Rainer Gries: Das generationengeschichtliche Paradigma in der Kommunikationshistorie Ein kursorischer Überblick

Einleitung: Was ursprünglich als Definition eines automobilen Lebensgefühls gedacht gewesen sei, “wurde zum passenden Polsterüberzug für eine ganze Generation”, schrieb der Publizist Florian Illies in seiner “Inspektion” der um 1970 in Westdeutschland Geborenen. Der Erfolgsautor erzählte eine “Geschichte” der dreißig Lebensjahre “seiner Generation” anhand von unzähligen Produkten und Marken, entlang von Anzeigen, Werbesprüchen und Produkterfahrungen. Im Laufe dieser knapp 200-seitigen Darstellung wurden fast 150 Markennamen in ihrer Bedeutung als Wegmarkierungen für diese Generation vorgeführt. Im Mittelpunkt dieser Selbstnarration stand “der Golf”, der Nachfolger des legendären “Käfer”, der 1974 bei Volkswagen in Wolfsburg erstmals vom Band lief und der, folgt man der Darstellung des Autors, weit mehr als “den kleinsten gemeinsamen Nenner” dieser Generation repräsentiert. Durchaus ironisierend und distanzierend postuliert Florian Illies das Credo seiner Altersgenossen: “Solchermaßen gut genährt, ansonsten aber völlig orientierungslos tapste eine ganze Generation der zwischen 1965 und 1975 Geborenen hinein in die achtziger Jahre. (…) Irgend jemand, so ahnten wir, weiß auf alles eine Antwort. Sei es, wie wir im Kindergottesdienst lernten, der liebe Gott. Oder eben der offenbar ähnlich liebe Golf.”

Im November 1997 hatte in Österreich bereits eine Internet-Plattform eröffnet, welche die Besucher einlud, sich an ihre Erfahrungen mit der Alltagskultur der siebziger Jahre zu erinnern, diese zu erzählen, aufzuschreiben und für den öffentlichen Diskurs im Netz freizugeben. Diese Einladung an “die Kinder der siebziger Jahre”, also an diejenigen, welche dieses Jahrzehnt als erstes bewusst erlebt hatten und als das ihrige reklamierten, zeitigte eine überraschend große Akzeptanz und Beteiligung. …

Gaby Falböck & Christian Schwarzenegger: Dem Strom der Unsicherheit entreißen Das Generationenparadigma und die Analyse der kommunikativen Herstellung von Identität – Verdachtsmomente für einen "generational turn" in der Kommunikationsgeschichte

Einleitung: Zygmunt Bauman formt seine Auffassung vom menschlichen Leben in der Moderne in die Allegorie des Pilgers, der zielgerichtet wandert, einerseits um in der Wüste nicht verloren zu gehen, andererseits um auf seine Spuren im Sand zurückblicken und daraus eine Linie entwickeln zu können, die das Festmachen eines Davor und Dahinter, eines Näherrückens, eines Fortschritts, eines Herannahens ermöglicht. Die Straße aus Fußstapfen steuert auf einen Punkt zu, dieser verleiht der beschwerlichen Bewegung Sinn, dem Wandernden Identität – nicht zuletzt der Leere dazwischen Gehalt. Denn die Überwindung der Distanz ist äquivalent zur zeitlichen Kategorie des Aufschubs: “Eine Zeit, mit der man Distanzen messen will, sollte wie das Lineal von Schulkindern sein – gerade, aus einem Stück, mit regelmäßigen Abstandsmarkierungen, aus hartem solidem Material. Und von dieser Art war die Zeit des modernen Lebens-auf-Projekte-hin tatsächlich. Sie war wie das Leben selbst – gerichtet, kontinuierlich und unnachgiebig.“

Für den Pilger, der sein Ziel und damit seine Identität sehr früh festlegt, seine Etappen auf der geraden, kontinuierlichen Linie, in den genau festgelegten zeitlichen Abschnitten der Adoleszenz, des Erwachsenendaseins und des Alters zurücklegt, bedurfte es einer zentralen Voraussetzung: Der Stabilität seiner Welt. Eben jene ist in der Postmoderne nicht mehr gegeben. Die Windstille, die den Abdrücken im Sand Dauer gewährleistete, dem Weg den Anschein von Orientierung gab, ist einem Sturm gewichen. …

Jochen Voit: Generationalität und Populärkultur Überlegungen zu einer popkulturellen Generationengeschichte der deutschen Linken

Einleitung:

„Lift up the receiver
I’ll make you a believer“
(Depeche Mode)

Damals, kurz vor dem Fall der Mauer, waren mir die Fronten relativ klar: Geschniegelte Jungs mit Benetton-Rucksack hörten weichgespülte Popmusik und sympathisierten mit der Jungen Union – auf fertig getrimmte Langhaarige standen auf Gitarrenlärm und trafen sich im linken Freizeitzentrum. Derart simple Zuordnungen, rechts ist irgendwie brav und links irgendwie aufsässig, schienen hilfreich zu sein und typisch für die Angehörigen der als “Generation Golf” beschriebenen bundesdeutschen Jugend der 1980er Jahre. Dass sie längst nicht mehr funktionieren (falls sie es je taten), zeigt ein aktueller Blick in einige ländliche Regionen Deutschlands, wo rechts bis rechtsextrem geprägte Jugendkulturen das ehemals den Linken zuerkannte Aufsässigkeitsmonopol für sich beanspruchen.

Politisch eindeutig interpretierbare Zeichen der Popkultur sind offenbar rar geworden. Bereits in den 1990er Jahren mussten linke Pop-Theoretiker erschüttert zur Kenntnis nehmen, dass Ausländerwohnheime von Malcolm-X-Baseballkappenträgern angezündet wurden. Gibt es heute, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, überhaupt noch linke Identität stiftende Phänomene popkultureller Art in Deutschland? Hat es sie überhaupt jemals gegeben? Und falls ja: Wie lassen sie sich beschreiben? Die folgenden Überlegungen werden diese Fragen nicht vollständig beantworten können. Sie sind aber als Anregung gedacht, Antworten zu finden, die weniger auf Klischees als auf kultur- und gesell- schaftsgeschichtlichen Untersuchungen und Erkenntnissen basieren. …

Thomas Ahbe: Generation 2006 – Wir sind Helden Sozialpsychologischer Klimawandel. Eine neue Generation weist jubelnd unglücklich machende Anforderungen zurück

Einleitung: Was sich am 9. Juli 2006 während der Fußball-Weltmeisterschaft auf der sogenannten “Fan-Meile” westwärts vom Brandenburger Tor ereignet hat, ist gerade auch für Fußball-Ignoranten, zu denen sich der Autor dieser Zeilen zählt, bemerkenswert. Wenn später einmal markante Zäsuren für die jüngere Kulturgeschichte der Berliner Republik aufgezählt werden, so dürften die Berliner Geschehnisse dazu gehören. Möglicherweise kann man mit etwas Abstand in ihnen das erkennen, was die Gesellschaftsgeschichte retrospektiv als generationsbildendes Ereignis beschreibt.

Verschiedene Vorgänge gingen dem voraus. Erstens, dass eine junge, unbekannte und bislang wenig erfolgreiche Mannschaft nicht nur über ihre sportlichen Gegner, sondern auch über die üble Nachrede der heimischen Etablierten triumphierte. Schließlich war ihr Trainer noch im März diesen Jahres von den in diesem Bereich Tonangebenden – beispielsweise durch das bayerische, oft als Fußball-Mafia bezeichnete Netzwerk und durch die BILD-Zeitung – rigide heruntergemacht worden. Zweitens gehörten zur Vorge- schichte die Wochen eines perfekt organisierten Kindergeburtstages. Bei bestem Sommerwetter konnte der erlebnisorientierte Teil der Bevölkerung, vor allem die Teenager und Twens, zu hunderttausenden auf öffentlichen Plätzen, wo sie vom Bier übers Hütchen bis zur Fahne gut versorgt waren, beim Tanzen, Zittern und Jubeln dionysisch in der Masse aufgehen. Bei dieser Dauerparty identifizierten sie sich mit jenem jungen Team, das gegen alle Vorschuss-Miesmacherei der inländischen Meinungsführer mehr und mehr Erfolge errang. Die Begeisterung wuchs und wuchs, und die Erwartung, dass Deutsch- land im Finale um die Weltmeisterschaft kämpfen wird, auch. …

Rezensionen 3/2006

Christina von Hodenberg: Konsens und Krise. Eine Geschichte der westdeutschen Medienöffentlichkeit 1945-1973. (= Moderne Zeit, Neue Forschungen zur Gesellschafts- und Kulturgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, Bd. 12). Göttingen: Wallstein Verlag 2006, 512 Seiten.
– rezensiert von Christian König

Christian Mattke: Albert Oeckl – sein Leben und Wirken für die deutsche Öffentlichkeitsarbeit. (= Organisationskommunikation. Studien zu Public Relations/ Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikationsmanagement). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2006. (= zugleich Diss. Univ. Leipzig 2005), 387 Seiten.
– rezensiert von Peer Heinelt

Rainer Greißler / Horst Pöttker (Hg.): Integration durch Massenmedien. Mass Media – Integration. Medien und Migration im Vergleich. Media and Migration: A Comparative Perspective. Bielefeld: transcript Verlag 2006, 324 Seiten.
– rezensiert von Petra Herczeg

Sandra Wiesinger-Stock, Erika Weinzierl & Konstantin Kaiser (Hg.): Vom Weggehen. Zum Exil von Kunst und Wissenschaft. Wien: Mandelbaum Verlag 2006, 494 Seiten.
– rezensiert von Gaby Falböck

Andreas Hepp, Friedrich Krotz, Shaun Moores & Carsten Winter (Hg.): Konnektivität, Netzwerk und Fluss. Konzepte gegenwärtiger Medien-, Kommunikations- und Kulturtheorie. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2006, 215 Seiten.
– rezensiert von Erik Bauer

Günther Rager, Karola Graf-Szcuka, Gregor Hassemer & Stephanie Süger (Hg.): Zeitungsjournalismus. Empirische Leserforschung. Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft 2006, 290 Seiten.
– rezensiert von Erich Vogl

Michael Meyen & Maria Löblich: Klassiker der Kommunikationswissenschaft. Fach und Theoriegeschichte in Deutschland. Konstanz: UVK 2006, 343 Seiten.
– rezensiert von Erik Koenen 

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