1/2018

Kommunikationsgeschichte der Vernetzung

herausgegeben von Erik Koenen, Niklas Venema & Matthias Bixler

 

Inhalt

Editorial und Forschungsüberblick 1/2018 Erik Koenen, Niklas Venema & Matthias Bixler

Historische Netzwerkforschung als Perspektive und Methode der Kommunikations- und Mediengeschichte

In den letzten Jahren kann in großen Teilen der Geistes- und Sozialwissenschaften ein „Network Turn“ beobachtet werden (Fangerau & Halling 2009) – so auch in den historischen Wissenschaften. In der Geschichtswissenschaft wurden Netzwerkansätze an mehreren Stellen unabhängig voneinander (wieder-)entdeckt (Bixler 2015, 2016). In der Folge hat sich mit der „Historischen Netzwerkforschung“ (HNR) in diesem disziplinären Kontext ein heterogenes Forschungsfeld herausgebildet, in dem HistorikerInnen epochenübergreifend versuchen, Theorien und Methoden der sozialwissenschaftlichen Netzwerkanalyse (SNA) für historische Fragestellungen fruchtbar zu machen (Düring, Eumann, Stark & von Keyserlingk 2016; Siehe auch die Webseite des ForscherInnenverbunds „Historische Netzwerkforschung“: Historical Network Research. Network Analysis in the Historical Disciplines: http://historicalnetworkresearch.org, Zugriff am 04.05.2018).
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Désirée Dörner: „Bloß nicht den Faden verlieren“ Eine kommunikationshistorische Netzwerkanalyse zu den inneren und äußeren Verbindungslinien der bürgerlichen Frauenbewegung im Deutschen Kaiserreich am Beispiel des Münchener Vereins für Fraueninteressen

Abstract

Aktuelle sowie historische soziale Bewegungen sind auf gut funktionierende Netzwerke angewiesen, um einerseits mediale Aufmerksamkeit und damit Eingang zu politischen Entscheidungsgremien zu finden und sich andererseits gesellschaftlichen Rückhalt für die Durchsetzung ihrer Interessen zu sichern. Vor diesem Hintergrund untersucht der Beitrag mit Hilfe von quantitativen Erhebungsverfahren die Netzwerkaktivitäten der bayerischen Frauenbewegung im Deutschen Kaiserreich. Als Analysematerial werden Zeitungsberichte herangezogen, welche sich als sehr ertragreiche Quellen für die historische Netzwerkforschung herausstellen. Die standardisierte Erhebung der in der Münchener Zeitung publizierten Vernetzungsaktivitäten zeigt, dass neben den Verbindungslinien innerhalb der Frauenbewegung auch vielfache Beziehungen außerhalb der Bewegung identifiziert werden können. Insbesondere die Beziehungen zur Politik und zu weiteren gesellschaftlichen Teilbereichen spielen in den direkten und indirekten Kontakten eine zentrale Rolle.

Heiner Stahl: Propagandawissen und Stellenbesetzungen in der Presseabteilung der Direktorialkanzlei des Verwaltungsrates des Vereinigten Wirtschaftsgebietes (1948-1949)

Abstract

Dieser Beitrag untersucht die Bedeutung von persönlichen und professionellen Netzwerken, die bei der Besetzung von Referentenstellen in der Presseabteilung der Direktorialkanzlei des Verwaltungsrates des Vereinigten Wirtschaftsgebietes der US-amerikanischen und britischen Besatzungszone zum Tragen kamen. Die Presseabteilung existierte zwischen Juli 1948 und September 1949 und stellt einen direkten Vorläufer des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung der Bundesrepublik Deutschland dar. Ein katholisches, ein auf das Auswärtige Amt vor 1945 bezogenes sowie ein – an die CDU gebundenes – auf die publizistische Neuausrichtung der Westzonen in Richtung Europa zielendes Beziehungsgeflecht war dabei mit seinen Personalvorschlägen erfolgreich; ein aristokratisches, ein akademisches sowie ein auf Berufserfahrungen im journalistischen Betrieb – sowohl vor wie auch nach 1933 – beruhendes Geflecht von Beziehungen jedoch nicht. Der Beitrag stellt exemplarisch sechs Lebensläufe von Bewerberinnen und Bewerbern vor und arbeitet daran die Selbstinszenierung beruflicher Erfahrung, die Darstellung von Ausbildungs- und Karrierewegen sowie die Hervorhebung fachspezifischer Kenntnisse bzw. individuellen Wissens bezüglich Propagandapraktiken heraus, mit denen sich diese präsentierten. Dabei wird deutlich, dass diese Lebensläufe im Sinne von Berufsbiografien sowohl durch Brüche wie auch durch Bemühungen um Wiederanschluss an und Selbsteinpassung in sich ändernde politische, soziale und – vor allem – publizistische Bedingungen gekennzeichnet waren.

Zehra Özkececi: Das Propagandamodell von Chomsky und Herman und die Medienpolitik in der heutigen Türkei

Abstract

Die politische Entwicklung in der Türkei, die seit mehreren Jahren zunehmend autoritäre Züge annimmt und demokratische Grundsätze in Frage stellt, hat Debatten darüber ausgelöst, wie die türkische Staatsform jetzt zu bewerten ist. Handelt es sich überhaupt noch um eine Demokratie, herrscht eine feudale Oligarchie, wo alle wichtigen Regierungsgeschäfte im Familienbetrieb vergeben werden oder ist es bereits eine Diktatur? Neben anderen Theorien wurde auch das fast schon in Vergessenheit geratene Propagandamodell von Chomsky und Herman herangezogen, um die aktuelle türkische Politik zu erklären.

Dieser Artikel beschäftigt sich daher mit der Frage, ob diese Demokratie- und Medientheorie tatsächlich dazu geeignet ist, die AKP-Politik zu analysieren. Dazu wird die Theorie zunächst vorgestellt, bevor ihre Anwendbarkeit auf das türkische System untersucht wird.