Konrad Paul Liessmann und Jürgen Grimm im Gespräch über das Phänomen Kitsch

Einleitung:
Crossmediale Vernetzung – sei es im Print- und Onlinebereich, sei es in TV und Radio und/ oder Print – ist ein Modell, das in Publikumsmedien längst zur Praxis geworden ist. medien&zeit beschritt als wissenschaftliche Fachzeitschrift wohl als Pionier diesen Weg und lud gemeinsam mit dem Internet-TV-Anbieter dada-dada.tv zwei Wissenschaftler, die sich dem Phänomen Kitsch aus einer wertfreien Disposition heraus zugewandt haben, an einen Diskussionstisch und vor Kamera und Mikrofon. Die TV-Aufzeichnung des folgenden Gesprächs finden Sie auf www.dada-dada.tv

Jürgen Grimm: Eudaimonistischer Rausch Kitsch und moralische Glückseligkeit

Abstract:
Der Beitrag aktualisiert und erweitert die Kitsch-Thesen des Autors aus dem Jahre 1998. Vorgeschlagen wird eine alternative Sicht auf Kitsch-Phänomene, die nicht die ästhetische Minderwertigkeit von Objekten, sondern den existenziellen und alltagspraktischen Wert für die Kitsch-Gebraucher in den Mittelpunkt rückt. Kitsch wird verstanden als Ästhetik vergessender Zustand, der mit Harmoniebedürfnissen korreliert. In diesem ANDEREN Zustand, der sich vom normalen Alltagserleben unterscheidet, empfindet das Subjekt echte und intensive Gefühle von Liebe und Geborgenheit, die von Kitsch-Objekten ausgelöst werden und/oder zur Produktion von Kitsch-Objekten führen. Das Kitsch-Erleben wird gratifiziert – und darin liegt die neue Zuspitzung der Theorie – durch moralische Glückseligkeit, die den Kitsch mit dem Wunsch verzahnt, tugendhaft zu sein und Gutes zu tun. Abschließend werden Anwendungsperspektiven der Kitsch-Theorie für die kommunikationswissenschaftliche Unterhaltungsforschung diskutiert.

Konrad Paul Liessmann: Kitsch

Einleitung:
Kitsch und materielle Kultur Wohl kaum ein Phänomen ist in der materiellen Alltagskultur so präsent und gleichzeitig so umstritten wie der Kitsch. Kaum eine Wohnung, kaum ein Garten, kaum ein Fernsehprogramm, kaum ein Weihnachtsmarkt, der frei wäre von dem, was gerne als Kitsch bezeichnet wird. Von den Gartenzwergen bis zu der mit Lichtgirlanden bekränzten Madonna, von den sanft rieselnden Schneekugeln bis zu treuherzigen Porzellanpudeln, von Statuetten antiker Göttinnen bis zum leuchtenden Gondoliere, von den röhrenden Hirschen bis zu den überwältigenden Sonnenuntergängen, von niedlichen Nippesfiguren bis zu schmalzigen Melodien, von tränenreichen Liebesbeziehungen in Seifenopern und Telenovelas bis zu den endlosen Orgasmen der neueren literarischen Softpornos reicht die Palette dessen, was sich zumindest dem Kitschverdacht aussetzt. Gleichzeitig gelten der Kitsch und das Kitschige als Ausdruck eines schlechten Geschmacks. Kitsch wird in der Regel nicht als Phänomen sui generis, sondern in Opposition zu Kunst gesehen. Die Formensprache des Kitsches hat gegenüber der von Kunst ein hohes Maß an Eindeutigkeit aufzuweisen. Sanfte, engelsgleiche Mienen, pinkfarbene Gewänder und Accessoires, gefaltete Hände, das Niedliche und Bunte, das Ungetrübte und Harmonische, eine idyllische Natur, das Glatte und Kindliche sowie eine Sentimentalität, die unmittelbar zu Herzen geht, sind die Ingredienzien, aus denen sich der Kitsch zusammensetzt. Die Funktion des Kitsches im Alltag ist dann ebenso klar wie umstritten: es geht um Verschönerung und Behübschung, um Entspannung und Trost, um die Evokation positiver Gefühle und um die Rührung, um angenehme, mit der Welt versöhnende Reize und das seelische Wohlbefinden. Wer sich dem Kitsch aussetzt oder diesem bewusst einen Platz in seinem Leben einräumt, muss sich deshalb nicht selten den Vorwurf gefallen lassen, sich mit falschen Tröstungen und Harmonien eine heile Welt vorzugaukeln, in der alles klein, niedlich, überschaubar, geordnet, harmonisch und rührselig sein darf, um die Härte, die Ungerechtigkeit und die Differenzen der Wirklichkeit nicht wahrnehmen zu müssen. Die Objekte des Kitsches werden deshalb auch gerne aus einer ideologiekritischen Perspektive kritisiert, als Ausdruck von Verlogenheit und falscher Idylle…

Julia Genz: Kitschig, unfreiwillig komisch oder einmalig? Die Entstehung von Wertungsdiskursen und die Rolle der Medien anhand der Lyrik Friederike Kempners

Abstract:
Im Beitrag wird zunächst gestützt auf die Habilitationsschrift der Autorin der Kitsch über die drei Zugänglichkeitskategorien (sozial/medial, kognitiv und emotional) gegenüber verwandten Diskursen (Trivialität, Banalität) abgrenzt und als Diskurs gekennzeichnet, der leichte emotionale Zugänglichkeit abwertet. So lässt sich das paradox anmutende Phänomen nachvollziehen, dass bestimmte Literatur einerseits als „kitschig“ und nicht lesenswert gebrandmarkt wird, andererseits jedoch häufig eine große Leserschaft findet. Auch Komik und Humor als häufige Reaktion auf Kitsch lässt sich durch das Wechselspiel von reflexartig aktivierten Reaktionen und nachträglicher rationeller Distanzierung verstehen. Anhand ausgewählter Kritiken über Lyrik des 18. Jahrhunderts (Schiller über Gottfried August Bürger) sowie des 19. Jahrhunderts (Kritiken zu Friederike Kempner) kann anschließend exemplarisch gezeigt werden, wie es zu diesem Wechselspiel aus emotionaler und rationeller Rezeption kommt und wie die Verbreitung und Stabilisierung des Kitschdiskurses über andere Medien (Zeitschriften usw.) erfolgt.

Jochen Hörisch: Kitsch als Kunst der Selbstunterbietung Eine Bagatelle

Abstract:
Anspruchsvolle moderne Kunst ist kritische Kunst, wer wüsste das nicht? Gerade aber, weil das alle wissen, wird selten bedacht, dass sich Avantgarde-Kunst damit ein Problem einhandelt: sie steht zunehmend unter Hochleistungs- und Konkurrenzdruck wie viele andere gesellschaftliche Sphären auch – und deshalb ist sie zumindest in dieser zentralen Hinsicht nicht „kritisch“, sondern „affirmativ“, nämlich denselben Impulsen verschrieben und verpflichtet wie andere soziale Teilsysteme auch. Das ist die Chance für Kitsch – Kitsch ist der wahre Aussteiger aus den Zwängen der Avantgarde,  Kitsch versteht sich auf die Kunst der Unterbietung.

Ueli Gyr: Vom Geschmack zur Gefühligkeit Über Kitsch in der volkskundlichen Alltagsanalyse

Abstract:
Kitsch bleibt in der Diskussion, Kitsch erreicht endlich auch Akzeptanz in jener Disziplin, die sich mit der Alltagskultur beschäftigt und früher Volkskunde bzw. Europäische Ethnologie hiess. Der Beitrag zeichnet den langen Verdrängungsprozess von Kitsch nach und stellt heraus, wie dieser im Zuge eines revidierten Fachverständnisses ab den 1960er Jahren allmählich Alltagsrelevanz erreichte und frühere Moralpositionen rund um das angeblich ”Echte” überwand. Dabei zeigt sich, wie fruchtbar sich Theorien und Konzepte aus benachbarten Fächern erweisen und auf das Alltagsleben übertragen lassen. Die Bestimmung diesbezüglicher Positionen mündet in die These, derzufolge Kitsch keine Objektqualität ist, sondern als selbstgenüsslich gefühliger Erlebnismodus (Jürgen Grimm) zu fassen bleibt, zu dem es in alltäglichen rührigen Mustern, Konfigurationen, Dispositionen und inneren Bildern kommt. Kitsch gehört in eine populäre Gefühlskultur, die neu auszumessen ist, abseits einer elitären Geschmacksdebatte.

Fritz Senn & Sabrina Alonso: Kitsch und Kult um James Joyce The Itch of Kitsch

Abstract:
Aus der Perspektive der Hochkultur wird der Kitsch gerne in Gegensatz zur Kunst gesetzt und als minderwertig abgetan. Der irische Autor James Joyce zeigt allerdings einen unvoreingenommenen Blick darauf, er weiß um seine Wirkungskraft und setzt ihn in seinen ohnehin oft parodistischen Texten gezielt ein. Diesem Grenzgang gilt Teil I des Aufsatzes im ersten Teil dieses Hefts. Es bleibt auch einem Künstler wie Joyce nicht erspart, selber Teil der Kitschkultur zu werden, ins populäre Bewusstsein hinab zu steigen und in einigen Kreisen besonders Begeisterter auch Kultstatus zu erlangen. Als Autor, der Wahrnehmungsvorgänge, und damit auch Prozesse der Angleichung an eigene Fantasien, immer wieder in Szene setzt, thematisiert er schon einen Hergang, der in der Kultpraxis besonders dominiert.

Rezensionen 4/2012

Claudia Riesmeyer & Nathalie Huber: Karriereziel Professorin. Wege und Strategien in der Kommunikationswissenschaft. (= Theorie und Geschichte der Kommunikationswissenschaft, hg. von Michael Meyen), Köln: Halem 2012, 326 Seiten.
– rezensiert von Stefanie Averbeck-Lietz

Ulrich Saxer: Mediengesellschaft. Eine kommunikationssoziologische Perspektive. Wiesbaden: Springer VS 2012, 968 Seiten.
– rezensiert von Roland Burkart

Nicole Podschuweit: Warum Wahlwerbung schaden kann. Wirkung von Parteienwerbung im Kontext der Medienberichterstattung. Konstanz: UVK Verlag 2012, 360 Seiten.
– rezensiert von Christian Schemer

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