Horst Pöttker: Konformität – Opportunismus – Opposition Zur Typologie von Verhaltensweisen im NS-Regime und danach


Autor:
Fachgeschichte sollte systematisch geschrieben werden. Dazu sind Begriffsinstrumente und Maßstäbe nötig. Um einen Vorschlag für solche Maßstäbe geht es hier, (noch) nicht um substantielle Thesen als Folge ihrer Anwendung.

Fragestellung und Methode

Im Titel der Tagung finden sich die Begriffe „Kontinuität“ und „Umbruch“, beide im Plural und nicht durch „oder“ mit Fragezeichen, sondern durch „und“ verbunden. Das hebt die Vermutung, in der Kommunikationswissenschaft habe es über 1945 hinweg sowohl Umbruch als auch Kontinuität gegeben, in den Rang einer Prämisse. Sie zu teilen entbindet nicht von der Aufgabe zu untersuchen, wo und wie in unserem Fach Kontinuität und Umbruch stattgefunden haben. Dabei erheben sich Probleme wie die folgenden:

  1. Kontinuität wird oft mit der Identität von Systemen in der Zeitdimension gleichgesetzt. Kontinuität von Systemen kann aber auch deren Wandel im Interesse von Umweltanpassung und Funktionsfähigkeit erfordern. Und Umbruch wird oft mit Diskontinuität gleichgesetzt, aber auch allmählicher Wandel kann, wenn er tiefgreifend ist, zur Diskontinuität von Systemen führen.
  2. Oft ist unklar, auf welche Phänomenebene sich die Begriffe „Kontinuität“ und „Umbruch“ beziehen: die von Personen, Strukturen, Institutionen oder Theorien, wie es in der Einladung zum Workshop heißt?
  3. Im Zusammenhang mit der NS-Zeit sind die Begriffe „Kontinuität“ und „Umbruch“ moralisch und politisch aufgeladen. Das ist aus dem Bedürfnis zu erklären, zu dieser Epoche der planmäßigen Menschenvernichtung Distanz zu gewinnen. In bestimmter Auffassung, der meine Begrifflichkeit allerdings nicht folgen wird, erscheint Kontinuität aber selbst beim Nationalsozialismus nicht per se abzulehnen,
    Umbruch nicht per se wünschbar. Z.B. ist eine gewisse Kontinuitätsvorstellung wohl Voraussetzung dafür, die NS-Vergangenheit als kulturelle Erbschaft annehmen und verarbeiten zu können, was die nur auf Umbruch setzende DDR nicht geschafft hat.
    Um solche Probleme zu klären, ist das Verständnis von „Kontinuität“ und „Umbruch“ zu schärfen. Im Hinblick auf die Frage nach der Systemidentität spreche ich im Folgenden von „Diskontinuität“ statt von „Umbruch“. Die Begriffe „Kontinuität“ (im Sinne von Systemidentität) und „Diskontinuität“ (= Nicht-Identität) werden auf die gesamtgesellschaftliche Ebene bezogen. Entsprechend dem moralisch-politischen Hintergrund spreche ich von „Kontinuität“ bei Faktoren, die die Fortsetzung bzw. Wiederbelebung des nationalsozialistischen oder eines ähnlichen Regimes begünstigen, während Faktoren, die dem entgegen stehen, unter „Diskontinuität“ subsumiert werden.

Fachgeschichte kann nicht getrennt von der allgemeinen Zeit- und Kulturgeschichte, in die sie eingebettet ist, geschrieben werden. Instrumente, die zu Antworten auf Fragen nach Kontinuität oder Diskontinuität verhelfen, sollten daher auch jenseits der Fachgrenzen anwendbar sein. Mit anderen Worten: Die Fachgeschichte sollte Begriffe verwenden, mit der auch die allgemeine Geschichte des NS-Regimes arbeiten kann.

Personen, Strukturen, Institutionen und Theorien hängen zusammen. Trotzdem müssen Maßstäbe, mit denen Kontinuität oder Diskontinuität festgestellt werden soll, zunächst auf eine bestimmte Phänomenebene bezogen werden. (Auch Temperatur und Luftfeuchtigkeit hängen zusammen, trotzdem werden sie mit verschiedenen Instrumenten gemessen. Erst die voneinander unabhängige Messung von Variablen erlaubt die Feststellung von Zusammenhängen zwischen ihnen.) Die folgende Typologie bezieht sich auf die elementare Ebene des sozialen Handelns und seiner Regelmäßigkeiten („Hand-lungsweisen“), die für alle anderen Phänomenebenen als Basis relevant ist. Mit dem Begriff des Handelns wird der auf das NS-Regime bezogene subjektive Sinn eines Tuns oder Lassens zur konstitutiven Dimension einer Typologie, die gleichwohl die Frage nach der objektiven Funktion einer Handlungsweise für das Regime nicht aus dem Auge verliert.

Ich schlage eine Typologie von Handlungsweisen im NS-Regime und danach im Sinne der idealty- pologischen Methode Max Webers2 vor. Idealtypen können als Permutationen von Ausprägungen binärer Codes konstruiert werden. In Bezug auf Handlungsweisen im NS-Regime kommen dafür z.B. in Frage: subjektive Identifikation mit dem Regime vs. Nichtidentifikation; Bereitschaft zu Straftaten vs. Nichtbereitschaft; objektiver Nutzen für das Regime vs. Schaden; Belohnung durch das Regime vs. Nichtbelohnung; subjektive Orientierung an einer zu erwartenden Belohnung vs. Desinteresse; Bestrafung durch das Regime vs. Nichtbestrafung; subjektive Bereitschaft zum Risiko der Bestrafung vs. Nichtbereitschaft. Die Zahl der mathematisch möglichen Kombinationen ist um ein Vielfaches höher als die Zahl der vorgeschlagenen Varianten, die ich auf sieben typische reduziere.

Hilfreich bei dieser Reduktion ist, dass Idealtypen nach Weber auch aus realen Erscheinungen, hier Handlungsweisen bestimmter Subjekte, als deren abstrahierende Übersteigerung abgeleitet werden können. Personen der Zeitungs- und späteren Kommunikationswissenschaft, an denen sich die sieben Handlungsweisen typischerweise zeigen, werden im Folgenden exemplarisch erwähnt. Diese Personen müssen aber nicht immer im Sinne des jeweiligen Typus gehandelt haben. Z.B. kann ein Subjekt, das typischerweise regimekonform war, auch jüdische Freunde beschützt haben. (Himmler hat das in einer berüchtigten Rede vor SS-Offizieren beklagt: An sich würden die Deutschen als gute Nationalsozialisten ja von der Notwendigkeit überzeugt sein, dass die jüdische Rasse ausgerottet werden müsse. Aber dann käme eben doch jeder Deutsche und hätte seinen „guten Juden“, der ausnahmsweise zu verschonen sei.) Oder ein Oppositioneller kann sich in besonderen Situationen auch opportunistisch verhalten oder Kompromisstexte veröffentlicht haben, die für das Regime objektiv nützlich waren. Oder innerhalb einer Biographie kann sich Wandel, gar Umbruch von einer Handlungsweise zur anderen vollzogen haben. …

Stefanie Averbeck & Arnulf Kutsch: Thesen zur Geschichte der Zeitungs- und Publizistikwissenschaft 1900-1960

Einleitung: Die folgenden Ausführungen verstehen sich als Aufriss zu einem größeren Projekt: einer systematischen Geschichte der Zeitungswissenschaft. Wir werden dabei, angelehnt an die zeitgenössische Wissenschaftssoziologie, zwei Ebenen betrachten: die Sozial- und die Ideengestalt der Zeitungswissenschaft. Für die vorliegende Darstellung haben wir uns zunächst weitgehend auf die Ideengestalt beschränkt. Wir haben vier Thesen zur Entwicklung dieser Ideengestalt des Faches zwischen 1900 und 1960 formuliert. Sie sollen einen chronologischen und einen systematischen Zugriff erlauben. Die Thesen beziehen sich auf vier Phasen: 1. Problemidentifizierung, etwa 1900 bis 1925, 2. Problemdefinition, etwa 1925 bis 1933, 3. ideologische und organisatorischpragmatische Überformung 1933-1945 und schließlich 4. die Entideologisierung und Rekonstruktion des Problems nach 1945. Mit „Problem“ ist die Gegenstands- und Erkenntnisperspektive des Faches gemeint. …

Rudolf Stöber: Emil Dovifat, Karl d’Ester und Walter Hagemann Die Wiederbegründung der Publizistik in Deutschland nach 1945

Vorgeschichte: Nach 1945 musste sich die Publizistikwissenschaft zunächst bescheiden. Von ehedem 17 reichsdeutschen Instituten hatten nur drei überlebt. Der folgende Beitrag gilt der Darstellung dieser drei westdeutschen Institute in den ersten Nachkriegsjahren. Das vierte Institut, das der Leipziger Universität, kann hier nicht behandelt werden.

Der Blick auf die unmittelbare Nachkriegszeit gewährt interessante Einblicke in die Entwicklung der Disziplin von der geisteswissenschaftlichen Zeitungswissenschaft zur sozialwissenschaftlich orientierten Publizistik- und Kommunikationswissenschaft. Zudem ist die Betrachtung ein interessantes hermeneutisches Lehrstück. Es lässt sich zeigen, wie wichtig es ist, Argumente mit Interessen zu verbinden und Aussagen mit denen früherer Zeit oder anderer Herkunft zu vergleichen, um zu einem quellenkritisch abgesicherten Urteil zu kommen. Wenn in diesem Aufsatz zum Teil umfangreicher zitiert wird, als dies für die reine Feststellung der Sachaussagen nötig wäre, so vor allem, um argumentative Nuancen deutlich zu machen, weniger jedoch, um ein bestimmtes Zeitkolorit oder ein Psychogramm der Handelnden zu erstellen.

Zu den Handelnden und Betroffenen Karl d’Ester, Emil Dovifat und Walter Hagemann gibt es gute Einzeldarstellungen. D’Ester erfuhr eine ausführliche Kritik anlässlich seines 100. Geburtstags durch Hans Bohrmann und Arnulf Kutsch, Dovifats Bemühungen um die Wiederbegründung des Berliner Instituts wurden jüngst eingehend von Andreas Kübler4 gewürdigt und Hagemanns Schicksal in Münster wurde vor mehr als zehn Jahren quellenkritisch von Anja Pasquay beschrieben.

Eine vergleichende und quellenkritische Darstellung steht aus. Auch dieser Beitrag wird sie nicht schreiben, das verästelte Thema kann man nicht auf wenigen Seiten schildern. Es wäre aber lohnend, einmal eine Gesamtdarstellung der Geschichte der Disziplin im 20. Jahrhundert zu schreiben, denn nach 1945 lässt sich nichts verstehen, ohne dass ein Blick auf die Zeit davor geworfen wird. Auch zielt eine auf die Literatur und das wissenschaftliche Werk der Beteiligten gerichtete Betrachtung zu kurz, wie sie Hachmei- ster6 vorgelegt hat, weil es nicht nur um Wissenschaft und Ideologie, sondern vor allem und immer wieder um Macht, Einfluss, Beteiligung und Stellen, Sympathien und Antipathien – kurz um allzu Menschliches ging, das sich nicht den Publikationen entnehmen lässt.

Um es vorweg zu nehmen: Unter den Beteiligten finden sich weder Lichtgestalten noch Dunkelmänner. Jan Tonnemachers Bemerkung auf dem Dovifat-Symposium von 1991, es gebe „Licht und Schatten“, besitzt ihre Gültigkeit auch für d’Ester und Hagemann. Zwar lässt sich die Geschichte der Institute nicht auf die Personen reduzieren, doch gerade in der Anfangszeit passierte wissenschaftlich wenig, weil zumindest zwei der Beteiligten alle Hände voll damit zu tun hatten, wieder in Amt und Würden sowie an Brot zu gelangen. …

Walter J. Schütz: Neuanfang mit brauner Lektüre Studienbedingungen nach 1945 – ein Erfahrungsbericht

Autor:  Als „Zeitzeuge“ über Studienerfahrungen in der Nachkriegszeit zu berichten, erfordert die Beschränkung auf Aspekte, die besonders in Erinnerung geblieben sind. So vorzugehen kann weder systematisch noch historisch-akribisch sein; aber schließlich liegt die Studienzeit mehr als ein halbes Jahrhundert zurück.

Eine gewisse Fokussierung erfolgt hier auf die zentralen Fragen: Ist beim Aufbau der Publizistikwissenschaft nach dem Zweiten Weltkrieg die Indoktrinierung der Zeitungswissenschaft im „Dritten Reich“ weitgehend unbeachtet geblieben? Wie stark war die inhaltliche und personelle Kontinuität? …

Peer Heinelt: Portrait eines Schreibtischtäters Franz Ronneberger (1913 – 1999)

Einleitung: Schreibmaschinentäter“ nannte Otto Köhler die von ihm identifizierten „unheimlichen Publizisten“ des „Dritten Reichs“. In Bezug auf das 1999 verstorbene Ehrenmitglied der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (DGPuK), Franz Ronneberger, greift der Begriff jedoch zu kurz. Ronneberger gehörte nicht nur zu den Propagandisten des NS-Regimes, er war ebenso an der systematischen Erarbeitung der informationeilen Grundlage der NS-Propaganda beteiligt wie an der Schaffung der wissenschaftlichen Basis für die nationalsozialistische Kriegs-, Ausbeutungs- und Vernichtungspolitik. Die von ihm in diesem Zusammenhang entwickelten Vorstellungen über die Funktionsweise und Wirkungsabsicht der Massenmedien decken sich mit denen, die er nach dem Ende des „Dritten Reichs“ in der Bundesrepublik Deutschland zu Papier brachte. Diese Thesen sollen im Folgenden anhand seiner Biographie belegt werden.
Aussagekräftiges Quellenmaterial zu Ronneber- gers Karriere im „Dritten Reich“ findet sich in verschiedenen deutschen und österreichischen Archiven: Herangezogen wurden der von der NSDAP-Gauleitung Wien angelegte Gauakt 90457, der im Österreichischen Staatsarchiv, Abteilung Archiv der Republik, aufbewahrt wird, sowie die ebenfalls hier vorhandenen Akten der Reichsstatthalterei Baldur v. Schirach und des Kurators der wissenschaftlichen Hochschulen in Wien. Im Bundesarchiv Berlin findet sich eine Personalakte über Ronneberger (Bestand des ehemaligen Berlin Document Center); diese wurde ebenso eingesehen wie die hier vorhandenen Aktenbestände des Reichssicherheitshauptamts (R 58) und der Südosteuropa-Gesellschaft in Wien (R 63). Hinzu kam der Briefwechsel zwischen Ronneberger und dem Südosteuropaforscher Fritz Valjavec, der im Südost-Institut München der wissenschaftlichen Öffentlichkeit zur Verfügung steht. Die im Bundesarchiv Koblenz vorliegende Akte über das Spruchgerichtsverfahren gegen Ronneberger in den Jahren 1947 und 1948 (Z 42 VII/1455) ist nur von bedingter Aussagekraft, da sie über weite Strecken lediglich die Ausflüchte des Angeklagten dokumentiert.
Dass ich mich bei meiner Darstellung der NS- Biographie Ronnebergers fast ausschließlich auf Archivalien stütze, hat Gründe: Während Ronneberger in neueren Forschungsarbeiten zur Wissenschafts- und Kulturpolitik des „Dritten Reichs“ allenfalls am Rande vorkommt, bestimmte er im Rahmen der bundesdeutschen Kommunikationswissenschaft die Aussagen über seine NS-Vergangenheit weitgehend selbst. Seine apologetische Sichtweise wurde von Kollegen, Schülern und Adepten in Festschriften, Würdigungen und Nachrufen vorbehaltlos übernommen. Was allerdings den Lebensweg Ronnebergers in der Bundesrepublik betrifft, stellen Äußerungen dieser Art eine wichtige Quelle dar: An diesem Punkt der Biographie angekommen, musste nichts mehr vertuscht oder schöngeredet werden, vielmehr konnte man sich im Glanz der interdisziplinären Karriere eines renommierten Wissenschaftlers sonnen. Im ersten Teil der vorliegenden Arbeit wird in aller gebotenen Kürze versucht, den beruflichen Werdegang Ronneber- gers im „Dritten Reich“ zu rekonstruieren. Der zweite Teil wird dann seine bundesdeutsche Biographie zum Inhalt haben.

Christian Oggolder: Wissenschaft und Forschung in der nationalsozialistischen Presse 1938 – 1945

Einleitung:

Realitäten in Relation

“Der völkische Staat muß von der Voraussetzung ausgehen, dass ein zwar wissenschaftlich wenig gebildeter; aber körperlich gesunder Mensch mit gutem, festem Charakter, erfüllt von Entschlußfreudigkeit und Willenskraft, für die Volksgemeinschaft wertvoller ist, als ein geistreicher Schwächling ‘ So urteilt der Führer in seinem Buche ,Mein Kampf über die Bedeutung der Leibesübung und hat damit dem deutschen Sport seine Losung gegeben!”

Unter dem Gesichtspunkt unserer Fragestellung handelt es sich dabei nicht bloß um eine Äußerung zur „Bedeutung der Leibesübungen“, sondern ebenso um eine Stellungnahme zur Bedeutung von Geist und Intellekt in der Konzeption des „völkischen Staates“.
Am 21.7.1944 bringt das Blatt auf Seite zwei unter der Überschrift: Scheel vor Professoren und Soldaten / Auch der Wissenschaftler an der Front eine Rede des nunmehrigen Reichsdozentenführers: “[..fett hervorgehoben] Wir wollen es aussprechen: der Wissenschaftler und der Mann des akademischen Berufes, der sich in diesem für das deutsche Volk so wichtigen, ja entscheidenden Lebenssektor bewährt, verdient auch öffentliche Anerkennung Die Bedeutung der akademischen Berufe, der Arzte, Richter, Ingenieure und Erzieher für die Entwicklung und Zukunft des deutschen Volkes und den Kampf um den Sieg ist sehr groß.
Wir wollen uns der Größe der Verpflichtung, die mit diesen Berufen verbunden ist, jederzeit würdig erweisen. [Ende Hervorhebung] Ln besonderem Maße gilt das für die Forschung. Forscher und Träger der Wissenschaft sein zu dürfen, bedeutet höchste Berufung. Wenn wir gerade im Kriege darüber sprechen, dann möchten wir unsere Forscher als Generale des Geistes bezeichnen, […]”

Zwei völlig divergierende Äußerungen Geist und Intellekt betreffend, von unterschiedlichen Personen zu unterschiedlichen Zeiten geäußert, beide im Völkischen Beobachter veröffentlicht. Es stellt sich also die Frage: Hat sich die Position zu Wissenschaft und Forschung im Laufe der Jahre, unter dem Eindruck der Kriegsnotwendigkeit, in der NSDAP geändert? Oder ist dies Ausdruck unterschiedlicher Positionen zur Thematik?

Eine Analyse der Wissenschaftsberichterstattung im Nationalsozialismus kann derartige Fragen a priori nicht beantworten. Was sie beantworten kann, ist die Frage nach der Position der Zeitung zur Thematik, das heißt welches Ausmaß wurde insgesamt der Berichterstattung zu Wissenschaft und Forschung eingeräumt, gab es Schwerpunkte der Berichterstattung und schließlich – und das ist besonders zu betonen – gab es Divergenzen zwischen Berichterstattung über Wissenschaft und Forschung in der Presse und den wissenschaftspolitischen Bedingungen im NS-Staat?

Es handelt sich dabei um zwei Realitäten, in denen Wissenschaft und Forschung Thema sind. Eine Untersuchung von Medieninhalten ist somit eine Untersuchung der durch die Medien konstituierten Realitäten. Diese können nicht dafür herangezogen werden, um außermediale Realitäten zu rekonstruieren, vielmehr ermöglicht ihre Untersuchung eine klarere und umfassendere Bewertung historischer Phänomene. …

Heinz Pürer: Zur Fachgeschichte der Publizistikwissenschaft

Einleitung: Die wissenschaftliche Reflexion über gesellschaftliche Kommunikation beginnt nicht erst etwa mit der Begründung der Zeitungswissenschaft im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts. Vielmehr setzt die Beschäftigung mit publizistischer Kommunikation im europäischen Raum bereits mit der Entwicklung der Rhetorik in der Antike ein. Ein kräftiger Impuls ging des Weiteren von der Erfindung der Buchdruckerkunst sowie in deren Gefolge vom Aufkommen erster Zeitungen zu Beginn des 17. Jahrhunderts aus. Seither verdichtet sich das wissenschaftliche Interesse an den publizistischen Medien kontinuierlich. Mit der Begründung der universitären Zeitungswissenschaft im Jahre 1916 durch Karl Bücher war ein wichtiger Schritt zur Etablierung des Faches getan. Es entfaltete sich anfangs nur langsam und erlitt durch den Nationalsozialismus insofern eine Zäsur, als es politisch vereinnahmt wurde. Der Wiederaufbau nach 1945 ging ebenfalls nur eher zögernd voran. Erst im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts erhielt es durch die Errichtung neuer Institute, Studiengänge, Lehrstühle und Professuren wichtige Anschubimpulse. Die Kommunikationswissenschaft ist heute – im Vergleich zu den Naturwissenschaften, den technischen Wissenschaften, der Medizin oder der Jurisprudenz – zwar immer noch ein relativ kleines Fach; sie ist aus dem Kanon der Geistesund Sozialwissenschaften sowie ästhetisch-künstlerischer Disziplinen jedoch nicht mehr wegzudenken. …

Wolfgang Duchkowitsch: Von Karl Oswin Kurth zu Kurt Paupié Eine Geschichte ideologischer Konformität?

Einleitung: Kurth, geboren 1910 in der sächsischen Kleinstadt Döbeln, war zehn Jahre älter als der in Linz auf die Welt gekommene Paupie. 1968 kreuzten sich ihre Lebenswege. Beide bewarben sich um die – laut Dienstpostenplan der Universität Wien neu geschaffene – Lehrkanzel für Zeitungswissenschaft an der Universität Wien. Die Berufungskommission reihte sie „primo et aequo loco“, Heinz Otto Sieburg „secundo loco“. Der Mitbewerberin Marianne Lunzer-Lindhausen, seit 1943 Assistentin am Institut und kraft ihrer unbelasteten Vergangenheit nach dem Ende des „Dritten Reichs“ als Assistentin weiterhin aktiv, attestierte die Kommission, eine „ausgezeichnete Lehrkraft“ und „vorzügliche Mitarbeiterin“ zu sein. Für eine Reihung an vorderer Stelle komme sie aber nicht in Frage. Seit ihrer Habilitationsschrift habe sie nämlich „kaum nennenswerte“ Publikationen hervorgebracht, woran „verschiedene familiäre Schicksalsschläge“ schuld seien.

Nachdem die Berufungskommission beschlossen hatte, Lunzer diese Begründung in geeigneter Form zukommen zu lassen, entschloss sie sich im nächsten Verfahrensschritt, Paupie den Vorzug vor Kurth zu erteilen. Für ihn spreche insbesondere der Band 2 seines „Handbuchs der österreichischen Pressegeschichte 1848-1959“. Der Band habe im In- und Ausland große Anerkennung gefunden, dokumentiert v.a. durch eine Rezension von Wilmont Haacke. Diese Beurteilung ergänzte ein extra eingeholtes Gutachten, verfasst von Rene Marcic. Er war während des 2. Weltkriegs (mit einer kurzen Unterbrechung) von 1943 bis Mai 1945 Kultur- und Pressereferent beim kroatischen Generalkonsulat in Wien, er stand also im Dienste der faschistischen Ustascha-Regierung. Ab 1946 war er Gerichtssaalreporter bei den Salzburger Nachrichten, ab 1954 Chefredakteur-Stellvertreter und von 1959-1964 Chefredakteur. 1959 habilitierte er sich für Allgemeine Staatslehre. 1963 erhielt er eine Professur für Rechts- und Staatsphilosophie in Salzburg und war Spiritus rector für die Gründung des dortigen Instituts für Zeitungswissenschaft.

Marcic beglaubigte Paupie, der im Wintersemester 1966/67 und im folgenden Semester eine Vorlesung zur „Geschichte der politischen Presse in Österreich“ am Institut für Zeitungswissenschaft der Universität Salzburg abgehalten hatte, „als einziger in profunder Weise die wissenschaftliche Theorie des Fachs“ vertreten zu haben, „neben“ [!] Hans Wagner, damals Assistent am Institut für Zeitungswissenschaft in München. Paupie würde gerne in Salzburg gesehen werden. Eine Berufung an das Salzburger Institut würde das Wiener Institut jedoch als „unfreundlichen Akt“ betrachten. So hoch gewürdigt, konnte Paupie die Lehrkanzel besetzen. …

Fritz Hausjell: Franz Ronnebergers Wiener Jahre Seine journalistische Tätigkeit und seine Mitarbeit am „Institut zur Erforschung und Förderung des internationalen Pressewesens der Union Nationaler Journalistenverbände (UNJ)“ in Wien 1941 – 1945

Einleitung: Am 11. Dezember 1941 wurde in Wien die Union Nationaler Journalistenverbände gegründet und tags darauf feierlich verkündet. Gründungsmitglieder waren Delegationen des Reichsverbandes der Deutschen Presse (RDP), des italienischen Journalistensyndikates sowie der bulgarischen, kroatischen, rumänischen, slowakischen und ungarischen nationalen Journalistenverbände.

Dieser Gründung waren andere Zusammenschlüsse vorangegangen: Im Sommer 1939 war ein Internationaler Presseverband gegründet worden, getragen vom Reichsverband der Deutschen Presse (RDP) und dem Sindicato Nazionale dei Giornalisti, dessen Aufgabe vor allem „in der Bekämpfung der internationalen Presselüge“ gesehen wurde. Dazu das RDP-Verbandsorgan Deutsche Presse”.

“Der Internationale Presseverband, der allen ehrlichen und anständigen Journalisten der Welt offenstehen wird, wird seine vornehmste Aufgabe darin zu erblicken haben, dem völkerverhetzenden Treiben einer gemeingefährlichen Weltpresse Einhalt zu gebieten und den internationalen Friedensstörern auf dem Gebiete der Presse das Handwerk zu legen, damit diese Methoden einer gewissen Weltpresse nicht zu einer Weltgefahr werden, die Europa in eine neue Katastrophe hineintreiben könnte?”

Am 24. Juli 1940 wurde in Berlin die erste Veranstaltung des Deutsch-italienischen Presseverbandes abgehalten. Dieser Verband diente „dem geistigen Kontakt zwischen dem nationalsozialistischen und faschistischen Journalismus“ und widmete sich auch „praktischen Aufgaben“: Die beiden Verbände vergaben jährlich je vier Austausch-Stipendien für „Jungschriftleiter“. Das Präsidium bildeten Reichspressechef Otto Dietrich und der italienische Volkskulturminister Luca Pavolini.

Am 11. und 12. Oktober 1940 fanden in München Besprechungen zwischen dem RDP und dem Faschistischen Nationalsyndikat der Journalisten (Sindicato Nazionale Fascista dei Giornalisti) statt. Reichspressechef Dietrich referierte dabei über die pressepolitische Neuordnung Europas nach dem Krieg und verlangte die Erziehung der Journalisten „durch ein neues Berufsethos von innen heraus“, wie das Neue Wiener Tagblatt berichtete:

“Träger dieser Erziehungsarbeiten werden die nationalen Berufiverbände der Journalisten in den einzelnen Ländern sein. Darüber hinaus gibt es einige wenige Grundsätze, die alle Völker gemeinsam interessieren, weil sie Allgemeingut aller anständigen Menschen sind. Zu ihnen gehören:

  • Die Sauberkeit des Journalistenberuf Standes, die jede Art von Bestechlichkeit ausschließt,
  • das Prinzip der persönlichen Verantwortung des einzelnen Journalisten,
  • die Bekämpfung der Presselüge und
  • der Ausschluß des Judentums aus der Presse.

Diese Grundsätze des allgemein anerkannten Ehrenkodex der Journalisten zu internationaler Geltung zu bringen […] wird Aufgabe eines neuen internationalen Berufsverbandes sein?”

Mit der Gründung der UNJ im Dezember 1941 wurde der schon davor begonnenen Zusammenarbeit der nationalen Journalistenverbände schließlich eine feste Organisationsform gegeben. …

Rezensionen 2-3/2002

Norbert Frei (in Zusammenarbeit mit Tobias Freimüller, Marc von Miquel, Tim Schanetzky, Jens Scholten & Mathias Weiss): Karrieren im Zwielicht. Hitlers Eliten nach 1945. Frankfurt am Main, New York: Campus Verlag 2001
– rezensiert von Bernd Semrad

Ulrich von Hehl: Nationalsozialistische Herrschaft. 2. Auflage. (= Enzyklopädie Deutscher Geschichte, Bd. 39). München: Oldenbourg Verlag 2001
– rezensiert von Fritz Randl

Dieter Stiefel (Hg.): Die politische Ökonomie des Holocaust. Zur wirtschaftlichen Logik von Verfolgung und „Wiedergutmachung“.  (= Querschnitte, Bd. 7). Wien: Verlag für Geschichte und Politik; München: Oldenbourg Verlag 2001
– rezensiert von Silvia Nadjivan

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