Carol Bacchi: Approaches to Gender Mainstreaming What's the Problem (represented to be)?

Introduction: Gender mainstreaming is the term used increasingly in Europe, in some other countries and in major international organizations, such as the ILO and the World Bank, to describe a new approach to achieving “gender equality”. Its appearance in Australia is more recent. I refer here to the identification of mainstreaming by Pru Goward (2004), Australia’s Federal Sex Discrimination Commissioner, as the Howard Liberal Government’s preferred approach to gender equity. Forms of gender analysis, systematic procedures to detect gender bias in policies, are offered as methods to achieve mainstreaming.

Theoretically gender mainstreaming and gender analysis reflect a commitment to institutionalise gender equality concerns throughout the whole organization, instead of leaving these matters to specialist “equal opportunity” units, which tend to be marginalised from decision-making. The argument here is that isolating gender equity from the “mainstream” business of an organization has meant that women have been encouraged to adopt existing organizational norms and practices, instead of making organizations women-friendly. According to Teresa Rees (1998, p. 41) a shift to mainstreaming means that “the transformation of institutions becomes the agenda, rather than the continuing attempt to improve women’s access and performance within organizations and their hierarchies as they are.”

However, there is increasing concern in a number of quarters that mainstreaming does not necessarily deliver on its promise. In some cases those very units dedicated to pursuing “equal opportunity” have been disbanded on the grounds that they are no longer needed, since “gender” is now “mainstreamed”. …

Susanne Lettwo: Nach der Dekonstruktion Technowissenschaftlicher Antiessentialismus als Herausforderung feministischen Denkens

Einleitung: Wenn auch Feministinnen seit jeher ideologische Auffassungen über ein „Wesen“ der Frau als fixer, unveränderlicher Gegebenheit kritisiert und bekämpft haben, so ist die Auseinandersetzung um den Essentialismus innerhalb des Feminismus ein Charakteristikum der sogenannten “dritten Welle” des Feminismus und der Allianz von Feminismus und Postmoderne seit Beginn der 90er Jahre. Der Vorwurf des Essentia- lismus richtete sich nun vor allem selbstkritisch gegen die bisherigen Verwendungen der “Kategorie Frau” und der Rede von “den Frauen” als handle es sich um ein einheitliches Subjekt mit einer feststehenden kollektiven Identität. “Identitätspolitik” wurde zur Negativ-Bezeichnung für all jene Politiken, die – seien sie feministisch, lesbisch oder ethnisch-kulturell begründet – von einer vermeintlich homogenen Gruppenidentität ausgingen. In Abgrenzung dazu wurde jegliche Identität als sozial bzw. kulturell konstruiert begriffen und einer Dekonstruktion unterzogen. “Konstruktion” und “Dekonstruktion” avancierten zu den wichtigsten Gegenbegriffen zum “Essentialismus” und Judith Butler wurde zur Symbolfigur des feministischen Konstruktivismus – obwohl sie, wie Urte Helduser, Daniela Marx, Tanja Paulitz und Katharina Pühl in der Einleitung zu dem Band under construction? her- vorheben (2004, S. 14), den Begriff der Konstruktion “gar nicht besonders exponiert verwendet”. Der Begriff der Konstruktion war vielmehr zum Zeitpunkt des Erscheinens von Gender trouble (1991), nicht zuletzt auch aufgrund der feministischen Rezeption der Ethnomethodologie (vgl. Maihofer, 2004), bereits weit verbreitet und hat seitdem eine Karriere in der feministischen Theoriesprache gemacht, die weit über Butler hinausreicht. …

Masserat Amir-Ebrahimi: Performance in everyday life and the rediscovery of the “Self” in Iranian Weblogs

Einleitung:

Who am I then? Tell me that first, and then, if I like being that person, I’ll come up: if not, I’ll stay down here till I’m somebody else. Lewis Carroll, “Alice’s Adventures in Wonderland”

In spite of claims to a “universal” language, the internet is a new public space/sphere grounded in particular sociocultural aspects of everyday life. Its cultural significance varies considerably from place to place according to people’s diverse experiences, lacks, needs and aspirations. In democratic societies, cyberspace is often viewed as an “alter” space of information, research and leisure that functions in a parallel or complementary fashion to existing public spaces and institutions. In countries where public spaces are controlled by traditional or restrictive cultural forces, however, the internet can take on varied significa- tion. In Iran, where the public sphere is closely monitored and regulated by traditional and state forces, the internet has become a means to resist the restrictions imposed on these spaces. For people living in these countries, especially marginalized groups such as youth and women, the internet can be a space more “real” than everyday life. From this perspective, an analysis of internet use is an important tool by which to study socio-cul- tural forms hidden in everyday life but revealed in the virtual world. …

Carina Sulzer: Karrieren trotz Barrieren?

Einleitung:

1. Culture Biz – Weibliche Karrieren in Film und Verlagswesen

Im Herbst 2005 erschien die Studie Culture Biz, die die Forschungsergebnisse einer breit angelegten Studie über weibliche Karrieren am Buchmarkt und im Filmgeschäft zum Inhalt hat. Renommierte Forschungsinstitute aus vier europäischen Ländern – Deutschland, Finnland, Österreich und Portugal – untersuchten darin Bildungsverläufe, berufliche Erfahrungen, Karrierechancen und die Geschlechterverteilung in ausgewählten Bereichen, um die aktuelle Situation von Frauen in den entsprechenden “Creative Industries” möglichst umfassend zu dokumentieren. Der österreichische Kooperationspartner war das Institut Mediacult, das, ebenfalls in Zusammenarbeit mit den erwähnten Forschungsinstitutionen, bereits in den Jahren zuvor zwei ähnliche Studien vorgelegt hat, die sich mit weiblichen Karrieren in diversen Branchen des kulturellen Sektors beschäftigen.

Unsere Ausgangsfrage galt besonders dem Bild von Frauen in Führungspositionen, das häufig in Zusammenhang mit Gender Mainstreaming und ähnlichen Frauenförderungs-Programmen auftaucht, im Verhältnis zur realen Situation von Frauen, die wir uns zum Forschungsgegenstand machten. Während sich Gender Mainstreaming-Programme abseits des öffentlichen Sektors überwiegend auf bloße Lippenbekenntnisse reduziert finden, entlarvt der empirische Befund das in Hochglanzmagazinen und manchen Seifenopern gern bemühte Bild der karrierebewussten Powerfrau als Trugbild. Zumindest, wenn man der Einkommensstatistik Glauben schenkt, die zeigt, dass Frauen von Arbeitslosigkeit stärker als Männer betroffen sind und sich die Schere in den Einkommen beider Geschlechter in den vergangenen Jahren sogar noch weiter geöffnet hat. Von einer zufriedenstellenden Frauenquote in wirtschaftlichen Spitzenfunktionen ganz zu schweigen. …

 

Susanne Dermutz: Gender statt Feminismus? Über Begriffe und Wirkungszusammenhänge. Ein Versuch

Einleitung: Im öffentlichen (wirtschaftlichen, akademischen, medialen) wie im alltäglich persönlichen Sprachgebrauch hat sich die Verwendung des Begriffs “gender” durchgesetzt. Bezeichnungen wie Geschlecht, Geschlechter, geschlechts-spezifisch, geschlechterbewusst, geschlechtstypisch, vergeschlechtlicht, sexualisiert, Frauen und Männer, Frauen- und Geschlechterforschung und -Studien, Feminismus, feministische Wissenschaft usw. werden zunehmend und vereinfachend durch “gender” ersetzt, wie z.B. gender studies, gender Forschung, gender mainstreaming, gender budgeting, gender sensitivity, gender-Beauftragte, “gegendert” usw. Der rasche sprachliche Wandel ist durchaus fragwürdig. Man könnte meinen, dass sich diese sprachlichen Änderungen wie in anderen Fällen auch auf die vermehrte Übernahme von Anglizismen zurückführen lassen. Diese Erklärung reicht aber dann nicht aus, wenn nach der Bedeutung des Begrif- fes gefragt wird. Und nach den Wirkungen, die der neue Sprachgebrauch auslösen kann oder soll. Bei der Antwort auf die Frage, warum eine Sprecherin/ein Sprecher das Wort “gender” gebraucht, fällt zumeist auf, dass der Bedeutungsgehalt des Begriffes und der theoretische Zusammenhang kaum bekannt sind und reflektiert werden, übrigens auch nicht ausreichend in akademischen Milieus. Nahezu bewusstlos wird in vielen Fällen über Anpassungsleistungen die Sprache verändert. Zum Beispiel wird mit der Bezeichnung “gender mainstreaming” häufig Frauenförderung verwechselt oder gar ersetzt. An die Stelle der Bezeichnung “Feministische Wissenschaft” solle “gender Forschung” treten, so unlängst eine junge Universitäts-Professorin, Feminismus und Feministische Wissenschaft seien doch veralterte Erscheinungen aus den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, so ihre Begründung. …

Bettina Müller: RAWA – und die Medien

Einleitung:

“Afghanische Frauen. Sie sind – noch immer – die Opfer der institutionalisierten, alltäglichen Gewalt. Sie machen (sich) ein Bild. Ohne Weichzeichner, sondern mit geschärften Kanten. Abgehackte Hände, verbrannte Gesichter und Hinrichtungen werden gezeigt – und gekauft. Von den Großen, wie z.B. der BBC. Und angesehen – von Medienkonsu- mentInnen auf der ganzen Welt.

Die Aufnahmen werden mit dem Risiko, die Gesundheit, das Leben – oft auch das Angehöriger – zu verlieren, gemacht. Was erwarten sich die Akti- vistinnen der Revolutionary Women’s Organization of Afghanistan (RAWA) mit der Veröffentlichung von solchem Bildmaterial?

Eine Anfrage.”

 

Afghanistan – ein heterogenes Land

In Afghanistan leben 57 verschiedene Volksgruppen mit sehr unterschiedlichen sozialen Systemen und Sprachen. Seit 1747 versuchten Könige, Eroberer und Warlords aus größeren Volksgruppen, meist Pashtunen, einen Zentralstaat aufzubauen – meist mit Gewalt, nie mit durchgreifendem Erfolg. Den ersten Reformversuch zu einem Rechtssystem nach westlichem Muster machte Amir Amanullah Khan (1919 – 1928), der mit seinen Reformen (u.a. Modernisierung des Islam, Entschleierung der Frauen, allgemeine Schulpflicht und Gleichberechtigung aller Volksgruppen) direkt in die sozio-kulturellen Bezüge der afghanischen Gesellschaft eingriff und sich damit Gegner schuf. Der Widerstand organisierte sich und führte zum Sturz des Königs – er gilt als Wurzel des islamistischen Widerstandes gegen spätere Reformbestrebungen. …

Rainer Gries: Das generationengeschichtliche Paradigma in der Kommunikationshistorie Ein kursorischer Überblick

Einleitung: Was ursprünglich als Definition eines automobilen Lebensgefühls gedacht gewesen sei, “wurde zum passenden Polsterüberzug für eine ganze Generation”, schrieb der Publizist Florian Illies in seiner “Inspektion” der um 1970 in Westdeutschland Geborenen. Der Erfolgsautor erzählte eine “Geschichte” der dreißig Lebensjahre “seiner Generation” anhand von unzähligen Produkten und Marken, entlang von Anzeigen, Werbesprüchen und Produkterfahrungen. Im Laufe dieser knapp 200-seitigen Darstellung wurden fast 150 Markennamen in ihrer Bedeutung als Wegmarkierungen für diese Generation vorgeführt. Im Mittelpunkt dieser Selbstnarration stand “der Golf”, der Nachfolger des legendären “Käfer”, der 1974 bei Volkswagen in Wolfsburg erstmals vom Band lief und der, folgt man der Darstellung des Autors, weit mehr als “den kleinsten gemeinsamen Nenner” dieser Generation repräsentiert. Durchaus ironisierend und distanzierend postuliert Florian Illies das Credo seiner Altersgenossen: “Solchermaßen gut genährt, ansonsten aber völlig orientierungslos tapste eine ganze Generation der zwischen 1965 und 1975 Geborenen hinein in die achtziger Jahre. (…) Irgend jemand, so ahnten wir, weiß auf alles eine Antwort. Sei es, wie wir im Kindergottesdienst lernten, der liebe Gott. Oder eben der offenbar ähnlich liebe Golf.”

Im November 1997 hatte in Österreich bereits eine Internet-Plattform eröffnet, welche die Besucher einlud, sich an ihre Erfahrungen mit der Alltagskultur der siebziger Jahre zu erinnern, diese zu erzählen, aufzuschreiben und für den öffentlichen Diskurs im Netz freizugeben. Diese Einladung an “die Kinder der siebziger Jahre”, also an diejenigen, welche dieses Jahrzehnt als erstes bewusst erlebt hatten und als das ihrige reklamierten, zeitigte eine überraschend große Akzeptanz und Beteiligung. …

Gaby Falböck & Christian Schwarzenegger: Dem Strom der Unsicherheit entreißen Das Generationenparadigma und die Analyse der kommunikativen Herstellung von Identität – Verdachtsmomente für einen "generational turn" in der Kommunikationsgeschichte

Einleitung: Zygmunt Bauman formt seine Auffassung vom menschlichen Leben in der Moderne in die Allegorie des Pilgers, der zielgerichtet wandert, einerseits um in der Wüste nicht verloren zu gehen, andererseits um auf seine Spuren im Sand zurückblicken und daraus eine Linie entwickeln zu können, die das Festmachen eines Davor und Dahinter, eines Näherrückens, eines Fortschritts, eines Herannahens ermöglicht. Die Straße aus Fußstapfen steuert auf einen Punkt zu, dieser verleiht der beschwerlichen Bewegung Sinn, dem Wandernden Identität – nicht zuletzt der Leere dazwischen Gehalt. Denn die Überwindung der Distanz ist äquivalent zur zeitlichen Kategorie des Aufschubs: “Eine Zeit, mit der man Distanzen messen will, sollte wie das Lineal von Schulkindern sein – gerade, aus einem Stück, mit regelmäßigen Abstandsmarkierungen, aus hartem solidem Material. Und von dieser Art war die Zeit des modernen Lebens-auf-Projekte-hin tatsächlich. Sie war wie das Leben selbst – gerichtet, kontinuierlich und unnachgiebig.“

Für den Pilger, der sein Ziel und damit seine Identität sehr früh festlegt, seine Etappen auf der geraden, kontinuierlichen Linie, in den genau festgelegten zeitlichen Abschnitten der Adoleszenz, des Erwachsenendaseins und des Alters zurücklegt, bedurfte es einer zentralen Voraussetzung: Der Stabilität seiner Welt. Eben jene ist in der Postmoderne nicht mehr gegeben. Die Windstille, die den Abdrücken im Sand Dauer gewährleistete, dem Weg den Anschein von Orientierung gab, ist einem Sturm gewichen. …

Jochen Voit: Generationalität und Populärkultur Überlegungen zu einer popkulturellen Generationengeschichte der deutschen Linken

Einleitung:

„Lift up the receiver
I’ll make you a believer“
(Depeche Mode)

Damals, kurz vor dem Fall der Mauer, waren mir die Fronten relativ klar: Geschniegelte Jungs mit Benetton-Rucksack hörten weichgespülte Popmusik und sympathisierten mit der Jungen Union – auf fertig getrimmte Langhaarige standen auf Gitarrenlärm und trafen sich im linken Freizeitzentrum. Derart simple Zuordnungen, rechts ist irgendwie brav und links irgendwie aufsässig, schienen hilfreich zu sein und typisch für die Angehörigen der als “Generation Golf” beschriebenen bundesdeutschen Jugend der 1980er Jahre. Dass sie längst nicht mehr funktionieren (falls sie es je taten), zeigt ein aktueller Blick in einige ländliche Regionen Deutschlands, wo rechts bis rechtsextrem geprägte Jugendkulturen das ehemals den Linken zuerkannte Aufsässigkeitsmonopol für sich beanspruchen.

Politisch eindeutig interpretierbare Zeichen der Popkultur sind offenbar rar geworden. Bereits in den 1990er Jahren mussten linke Pop-Theoretiker erschüttert zur Kenntnis nehmen, dass Ausländerwohnheime von Malcolm-X-Baseballkappenträgern angezündet wurden. Gibt es heute, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, überhaupt noch linke Identität stiftende Phänomene popkultureller Art in Deutschland? Hat es sie überhaupt jemals gegeben? Und falls ja: Wie lassen sie sich beschreiben? Die folgenden Überlegungen werden diese Fragen nicht vollständig beantworten können. Sie sind aber als Anregung gedacht, Antworten zu finden, die weniger auf Klischees als auf kultur- und gesell- schaftsgeschichtlichen Untersuchungen und Erkenntnissen basieren. …