Christiane Grill: Mate Guarding und seine alltagsweltliche Relevanz Wie Bestehen und Scheitern von Treuetests reflexive Lernprozesse initiieren

Abstract: Reality-Fernsehen ist stets für die Erfüllung von voyeuristischen und eskapistischen Bedürfnissen seines Publikums kritisiert worden. Seine Wirkungen auf lebensweltliche Lernprozesse wurden zumeist ignoriert. Im Rahmen einer Medienwirkungsstudie (N=137) wurde untersucht, welche Effekte das Bestehen und Scheitern von Frauen und Männern in Treuetests auf reflexive Lernprozesse der Rezipientinnen und Rezipienten haben. Dabei wurde erstmalig das Konzept des Mate Guarding – des Überwachens und Kontrollierens der Partnerschaft – in den deutschsprachigen Kulturraum übertragen. Ergebnisse der Studie belegten, dass insbesondere jüngere Männer das größte Potential für Mate Guarding aufwiesen. Dabei würden sie verstärkt die Strategie der Beziehungs-Affirmation nutzen; auch vor Gewalt gegenüber der Konkurrenz würden sie nicht zurückschrecken. Anhand unterschiedlicher Ausgänge des taff Treuetest wurde gezeigt, dass durch positives Modell-Lernen – also durch das Vorzeigen eines erfolgreichen Bestehens des Treuetests – Mate Guarding Strategien abgebaut werden. Gleichzeitig wurden diese Strategien ebenfalls reduziert, wenn die Untreue von Männern aufgedeckt wird; sprich wenn negative Modelle als Vorlage dienten. Insgesamt wies die Studie damit sowohl lineare aus auch non-lineare, reflexive Lernprozesse bei den Zuschauerinnen und Zuschauern nach.

Andreas Enzminger: Mediationen des Schreckens Wirkung einer Holocaust-Dokumentation in der Jüdischen Gemeinde Wiens

Abstract: Nahezu keine TV-Dokumentation zum Thema Holocaust kommt seit Beginn der 1980er Jahre ohne den Einsatz von ZeitzeugInnen aus. Sie sollen den RezipientInnen als Authentizitätsbeweis dienen und historische Fakten mit subjektiven Erzählungen untermauern. Die Frage stellt sich, was dieses beliebte Inszenierungsformat für den Prozess der Geschichtsvermittlung in einer Gruppe leistet, deren Verwandte und Vorfahren dem Nazi-Terror in großer Zahl zum Opfer fielen. Mit Hilfe einer experimentellen Wirkungsstudie wird im vorliegenden Beitrag der Einfluss des Einsatzes von TäterInnen- und Opfer-ZeitzeugInnen auf geschichtsvermittelnde Prozesse bei Mitgliedern der jüdischen Gemeinde Wiens untersucht. Im Mittelpunkt stehen die rezeptive Partizipation junger österreichischer Juden und Jüdinnen an der Holocaust-Dokumentation Nacht & Nebel bzw. mögliche Rezeptionswiderstände, die aus Belastungsreaktionen resultieren. Des Weiteren wird geprüft, welche Chancen und Grenzen der Vermittlung humanitärer Werte sich aus der Präsentation von Schreckenszeugnissen der Nazi-Zeit ergeben.
Bei den 111 befragten jüdischen RezipientInnen wurden nach der Filmvorführung von Nacht & Nebel sehr hohe emotionale Belastungswerte ermittelt. Der emotionale Stress ermöglichte zwar eine intensive rezeptive Partizipation und förderte einzelne humanitäre Einstellungen, hemmte aber teilweise auch den Humanitätstransfer. Die ZeitzeugInnen fungierten i.A. als Stressmoderatoren und Türöffner für rezeptive Beteiligungsformen. Allerdings war die Zusammenstellung der ZeitzeugInnen-Typen dafür ausschlaggebend, wie hoch oder niedrig Stress, Beteiligung und Humanitätsgewinn im Einzelnen ausfielen.

Dieser Beitrag steht als Download zur Verfügung:
Andreas Enzminger (2014). Mediationen des Schreckens. Wirkung einer Holocaust-Dokumentation in der Jüdischen Gemeinde Wiens. In: medien&zeit, 29 (1), S. 50-62.

Research Corner

Unter der Rubrik Research Corner werden kommunikationswissenschaftliche Forschungsarbeiten vorgestellt, die, unabhängig von der Themensetzung des jeweiligen Heftes, qualitative wie quantitative Methodenanwendungen inklusive der damit erzielten Forschungsresultate beinhalten. Der historical approach, dem sich medien & zeit verpflicht fühlt, wird hier weit ausgelegt.

In der Research Corner werden Arbeiten zu folgenden Forschungsthemen publiziert:

  • klassische Studien der Mediengeschichte und der Analyse von Medien im Kontext von Zeitumständen,
  • empirische Untersuchungen zu aktuellen Prozessen der Geschichtsvermittlung durch Medien,
  • fachhistorische Rekonstruktionen und
  • Prozessanalysen der Kommunikation in der Zeit

medien & zeit vertritt in der Research Corner einen multiplen Methodenbegriff, der sozial- und kulturwissenschaftliche Techniken der quantitativen und qualitativen Forschung ebenso umfaßt wie rekonstruktive Methoden der Geschichtsschreibung, der empirischen Quellenkritik und narrativen Strukturierung. Gemeinsam soll den hier veröffentlichten Beiträgen ein hohes Reflexionsniveau sein.

Um die internationale Sichtbarkeit der Research Corner zu gewährleisten, können sowohl deutschsprachige als auch englische Beiträge eingereicht werden. Die Qualitätskontrolle obliegt dem Reviewing Board, das aus qualifizierten Fachvertretern des Wiener Instituts für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (IPKW) sowie des Arbeitskreises für historische Kommunikationsforschung (AHK) gebildet wird.

Die Research Corner wendet sich insbesondere an junge WissenschaftlerInnen innerhalb und außerhalb des IPKW. Studien sind als work in progress auch und gerade dann erwünscht, wenn sie innovative Elemente enthalten und methodisch exzellent sind. Nachwuchsförderung verstehen wir als Interaktionsprodukt zwischen etablierter und nicht-etablierter Wissenschaft, die gemeinsam die Kreativität der Forschung verbürgen. Die Arbeiten in der Research Corner werden gedruckter und elektronischer Version erscheinen.

Laufende Einreichung an: research_corner@medienundzeit.at

Länge der Einreichungsbeiträge: Abstract (Fragestellung, Methode, Ergebnisse, max. 1.000 Wörter ohne Literaturverzeichnis).
Nach positiver Begutachtung durch das Reviewing Board Full Paper, nach Vorgabe (siehe Richtlinien & Style Sheet).