Heft 4/2019

Offenes Heft zu historischer Kommunikations- und Medienforschung

herausgegeben von Christoph Classen, Erik Koenen, Christina Krakovsky, Mike Meißner & Bernd Semrad

  • Editorial: Christoph Classen, Erik Koenen, Christina Krakovsky, Mike Meißner & Bernd Semrad
  • Lisa Bolz: Die Übersetzungspraktiken der Nachrichtenagenturen im 19. Jahrhundert
  • Carmen Schaeffer: Gegen „Schmutz und Schund“ in populärer Jugendliteratur Reaktionen der LehrerInnenschaft auf den Medienwandel um 1900
  • Maria Löblich & Niklas Venema: Die SPD und ihre Frauenpresse. Die Gleichheit im Parteidiskurs nach Ausbreitung der Massenpresse
  • Kathrin Meißner: Die ‚Mietskaserne‘ als planungskulturelles Narrativ der 1980er-Jahre Zwei Fallbeispiele der Altstadt-Erneuerung in Ost- und West-Berlin
  • Research Corner
    Ernst Theis: Radio Hekaphon, Österreichs erster Rundfunksender
  • Rezensionen

Editorial 4/2019

Christoph Classen (Potsdam), Erik Koenen (Leipzig), Christina Krakovsky (Wien),
Mike Meißner (Fribourg) & Bernd Semrad (Wien)

Mit der letzten Ausgabe des Jahres 2019 setzt medien & zeit das Konzept eines offenen Heftes fort. In Ergänzung zu den vielfältigen und thematisch fokussierten Schwerpunktheften bietet das Offene Heft ein Forum, um die Bandbreite kommunikations- und medienhistorischer Forschung in einer Ausgabe abzubilden. Damit bedient das Format ein gegenwärtiges Bedürfnis – nicht zuletzt von jungen WissenschaftlerInnen – innerhalb der deutschsprachigen Kommunikations- und Mediengeschichte, wie die Einreichungen deutlich zeigen. Insofern ist es das Anliegen der HerausgeberInnen, weiterführende Diskussionen und Forschungen mit den AutorInnen anzuregen.

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Lisa Bolz: Die Übersetzungspraktiken der Nachrichtenagenturen im 19. Jahrhundert

Die drei großen europäischen Nachrichtenagenturen des 19. Jahrhunderts (Havas, Reuters, Wolff’s Telegraphisches Bureau) gründeten ihren Erfolg auf einen effizienten Nachrichtenaustausch, der Ressourcen bündelte und Konkurrenz abhielt. 1859 und 1870 unterschrieben sie umfassende Kooperationsverträge, die die Nachrichtenverteilung auf viele Jahrzehnte hin prägten. Essentiell bei der Verteilung waren Übersetzungsprozesse, wobei die telegraphischen Depeschen in der Regel vorgegebenen Routen folgten und täglichen Übersetzungsroutinen unterworfen waren. Auf diese Weise kann mit der Etablierung der telegraphischen Depesche als journalistisches Format eine Standardisierung der Nachrichtenvermittlung festgestellt werden. Innerhalb dieses Netzwerkes lassen sich auch Unregelmäßigkeiten erkennen, die die Komplexität der Arbeitsprozesse unterstreichen und eine qualitative Analyse der Agenturübersetzung unabdingbar machen. Durch die täglichen Routinen und internationalen Normen entstand die Depesche als transkulturelles Objekt, das mit Leichtigkeit zwischen Ländern und Zeitungen zirkulierte und Teil eines transnationalen Nachrichtenproduktionsprozesses war.

Carmen Schaeffer: Gegen „Schmutz und Schund“ in populärer Jugendliteratur

Reaktionen der LehrerInnenschaft auf den Medienwandel um 1900

Dieser Beitrag erweitert den Forschungsstand zur Schmutz- und Schunddebatte am Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert um eine genuin kommunikationswissenschaftliche Betrachtung. Die Expansion populärer Literatur um 1900 ging mit intensiven Diskussionen einher, an denen sich auch LehrerInnen rege beteiligten. Geleitet vom Medialisierungsansatz wird mithilfe eines kommunikationswissenschaftlichen Fokus erfasst, inwiefern die LehrerInnenschaft von der Ausdifferenzierung des Mediensystems beeinflusst wurde. Im Mittelpunkt steht die Frage nach den Reaktionen der LehrerInnenschaft auf populäre Jugendliteratur und ihren Beweggründen. Hauptmotiv des Schundkampfes war, dass LehrerInnen die Literatur als neuen Konkurrenten in der Definition und Vermittlung grundlegender Normen und Werte betrachteten und daher ihre eigene gesellschaftliche Stellung in Zeiten von Schulreformen bedroht sahen und sichern mussten. Strategien wurden den sich verändernden Medienstrukturen angepasst und forcierten vorrangig Aufklärungsarbeit, die Erschließung geduldeter Schriften sowie repressive (medienpolitische) Maßnahmen.

Maria Löblich & Niklas Venema: Die SPD und ihre Frauenpresse

Die Gleichheit im Parteidiskurs nach Ausbreitung der Massenpresse

Mit der Expansion der Massenpresse entstand im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts ein breites Medienangebot, das sich verstärkt auch an Frauen richtete. Die SPD versuchte, dem ab 1892 die eigene Frauenzeitschrift Die Gleichheit unter Chefredakteurin Clara Zetkin entgegenzusetzen. Trotz andauernder Kritik der Mitglieder über Defizite gegenüber den konkurrierenden Blättern hielt die Partei an der Zeitschrift fest. Gestützt auf die Medialisierungsperspektive und den diskursiven Institutionalismus untersucht der Beitrag, wie die SPD im parteiöffentlichen Diskurs über Die Gleichheit die Ausbreitung der Massenpresse und die Ausdifferenzierung der Frauenpresse für sich verarbeitete. Die Quellenanalyse von Parteitags- und Parteiausschussprotokollen sowie Theorie- und Strategiezeitschriften der SPD zeigt, wie die Gewissheit aufrechterhalten wurde, in Abgrenzung zur kommerziellen Presse auch ein eigenes Frauenblatt zu benötigen. Das Beispiel der Gleichheit verdeutlicht das grundsätzliche Dilemma der SPD: Sie sah sich in der Massenpresse nicht repräsentiert und hielt an der eigenen Parteipresse fest, die aber unter den Bedingungen eines kommerziellen Medienangebots nicht bestehen konnte.

Kathrin Meißner: Die ‚Mietskaserne‘ als planungskulturelles Narrativ der 1980er-Jahre

Das Narrativ der Mietskaserne entstand als Resultat industrieller Urbanisierung und expansivem Bau von Massenmietshäusern zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Für GroßstadtkritikerInnen und wandelnde Stadtplanungsleitbilder diente die ‚Mietskaserne‘ als Argument ‚schlechte‘ Stadtplanung zu benennen und von den zeitgenössischen ‚besseren‘ Planungsidealen abzugrenzen. Mitte der 1970er-Jahre begann im Zuge der Altstadt-Aufwertung allmählich eine Relativierung hin zu einer positiven Projektionsfläche urbaner und gesellschaftlicher Identität. Der Beitrag untersucht anhand von zwei Fallbeispielen der 1980er aus Ost- und West-Berlin die Verwendung des Narrativs ‚Mietskaserne‘ in der medialen Öffentlichkeit in planungskulturellen Diskursen der Altstadterneuerung. Dabei spielen sowohl implizite als auch explizite Referenzen zur ‚Mietskaserne‘ in schriftlichen wie visuellen Textquellen eine Rolle. In der medialen Kommunikation und dem stetigen Rückbezug auf die Zuschreibungen der ‚Mietskaserne‘ wird das Narrativ im spezifischen Kontext der Fallbeispiele verortet und gleichzeitig in öffentlichen Diskursen und der zeitgenössischen Planungskultur reproduziert und verbleibt somit gesamtgesellschaftlich präsent.

Ernst Theis: Radio Hekaphon, Österreichs erster Rundfunksender

Die wissenschaftliche Darstellung des ersten österreichischen Radiosenders Radio Hekaphon ist der erste Teil der Dissertation Musik für das Medium Radio (1923-1934), die der Autor des Artikels im Frühjahr 2019, begleitet vom Institut für Musiksoziologie der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, vorlegte. Die im Folgenden vorgestellten Aspekte daraus beschäftigen sich im Wesentlichen mit der Entstehungsgeschichte des nahezu unbekannten Senders Radio Hekaphon, seiner Entstehungsgeschichte und geht den Fragen nach warum er sich nicht durchsetzen konnte und warum er einen Platz als vollgültiger Sender, nicht als Randerscheinung, in der österreichischen Mediengeschichte verdient hat.