Thomas Ahbe: Generation 2006 – Wir sind Helden Sozialpsychologischer Klimawandel. Eine neue Generation weist jubelnd unglücklich machende Anforderungen zurück

Einleitung: Was sich am 9. Juli 2006 während der Fußball-Weltmeisterschaft auf der sogenannten “Fan-Meile” westwärts vom Brandenburger Tor ereignet hat, ist gerade auch für Fußball-Ignoranten, zu denen sich der Autor dieser Zeilen zählt, bemerkenswert. Wenn später einmal markante Zäsuren für die jüngere Kulturgeschichte der Berliner Republik aufgezählt werden, so dürften die Berliner Geschehnisse dazu gehören. Möglicherweise kann man mit etwas Abstand in ihnen das erkennen, was die Gesellschaftsgeschichte retrospektiv als generationsbildendes Ereignis beschreibt.

Verschiedene Vorgänge gingen dem voraus. Erstens, dass eine junge, unbekannte und bislang wenig erfolgreiche Mannschaft nicht nur über ihre sportlichen Gegner, sondern auch über die üble Nachrede der heimischen Etablierten triumphierte. Schließlich war ihr Trainer noch im März diesen Jahres von den in diesem Bereich Tonangebenden – beispielsweise durch das bayerische, oft als Fußball-Mafia bezeichnete Netzwerk und durch die BILD-Zeitung – rigide heruntergemacht worden. Zweitens gehörten zur Vorge- schichte die Wochen eines perfekt organisierten Kindergeburtstages. Bei bestem Sommerwetter konnte der erlebnisorientierte Teil der Bevölkerung, vor allem die Teenager und Twens, zu hunderttausenden auf öffentlichen Plätzen, wo sie vom Bier übers Hütchen bis zur Fahne gut versorgt waren, beim Tanzen, Zittern und Jubeln dionysisch in der Masse aufgehen. Bei dieser Dauerparty identifizierten sie sich mit jenem jungen Team, das gegen alle Vorschuss-Miesmacherei der inländischen Meinungsführer mehr und mehr Erfolge errang. Die Begeisterung wuchs und wuchs, und die Erwartung, dass Deutsch- land im Finale um die Weltmeisterschaft kämpfen wird, auch. …

Rezensionen 3/2006

Christina von Hodenberg: Konsens und Krise. Eine Geschichte der westdeutschen Medienöffentlichkeit 1945-1973. (= Moderne Zeit, Neue Forschungen zur Gesellschafts- und Kulturgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, Bd. 12). Göttingen: Wallstein Verlag 2006, 512 Seiten.
– rezensiert von Christian König

Christian Mattke: Albert Oeckl – sein Leben und Wirken für die deutsche Öffentlichkeitsarbeit. (= Organisationskommunikation. Studien zu Public Relations/ Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikationsmanagement). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2006. (= zugleich Diss. Univ. Leipzig 2005), 387 Seiten.
– rezensiert von Peer Heinelt

Rainer Greißler / Horst Pöttker (Hg.): Integration durch Massenmedien. Mass Media – Integration. Medien und Migration im Vergleich. Media and Migration: A Comparative Perspective. Bielefeld: transcript Verlag 2006, 324 Seiten.
– rezensiert von Petra Herczeg

Sandra Wiesinger-Stock, Erika Weinzierl & Konstantin Kaiser (Hg.): Vom Weggehen. Zum Exil von Kunst und Wissenschaft. Wien: Mandelbaum Verlag 2006, 494 Seiten.
– rezensiert von Gaby Falböck

Andreas Hepp, Friedrich Krotz, Shaun Moores & Carsten Winter (Hg.): Konnektivität, Netzwerk und Fluss. Konzepte gegenwärtiger Medien-, Kommunikations- und Kulturtheorie. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2006, 215 Seiten.
– rezensiert von Erik Bauer

Günther Rager, Karola Graf-Szcuka, Gregor Hassemer & Stephanie Süger (Hg.): Zeitungsjournalismus. Empirische Leserforschung. Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft 2006, 290 Seiten.
– rezensiert von Erich Vogl

Michael Meyen & Maria Löblich: Klassiker der Kommunikationswissenschaft. Fach und Theoriegeschichte in Deutschland. Konstanz: UVK 2006, 343 Seiten.
– rezensiert von Erik Koenen 

____________________________________________

Marlene Steeruwitz: “Daran weder gedenken noch erinnern noch erinnert werden”

Einleitung: “Es ist schon besser. So!” sagt der Kellner im Café Eiles. “Ja. Es ist am besten. So.” Die ältere Dame nickt. Sie fände das auch am besten so. Und es hätte auch keinen Sinn. Ein Leben. Wenn man nichts mehr machen könne. Wenn man sich nicht mehr bewegen könne. Wenn einem alles gemacht werden müsse. Und Schmerzen. Wenn man nichts mehr genießen könne. “Ja”, nickt der Kellner. Und der habe ja auch alles gehabt. Der wäre gereist. Der wäre auf der ganzen Welt gewesen. Wo der überall gewesen wäre. Er hätte das in der Kronenzeitung gelesen. Das wäre in allen Zeitungen zu lesen gewesen. Der hätte die ganze Welt gesehen. Und. Er. Er selber. Er wolle das für sich selber auch nicht anders. Schnell. Ganz schnell solle es gehen. Schnell und für niemanden eine Last. Keinerlei Abhängigkeiten. Er wolle von niemandem gewaschen werden müssen. Nein. Das hätte keinen Sinn. Wenn einem nichts mehr Freude mache. Und die ältere Dame stimmt ihm zu. Es solle schnell gehen. Niemandem eine Last. Und der. Der habe ja ein gutes Leben gehabt. Ja, antwortet der Kellner. Manche hätten eben alles Glück.

“Die Österreicherinnen und Österreicher.” Ich zitiere aus Wassermann, Heinz P.: “Naziland Österreich? Studien zu Antisemitismus, Nation und Nationalsozialismus im öffentlichen Meinungsbild.” Zitatanfang: “Der Nationalsozialismus als System und der Holocaust als Spezifikum stoßen im Meinungsbild auf Ablehnung, die Mittäterschaft von Österreichern ist ab den späten 70er Jahren durchaus – und zwar mehrheitsfähig – anerkannt, trotzdem reklamieren die Befragten einen kollektiven Opferstatus, trauen den Erkenntnissen der Wissenschaft nicht, sahen sich in den 90er Jahren nicht befreit, sondern auf der Seite der Verlierer und wollen vor allem – so die Analyse zur “Relevanz von Gedenken und Erinnern” – daran weder gedenken, noch erinnern, noch erinnert werden.” Zitatende.

In dem Gespräch im Café Eiles über den Tod des Promis. Nicht die Personen. Das Gespräch erinnert sich. Der Tod tritt als Abholer auf. Die Sprechenden liefern den Toten aus. Ohne einen Augenblick an eine Gegenwehr zu denken, wird die möglichst rasche Abholung als richtig mitgedacht. Eine erinnerungslose Abholung soll das werden. Möglichst im Schlaf. Oder sehr schnell. Über das Leben wird gar nicht gedacht. Dass es ums Leben gehen könnte, kommt den Sprechenden gar nicht in den Sinn. Leben, das ist Unversehrtheit. Die Definition von Unversehrtheit ist komplex und ändert sich. Aber. Jede Versehrung verwirkt das Leben. Es wird nicht der Wert des Lebens gedacht. Die zur Disposition stehende Unversehrtheit bedingt die Lebensberechtigung. Wenn die Personen sich nicht erinnern können. Oder wollen. Der unbearbeitete Antisemitismus am Grund unserer Kultur ist als Kontinuum immer da, den Gedanken die entsprechende Färbung zu verleihen. Die Sprechenden dieser Szene müssen sich selber in ihrer eigenen Vorstellung die Lebensberechtigung auf eine diffuse Ganzheit reduzieren. – Keine Schmerzen. Keine Abhängigkeiten. Genussfähigkeit. – Sie müssen am Beispiel des prominenten Toten sich selber den Totenschein ausstellen. Und der ist von Sauberkeit getragen. Und von einem Sich Selber Wegräumen.

Zitat: “…und wollen vor allem – so die Analyse zur “Relevanz von Gedenken und Erinnern” – daran weder gedenken noch erinnern noch erinnert werden.” Zitatende.

Nun ist es von Leben zu Leben verschieden, wie persönliches und nationales Schicksal ineinander verstrickt sind. Diese Verstrickung aber Patriotismus nennen zu wollen und eine einfache Affirmation dieser Tatsache durch die Verschiebung von Gedenken zu Gedanken herstellen zu wollen. Das bedeutet, den von Rudolf Burger so herbeigesehnten Schlussstrich unter die Vergangenheit zu ziehen. Das bedeutet die Räume der Vergangenheit erneut zu versiegeln. Das Gedenken, das im Erinnern von etwas alle Erfahrungsmöglichkeiten mobilisiert, durch ein Denken über etwas mit der Entferntheit der Historisierung zu ersetzen. Und. Im Sinnspruch der TV-Werbung für diese Umbenennung des Gedenkjahres in ein Gedankenjahr. “Lasst uns gemeinsam nachdenklich sein”, wird diese Umbenennung von der Beschreibbarkeit der Historisierung wieder in die Gefühlsaufladung eines Nachdenklichen geführt. Die Formel scheint mir zu sein: Man entzieht dem Blick auf die Vergangenheit die Empathie des Gedenkens, behauptet den Herrschaftsblick auf unveränderbare Geschichtsräume in einem zur Kenntnis nehmenden Denken an die Geschichte und lässt in diesem Denken dann esoterische Gefühle zu. Dann. Als beruhigende Glasur.

Sentimentalität ist das. Eine nostalgiegeladene Sentimentalität, die von der Unerreichbarkeit des Vergangenen ausgeht. Eine absolut gesetzte Unverändertheit ist das dann, die hier als durchaus gewünscht angenommen werden kann. Eine einmal gedachte Geschichte und mit dem Einmal Denken erledigt. Aber. In der Passage zum Nachdenklich Sein. – Es wird in einem solchen Satz ja ein Prozess beschrieben. Ein, die Nachdenklichen in einem Werden einfassender Prozess ist das. Die, die nicht nachdenklich werden und dann sein möchten. Oder können. Zum Beispiel weil der Gegenstand der Nachdenklichkeit realer Bestandteil ihrer Biographie ist. Die sind ausgeschlossen. Sanft sind sie das. Sehr unbemerkt funktioniert dieser Ausschluss über social advertising im ORF-Fernsehen. …

Heinz P. Wassermann: So viel(e) Erinnerung(en) Bemerkungen zur veröffentlichten Gedenkkultur an der Schnittstelle nationalsozialistischer Vergangenheit(en) und politischer Gegenwart(en)

Einleitung: Zugang und Titelgebung des Beitrages beruhen auf dem Ansatz des Salzburger Historikers Ernst Hanisch, der in seinem Aufsatz “Ein Versuch den Nationalsozialismus zu ‘verstehen'” Folgendes formulierte: “Trotz der schrecklichen Bilanz dieser Periode ist die Beurteilung keines wegs einhellig. Nirgendwo in der neueren Geschichte ist die Diskrepanz zwischen den Ereignissen der wissenschaftlichen Zeitgeschichte und der Meinung eines Teiles der Bevölkerung größer als bei der NS-Frage.”

Hanisch erklärt diese Diskrepanz und Dissonanz mit den je persönlichbiographisch unterschiedlichen Erfahrungshintergründen von Opfern, Tätern und Profiteuren des Regimes. Diese führten zum einen dazu, die jeweils individuellen Erlebnisse “als die Wirklichkeit des Dritten Reiches auszugeben” zum anderen dienten sie als “Entschuldigungen für” das “Handeln oder Unterlassen (…). Obendrein war es ein Grund- prinzip des Dritten Reiches, daß ein jeder nur soviel wissen durfte, wie zur Erfüllung seiner Aufgabe notwendig war. Seine Pflicht tun, hieß: die Verantwortlichkeit zu parzellieren und abzuschieben und der Frage auszuweichen, wozu diese ‘Pflicht’ diente!”

Bei der Analyse der NS-Herrschaft sieht Hanisch “die ‘Falle’ des hermeneutischen Zirkels besonders weit” geöffnet, nämlich dass der “Historiker, der nach 1945 seine Arbeit beginnt, (…) das Ergebnis [kennt], die Mehrzahl der Menschen, die 1938 agierten, (…) jedoch nicht”.

Das dürfe aber nicht zur Akzeptanz der “nach 1945 häufig gehörten Verführungsthese” – “hier eine dämonische Führung, dort ein verführtes, naives ‘Volk’ – führen, die Stabilität des Regimes und die relativ große Zustimmung der Bevölkerung kann nicht lediglich auf den Terror von oben und die gezielten Manipulationen von außen zurückgeführt werden. Es müssen genügend ökonomische, soziale, ideologische und emotionelle Anreize vorhanden gewesen sein, die eine Unterstützung bzw. ein Ertragen des Regimes herbeiführten.“…

Dörte Hein: Ein ganz anderer Ansatz? Leitfadengespräche mit Webkommunikatoren von erinnerungskulturellen Internetangeboten

Einleitung:

„So eine Seite, die kann einen ganz anderen Ansatz bieten und die Leute […] in die Zeit hineinversetzen und ihnen die Möglichkeit geben, sich zu überlegen, was hätten sie damals gemacht, wie hätten sie damals gedacht oder wie wirkt es auf jemand, der in den 70er geboren wurde und einfach den Bezug nicht hat, den meine Eltern und Großeltern dazu haben.“

 

1. Problemstellung

Mit dem nahenden Ende lebensgeschichtlicher Erinnerungen an Nationalsozialismus und Holocaust wird die kulturelle und mediale Vermittlung und Kodierung erinnerungsspezifi- schen Wissens bedeutsamer. So bemüht sich die offizielle, “staatlich induzierte Gedächtniskultur” um möglichst angemessene Formen des kollektiven Gedenkens. Auch massenmedialen Deutungsmustern kommt, betrachtet man deren Wirkmächtigkeit, ein hoher Stellenwert zu, sei es zur Kontextualisierung historischer Situationen oder als “Füllmaterial für die Leerstellen in den Erzählungen”. Bei aller berechtigter Kritik am Format des “Histotainment”, der Suggestion von nur scheinbarer Authentizität und der auf Einschaltquoten und Reichweite ausgelegten Produktionsweise – massenmediale Darstellungen scheinen sich von “künstlichen Erinnerungsorten” sowie den absichtsvoll-didaktischen und ritualisierten Formen der Erinnerungskultur abzuheben und eben darum auch die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit zu befördern. …

Rezensionen 2/2006

Evelyn Engesser: Journalismus in Fiktion und Wirklichkeit. Ein Vergleich des Journalistenbildes in literarischen Bestsellern mit Befunden der empirischen Kommunikatorforschung. Köln: Herbert von Halem Verlag 2005. 440 Seiten.
– rezensiert von Wolfgang R. Langenbucher

Clas Dammann: Stimme aus dem Äther. Fenster zur Welt. Die Anfänge von Radio und Fernsehen in Deutschland. Köln: Böhlau Verlag 2005, 283 Seiten.
– rezensiert von Gisela Säckl

Günther Bentele, Hans-Bernd Brosius & Ottfried Jarren: Lexikon Kommunikations- und Medienwissenschaft. Wiesbaden: VS-Verlag 2006. 337 Seiten.
– rezensiert von Christian Schwarzenegger

Jost-Arend Bösenberg: Die Aktuelle Kamera (1952-1990). Lenkungsmechanismen im Fernsehen der DDR. Potsdam: Verlag für Berlin-Brandenburg 2004. 346 Seiten.
– rezensiert von Klaus Kienesberger

Matthias Karmasin: Journalismus: Beruf ohne Moral? Von der Berufung zur Profession. Wien: Facultas Verlags- und Buchhandels AG 2005. 251 Seiten.
– rezensiert von Erich Vogl

____________________________________________

Stefan Troebst: Jalta versus Stalingrad, GULag versus Holocaust Konfligierende Erinnerungskulturen im größeren Europa

Einleitung:

1. Doppelt geteilte Erinnerung

In seinem Buch The Limits and Divisions of European History aus dem Jahr 1950 identifizierte der exilpolnische Historiker Oskar Halecki vier europäische Geschichtsregionen: Westeuropa, Westmitteleuropa (bzw. Deutschland und Österreich), Ostmitteleuropa und Osteuropa.

Die Haleckische mesoregionale Gliederung europäischer Geschichte deckt sich frappierend genau mit den Europa durchziehenden erinnerungskulturellen Trennlinien, wie sie seit dem Epochenjahr 1989, vor allem aber im Umfeld des 60. Jahrestags des Endes des Zweiten Weltkrieges 2005 zutage getreten sind: Im “atlantischen” Westeuropa wird der Erinnerungsort 8. Mai 1945 als Sieg der Demokratie über die nationalsozialistische Diktatur erinnert; im halb postfaschistischen, halb postkommunistischen Deutschland halten sich die Erinnerung an die Befreiung von einem genozidalen Terrorregime einerseits sowie an Bombenkrieg, Flucht und Vertreibung im Zuge von Niederlage und “Zusammenbruch” andererseits die Waage; in Ostmitteleuropa steht der Wechsel von dem einen, nationalsozialistischen Okkupationsregime zum anderen, dem sowjetischen, sowie der 1945 in Jalta verfügte Zuschlag der Region zum Sicherheitsglacis der UdSSR im Vordergrund; und in der Russländischen Föderation bildet der eigene Sieg über Hitler, dessen militärische Grundlage 1943 in Stalingrad gelegt wurde, den erinnerungskulturellen Gründungskonsens des größten Nachfolgestaates der UdSSR.

Die weitgehende Unvereinbarkeit dieser divergierenden Erinnerungsimperative wurde in letzter Zeit vor allem dann deutlich, wenn die “osteuropäische” Erinnerungskultur nicht mit der “westeuropäischen” deckungsgleich war. Dies trifft etwa auf die vergleichende Bewertung von Nationalsozialismus und Kommunismus im allgemeinen sowie von Holocaust und GULag im besonderen zu. …

Oliver Rathkolb: Warum kann Österreich (noch) nicht Europa erinnern?

Einleitung:

Europäische Erinnerungsräume                                                            

Die Ägyptologin und Anglistin Aleida Assmann hat in der Weiterentwicklung ihrer Habilitation aus 1992 sechs Jahre später eine beeindruckende Studie über die “Erinnerungsräume, die Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses” vorgelegt. Ausgehend von den verschiedenen Aufgaben kultureller Erinnerung, ihren Medien wie Schriften, Bilder, Denkmäler sowie den Speichern (Archiven) des kulturellen Gedächtnisses wäre es durchaus angebracht, auch Europa als Erinnerungsraum zu konstruieren – geprägt durch gemeinsame soziale, politische und ökonomische Entwicklungen, die derzeit höchst fragmentarisch, das heißt, nationalstaatlich geprägt, im kulturellen Gedächtnis permanent abgespeichert werden.

Mein Reflexionsziel ist die Vernetzung innovativer, aber noch national geprägter Ansätze, die sich um den heute höchst trendigen, aber zunehmend etablierten Gedächtnis-Diskurs – entwickelt haben – mit der Entwicklungsoption für transnationale Ansätze. Daher möchte ich vorerst näher auf die spezifische Theorieentwicklung eingehen, und vor allem deren grundlegende Wurzeln reflektieren. Das kulturelle Gedächtnis im Sinne von Assmann basiert auf einem Theorieversuch über das “kollektive Gedächtnis” des Soziologen Maurice Halbwachs aus Mitte der 20er Jahre, auf den ich im Detail noch zurückkommen werde, das wiederum Assmann (und ihr Mann Jan) in zwei Erinnerungsformen unterteilen: Kommunikatives Gedächtnis (basierend auf Alltagskommunikation und sozial und gruppenbezogen vermittelt) und kulturelles Gedächtnis, das durch institutionalisierte Kommunikation und kulturelle Prägungen wie Texte, Denkmäler, Gedenktage-/Feiern, Riten und Bräuche geformt und gespeichert wird. …

Thomas A. Bauer: Geschichte verstehen Eine kommunikationstheoretische Intervention

Einleitung:

1. Geschichte als kognitives Modell

Betrachtet man Geschichte im Lichte kommunikationstheoretischen Wissens, dann ent- deckt man an (der) Geschichte eine kulturelle Aufladung, die deutlich macht, dass es die kommunikative Rahmung ist, die der Geschichte gesellschaftliche Bedeutung gibt. Diese Rahmung vollzieht sich als Erzählung, in der der Mensch seine Erinnerung zum Gegenstand der Betrachtung macht. Diese hat selbst ein Motiv. Das Wissen um das Ende von allem, was lebt, ist vermutlich das anthropologische Motiv für Geschichte. Das Wissen des Menschen über sich selbst ist die Konstruktion aus der Not der Auseinandersetzung mit der Erfahrung des Todes. Das Wissen um den Tod zwingt das Leben zur Geschichte, also zur Erklärung von Zeit. Gäbe es diese Erfahrung nicht, hätte Geschichte keinen Sinn. Das Wissen um ein Ende gibt dem Leben Zeit. Die Dimension der Zeit – nicht mehr als ein Wissensmodell, aber immerhin eines, mit dem wir leben – macht das Leben zur Geschichte. Geschichten brauchen Erzählung und werden durch Erzählung zur (z.B. persönlichen) Geschichte. Ein Leben ohne dessen erfahrbares Ende wäre nicht das Leben in Geschichte und Geschichten.

Geschichte ist ein Konstrukt der Betrachtung, nachdenkend und erinnernd konfiguriertes Wissen über das, was man schon weiß oder meint zu wissen. Geschehenes erklärt und vermittelt sich nicht aus sich selbst, sondern immer nur aus seinem Kontext, braucht also die Erklärung aus Zusammenhängen und aufgrund von Relationen, was immer heißt: Geschichte ist die Betrachtung des Geschehenen im Wege der Beobachtung von Relationen. Da es sich bei Geschichte um Zeitrelationen handelt, kann man erst beobachten, wenn man Zeitzusammenhänge für geschlossen hält oder wenn man sie schließen möchte. …

Rezensionen 1/2006

Wolfram Dornik: Erinnerungskulturen im Cyberspace. Eine Bestandsaufnahme österreichischer Websites zu Nationalsozialismus und Holocaust. (= Network Cultural Diversity and New Media). Berlin: trafo Verlag 2004, 284 Seiten.
– rezensiert von Dörte Hein

Ludwig Fischer (Hg.): Programm und Programmatik. Kultur- und medienwissenschaftliche Analysen. Konstanz: UVK 2006, 440 Seiten.
– rezensiert von Gaby Falböck

Rainer Winter (Hg.): Medienkultur, Kritik und Demokratie. Der Douglas Kellner Reader. Köln: Herbert von Halem Verlag 2005, 381 Seiten.
– rezensiert von Christian Schwarzenegger

Maria Mesner (Hg.): Entnazifizierung zwischen politischem Anspruch, Parteienkonkurrenz und Kaltem Krieg. Das Beispiel der SPÖ. (Mit Beiträgen von Matthew P. Berg, Maria Mesner, Sonja Niederacher, Doris Sottopietra, Theodor Venus und Maria Wirth.) Wien, München: Oldenbourg Verlag 2005, 362 Seiten.
– rezensiert von Klaus Kienesberger

Guido Zurstiege: Zwischen Kritik und Faszination. Was wir beobachten, wenn wir die Werbung beobachten, wie sie die Gesellschaft beobachtet. Köln: Herbert von Halem Verlag 2005, 344 Seiten.
– rezensiert von Christian Schwarzenegger

____________________________________________