Stjepan Gredelj: The more we read, listen and watch, the less we know Building up and tearing down the public in Serbia during the previous decade

Introduction:

Background — the role and the goals of the media seizure

When, thirteen years ago, Slobodan Milosevic and bis clique had started campaign for taking over power in Serbia, the first Institution they had targeted — even before infiltration into police and army structures — was media System (Milosevics appetites towards total control over media were expressed openly since the very beginning of bis political launching. Immediately after his appointment as a head of League of Communists of Serbia (1986), at the meeting of Beigrade LCS committee, Milosevic had stated a ‘prophet’ sentence, threatening open purges in the Capital citys media: “The Situation in media will not change until there are more far-reaching changes in their editorial staffs. Regardless of what solution we come to, we will not solve the problem of the Duga and N/N (Bclgrade’s prestige weeklies) unless a serious reconstruction takes place.” (See: Stjepan Gredelj: Cleaning the decks. Agency Argument. Beigrade 1998, p. 17). Ehe initial brick was pulled out from the wall of‘media liberties’). According to the experience with the media struggles during the second part of the eighties in (former) Yugoslavia, Milosevic correctly recognized that control over (especially electronic) media is the most important pre-condition for a stable power holding. Namely in the previous period mentioned, some media in Yugoslavia had started to ignore ideological control and obedience and to express more and more open and critical opinions (“In the first half of the ninth decade, after I ito disappeared from the scene, there began what many considered to be an cncouraging liberation of the journalistic Professionals activities from its previous staunch political embrace. As political disputes in the federation grew and political confusion along them, the number of media multiplied that bravely weilt forth to demistify the political and ideological concepts prevailing in Yugoslavia. It was even bclieved that journalism (…) was on the right path to freeing itself from political restraints. Unfortunately, in the mid-1980s this initial upsurge was roughly stifled and the leading rushed lull steam into the political gristmill that simply ground them up.” (Ivan Torov: The Disintegration of Hope, ln: Republika, No. 172/1997)). This turnover was not only the result of ‘spontaneous’ resistance of journalists but it was also the result of conflicts within Federal League of Communists between hard-liners and soft-liners. The latter were inclined towards slow but significant implementation of reforms in society, while the former were supporlive to re-centralization of the state and reinforcement of federal authorities and centralized (Communist) power. Milosevic belonged to this conservative stream and he was very interested to sustain strong media control. Furthermore, he was fascinated with TV and its potential to easily persuade semi-illiieral viewers. But he was not squeamish on printed media either — prestige daily press including, like Politika and Borba. …

Wolfgang Monschein & Silvia Nadjivan: “Was ist die Macht der Presse und die Macht des Mediums? Das ist die Macht des Verschweigens” Einschätzungen von Prof. Paul Lendvai in einem Gespräch mit Wolfgang Monschein und Silvia Nadjivan am 26.9.2000 in Wien

Einleitung:
medien & zeit: Herr Prof. Lendvai. Wir kennen Sie als advocatus diaboli, wie Sie sich seihst im Europastudio hezeichneten, als ehemaligen Intendanten von Radio Österreich International und als Chefredakteur der Europäischen Rundschau. In unserem Schwerpunktheft geht es um die Bedeutung des massenmedialen Systems in den südosteuropäischen Staaten, vor allem vor dem Hintergrund der krisenhaften Entwicklungen in den letzten Jahren. In diesem Zusammenhang möchten wir Sie um Ihre Definition von „massenmedialer Öffentlichkeit“ bitten.

Lendvai: Die massenmediale Öffentlichkeit – das ist einer dieser künstlich geschaffenen „Gummibegriffe“. Die Kronen Zeitung, der Economist, „Taxi Orange“ oder das „Europastudio“ sprechen verschiedene massenmediale Öffentlichkeiten an. Die massenmediale Öffentlichkeit müssen Sie nach soziologischen und sonstigen Begriffen klassifizieren. Zu wem wollen Sie sprechen? Zu den Werbe- und Fernsehgewaltigen des Kommerzfernsehens oder zu den Sehern der öffentlich-rechtlichen Programme zwischen 10 und 30 Jahren? Politische Sendungen und Zeitschriften sprechen wieder eine andere Öffentlichkeit an. Die massenmediale Öffentlichkeit ist so, wie Kafka die Wahrheit beschrieben hat: Es gibt zwar nur eine, die ist aber lebendig und hat deshalb ein ständig wechselndes Gesicht. Das gilt auch für die massenmediale Öffentlichkeit. Die Leute, die Ih re Zeitschrift lesen oder die Leute, die meine Zeitschrift lesen, sind sicher Teile einer anderen Öffentlichkeit als die Leute, die die verschiedenen Nachmittags-programme konsumieren. Ich will hier ja keine Namen von Sendungen oder Programmen nennen, aber ich habe unlängst eines dieser sehr viel diskutierten Massenprogramme angeschaut. Und nach den ersten vierzig Minuten war ich sehr besorgt um die Zukunft der Welt. Ist es das, was die jungen Leute sehen wollen? Nicht wegen der teils pornographischen Inhalte, sondern wegen der schwindenden Fähigkeit, komplizierte Sachverhalte zu verstehen. All das heißt massenmediale Öffentlichkeit, die ein sehr vielschichtiger Begriff ist. …

Melita H. Sunjic: Eine Front verlief durch die Redaktionen Im Nationalismus von Serbien, Kroatien und Bosnien-Herzegowina sind Medien Helfershelfer oder Widerstandskämpfer

Einleitung: Lange bevor im ehemaligen Jugoslawien der erste Schuß fallen sollte, hatte der Krieg schon begonnen, als Krieg der Worte, als Krieg der Redaktionen. Moderner Nationalismus bedient sich zuallererst der Medien, um seine Botschaften zu verbreiten. Die Front verläuft durch die Redaktionsstuben. Dort werden die ersten Scharmützel ausgetragen, lange bevor es die Öffentlichkeit bemerkt. Dort sind die ersten Opfer zu beklagen. Die ersten Mitläufer, aber auch die ersten Widerstandskämpfer gegen die aufkeimenden kriegshetzerischen Bewegungen sind Journalisten.

Die Besonderheit der Medien liegt in der Doppelbrechung gesellschaftlicher Wirklichkeit, die sie bewirken. Sie sind zunächst Chronisten gesellschaftlichen Geschehens und damit jene Institutionen, die den jeweils aktuellen Zustand des sozialen Klimas lediglich widerspiegeln. Medien konstruieren aber auch neue Wirklichkeiten und zwingen die Gesellschaft, ihnen nachzuziehen. Staatlich gelenkte Medien in totalitären Gesellschaften schreiben jenes Drehbuch, das von den Staatsbürgern nachgespielt werden muß. Sie legitimieren regimetreue Haltungen und verdammen jeglichen Widerspruch, sie ändern gesellschaftliche Wertvorstellungen und damit die öffentliche Wahrnehmung dessen, was gut und böse ist. …

Silvia Nadjivan: Das Skelett der ewigen Gegenwart Die Demontage des titoistischen Systems und die Etablierung der national(istisch)en Gemeinschaft unter Slobodan Milosevic und Franjo Tudjman

Einleitung:
“Die Zeit rundete sich zum Kreis, und nach genau 50 Jahren, im neunten Dezennium des 20. Jahrhunderts, brach ein neuer Krieg aus. Diesmal waren es keine ‘bösen Deutschen, schwarzen Faschisten’, die
einheimischen Teilnehmer haben die Rollen unter sich aufgeteilt” (Ugresid, 1995, S. 16). Das titoistische Jugoslawien, das auf der Grundlage des Zweiten Weltkriegs entstanden war, fand beinahe fünfzig Jahre später sein Ende im jugoslawischen Bürgerkrieg. Die Frage nach der kollektiven Identität sollte sowohl die Etablierung als auch den Zusammenbruch des kommunistischen Jugoslawien bestimmen. Hatte die gesamt jugoslawische, titoistische Identität die Funktion gehabt, die Integration des Vielvölkerstaates zu sichern, so führte die nationalistische Instrumentalisierung der unterschiedlichen regionalen Identitäten zum Zerfall Jugoslawiens Ende der achtziger Jahre. Verbunden mit der Legitimitätskrise des Vielvölkerstaates begann seit Mitte der achtziger Jahre die Ideologie des ethno- nationalistischen Kollektivismus jene des kommunistischen Kollektivismus in Jugoslawien zu ersetzen (Marid, 1995, S. 129). Obwohl die Ausrichtung der neuen nationalistischen Regierungen, unter Milosevic in Serbien und unter Tudjman in Kroatien, explizit anti-kommunistisch war, basierte deren Praxis dennoch weiterhin auf dem kommunistischen System (Thompson, 1994, S. 130). Der nationalistische Kollektivismus Kroatiens und Serbiens knüpfte an den kommunistischen an, wobei in beiden Teilrepubliken die Ethnizität die Klasse ersetzen sollte. Die postkommunistischen Regierungen „demontierten das alte System und erbauten ein neues aus denselben Teilen“ (s. Ugrcsic, Kultur der Lüge, 60.). …

Barbara Trionfi & Erhard Busek: Kritiker unter Druck

1. Barbara Trionfi

Introcution: While democracy has become a reality in most parts of Europe, where big Steps have been taken in recent years to develop a free press and independent media, die same cannot be said for die Federal Republic of Yugoslavia (ERY). In the FRY, a deeply undemocratic government continues to rule the country, the media crisis is deepening and the international community seems to be paralysed and unable to find an effective solution. Even NATOs altempt to bomb Serbia into respecting human rights in 1999 failed to bring about the expected results. Indeed, many commentators are now of the opinion that the bombing had the opposite effect and only served to strengthen Milosevic’s regime and reduced the opportunities of the international community to influence its policies. …

2. Erhard Busek

Einleitung: Seit vier Jahren organisieren wir Reffen für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Radio- und Fernsehstationen aus Ostmittel-, Ost- und Südosteuropa, also aus den „Transformationsstaaten“. Dabei handelt es sich nicht um eine etablierte Institution, sondern um freiwillige Treffen, die dank der Großzügigkeit des ORF, des Außenministeriums und einer amerikanischen Universität, die im GUS-Raum Vorerfahrungen gesammelt hat, in Wien abgehalten werden können. Diese Treffen sind für mich stets Gradmesser in der Frage der Medienfreiheit, da sich die Themen verlagern. …

Rezensionen 3/2000

The War Started At Maksimir. Hate Speech in the Media (Content Analyses of Politika and Borba Newspapers, 1987–1991).
Mit Beiträgen von Svetlana Slapsak, Milan Milosevic, Radivoj Sveticanin, Srecko Mihailovic, Velimir Curgus Kazimir und Stjepan Gredelj. Media Center Beigrade: Belgrad 1997, 284 Seiten. Bezug: Media Center, Makedonska 5, 11000 Beigrade, Yugoslavia

Mediji i rat. (Engl. Ausgabe: Media and War).
Mit Beiträgen von Nebojsa Popov, Alija Hodzic, Zarko Puhovski, Boris Buden, Doroe Pavicevic, Branimir Kristofic, Velimir Curgus Kazimir, Nenad Zakosek, Nena Skopljanac-Brunner, Srbobran Brankovic, Jelena Duric, Dubravko Skiljan, Marija Dimitrijevic-Kozic, Nadezda Cacinovic und Hrvoje Turkovic. Agentur ARGUMENT: Belgrad 1999 (Engl. Ausgabe: Zagreb 1999), 441 S.
– beide gemeinsam rezensiert von Fritz Randl & Silvia Nadjivan

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