Jan Jirák & Barbara Köpplová: Wandlungen der tschechischen Medienlandschaft (1993-2003)

Einleitung: Die Metapher „Medienlandschaft“ ist verlockend und irreführend zugleich, in einer Hinsicht jedoch bedeutsam – durch ihre Verwendung kann deutlich gemacht werden, dass es den Autoren um die Erfassung der prinzipiellen (wenn man sich ans ursprüngliche Bild hält – landschaftsbildenden) Faktoren geht, dass sie sich auf dem Niveau einer gewissen Abstraktion bewegen und auf die Erfassung aller Spezifika der einzelnen Mikroklimas und Biotope verzichten, die in der beschriebenen Landschaft vorkommen mögen. Und dies war das echte Anliegen der Autoren dieses Beitrags. Die Metapher „Medienlandschaft“ erlaubt es in unserem Interessenfeld ein gewichtiges Ziel anzupeilen – nämlich zu versuchen, Massenmedien und Gesellschaft in gegenseitigen Wechselbeziehungen darzustellen bzw. die Medien als untrennbares Element der Gesellschaft aufzuzeigen, mitnichten als deren Funktion, als deren untergeordnetes Instrument, sondern als Institution, die über eine innere, von politischen, ökonomischen und kulturellen Faktoren bestimmte Dynamik verfügt und die sich maßgeblich an der Prägung der Gesellschaft, aber auch ihrer selbst beteiligt.

In diesem Sinne stellt der anschließende Beitrag einen Versuch dar, die Entwicklung der tschechischen Medien vom Zeitpunkt der Entstehung der selbständigen Tschechischen Republik bis ins Jahr 2003 hinein zu illustrieren und die Hauptfaktoren aufzuzeigen, die diese ein Jahrzehnt lange Entwicklung bedingt haben und noch bedingen oder zumindest Einfluss auf deren Entwicklung genommen haben.

Der Text versucht vorerst, die charakteristischen Merkmale der Massenmedien1 darzustellen, mit denen die selbständige Republik ins erste Jahr ihrer Existenz eintrat, versucht anzudeuten, wie die Massenmedien im „Input“, also vor dem Jahre 1992 ausgesehen haben. Im Weiteren geht er dazu über, die Entwicklung seit dem Jahre 1992 bis in die Gegenwart darzulegen und in dieser Epoche Schlüsselfaktoren und maßgebliche Ereignisse aufzuspüren, welche die Entwicklung und die Rolle der Massenmedien am meisten beeinflusst haben. Dabei werden drei Faktoren ins Auge gefasst, die zum Begreifen der Rolle der Medien in der Gesellschaft von besonderer Bedeutung sind: die Entwicklung des medialen Angebots (also die eigentliche Medienproduktion), die Entwicklung der Eigentumsverhältnisse im Medienbereich und die Wechselwirkung zwischen den Medien, deren Konsumenten und (weiteren) gesellschaftlichen Institutionen (insbesondere der politischen Macht). …

Danusa Serafínová & Jozef Vatrál: Wiener Werbung in Pressburg 1870-1918

Einleitung: Kurz bevor es klar wurde, dass auch die Slowakei ihren Stern auf dem Himmel des vereinten Europas bekommt und Mitglied der einheitlichen Wirtschaftszone wird, haben wir uns entschlossen eine Hintertür zu öffnen, um nachzusehen wie stark die Werbung Wiener bzw. österreichischer, deutscher und teilweise auch schweizerischer, dänischer und einheimischer Inserenten in der Pressburger deutschsprachigen Presse vertreten war, und zwar in den Jahren 1870 bis 1918. In diesen Jahren waren die beiden, heute am wenigsten voneinander entfernten Hauptstädte zweier Staaten des erweiterten Europas, Wien und Bratislava (die Entfernung beträgt ungefähr 60 Kilometer), Bestandteil eines durch geschickte Heiratspolitik der Habsburger vereinigten Teils Europas – der multinationalen und multikulturellen Österreichisch-Ungarischen Monarchie. Bratislava hieß damals Pressburg, Pozsony, Preśporok und war eine dreisprachige Provinzstadt. In dieser Stadt voller Toleranz lebten in jener Zeit Deutsche, Slowaken, Ungarn und die jüdische Kommune miteinander. Die Stadt Pressburg erlebte in den Jahren 1870 – 1914 einen raschen Aufschwung. Neue Betriebe wurden errichtet, neue Menschen kamen um hier zu arbeiten und mit ihren Familien in den für sie erbauten Wohnungen zu leben. Technische Neuigkeiten fassten sehr schnell Fuß in Pressburg. Die Stadt hatte eine Telefonzentrale, wurde elektrisch beleuchtet, besaß eine elektrische Stadtbahn, in den Jahren 1911 bis 1914 wurde die berühmte, aus den Erzählungen unserer Großeltern bekannte, elektrische Lokalbahn zwischen Wien und Bratislava erbaut, viele Kinos öffneten ihre Tore, Automobile ersetzten nach und nach die Kutschen und es gab auch Taxis. Pressburg wurde immer schöner und seine relativ starke Mittelschicht stellte ein kaufkräftiges Publikum dar, das nicht nur die einheimischen Inserenten interessierte. …

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Thomas Varkonyi: “Ich bin kein Pessimist, obwohl …” Thomas Várkonyi im Gespräch mit Gábor Kapitány über die Transformation des ungarischen Mediensystems

Einleitung:

Thomas Várkonyi: „Wie hat sich aus Ihrer Sicht die mediale Situation in Ungarn, die ungarische Öffentlichkeit, die Mediennutzung und deren wissenschaftliche Analyse auf historischem und/oder anthropologischem Gebiet seit dem Systemwechsel 1989/90 entwickelt?“

Gábor Kapitány: „Die Mediensituation in Ungarn hat sich vor dem Systemwechsel 1989 wesentlich von dem unterschieden, was für Westeuropa bzw. andere Teile der Welt im allgemeinen typisch war. Das sozialistische Lager hatte eine eigene Medienstruktur, einen eigenen Stil, eine eigene Thematik, und obwohl innerhalb dieses Lagers die ungarische die am ehesten offene und am ehesten den westlichen Medien vergleichbare war, war sie doch vom Typus her ganz verschieden. Nur um auf die evidentesten Unterschiede hinzuweisen: So wäre der vom ideologischen Standpunkt monolithische Charakter zu erwähnen; obwohl es in den 80er Jahren Diskussionssendungen gab, die unterschiedliche Ansichten zu Wort kommen ließen und in einigen Zeitungen von der offiziellen Meinung divergierende Standpunkte erscheinen durften, musste doch auch in diesen Medien die Hegemonie der sozialistischen Ideologie gesichert sein; und dann gab es noch weitere Abweichungen, die ziemlich lautstarke Rolle der Kultur oder die bedeutende Rolle der Produktionsereignisse in den Nachrichten. Daher bedeutete der Systemwechsel eine wesentliche Veränderung im gesamten Themenkreis der Medien, in ihrem Stil, in der verwendeten Symbolik. Außer den erwähnten (das heißt neben der politisch-ideologischen Pluralisierung und der Zurückdrängung der Kultursendungen und der Produktionsnachrichten) waren sehr augenfällige Veränderungen zum Beispiel das Eindringen der durch die Medien repräsentierten Öffentlichkeit in die Intimsphäre der Bevölkerung, die showcharakterliche Verschiebung der Inhalte, sowohl auf dem Gebiet der Kultur als auch auf dem Gebiet der Politik und das Auftreten des damit einhergehenden grelleren Umgangstons. Der Systemwechsel bedeutete gleichzeitig auch einen Generationenwechsel, auch auf dem Gebiet der Medien, da die neue Generation bereits durch und auf die westlichen Medien hin sozialisiert worden ist und deren Vertretung übernommen hat. Eine wesentliche Veränderung ist auch die Modifikation der medialen Strukturen, in erster Linie in Richtung eines marktwirtschaftlichen Typus. Es erschienen die kommerziellen Sender, die davor natürlich nicht präsent waren. Fernsehen und Radio bestanden im Wesentlichen aus zwei bis drei staatlichen Kanälen und nachdem das Überleben dieser Sender vom Verhältnis Angebot und Nachfrage abhängig ist, muss man sie offensichtlich ganz anders betreiben als die früheren staatlichen Sender. Diese Veränderungen resultierten in der Ausformung einer derartigen Sendungsstruktur und eines derartigen Sendungsstils, dass daraufhin zumindest die zwei größten kommerziellen Sender die staatlichen Sender überholten, daher wurden diese dazu gezwungen, ihren Stil zu verändern und immer größere Zugeständnisse in Richtung des marktwirtschaftlichen Typus zu machen. Es versteht sich auch von selbst, dass, als das Land von dem Einparteiensystem der so genannten weichen Diktatur in das Mehrparteiensystem der parlamentarischen Demokratie gewechselt hat, sich das Mediensystem pluralisiert hat und dort ebenfalls die Vertreter der verschiedenen Parteien und Richtungen erschienen sind.“

Stefan Jarolimek: Kommunikationswissenschaftliche Transformationsforschung, quo vadis? Eine theoretische und empirische Skizze

Einleitung: Nach mehr als fünfzehn Jahren der Transformation und der Transformationsforschung bieten die Staaten des ehemaligen Ostblocks ein sehr unterschiedliches Bild. Die Vorzeigestaaten Polen und Tschechien haben es fast geschafft und sind seit Mai Teil der Europäischen Union. Das ehemalige Machtzentrum, die Russische Föderation, kämpft noch immer mit seiner Größe, seinen Oligarchen und verfolgt weiterhin eine nach westlichem Geschmack wenig demokratische Politik der harten Hand. Andere Staaten, die in ihren Transformationsbestrebungen nur schleppend vorankommen, darunter vor allem die mittelasiatischen Staaten, gelten als „consolidating authoritarian rules“ oder „failed states“ (Price, Rozumilowicz & Verhulst, 2002, S. 6) . Die vor allem von Politologen geführten Untersuchungen dieser Prozesse bestanden zunächst aus einer Sammlung empirischer Daten, die in einer Art dichten Beschreibung zusammengefasst und verglichen wurden.

Auf dieser ersten empirischen Basis versuchte man dann auch theoretische Annahmen zu formulieren. Dass sich so eine Vielzahl von Wissenschaftlern dies zur Aufgabe machte, lag wohl auch wesentlich daran, dass die deutsche Wiedervereinigung Teil der Transformationen jener Zeit war. Eins jedoch kann direkt zu Beginn festgestellt werden: Die Transformationstheorie gibt es nicht. Es wird daher im Folgenden darum gehen, die Defizite und Perspektiven der Transformationsforschung im Allgemeinen und für die Kommunikations- und Medienwissenschaft im Speziellen herauszuarbeiten. Auf Basis der erkannten Defizite sollen perspektivisch in einer Art theoretischer und empirischer Skizze Möglichkeiten zur umfassenden Untersuchung der Transformationsprozesse aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht erarbeitet, vor- und zur Diskussion gestellt werden. …

Wolfgang Duchkowitsch: “Ceské vídenské postovní noviny” Die erste tschechischsprachige Zeitung Wiens (1761)

Einleitung: Während des 17. und 18. Jahrhunderts waren Zeitungen, wie es Kurt Koszyk definiert, im Wesentlichen staatlich kontrollierte und beeinflusste Nachrichtenblätter mit einer „zielgerichteten Informationsstruktur“ sowie „Objekte der Staatsräson“ (Koszyk,1969, S. 78) . Daher weist Jürgen Habermas dem Interesse der Obrigkeiten, die sich die Presse bald zu „Zwecken der Verwaltung nutzbar machten“, eine größere Bedeutung für die regelmäßige Herausgabe vorliegender Nachrichtenmaterialien zu als den geschäftlichen Interessen von Druckern oder Verlegern (Habermas, 1971. S. 33-34). Dieses obrigkeitliche Interesse, das sich gleichlaufend mit dem rasch wachsenden Einfluss der durch Zeitungsmeldungen vermittelten Kenntnisse von Vorgängen der „großen Welt“ (vgl. Dovifat, 1968, S.28) auf die damalige Öffentlichkeit (vgl. hierzu auch die wichtigen Aussagen Klingensteins zur ambivalenten Funktion der Publizierung politischer Angelegenheiten. Klingenstein, 1970. S. 153 u. 154)  zur nuancierten absolutistischen Kommunikationspolitik erweiterte, stellte gerade in Wien, der kaiserlichen Residenzstadt, die wichtigste Prämisse aller Zeitungsgründungen zwischen 1671 und 1757 dar (in Wien wurden in dieser Zeit folgende Blätter gegründet: Il corriere ordinuio und Cursor ordinarius (1671), Post=täglicher Mercurius und Wienerisches Diarium (1703), eine titelmäßig unbekannte französischsprachige Zeitung (1743) und Gazette de Vienne (1757)). Dabei waren die Motive, die der Etablierung neuer Zeitungsunternehmungen zugrunde lagen, stets innen- oder außenpolitischer, repressiver oder repräsentativer Natur. …

Rezensionen 2/2004

Rudolf Ulrich: Österreicher in Hollywood. Wien: Filmarchiv Austria 2004
– rezensiert von Christian Cargnelli

Ray Rühle: Entstehung von politi-scher Öffentlichkeit in der DDR in den 1980er Jahren am Beispiel von Leipzig. (= Kommunikationsgeschichte, Bd. 17). Münster, Hamburg, London: LIT Verlag 2003
– rezensiert von Silvia Nadjivan

Jörg Requate (Hg.): Europäische Öffentlichkeit. Transnationale Kommunikation seit dem 18. Jahrhundert. Frankfurt/Main;Campus-Verlag 2002
– rezensiert von Christian Schwarzenegger

Marietta Bearman, Charmain Brinson, Richard Dove, Anthony Grenville & Jennifer Taylor: Wien – London, hin und retour. Das „Austrian Centre“ in London 1939 bis 1947. Wien: Czernin Verlag 2004
– rezensiert von Gaby Falböck

Vedran Dzihic: Intellektuelle in der jugoslawischen Krise. Rolle und Wirken der postjugoslawischen unabhängigen Intellektuellen in Wien. Frankfurt am Main: Peter Lang Verlag 2003
– rezensiert von Silvia Nadjivan

Richard W. Dill: Neue Demokratien – neuer Rundfunk. Erfahrungen mit der Medientransformation in Osteuropa. (= MARkierungen. Beiträge des Münchner Arbeitskreises öffentlicher Rundfunk, Bd. 3). Münster: LIT Verlag 2003
– rezensiert von Bernd Semrad

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