4/2017

Fakt – Fake – Pop
Kulturelle Dynamiken, Spiele und Brüche

herausgegeben von Christoph Jacke & Beate Flath

 

Inhalt

Editorial 4/2017 Christoph Jacke & Beate Flath

„Vor Jahren habe ich mal eine Weile in der Redaktion eines Pop-Magazins arbeiten dürfen. […] Das ist immerhin ein Ort, an dem man noch vergleichsweise viel Erfahrungshunger hinsichtlich kulturindustrieller Erzeugnisse erwarten darf, ein Ort, an dem die übleren Borniertheiten des schöngeistigen Milieus nicht vorkommen sollten. Wie habe ich mich deshalb darüber gewundert, dass ich dort erleben musste, wie Damen und Herren mit lupenreinster Bohème-Sozialisation in den besten Rauchkneipen Altwestdeutschlands in den Pausen zwischen öden Redaktionskonferenzen und hektischer Heftmacherei sich immer wieder das Maul über drastische Unterschichtsvergnügungen zerrissen haben – Pazifistinnen, Feministen, lauter Leute, die sich eher die Zunge abgebissen hätten, als ein politisch unkorrektes Röcheln von sich zu geben, schmähten da, so gut sie konnten, missliebige Rocker als ‚Inzest-Hinterwäldler‘, bezeichneten schrille weibliche Disco-Stars als ‚peinliche Realschülerinnen‘ oder nannten Computerspiele mit hohem Metzelfaktor ‚Unterhaltung für Untermenschen‘ – nicht im guten, bösen Spaß, sondern mit erhobenem Zeigefinger, im schönsten Lehrertremolo. Man kann ihn sich nicht vorstellen, wenn man nicht dabei war, diesen mit Ekel vor vermeintlich niederen Lebensformen vermischten Klassendünkel von Anwaltstöchtern und Fabrikantensöhnen, Buben mit Adelstiteln und Mädchen mit Nazigroßvätern, dieses altjüngferliche … na ja, schon gut. Ich hatte in meinem Leben vor meiner Arbeit bei der Pop- und sonstigen Kultur sowenig mit diesem liberalen Menschenschlag zu tun wie umgekehrt jene Damen und Herren mit Proleten, auch ordentlich anintellektualisierten wie mir.“
(Dath 2005, 82-83) Weiterlesen

Sonja Eismann: Manche sind faker als andere

Pseudo. Das schlimmste Schimpfwort für alle Jugendlichen, die in den 1980er-Jahren unbedingt einer der zur Auswahl stehenden Subkulturen angehören wollten. Punk nur, weil es gerade Mode ist. Heute Waver, morgen Rockabilly, übermorgen Popper. Die Klamotten beim Faschingszubehör statt im einzigen richtigen Laden erstanden. Nicht ernsthaft, nicht ernst zu nehmen, Ächtung, Ausschluss. Da half es auch nichts, dass sich die Punkband Slime 1982 der virulenten Thematik auf ihrer zeitgeistig fragwürdig Yankees raus betitelten Platte annahm und alle Negativzuschreibungen in einer Art Reclaiming-Strategie avant la lettre vorweg nahm:

„Ich bin ein Pseudo, das ist mir so bewusst
Doch wer ist das Original, hätt’ ich gern mal von dir gewusst
Ich bin ’ne Kopie, das ist mir so klar
Doch weiß ich immer noch nicht, wer der erste war“.

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Stefanie Roenneke: Identitätsspiele Die neue Künstlichkeit von St. Vincent

Abstract
Mit der Veröffentlichung ihres fünften Studioalbums Masseduction Ende 2017 überraschte die Musikerin Annie Clark alias St. Vincent mit einer ganzheitlichen Inszenierung, die bewusst auf Künstlichkeit und Stilisierung ausgerichtet ist. Daher wurde sie seitens der Musikkritik sowohl mit David Bowie verglichen als auch in die Nähe zu einer Camp-Ästhetik gerückt. Durch den Umgang mit nostalgischen und aktuellen Versatzstücken aus Popkultur und Mode sowie durch die Objektifizierung der Figur lassen sich Momente einer camp-typischen Überreizung und spielerischen Sinnentleerung erkennen.

Jens Balzer: Es gibt keine Wahrheit im Pop – es sei denn, man fälscht sie

Die Wahrheit zu suchen, ist leider auch keine Lösung: Das war einer der vorherrschenden Gedanken, die einem beim Blick auf das popmusikalische Jahr 2017 immer wieder durch den Kopf gingen. Im Jahr zuvor, mit der Brexit-Kampagne und dem Präsidentschaftswahlkampf in den USA, war die Politik nach allgemeiner Einschätzung in das postfaktische Zeitalter eingetreten; in Deutschland und Großbritannien wurden postfaktisch und post-truth jeweils zu den Wörtern des Jahres gewählt. Seither pflegt man die Verwirrung von Fakten und Fakes gemeinhin dem technischen Arsenal der politischen Reaktion zuzuschlagen. Weiterlesen

Joachim Westerbarkey & Christoph Jacke: Pop im Kopp Ein Vorschlag zur Image-Analyse eines schwer fassbaren Phänomens zwischen Fakt, Fiktion und Fake

Abstract
Weil es keinen Konsens darüber gibt, was Pop(kultur) genau ist, sollte man Pop als das definieren, was Menschen darunter verstehen und wie sie sich mit anderen darüber verständigen. Maßgeblich dafür sind die Images der Popmusik und ihrer Akteure, die aus Selbstdarstellungen, eigenen Beobachtungen, Erzählungen und Medienangeboten resultieren. Wer der Popkultur immer noch Trivialität bescheinigt, übersieht, dass Triviales Kommunikation erleichtert und dass das die enorme Kreativität von Popakteuren und ihr Spiel mit verschiedenen Realitäten alles andere als trivial sind. Um die hohe Varianz möglicher Pop-Images von Musikern und Publika, Veranstaltern und Journalisten, Fans und Kritikern zu erfassen, wird ein empirisches Instrument entworfen, mit dem man die Zuschreibung von Merkmalen darstellen und vergleichen kann. Als Anregung dazu diente die Lektüre diverser Programm- und Pressetexte zu Pop-Ikonen, Pop-Epigonen und Musikveranstaltungen.

Siegfried J. Schmidt: Konstruktivismus: ein Pate des Fake_Ismus?

1. Nach Ansicht der sog. Neuen Realisten, wie z. B. M. Gabriel oder P. Boghossian, ist die postmoderne Philosophie, unter die umstandslos auch „der Konstruktivismus“ subsumiert wird, verantwortlich für die Auffassung, dass unser Umgang mit Wirklichkeit und Wahrheit völlig beliebig ist, weil wir „[…] alle Fakten oder Tatsachen selbst konstruiert haben.“ (Gabriel 2013, 56)1 So ist nach Ansicht Gabriels

„[…] der Konstruktivismus absurd, er wird meist aber nicht durchschaut. […] Der Wahlspruch der fröhlichen Konstruktivisten lautet: Jeder sein eigener Faust oder seine eigene Novemberrevolution. Es ist eben alles eine Frage der Wahrnehmung.“ Weiterlesen

Malte G. Schmidt: Back to the Future (Popmusik-)Journalismus im neuen faktischen Zeitalter

Abstract
Ausgehend von einer neuen Fundamentalopposition gegenüber wahrheitsskeptischen Positionen untersucht der Beitrag den Einfluss postmoderner und konstruktivistischer Theorien auf die Praxis und Erforschung des (Popmusik-)Journalismus. Im Zentrum des Interesses stehen Ansätze, die die legitimatorische Basis der Wahrheitsvermittlung, nämlich die Werteorientierung an Objektivität (Journalismus) und Authentizität (Popmusik) infrage stellen. In der Zusammenschau können nur wenige empirische Indizien für den Eintritt in die Postmoderne ausfindig gemacht werden. Daher ist ihre Diskreditierung als philosophisches Konzept, die mit der Renaissance emphatischer Wahrheitsbegriffe einhergeht, unbegründet. Im Gegensatz zum vermeintlich postfaktischen Zeitalter, das im Zuge der Fake-News-Debatte vielerorts ausgerufen wurde, ist vielmehr von einem Realistic Turn auszugehen. Die hiermit verbundene Rückbesinnung auf tradierte Werte der Hochmoderne lässt auf ein erhöhtes Bedürfnis nach kollektiven Sinnangeboten zur Identitätskonstruktion schließen. Angesichts allgegenwärtiger Komplexitätsdiagnosen sind die Gründe für diesen Bedarf zu reflektieren, so das abschließende Plädoyer.

Hans Nieswandt: Popjournalismus als Parlament

Popjournalismus, Musikzeitschriften und deren AkteurInnen beschäftigen, beeinflussen und beglücken mich (mehr oder weniger) seit ungefähr meinem zwölften Lebensjahr, also seit etwa 1976. Zunächst waren das Magazine wie Pop, eine heute längst vergessene Alternative zur Bravo, ohne Aufklärungsseiten, dafür mit wesentlich höherem Musikanteil, denn das Heft kam mit Melody Maker, was mir damals allerdings noch nichts sagte. Weiterlesen

Harald Schroeter-Wittke: Faith is Fake (naNa Na naNa) Eine kleine 10-Punkte-Theologie des Glaubens, der Berge versetzen kann

Abstract
Der Artikel unternimmt eine kultur- und theologiegeschichtliche Spurensuche der These, dass der christliche Glaube als faith (fiducia) und die dialektische Doppelstruktur des Fake nahe Verwandte sind. Vor diesem Hintergrund liest der Autor zentrale biblische Szenen und Narrative neu und empfiehlt fakesmile statt Faksimile mit dem ultimativen Hinweis: Wer’s glaubt, wird selig.