Thomas A. Bauer: Sind Medien schwul? Strittige Anmerkungen zur kulturellen Interferenz von Medialität und Homosexualität

Einleitung: Will man das Verhältnis zwischen Homosexualität und Medien analysieren und dabei herausfinden, was die Thematik für die Medien bedeutet und was die Medien für diese Thematik bedeuten, dann ist ein solcher Versuch (zunächst) nichts anderes als die übliche und schon weithin abgegriffene Beschreibung der Rolle von Sexualität in den Medien (meist reduziert auf „sex sells“) und umgekehrt (meist reduziert auf Aufklärung), wäre da nicht ein differenzierender Faktor: nämlich die Sonderheit von Homosexualität. Sie ist, wie zu beschreiben sein wird, für Medien bzw. für die mediale Durchsetzung der gesellschaftlichen Konversation von spezifischer Attraktion. Man weiß mittlerweile in aufgeklärten und säkularen Gesellschaften, dass diese Sonderheit natürlich ist, aber nicht natürlich relevant. Die Auffälligkeit ist ein Faktum der kultürlich differenzierenden Wahrnehmung und Einschätzung, die zunächst durch das statistisch gewichtende Argument der Aufteilung in eine heterosexuelle Mehrheit und eine homosexuelle Minderheit gestützt wird. Diese Gewichtung ist (nur) eine kultürliche Beschreibung einer natürlich natürlichen Vorfindlichkeit. Jede Beobachtung von Natur aber ist kultürlich, kulturell konzipiert. Sie formt die Natur im Wege der Objektivierung (Vereinzelung, Vergegenständlichung) und macht so ein Objekt der ihm durch Gebrauch zugeschriebenen Bedeutung wegen vom anderen unterscheidbar. Die Unterscheidung ist kultürlich, der Unterschied natürlich. Die Feststellung des Unterschieds ist eine kulturelle Erschließung von Natur wie auch schon die Feststellung der Natürlichkeit (z.B. der Sexualität) das Ergebnis einer unterscheidenden Beobachtung (Foerster, 1985) ist und in eben diesem Sinne ein kultureller Akt, eine kulturelle Auswertung der Beobachtung (Edgar, 1991, S. 75-84). Zunächst sind die Natürlichkeit des Geschlechts und die Kultürlichkeit der Geschlechtsdarstellung bzw. der Geschlechterbegegnung zwei Paar Schuhe, es sei denn, man hält Kultur für natürlich definiert.

Das wiederum kann man nur, wenn man die Natur nicht als ein aus sich sich entwickelndes Programm versteht, sondern als Kreatur, als geschaffene Materie, die mit einem Plan versehen, der ihr durch (göttlichen) Willen inhäriert worden wäre und auf dessen Erfüllung sie bis zu ihrem Zusammenbruch („Weltuntergang“) festgelegt sei. Dass die Natur eine kulturell unterschiedliche Wertung in sich schon einschließe und vorgebe (was natürlich und was unnatürlich ist) kann man nur annehmen, wenn man glaubt, die Natur sei ein durch (göttlichen) Willen geschaffenes Programm, das auch wieder durch (göttlichen) Willen beendet würde – und dessen Beendigung vor allem dann drohe, wenn man sich von dem Programm durch den unnatürlichen Gebrauch der ihr inhärenten Kultur absondere (Sünde). Vor allem Kreationisten und andere, meist biblisch-religiös fundierte kulturkonservative Positionen wehren sich gegen eine solche (konstruktivistische) Annahme der kulturellen Unbestimmtheit von Natur, indem sie das Dogma ausgeben, dass die Ordnung (Ästhetik und Ethik) der kultürlichen Welt ihr (auch schon) qua Natur (Kreatur) als eine Art endogenes intelligentes Design mitgegeben sei (Schönborn, 2005), woraus sie (meinen) folgern (zu können), dass jede Abänderung daher auch einen Bruch mit einer natürlich vorgegebenen Kultur (Sonderheit als Sünde, Sünde als Absonderung) sei. Der Glaube, dass Homosexualität unnatürlich und ein Bruch mit einer (gottverschriebenen) Kultur sei, hat sich durch die Dominanz der christlich-theologischen Interpretation von Natur über Jahrhunderte in unser Kulturprogramm eingeschrieben. Er hat Homosexualität – durch emotionelle pejorative Geschmacksverstärker (Homophobie, sexuelle Tabus) in einem faschistoiden Aufwisch, gekennzeichnet durch Dogmatismus und Autoritarismus (Bauer, 1982) – über eine lange Geschichte der kulturellen Dominanz von ideologisch fundierten Institutionen (alten Typs: Hierarchie) zu einem Objekt der gesellschaftlichen Hassliebe gemacht. …

Alexander Hecht: Gay ORF?! Das ORF Fernsehprogramm durch die rosa Brille betrachtet – ein Streifzug durch das Arichiv

Einleitung: Die Ausgabe des ORF-Filmmagazins Apropos Film vom 20. Juni 1969 widmete sich zum Großteil dem Filmfestival im französischen Cannes. Neben den üblichen Beiträgen über die prämierten Filme und den Interviews mit Leinwandstars zeigten die Sendungsmacher auch Bilder vom Trubel rund um das Festival. Ein Teil dieser Berichterstattung sticht dabei in besonderem Maße hervor. Am Strand von Cannes klagte das Starlet Anne Marie Birnbaum ihr Leid über die Konkurrenz, die ihr das Kennenlernen von Produzenten und Filmemachern erschwere. Das Besondere daran: Nicht etwa die weibliche Konkurrenz machte Frau Birnbaum Sorgen, nein, es waren die vielen jungen Männer „von der anderen Seite“, die sich zuhauf in Cannes eingefunden hätten und offensichtlich den Herren der Filmbranche (mehr) den Kopf verdrehten.

Damit war der journalistische Ehrgeiz des Teams von Apropos Film angestachelt, man wollte die Behauptungen verifizieren und interviewte den Tänzer Hermann S. in einer schwulen Bar. Er erzählte freizügig davon, dass sich das alljährliche Filmfestival auch zu einem Anziehungspunkt für Schwule entwickelt hätte und nannte auch gleich die angesagtesten Cruising Areas in der Stadt und am Strand. Auch die Frage nach bekannten Namen, die ihm während seiner „Streifzüge“ begegnet wären, beantwortete Herr S. ohne zu zögern – leider wurden die Namen im Bericht ausgeblendet, die Zeit der sensationellen Outings von VIPs war noch nicht angebrochen und der ORF übte sich in schamhafter Selbstzensur. Nur die abschließende Prophezeihung des Interviewten, dass in einigen Jahren kein Mensch mehr nach Cannes käme, weil die Preise immer verrückter würden, hat sich nicht bewahrheitet.

Besagte Folge von Apropos Film beinhaltet nach meinen Recherchen sticht aus der Berichterstattung des ORF Fernsehens zum Thema „Homosexualität“ vor allem wegen des frühen Datums heraus. Man mag einwenden, dass die Sendung immerhin aus der Zeit unmittelbar nach 1968 stamme, darf dabei aber nicht vergessen, dass in Österreich das Totalverbot homosexueller Handlungen erst im Zuge der Strafrechtsreform der Kreisky-Alleinregierung im Jahr 1971 aufgehoben wurde.

Der Zufall wollte es, dass der besprochene Beitrag aus Cannes genau eine Woche vor den sogenannten „Stonewall Riots“ in der New Yorker Christopher Street ausgestrahlt wurde. Am 27. Juni 1969 setzten sich die Besucher der Szenebar „Stonewall“ mit zugegebenerweise nicht gerade zimperlichen Mittel gegen eine der damals üblichen Polizei-Razzien im „Gay Quarter“ von New York City zu Wehr – für viele markierte dieses Ereignis den Beginn der modernen Bewegung für die Rechte und die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Lebensweisen. Der ORF räumte den Straßenkämpfen von New York allerdings kaum Raum in seiner Berichterstattung ein – so weit rollte die „Informationslawine“ des Gerd Bacher dann doch nicht. …

Brigitte Theißl: Der gekaufte Mann Männlichkeits-Diskurse in den neuen Männermagazinen. Metrosexualität als Geschlechter-stabilisierende (Konsum)Kategorie

Einleitung:

Männerforschung – Hinführung

Männerforschung beziehungsweise Männlichkeitsforschung, die sich mit dem Geschlechtswesen Mann beschäftigt, ist eine junge und nach wie vor wenig beachtete wissenschaftliche (Teil-)Disziplin. Bührmann und Wöllmann vergleichen etwa den Stellenwert der Männerforschung innerhalb der Geschlechterforschung mit jenem sogenannter „Sonderthemen“ der Gender Studies wie Queer, Gay oder Lesbian Studies (Bührmann, Wöllmann, 2006, S. 180-193). Universitäre Geschlechterforschung ist de facto vielerorts Frauenforschung, die von Frauen betrieben wird. Für diese Asymmetrie lassen sich verschiedene Gründe finden, die unmittelbar mit dem Gegenstand der Männerforschung verbunden sind. „Aus der Position derjenigen, die zuerst einmal von einem patriarchalen System profitieren, das wichtigste Mittel zur Ausgestaltung der Individualität wie Bildung und Beruf in erster Linie für Männer reserviert, kommt es diesen überhaupt nicht in den Sinn, die Geschlechterfrage zu problematisieren”, schreibt Holger Brandes (2002, S. 15) in einem Überblick zur Männerforschung.

Aus einer anderen Perspektive lassen sich im Grunde die gesamten Geistes- und Sozialwissenschaften als Männerforschung begreifen, da großteils Forschung von Männern für Männer betrieben wurde. Diese geschlechtsblinde Wissenschaft klammerte jedoch nicht nur „die Anderen“ – sprich Frauen, sondern auch das scheinbare Neutrum Mann aus. Eine kritische Männlichkeitsforschung rückt Männer als Geschlechtswesen in den Blickpunkt: „Nachdem der Mann nicht länger ein unanfechtbares Konstrukt verkörpert, sondern als variables Bündel kultureller Normen begriffen wird, ist die Zeit reif, Maskulinität auch wissenschaftlich zu thematisieren, nun als eine Vielzahl möglicher Maskulinitäten”, so Therese Frey Steffen (2006, S. 84).

Während sich die Männlichkeitsforschung im deutschsprachigen Raum erst Mitte der neunziger Jahre zu etablieren begann, entstanden die ersten Arbeiten unter dem Label men’s studies bereits Ende der siebziger Jahre in den USA und Großbritannien (Meuser, 2006, S. 91-96). Den Ausgangspunkt bildete die Emanzipation der Frau und die damit einhergehende Auflösung „scheinbar natürlicher Geschlechterdifferenzen und -hierarchien“ (Frey Steffen, 2006 S. 84) . Aufgrund des brüchig Werdens Jahrhunderte langer männlicher Selbstverständlichkeit wurde die viel beschworene „Krise der Männlichkeit“ ausgerufen und in zahlreichen Studien nach dem „neuen Mann“ gesucht. …

Severin Weber: Fernsehen in Pink? LesbianGayBisexualTransgender-TV im Vergleich – Ansichten und Spekulationen

Einleitung: Mit dem französischen Abokanal Pink TV ging am 25. Oktober 2004 ein Special Interest Programm in Vollzeitumfang für homosexuelle Frauen und Männer, Bisexuelle, Transgenders und interessierte Heterosexuelle auf Sendung.

Die Gründung sowie der Launch eines – im Boulevardjargon oft als „gay channel“ betiteltend – Senders markiert eine Etappe in einem langen Emanzipationsprozess, der sich auf mehreren Ebenen abspielt. Der Begriff gay alleine schafft es nur unzureichend, diese Ebenen sowie die unterschiedlichen Herangehensweisen an das Thema Homosexualität wiederzugeben: „It’s just that to me gay is a rather trivial word, too much suggesting only fun-fun-fun, not adequate to the complexities and variedness of being gay.“ (Dyer, 2001, S. 7) …

Hannes Haas: “Ich kontrolliere die Mächtigen Österreichs, kann man das so sagen, ja” Der investigative Jahrhundert-Journalist Alfred Worm (1945-2007)

Einleitung: Die Nachricht von seinem Tod kam nur wenige Tage nachdem er als “Journalist des Jahres 2006” ausgezeichnet worden war. Alfred Worm starb vor einem Jahr, am 5. Februar 2007, an einem Herzinfarkt. Er war einer der bekanntesten Journalisten des Landes und er verdankte diese Prominenz der spektakulären Aufdeckung des AKH-Skandals im Jahre 1980.

Dieser Scoop brachte ihm den Titel „Aufdecker der Nation“ ein, eine Nobilitierung, der er nicht nur ungeteilte Freude entgegen brachte. „Aufdecker der Nation“ stand als Synonym für den österreichischen Enthüllungsreporter, er wurde zur Symbolfigur eines rechercheintensiven und kontrollorientierten Journalismus. Alfred Worm veränderte das Land, seine politische Kultur und das öffentliche Bewusstsein für Korruption. Er war viel mehr als der „Journalist des Jahres 2006“, er war ein Jahrhundert-Journalist, weil er Mut zur journalistischen Kategorie erhoben hat. Seine Mittel waren Recherche und Rückgrat. Seine Produktivität und Präsenz verdeckten den Blick auf eine insgesamt karge investigative österreichische Landschaft. Alfred Worm repräsentierte einen Journalismus, den alle demokratiepolitisch für unverzichtbar halten, aber den man letztlich doch lieber anderen überlässt und manche bei aller Affirmation ein wenig verdächtig finden…

Dieser Beitrag ist kein Nachruf, sondern eine Erinnerung. Erinnert soll an einen großen Journalisten werden, aber auch an einen leidenschaftlichen Universitätslektor, an einen Wegbegleiter und Freund, der dem Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien über mehr als zwei Jahrzehnte eng verbunden war. Dieses Engagement für das Institut hält auch ein Eintrag in Wikipedia fest: Er war – heißt es dort – zu Beginn der 1990er Jahre „maßgeblich mit daran beteiligt, dass dieses Institut ein eigenes Gebäude in der Schopenhauerstraße erhielt“. Worm engagierte sich in der Lehre, vor den Studierenden suchte er nicht die Bewunderung und enthielt sich der bei den Stars der Branche gelegentlich durchbrechenden Freude an der als Hauptdarsteller absolvierten Anekdote. Er interessierte sich für das Fach und er verteidigte es auch gegenüber jenen Praktikern, denen kein Kulturredakteur mitgeteilt hatte, dass ihr Motto, wonach grau die Farbe der Theorie wäre, mephistophelischen Ursprungs ist.

Alfred Worm dagegen forderte und förderte seine Studierenden, er war ihnen ein geduldiger und bereitwilliger Interviewpartner für Seminar- und Diplomarbeiten.

Beim Wiederlesen dieser Interviews wird deutlich, wie ertragreich und erhellend die Sichten reflektierter Praktiker sein können. Worm hat zu der ihm zugeschriebenen öffentlichen Rolle, zu Veränderungen der beruflichen Kontexte, zu seiner Arbeitsweise und zu ethischen Fragen des Journalismus kritisch-durchdachte und für ihn typische, sachlich-unsentimentale Positionen entwickelt. Einige Passagen aus diesen Interviews sollen daher am Ende des Beitrages Alfred Worm und seine Ansichten zum Journalismus selbst zu Wort kommen lassen. Biographisches. …

Rezensionen 1/2008

Jürgen Wilke: Presseanweisungen im zwanzigsten Jahrhundert. Erster Weltkrieg – Drittes Reich – DDR. (Medien in Geschichte und Gegenwart, hg. von Jürgen Wilke, Bd. 24). Köln, WEimar, Wien: Böhlau Verlag 2007, 348 Seiten.
rezensiert von Horst Pöttker

Julia Wippersberg: Prominenz Entstehung, Erklärung, Erwartungen. (= Forschungsfeld Kommunikation, hg. von Walter Hömberg, Heinz Pürer Roger Blum, Bd. 25). Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft 2007, 313 Seiten.
– rezensiert von Bernhard Pörksen

Elena Esposito: Die Fiktion der wahrscheinlichen Realität. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2007, 128 Seiten.
rezensiert von Christoph Jacke

Alfons Haider: geliebt. verteufelt. Die Autobiographie. Aufgezeichnet von Walter Pohl. Wien: Ueberreuter 2007, 240 Seiten.
rezensiert von Alexander Hecht

Christina Prüver: Willy Haas und das Feuilleton der Tageszeitung “Die Welt”. Würzburg: Königshausen & Neumann 2007, 269 Seiten.
rezensiert von Evelyn Adunka

Florian Wenninger, Paul Dvorak & Katharina Kuffner (Hg.): Geschichte macht Herrschaft. Zur Politik mit dem Vergangenen. (= Studien zur politischen Wirklichkeit, hg. von Anton Pelinka, Bd. 19). Wien, Braumüller 2007, 302 Seiten.
– rezensiert von Klaus Kienesberger

Petra Deger & Robert Hettlage (Hg.): Der europäische Raum. Die Konstruktion europäischer Grenzen. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2007, 322 Seiten.
rezensiert von Christian Schwarzenegger

Heinz Bonfadelli & Heinz Moser (Hg.): Medien und Migration. Europa als multikultureller Raum? Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2007, 370 Seiten.
– rezensiert von Gaby Falböck

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