Stefan Troebst: Jalta versus Stalingrad, GULag versus Holocaust Konfligierende Erinnerungskulturen im größeren Europa

Einleitung:

1. Doppelt geteilte Erinnerung

In seinem Buch The Limits and Divisions of European History aus dem Jahr 1950 identifizierte der exilpolnische Historiker Oskar Halecki vier europäische Geschichtsregionen: Westeuropa, Westmitteleuropa (bzw. Deutschland und Österreich), Ostmitteleuropa und Osteuropa.

Die Haleckische mesoregionale Gliederung europäischer Geschichte deckt sich frappierend genau mit den Europa durchziehenden erinnerungskulturellen Trennlinien, wie sie seit dem Epochenjahr 1989, vor allem aber im Umfeld des 60. Jahrestags des Endes des Zweiten Weltkrieges 2005 zutage getreten sind: Im “atlantischen” Westeuropa wird der Erinnerungsort 8. Mai 1945 als Sieg der Demokratie über die nationalsozialistische Diktatur erinnert; im halb postfaschistischen, halb postkommunistischen Deutschland halten sich die Erinnerung an die Befreiung von einem genozidalen Terrorregime einerseits sowie an Bombenkrieg, Flucht und Vertreibung im Zuge von Niederlage und “Zusammenbruch” andererseits die Waage; in Ostmitteleuropa steht der Wechsel von dem einen, nationalsozialistischen Okkupationsregime zum anderen, dem sowjetischen, sowie der 1945 in Jalta verfügte Zuschlag der Region zum Sicherheitsglacis der UdSSR im Vordergrund; und in der Russländischen Föderation bildet der eigene Sieg über Hitler, dessen militärische Grundlage 1943 in Stalingrad gelegt wurde, den erinnerungskulturellen Gründungskonsens des größten Nachfolgestaates der UdSSR.

Die weitgehende Unvereinbarkeit dieser divergierenden Erinnerungsimperative wurde in letzter Zeit vor allem dann deutlich, wenn die “osteuropäische” Erinnerungskultur nicht mit der “westeuropäischen” deckungsgleich war. Dies trifft etwa auf die vergleichende Bewertung von Nationalsozialismus und Kommunismus im allgemeinen sowie von Holocaust und GULag im besonderen zu. …

Oliver Rathkolb: Warum kann Österreich (noch) nicht Europa erinnern?

Einleitung:

Europäische Erinnerungsräume                                                            

Die Ägyptologin und Anglistin Aleida Assmann hat in der Weiterentwicklung ihrer Habilitation aus 1992 sechs Jahre später eine beeindruckende Studie über die “Erinnerungsräume, die Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses” vorgelegt. Ausgehend von den verschiedenen Aufgaben kultureller Erinnerung, ihren Medien wie Schriften, Bilder, Denkmäler sowie den Speichern (Archiven) des kulturellen Gedächtnisses wäre es durchaus angebracht, auch Europa als Erinnerungsraum zu konstruieren – geprägt durch gemeinsame soziale, politische und ökonomische Entwicklungen, die derzeit höchst fragmentarisch, das heißt, nationalstaatlich geprägt, im kulturellen Gedächtnis permanent abgespeichert werden.

Mein Reflexionsziel ist die Vernetzung innovativer, aber noch national geprägter Ansätze, die sich um den heute höchst trendigen, aber zunehmend etablierten Gedächtnis-Diskurs – entwickelt haben – mit der Entwicklungsoption für transnationale Ansätze. Daher möchte ich vorerst näher auf die spezifische Theorieentwicklung eingehen, und vor allem deren grundlegende Wurzeln reflektieren. Das kulturelle Gedächtnis im Sinne von Assmann basiert auf einem Theorieversuch über das “kollektive Gedächtnis” des Soziologen Maurice Halbwachs aus Mitte der 20er Jahre, auf den ich im Detail noch zurückkommen werde, das wiederum Assmann (und ihr Mann Jan) in zwei Erinnerungsformen unterteilen: Kommunikatives Gedächtnis (basierend auf Alltagskommunikation und sozial und gruppenbezogen vermittelt) und kulturelles Gedächtnis, das durch institutionalisierte Kommunikation und kulturelle Prägungen wie Texte, Denkmäler, Gedenktage-/Feiern, Riten und Bräuche geformt und gespeichert wird. …

Thomas A. Bauer: Geschichte verstehen Eine kommunikationstheoretische Intervention

Einleitung:

1. Geschichte als kognitives Modell

Betrachtet man Geschichte im Lichte kommunikationstheoretischen Wissens, dann ent- deckt man an (der) Geschichte eine kulturelle Aufladung, die deutlich macht, dass es die kommunikative Rahmung ist, die der Geschichte gesellschaftliche Bedeutung gibt. Diese Rahmung vollzieht sich als Erzählung, in der der Mensch seine Erinnerung zum Gegenstand der Betrachtung macht. Diese hat selbst ein Motiv. Das Wissen um das Ende von allem, was lebt, ist vermutlich das anthropologische Motiv für Geschichte. Das Wissen des Menschen über sich selbst ist die Konstruktion aus der Not der Auseinandersetzung mit der Erfahrung des Todes. Das Wissen um den Tod zwingt das Leben zur Geschichte, also zur Erklärung von Zeit. Gäbe es diese Erfahrung nicht, hätte Geschichte keinen Sinn. Das Wissen um ein Ende gibt dem Leben Zeit. Die Dimension der Zeit – nicht mehr als ein Wissensmodell, aber immerhin eines, mit dem wir leben – macht das Leben zur Geschichte. Geschichten brauchen Erzählung und werden durch Erzählung zur (z.B. persönlichen) Geschichte. Ein Leben ohne dessen erfahrbares Ende wäre nicht das Leben in Geschichte und Geschichten.

Geschichte ist ein Konstrukt der Betrachtung, nachdenkend und erinnernd konfiguriertes Wissen über das, was man schon weiß oder meint zu wissen. Geschehenes erklärt und vermittelt sich nicht aus sich selbst, sondern immer nur aus seinem Kontext, braucht also die Erklärung aus Zusammenhängen und aufgrund von Relationen, was immer heißt: Geschichte ist die Betrachtung des Geschehenen im Wege der Beobachtung von Relationen. Da es sich bei Geschichte um Zeitrelationen handelt, kann man erst beobachten, wenn man Zeitzusammenhänge für geschlossen hält oder wenn man sie schließen möchte. …

Rezensionen 1/2006

Wolfram Dornik: Erinnerungskulturen im Cyberspace. Eine Bestandsaufnahme österreichischer Websites zu Nationalsozialismus und Holocaust. (= Network Cultural Diversity and New Media). Berlin: trafo Verlag 2004, 284 Seiten.
– rezensiert von Dörte Hein

Ludwig Fischer (Hg.): Programm und Programmatik. Kultur- und medienwissenschaftliche Analysen. Konstanz: UVK 2006, 440 Seiten.
– rezensiert von Gaby Falböck

Rainer Winter (Hg.): Medienkultur, Kritik und Demokratie. Der Douglas Kellner Reader. Köln: Herbert von Halem Verlag 2005, 381 Seiten.
– rezensiert von Christian Schwarzenegger

Maria Mesner (Hg.): Entnazifizierung zwischen politischem Anspruch, Parteienkonkurrenz und Kaltem Krieg. Das Beispiel der SPÖ. (Mit Beiträgen von Matthew P. Berg, Maria Mesner, Sonja Niederacher, Doris Sottopietra, Theodor Venus und Maria Wirth.) Wien, München: Oldenbourg Verlag 2005, 362 Seiten.
– rezensiert von Klaus Kienesberger

Guido Zurstiege: Zwischen Kritik und Faszination. Was wir beobachten, wenn wir die Werbung beobachten, wie sie die Gesellschaft beobachtet. Köln: Herbert von Halem Verlag 2005, 344 Seiten.
– rezensiert von Christian Schwarzenegger

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