herausfiltern des Demokratieverständnisses der ehemaligen NationalsozialistInnen im Nachkriegsösterreich. Ausschlaggebend dabei ist, dass das Land falsch als das „erste Opfer“ des Nationalsozialismus deklariert wurde. Das besondere Forschungsinteresse liegt darin, die Einstellungen der ArtikelverfasserInnen hinsichtlich der politischen Umstände im Nachkriegsösterreich unter Berücksichtigung der schwammigen Entnazifizierungsmaßnahmen zu identifizieren. Untersucht wurde die Zeit der (Wieder-) Erscheinung der Blätter, die Jahre 1952 (Die Aula) bzw. 1953 (Eckartbote), bis zum Jahresende 1955. Damit konnten die medialen Reaktionen auf die Ratifizierung des Österreichischen Staatsvertrages, der im Mai 1955 unterzeichnet wurde, in die Analyse miteinfließen. Ebenfalls wird dem Umstand Aufmerksamkeit geschenkt, dass sich die Lage und Akzeptanz der ehemaligen NationalsozialistInnen nach deren Amnestierungen 1947/1948 um einiges besserte, ein regelrechtes Buhlen um die WählerInnenstimmen dieser „Ehemaligen“ stattfand und dies einen großen Einfluss auf gesellschaftliche und politische Bereiche in Österreich hatte.

Diotima Bertel: Journalistische Verantwortung zwischen Individualethik und Berufsethos Überblick über philosophische Positionen der Medienethik

Abstract
Die Medienethik, die in der (deutschsprachigen) kommunikationswissenschaftlichen Debatte lange Zeit eine untergeordnete Rolle gespielt hat, stellt nur selten die Frage nach ihren philosophischen Grundlagen, sondern beschäftigt sich zumeist mit moralischen Normen und Pflichten der Medienschaffenden. Der folgende Beitrag gibt einen Überblick über die philosophische Basis, die sowohl deontologisch (transzendentalphilosophisch, diskursethisch) oder teleologisch (utilitaristisch) begründet sein kann, wobei beide dieser Ansätze der normativen Ethik zugeordnet werden können. Davon ausgehend wird die Frage nach der Verantwortung als zentrale medienethische Kategorie neben Öffentlichkeit, Freiheit und Qualität behandelt. Im Spannungsfeld zwischen Individualethik und Berufsethos wird versucht, diese essentielle Kategorie einzuordnen. Die Selbstregulierung des Journalismus durch journalistische Ehrenkodizes und Presseräte ist dabei eine Möglichkeit, individuelle und berufsethische Positionen zu verbinden.