Karl Stubenvoll: Das Ende einer “sozialistischen” Bibliothek Die Plünderung und Zerstörung der Sozialwissenschaftlichen Studienbibliothek der Wiener Arbeiterkammer durch die Nationalsozialisten

Einleitung: Die Okkupation Österreichs im Jahre 1938 eröffnete dem deutschen Faschismus nicht nur den Zugriff auf die ökonomischen Ressourcen und das Arbeitskräftepotential des Landes, sondern auch auf dessen kulturelle Schätze. Die Plünderung von Bibliotheken ist eines der am wenigsten erforschten Kapitel der NS-Kulturpolitik in Österreich. Betroffen waren davon vor allem jüdische Einrichtungen und Privatpersonen, aber auch die Organisationen der Arbeiterbewegung und ihre Funktionäre. Der folgende Beitrag schildert einen der spektakulärsten Fälle eines Bibliotheksraubes aus dem Bereich der Arbeiterbewegung während der NS-Zeit in Österreich. Seine näheren Umstände und Hintergründe sind erst im letzten Jahrzehnt nach und nach bekannt geworden. …

Christina Köstner: Der lange Schatten nationalsozialistischer “Erwerbungspolitik” Die Nationalbibliothek in Wien 1938-45

Einleitung: 1918 ging mit der Monarchie auch die Ära der k.k. Hofbibliothek zu Ende. 1920 wurde die Bibliothek nach heftigen Diskussionen in „Nationalbibliothek“ umbenannt und 1923 Dr. Josef Bick (1880-1952) zum Direktor ernannt. Anfang 1926 wurde er zum Konsulenten für Bibliotheksangelegenheiten im Unterrichtsministerium bestellt und hatte damit eine Schlüsselposition im österreichischen Bibliothekswesen inne. Anlässlich der 200-Jahr-Feier der Eröffnung des Prunksaals der NB 1926 wurde Bick vom Ministerium
zum Generaldirektor ernannt.

Bicks Ruf als „hervorragende Autorität“ im Bibliothekswesen brachte ihm Ehrenstellen bei diversen deutschen Fachausschüssen ein. 1934 wurde ihm sogar die Mitgliedschaft beim Beirat für Bibliotheksangelegenheiten Preußens angeboten.

Im Mai 1934 wurde Bick zusätzlich zum Direktor der Albertina ernannt, deren bisheriger Leiter Alfred Stix an das Kunsthistorische Museum (KHM) berufen wurde. Wenige Monate später holte man Bick in den Bundeskulturrat. In der Folge wurde er Präsident dieses Rates und Vizepräsident des Bundesrates. Bick behielt diese hohen politischen Funktionen bis zum März 1938.

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten bedeutete für Generaldirektor Bick das (vorläufige) Ende seiner Berufslaufbahn. Er wurde am 16. März 1938 in der camera praefecti, dem Arbeitszimmer des Generaldirektors, verhaftet und mehrere Monate im KZ Dachau und Sachsenhausen inhaftiert. Im Spätsommer 1938 entließ man ihn und stellte ihn bis zum Ende des „Dritten Reiches“ unter Hausarrest. Nach der Wiedererrichtung des freien Österreich wurde Bick bereits im Juni 1945 in alle seine Ämter wieder eingesetzt und leitete die Bibliothek noch bis Ende Jänner 1949. Er starb am 5. April 1952 in Piesting/NÖ. …

Murray G. Hall: “Lügenmeldungen über die Nationalbibliothek” Versuche zur Rettung geraubter Bücher

Einleitung: Dem erst kurz zuvor ernannten Kommissarischen Leiter der Nationalbibliothek in Wien, Dr. Paul Heigl, riss etwa einen Monat nach dem „Anschluss“ die Geduld. Er war in diesem Fall nicht unglücklich über das von ihm übernommene Personal in der Bibliothek. Schuld waren diesmal die Medien, nicht aber die gleichgeschalteten in der „Ostmark“. Vielmehr war der Grund eine „nur der zum Überdruß geübten Brunnenvergiftung dienende böswillige Falschmeldung“, also eine „Zeitungsente“ der etwas anderen Art. Und darüber hinaus lästige Telegramme aus den USA, hinter denen wohl die „üblichen Verdächtigen“, d.h. jüdische Emigranten, standen, wie Heigl mutmaßte.

Am 23. April 1938 hatte der Wiener Korrespondent der Nachrichtenagentur Associated Press in die ganze Welt berichtet bzw. – so Heigl – „für gut befunden, ihren Lesern das Märchen aufzutischen, dass aus der Wiener Nationalbibliothek Bücher jüdischer, marxistischer, freimaurerischer und ähnlicher Skribenten entfernt und sogar verbrannt werden sollen“. Anderntags stand die Meldung aus Wien auf Seite 1 solch renommierter Blätter wie The New York Times und der Washington Post.

Natürlich stimmte diese Meldung so nicht, aber sie löste für die Dauer von ca. einer Woche im April 1938 eine Lawine von Entwicklungen aus, die zu Ausschreitungen und Schein-Bücherverbrennungen am Campus einer kleinen Universität im US-Bundesstaat Massachusetts sowie einer konzertierten, aber letztlich abgebrochenen Aktion unter mehr als eineinhalb Dutzend führender Universitätsbibliotheken in den USA, von der Library of Congress ganz zu schweigen, führte, die die so genannten „doomed books“ in der Nationalbibliothek in Wien durch Kauf zu „retten“ versuchten. …

Erwin Holzer: Volksbücherei im Wandel der Zeiten Fragmente einer Büchereichronik aus der Provinz

Einleitung: Im Sommer 1975 sah ich mich durch eine Midlife Crisis veranlasst, den Job eines Hochschulassistenten am Institut für Publizistik der Universität Wien mit dem eines Leiters der Stadtbücherei in meiner Heimatstadt Mürzzuschlag zu tauschen. Die Berufsbezeichnung Büchereileiter ist etwas irreführend, denn mein Personal bestand, abgesehen von der Reinigungsfrau, nur aus einer geringwertig beschäftigten Hilfskraft.

Das Volksbüchereiwesen in Österreich gilt im Vergleich zu anderen Ländern als unterentwickelt. Etwa 90 Prozent der hier Beschäftigten arbeiten ehrenamtlich. Volksbibliothekare sind in Österreich neben Politikern und Journalisten der einzige Berufsstand, für den es keine obligatorische Ausbildung gibt, pflegte ich zu predigen in den Jahren, als ich mich mit engagierten Kollegen für ein Österreichisches Büchereigesetz einsetzte. Als ich hauptberuflicher Büchereileiter wurde, hatte ich natürlich keine einschlägige Ausbildung. Ich genoss lediglich eine dreiwöchige Einschulung durch meinen Vorgänger, der dann nach Graz verzog. In den folgenden Monaten stand mir Willi Urisk als Konsulent zur Verfügung, der die Stadtbücherei von 1945 bis 1971 geleitet hatte. Wir freundeten uns sehr rasch an. Mich beeindruckte seine Biographie. Unter den Dokumenten, die ich in letzter Zeit durchsah, entdeckte ich die Notizen aus dem Personalakt, die ich erhalten hatte, als mir 1985 die Rolle zufiel, letzte Worte an seinem Sarg zu sprechen:

Eintritt ins Berufsleben während Wirtschaftskrise.
1929 –1934 gelegentliche Beschäftigungen.
1934 – 1940 Arbeiter und Kantinenleiter bei einer Baufirma.
Wegen politischer Gesinnung fast 5 Jahre im KZ.
Ab August 1945 Büchereileiter.

Es war die GESTAPO-Haft und nicht das KZ und Willi Urisk zählte zu den Überlebenden, als in den letzten Kriegstagen bei einem Bombenangriff an die 100 Strafgefangene und 20 Wärter den Tod fanden. Verurteilt hatte man ihn wegen der Mitgliedschaft „in einer verbotenen Partei, die eine selbständige, demokratische Republik Österreich zum Ziele“ hatte, und wegen Vorbereitung zum Hochverrat. Das Indiz: Der Besitz einer Schreibmaschine, auf der ein regimekritisches Flugblatt getippt worden war. Mit Willi Urisk, der sich 1969 mit der Gruppe um Ernst Fischer und Franz Marek von der KPÖ getrennt hatte, unterhielt ich mich viel über Zeitgeschichte, aber nur wenig über Büchereigeschichte. Er stand mir nicht mehr als Auskunftsperson zur Verfügung, als 1986 die Förderungsstelle des Bundes für Erwachsenenbildung in Graz in Zusammenarbeit mit dem Historiker Stefan Karner ein Projekt startete, welches sich betitelte „Heimat erleben – Heimat erfahren: die Bücherei in der historischen Entwicklung der Gemeinde.“ Etwa ein Dutzend Büchereiorte zeigten sich interessiert.

Es gab einige Treffen mit dem Historiker. Wir suchten nach „harten Daten“ und nach Zeitzeugen. In der von einem Ehrenbürger verfassten Mürzzuschlager Gemeindechronik kam die Bücherei gar nicht vor. In der Bücherei selber gab es lückenhafte Unterlagen, zurückreichend bis in die vierziger Jahre. Auf einen Aufruf in der Gemeindezeitung meldeten sich sogar Zeitzeugen aus den dreißiger Jahren. Doch ihre ersten Aussagen erwiesen sich so unpräzise, dass es ratsam schien, zunächst in Archiven nach weiteren harten Daten zu forschen, ehe man die Zeitzeugen ein weiteres Mal gezielt befragte. Stefan Karner stellte uns Studenten für die Suche im Landesarchiv in Aussicht. Doch aus irgendeinem Grunde kam es nicht dazu und das Projekt verlief im Sande, denn die Aufrechterhaltung des Ein-Mann-Betriebes in der Provinz hatte Vorrang vor der Forschung in der Landeshauptstadt.

Sieben Jahre nach meiner Pensionierung ereilte mich ein Anruf aus einer ehemaligen Arbeitsstätte, ob ich nicht einige historische Daten aus einer anderen Arbeitsstätte liefern könne. Ich begab mich in die Mürzzuschlager Stadtbücherei und fand tatsächlich noch das vor 18 Jahren zusammengetragene Material. Nur die Zeitzeugen leben nicht mehr. Was in diesem Beitrag dargestellt wird, sind „Bausteine einer Büchereigeschichte“. …

Gerhard Renner: Provenienzforschung und Restitution in der Wiener Stadt- und Landesbibliothek

Einleitung: Im Zusammenhang mit den Restitutionsdiskussionen des Jahres 1998 beschäftigte sich auch die Wiener Stadt- und Landesbibliothek mit der Problematik von Beständen, die während der Zeit des Nationalsozialismus erworben worden waren. Diese Erwerbungen waren nach dem Bundesgesetz vom 15. Mai 1945 über die Nichtigerklärung von Rechtsgeschäften nicht legal, wurden aber meist weder als entzogenes Vermögen angemeldet noch an die früheren Eigentümer bzw. ihre Erben zurückgegeben – befanden sich also noch 1998 im Eigentum der Stadt Wien, vertreten durch die Wiener Stadt- und Landesbibliothek.

Die öffentliche Diskussion hatte damals zwar nur die Museen im Blick, doch es war klar, dass alle öffentlichen Sammlungen mit diesem Problem konfrontiert waren, wenn es auch in den Bibliotheken meist nicht um spektakuläre Einzelobjekte geht, an denen sich das öffentliche Interesse festmacht. Schon in einem frühen Stadium der Diskussion wurde festgestellt, dass punktuelle Recherchen nicht sinnvoll sein würden. Zwar standen die wichtigsten Erwerbungsdaten in den Inventarbüchern bzw. den seit 1938 geführten Zuwachsprotokollen zur Verfügung, diese Unterlagen wären also eine mögliche Basis gewesen.  Aus diesen Daten ging jedoch nicht hervor, ob die Vertragspartner der Bibliothek jüdisch waren, auch waren die Informationen über die Erwerbungsart der Objekte (Kauf, Schenkung oder Tausch) nicht immer zuverlässig und überdies war die damalige Praxis der Inventareintragungen zu Beginn des Projekts noch zu wenig bekannt. Es war zwar nicht zu vermuten, dass die Bibliothek große Bestände von den damaligen Verwaltungsbehörden erhalten und sie nicht im regulären Inventar verzeichnet hatte, es war jedoch auch nicht sicher auszuschließen. Es lag also nahe, sämtliche Erwerbungsakten der Jahre 1938 bis 1945 und die auf diesen Erwerbungen beruhenden Neuerwerbungen nach 1945 zu analysieren und damit eine verlässliche Quellengrundlage für weitere Maßnahmen zu erarbeiten. Die Entwicklung dieses Projekts wurde 1998 auch mit dem Leiter des Archivs des Kunsthistorischen Museums – Herbert Haupt – diskutiert, der damals wohl die meiste Erfahrung im Bereich Provenienzforschung vorzuweisen hatte. Auf Gespräche mit ihm geht die Auswahl der 13 Datenkategorien zurück, deren Erfassung für jede einzelne Erwerbung geplant war (Sammlung, Objekte, Inventarnummern, Datum der Erwerbung, Zugangsnummer, Rechnungszahl, Verkäufer, Vorbesitzer, Geschichte, Rückforderungen, Akten, Kategorie – unbedenklich oder fragwürdig, Bestand noch im Eigentum der Bibliothek). …

Christian Enichlmayr: Andauernde Spurensuche Provenienzforschung in der Oberösterreichischen Landesbibliothek

Einleitung: Trotz mehrfacher Bemühungen im österreichischen Bibliothekswesen, enteigneten und beschlagnahmten Zugängen aus den Jahren des Nationalsozialismus nachzuspüren, gibt es Defizite in der Forschung und Aufarbeitung. In Österreich haben jüngst die Tagung „Raub und Restitution in Bibliotheken“ (Internationale Tagung im Wiener Rathaus, 23.-24. April 2003) und die Publikation „Der Raub der Bücher“ (Adunka, 2002) einen wichtigen Beitrag zu dieser Thematik geleistet. Unbehandelt blieben dabei die sogenannten Studienbibliotheken, darunter auch jene der Studienbibliothek in Linz, der Vorläufereinrichtung der „Oberösterreichischen Landesbibliothek“.

Seit Gründung und Ausbau der zum Wissenschaftsministerium ressortierenden Bibliotheken der Linzer Universitäten ist die Aufmerksamkeit des Unterhaltsträgers „Bund“ für die Anliegen der Studienbibliothek in Linz stark gesunken. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass in den vergangenen 30 Jahren keine Ressourcen für die Aufarbeitung diverser Bestände, Schenkungen und auf sonstigen Pfaden in die Bibliothek gelangten Sammlungen zur Verfügung standen. Bei der Übernahme durch das Land Oberösterreich im Jahr 1999 waren nicht nur ca. 340.000 sachgemäß katalogisierte Werke aus allen Epochen der Buchgeschichte in den Regalen, sondern es fand sich auch eine Vielzahl von schlecht gelagerten, unkatalogisierten und vielfach ausgesonderten Beständen in schlecht belüfteten Magazinsräumen und teilweise in schlechtem physischem Zustand sowie eine Vielzahl von Kleinschriften und Sonderdrucken.

Mehrere Generationen von Bibliotheksleitern sind an deren Aufarbeitung bereits gescheitert. In Zusammenhang mit der Suche nach unrechtmäßig
erworbenen Beständen spielen gerade jene Bestände eine große Rolle, deren Provenienz durch keinerlei Akzessionsjournale o.ä. dokumentiert ist. Inventarbücher und Zuwachsverzeichnisse wurden im Zuge der Übernahme lediglich für einige zurückliegende Jahrzehnte vorgefunden. Die im Hause immer spürbare Platznot, vielfache Übersiedelungen und diverse Sichtungen durch Antiquare haben ein Übriges getan, dass mehr oder weniger exakte Zuordnungen historischer Bestände aus der fraglichen Zeit nur mit dem enormen Aufwand der Arbeit am einzelnen Exemplar und mit dem Fachwissen des Historikers möglich wären. Beides Grundvoraussetzungen, die im Zuge der Neupositionierung der Bibliothek als allgemeinwissenschaftliche Bibliothek für die nicht-universitäre Forschung in Linz und Oberösterreich derzeit nicht gegeben
sind. …

Rezensionen 4/2004

Hans-Jörg Koch: Das Wunschkonzert im NS-Rundfunk. Köln: Böhlau Verlag 2003
– rezensiert von Carina Sulzer

Alice Lagaay & David Lauer (Hg.): Medientheorien – Eine philosophische Einführung. Frankfurt am Main: Campus Verlag 2004
– rezensiert von Christian Schwarzenegger

Helga Maria Wolf (Hg.): Auf Ätherwellen. Persönliche Radiogeschichte(n). Wien: Böhlau Verlag 2004
– rezensiert von Gaby Falböck

Murray G. Hall, Christina Köstner & Margot Werner (Hg.): Geraubte Bücher. Die Österreichische Nationalbibliothek stellt sich ihrer NS-Vergangenheit. Wien: Österreichische Nationalbibliothek 2004
– rezensiert von Bernd Semrad

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Johanna Dorer: Another Communication is Possible Triales Rundfunksystem und die Geschichte der Freien Radios in Österreich

Einleitung: Im Dezember 2003 fand der erste Teil des UN-Weltgipfels zur Informationsgesellschaft (WSIS) in Genua statt, welchem 2003 der zweite Teil in Tunis folgen wird. Im Rahmen dieses UN- Gipfels wurde unter dem Titel „Shaping Information Societies for Human Needs“ die „Civil Society Declaration to the World Summit on the Information Society“ verabschiedet. Sie fordert auf Basis der Menschenrechte das gleiche Recht für alle Menschen auf freien Zugang zur gesellschaftlichen Information und Kommunikation.

In Abschnitt 2.3.2.2. der Civil Society Declaration heißt es: Community media würden als jene unabhängigen Medien, die im lokalen Raum und in zivilgesellschaftlichen Bewegungen verankert sind, mit ihrem offenen Zugang und ihrem Partizipationsangebot eine wichtige Rolle in heutigen Informations- und Kommunikationsgesellschaften übernehmen. Sie sind jene Medien, die gesellschaftlichen Dialog ermöglichen und sich für sozial schwache und marginalisierte Gesellschaftsgruppen, für kulturelle und sprachliche Vielfalt, sowie für mehr Gleichberechtigung von Frauen einsetzen würden. Zur Unterstützung ihrer Aktivitäten und Infrastruktur sollte deshalb auch ein community media fund eingerichtet werden. Ferner sollten Regierungen auch einen gerechten Anteil an Frequenzen für nichtkommerziellen Rundfunk bereitstellen (WSIS Civil Society Organisations, 2003, S.15f.).

AMARC als weltweite Dachorganisation für community radios war maßgeblich an der Formulierung der Civil Society Declaration beteiligt. Ihre Vorstellungen einer gerechteren Kommunikationsgesellschaft, die sich an Partizipation und Empowerment, an kultureller Vielfalt und Geschlechtergerechtigkeit sowie an mehr Gerechtigkeit für Arme und Marginalisierte orientiert, bringt sie in ihrem Leitspruch für den UN-Gipfel mit „another communication is possible“ zum Ausdruck (AMARC link, (2004), Newsletter of AMARC members, vol. 5, no. 1, S. 1.). …

Matthias Marschik: Die Geburt der Nation aus dem Unterseekabel Eine Momentaufnahme aus Österreichs Rundfunkgeschichte

Einleitung: Im Fenster der noblen Bar des Hotel Sacher hing am 7. Dezember 1932 ein sehr prosaisches kleines Plakat: Neben einem stilisierten Fußballerbein und einem Lederball war eine österreichische Fahne abgebildet. In dicken Lettern wurde angekündigt: „Mittwoch, 13.20: Radioübertragung Österreich – England. Radioanlage durch Radio Goldschmied, Wien VII, Neubaugasse 3 und 19“. Dieses auf den ersten Blick unscheinbare Motiv war dem berühmten Fotografen Lothar Rübelt immerhin eine ganze Serie von Fotos wert. Doch erst etliche Jahre nach dem Ereignis war es möglich, alle Elemente der Besonderheit dieser Bilder zu verstehen, die wir heute als rundfunktechnische, massensportliche und nationale Attraktion benennen können.

Was an diesem nasskalten Dezembertag passierte, ist bereits an dem ausgehängten Plakat abzulesen: In England fand ein Fußballspiel zwischen den Gastgebern und dem Team Österreichs statt, das schon in der Zeitgenössischen Presse als „Jahrhundertspiel“ (Steiner, 1932, S. 6) tituliert wurde und eine „Klarstellung des Kräfteverhältnisses zwischen den zwei ,Fußball-Weltmächten“ (Wiener Allgemeine Zeitung, 3.12.1927, S. 2) bringen sollte und musste; Das Spiel wurde, auch das eine Sensation und ein „technisches Wunder“ (Arbeiter-Zeitung, 6.12.1932, S. 6), live im Radio übertragen; und schließlich symbolisierte die rotweiß-rote Fahne noch eine weitere Novität: In einer Republik, die kaum jemand für politisch und ökonomisch überlebensfähig hielt, manifestierte sich die Entstehung eines nationalen Bewusstseins: „Wir sind ein Fußballstaat. In der Wirtschaft sind wir Schnorrer, in der Politik sind wir Patzer, aber auf dem grünen Rasen sind wir Meister“ (Wiener Allgemeine Zeitung, 8.12.1932, S. 1). …

Gisela Säckl: Erich Kunsti – Wegbereiter “lebendiger” Radioberichterstattung

Einleitung: Mit der Gründung der RAVAG, der österreichischen Radio-Verkehrs AG, im Jahre 1924 wurde eine neue Ara eingeläutet: die der elektronischen Medien. Durch die schnelle Übertragung eröffneten sich neue Wege der Berichterstattung, die ungeahnte Möglichkeiten boten und heutzutage nicht mehr wegzudenken sind. Die Beginne des Radios, sein Werdegang zu einem Medium, das zu Propagandazwecken missbraucht und doch oder gerade deswegen eine so rasante Entwicklung erfahren hatte, bergen eine Vielzahl von Errungenschaften nicht nur auf technischem, sondern vor allem hinsichtlich der Produktion von akustischen Berichten.

Eine der Persönlichkeiten, die von den Gründungstagen an und in weiterer Folge in den entwicklungstechnisch interessantesten Jahren der RAVAG aktiv zur Radioberichterstattung beitrugen, ist Erich (von) Kunsti. Am 2. November 1981 in Pola (Pula) als Sohn des Vizeadmirals Alois von Bonda-Kunsti geboren, absolvierte er das Gymnasium und die Marineakademie in Fiume und wurde aktiver Seeoffizier (Ehrenbuch des österreichischen Verdienstordens, Bd. 1/1936; S. 211.). Pola war zu dieser Zeit der größte k. und k.-Kriegsmarinehafen und das Marine-Technische-Comite der hiesigen Kriegsmarine leistete vor allem auf dem Gebiet der Entwicklung des Funkwesens Pionierarbeit. Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurden über 50 Kriegsschiffe aller Bootsklassen mit Funkstationen beteilt und darüber hinaus wurden in den Jahren 1908 bis 1912 drei weitreichende Großsendesta- tionen entlang der dalmatinischen Küste in Pola, Sebenico und Cattaro errichtet (vgl. Venus, 1986, S. 381). Kunsti steigt während des Ersten Weltkriegs zum Linienschiffsleutnant, später zum Korvettenkapitän und Kommandant der Seefliegerschule auf (o.V: Nachruf Erich Kunsti, 1955, S. 2). Nach Kriegsende und dem Auseinanderbrechen des Vielvölkerstaates und der Armee, tritt die Republik „Deutsch-Österreich“ neben einem kleinen Teil an materiellem Erbe, wie beispielsweise der militärischen Sendestation am Laaerberg in Wien, auch ein „beträchtliches personelles Reservoir zum Teil hochqualifizierter Funkmannschaften, Chargen und Offiziere, die der Republik ihre Dienste anboten“ (Venus, S. 384) an. Auch Kunsti, der anfangs als Angestellter der Sachdemobilisierung von Kriegsmarinegütern arbeitet, wird 1924 vom RAVAG von seinem Freund und ersten Präsidenten der RAVAG Eduard Fieinl, sowie Generaldirektor Oskar Czeija zum Rundfunk geholt (Schmolke, 1992, S. 164). Nach zahlreichen Probesendungen nimmt die RAVAG am 1. Oktober desselben Jahres den offiziellen Sendebetrieb auf (o.V.: Ravag-Tagebuch, Radio Wien, Sonderheft, S. 50.). …