Ruth Stifter: Der rote Bildschirm Zur Entwicklung des Fernsehens in der Sowjetunion

Einleitung: Der vorliegende Beitrag befaßt sich mit der geschichtlichen Entwicklung des sowjetischen Fernsehens, beginnend mit den ersten rundfunktechnischen Erfindungen des 20. Jahrhunderts bis hin zu den grundlegenden medienpolitischen Reformbestrebungen im Zuge der großen gesellschaftlichen Umgestaltungen im Sinne der von Michail Gorbacev postulierten Politik von glasnost und perestrojka (Transparenz und Umgestaltung) gegen Ende der 80er Jahre. Da hierbei gerade auch die politisch-ideologischen Rahmenbedingungen, unter denen sich das Medium Fernsehen in der Sowjetunion entwickelte, einfließen, mag dieser Aufsatz zugleich auch den Modell fall eines totalitären informationsmonopolistischen Rundfunkkonzepts beleuchten.

Eingangs werden die zentralen Termini der sowjetischen Medienpolitik einer kurzen Begriffsbestimmung unterzogen. Als Leitbegriffe sollen dabei die marxistisch-leninistisch determinierten Kategorien Agitation und Propaganda identifiziert werden, die zusammen mit Lenins Verständnis von den Funktionen der Presse das Ideengebäude der sowjetischen Medienphilosophie wesentlich konstituieren.

Der praktische Teil des Aufsatzes gibt mit einem Abschnitt über die ersten Erfindungen auf dem Gebiet der Rundfunktechnik in den Anfängen der Sowjetrepublik einen ersten Einblick in die technische Ebene der Fernsehentwicklung in der UdSSR. Dazu gesellt sich eine kurze Vermittlung der topographisch-demoskopischen Rahmenbedingungen, unter denen sich der Ausbau des Rundfunk- und Fernsehnetzes vollzog. …

Edith Dörfler & Wolfgang Pensold: “…von der Loslösung der Nachrichtenstelle aus dem rein staatlichen Charakter…” Die Gründung der "Austria Presse Agentur"

Einleitung: Als sich der Zweite Weltkrieg seinem Ende nähert, die Kämpfe aber örtlich noch andauern, erscheint in Wien die Zeitung Neues Österreich. An dem Blatt, das am 23. April 1943 erstmals herausgebracht wird, arbeiten Redakteure aus den „drei demokratischen Parteien“ SPÖ, ÖVP und KPÖ. Die Idee zu einer solchen überparteilichen Zeitung entstand laut Edmund Weber, dem ehemaligen Leiter der ständestaatlichen Amtlichen Nachrichtenstelle, im Konzentrationslager – die Idee einer „Zeitung von morgen, von der Zeitung des neuen Österreich“: „Wir haben uns damals das Wort gegeben, über alle Parteiunterschiede hinweg Österreich voranzustellen“ (Weher, 1945). Die überparteiliche Harmonie hält jedoch nur wenige Monate. Am 27. Juni 1945 gründen die drei provisorischen Regierungsparteien SPÖ, ÖVP und KPÖ ein gemeinsames Presse-Komitee, um bei den Besatzungsmächten die Wiederzulassung der Parteizeitungen zu erwirken (s. Wenger, 1993, S. 31). Nachdem die Besatzer die dafür nötigen Papierkontingente im Verhältnis 1:1:1 für die SPÖ, die ÖVP und die KPÖ sowie entsprechende Druckereikapazitäten freigeben (Liwanec, 1966, S. 53.), verkündet die Regierung am 5. August 1945 per Plakat, daß ab sofort zur „weiteren Entfaltung der Demokratie in unserem vom Nazismus befreiten Lande“ (zit. n. Dohne, 1947, S. 98) wieder Parteizeitungen erscheinen werden. Die SPÖ gründet in Wien die Arbeiter-Zeitung; deren Chefredakteur wird Oscar Pollak, der als einer der ersten aus der Emigration aus Großbritannien zurückkehrt. …

Margit Wolfsberger: “Unter eigener Redaktion” Bestandsaufnahme der Sozialdemokratischen Frauenpresse in der Ersten Republik

Einleitung: „Unter eigener Redaktion“ ist der Zusatz, den Emmy Freundlich einem Antrag der Frauenreichskonferenz am Parteitag 1924 hinzufügen möchte. Der Antrag fordert die bereits wiederholt verlangte und auch versprochene Einführung einer wöchentlichen Frauenbeilage für das Zentralorgan der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Deutsch-Österreichs, die Arbeiter-Zeitung. Emmy Freundlich begründet ihren Zusatz mit der Einschätzung: „(…) denn wenn wir diese Autonomie nicht haben, werden wir sehr oft von Dingen nicht sprechen können, die für die Frauen sehr wichtig sind, die aber die Männer nicht als wichtig ansehen.“ (Frauen-Zentralkomitee, 1925, S. 10.)

Sie, eine in bezug auf Frauenfragen eher gemäßigte Vertreterin, spricht hier an, was grundlegende Problematik der sozialdemokratischen Frauenbewegung seit ihrer Entstehung in Folge des Einigungsparteitages 1889 in Hainburg ist: Der ständige Kampf um die Anerkennung der „Genossen“, das gelegentliche Aufbegehren gegen die Bevormundung oder totale Ignoranz und die letztlich doch ausgeübte Einordnung in die Gesamtbewegung. „Beharrlichkeit, Anpassung und Widerstand“ sind bis heute (vgl. Feigl, 1993) untrennbar mit der Emanzipation von Frauen innerhalb der sozialdemokratischen Bewegung verbundene Begriffe. …

Monika Bernold: “Der Medienlippizaner” Fernsehen in Österreich nach 1955

Einleitung: “Fernsehen war gestern“, mit diesem Satz wurde unlängst für ein pay-TV Angebot geworben, das, so die Botschaft, die Zukunft des Fernsehens sein werde.

Der Werbetext propagiert das Ende einer Vorstellung, nämlich der, daß Fernsehen in Österreich so wie in den meisten Ländern Europas seit seiner Einführung nach 1945 öffentlich-rechtliches Pogrammfernsehen gewesen ist. Fernsehen als mediales Dispositiv wie es sich in den Nachkriegsjahrzehnten formierte, befindet sich seit einigen Jahren in einem grundlegenden Transformationsprozeß, der engstens mit der Herausbildung neuer Medienlandschaften und Medienökonomien verknüpft ist. Deregulierung, zunehmende Integrations- und Konzentrationsprozesse verschiedener Telekommunikationsbranchen, die Reartikulierung von globalen und regionalen Mediengeografien sind die aktuellen Rahmenbedingungen dieser Veränderungen. …

Herbert Exenberger: Presse im Widerstand von 1933 bis 1945 Das illegale Flugblatt

Einleitung:

Ich hin das Flugblatt, Signal der Zelle,
Und nie verstummt, wo der Terror auch haust,
am Feld, im Werk, an der Stempelstelle,
Zerlesen, zerdrückt von der schwieligen Faust.
Und weitergegeben, ein Satz allein:
Wir waren, wir sind und wir werden sein!
Ich bin das Flugblatt, das täglich erscheint.
Gedruckt vom Heer der geheimen Pressen,
Verfolgt, beschlagnahmt vom blutigen Feind.
Und killt ihr die Setzer, stampft ihr mich ein:
Wir waren, wir sind und wir werden sein!

Diese Verse, die als Aufmacher in kommunistischen Zeitungen einige Monate nach der brutalen Niederschlagung der Arbeiterbewegung im Februar 1934 Verwendung fanden, umreißen deutlich die Aufgaben einer illegalen Presse im Untergrund.

Dieser von einem anonymen Verfasser geschriebene Text zeigt uns gleichzeitig, wie etwa auch das Gedicht von Erich Weinert Die illegale Zeitung, verfaßt 1935 im Pariser Exil, die totale Veränderung der Medienproduktion unter den Bedingungen der Illegalität. Einzelpersonen oder kleine Personengruppen traten an die Stelle von komplexen Redaktionen. …

Barbara Daser: “Hier spricht der deutsch-österreichische Rundfunk” Rundfunk im "Dritten Reich"

Einleitung: 

Der „Anschluß” Österreichs

Am 10. März 1938 ließ Adolf Hitler seine Truppen an der Grenze zu Österreich aufmarschieren, am 12. März um 8 Uhr morgens rückten die deutschen Soldaten über die Grenze. Am Nachmittag traf Hitler in Linz ein, vom Balkon des Rathauses verkündete er, „seine teure Heimat dem Deutschen Reich“ wiederzugeben. Im Radio war folgende Reportage zu hören: “Ganz langsam kommt das Auto… Mein Gott… Aufrecht steht unser Führer hier… Wir sehen ihn schon… ganz nahe, ganz nahe ist der Führer… Sieg heil!… Sieg heil!… Eine Begeisterung!… Unser Führer in Linz! Da steht er… es ist ja fabelhaft… es ist ja fabelhaft… er steht unter uns… in braunem Anzug und brauner Kappe..” (Sie müssen nur zuhören. Die akustische Erlebniswelt von Andre Heller, dem ORF und dem Ars Electronica Center, ORF)

Schon am Vorabend, kurz vor 20 Uhr, hatte sich Kurt Schuschnigg zum letzten Mal als Kanzler über Rundfunk an die österreichische Bevölkerung gewandt: „Der Bundespräsident beauftragt mich, dem österreichischen Volke mitzuteilen, daß wir der Gewalt weichen. Gott schütze Österreich!“ (Venus,1988.) …

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Stjepan Gredelj: The more we read, listen and watch, the less we know Building up and tearing down the public in Serbia during the previous decade

Introduction:

Background — the role and the goals of the media seizure

When, thirteen years ago, Slobodan Milosevic and bis clique had started campaign for taking over power in Serbia, the first Institution they had targeted — even before infiltration into police and army structures — was media System (Milosevics appetites towards total control over media were expressed openly since the very beginning of bis political launching. Immediately after his appointment as a head of League of Communists of Serbia (1986), at the meeting of Beigrade LCS committee, Milosevic had stated a ‘prophet’ sentence, threatening open purges in the Capital citys media: “The Situation in media will not change until there are more far-reaching changes in their editorial staffs. Regardless of what solution we come to, we will not solve the problem of the Duga and N/N (Bclgrade’s prestige weeklies) unless a serious reconstruction takes place.” (See: Stjepan Gredelj: Cleaning the decks. Agency Argument. Beigrade 1998, p. 17). Ehe initial brick was pulled out from the wall of‘media liberties’). According to the experience with the media struggles during the second part of the eighties in (former) Yugoslavia, Milosevic correctly recognized that control over (especially electronic) media is the most important pre-condition for a stable power holding. Namely in the previous period mentioned, some media in Yugoslavia had started to ignore ideological control and obedience and to express more and more open and critical opinions (“In the first half of the ninth decade, after I ito disappeared from the scene, there began what many considered to be an cncouraging liberation of the journalistic Professionals activities from its previous staunch political embrace. As political disputes in the federation grew and political confusion along them, the number of media multiplied that bravely weilt forth to demistify the political and ideological concepts prevailing in Yugoslavia. It was even bclieved that journalism (…) was on the right path to freeing itself from political restraints. Unfortunately, in the mid-1980s this initial upsurge was roughly stifled and the leading rushed lull steam into the political gristmill that simply ground them up.” (Ivan Torov: The Disintegration of Hope, ln: Republika, No. 172/1997)). This turnover was not only the result of ‘spontaneous’ resistance of journalists but it was also the result of conflicts within Federal League of Communists between hard-liners and soft-liners. The latter were inclined towards slow but significant implementation of reforms in society, while the former were supporlive to re-centralization of the state and reinforcement of federal authorities and centralized (Communist) power. Milosevic belonged to this conservative stream and he was very interested to sustain strong media control. Furthermore, he was fascinated with TV and its potential to easily persuade semi-illiieral viewers. But he was not squeamish on printed media either — prestige daily press including, like Politika and Borba. …

Wolfgang Monschein & Silvia Nadjivan: “Was ist die Macht der Presse und die Macht des Mediums? Das ist die Macht des Verschweigens” Einschätzungen von Prof. Paul Lendvai in einem Gespräch mit Wolfgang Monschein und Silvia Nadjivan am 26.9.2000 in Wien

Einleitung:
medien & zeit: Herr Prof. Lendvai. Wir kennen Sie als advocatus diaboli, wie Sie sich seihst im Europastudio hezeichneten, als ehemaligen Intendanten von Radio Österreich International und als Chefredakteur der Europäischen Rundschau. In unserem Schwerpunktheft geht es um die Bedeutung des massenmedialen Systems in den südosteuropäischen Staaten, vor allem vor dem Hintergrund der krisenhaften Entwicklungen in den letzten Jahren. In diesem Zusammenhang möchten wir Sie um Ihre Definition von „massenmedialer Öffentlichkeit“ bitten.

Lendvai: Die massenmediale Öffentlichkeit – das ist einer dieser künstlich geschaffenen „Gummibegriffe“. Die Kronen Zeitung, der Economist, „Taxi Orange“ oder das „Europastudio“ sprechen verschiedene massenmediale Öffentlichkeiten an. Die massenmediale Öffentlichkeit müssen Sie nach soziologischen und sonstigen Begriffen klassifizieren. Zu wem wollen Sie sprechen? Zu den Werbe- und Fernsehgewaltigen des Kommerzfernsehens oder zu den Sehern der öffentlich-rechtlichen Programme zwischen 10 und 30 Jahren? Politische Sendungen und Zeitschriften sprechen wieder eine andere Öffentlichkeit an. Die massenmediale Öffentlichkeit ist so, wie Kafka die Wahrheit beschrieben hat: Es gibt zwar nur eine, die ist aber lebendig und hat deshalb ein ständig wechselndes Gesicht. Das gilt auch für die massenmediale Öffentlichkeit. Die Leute, die Ih re Zeitschrift lesen oder die Leute, die meine Zeitschrift lesen, sind sicher Teile einer anderen Öffentlichkeit als die Leute, die die verschiedenen Nachmittags-programme konsumieren. Ich will hier ja keine Namen von Sendungen oder Programmen nennen, aber ich habe unlängst eines dieser sehr viel diskutierten Massenprogramme angeschaut. Und nach den ersten vierzig Minuten war ich sehr besorgt um die Zukunft der Welt. Ist es das, was die jungen Leute sehen wollen? Nicht wegen der teils pornographischen Inhalte, sondern wegen der schwindenden Fähigkeit, komplizierte Sachverhalte zu verstehen. All das heißt massenmediale Öffentlichkeit, die ein sehr vielschichtiger Begriff ist. …

Melita H. Sunjic: Eine Front verlief durch die Redaktionen Im Nationalismus von Serbien, Kroatien und Bosnien-Herzegowina sind Medien Helfershelfer oder Widerstandskämpfer

Einleitung: Lange bevor im ehemaligen Jugoslawien der erste Schuß fallen sollte, hatte der Krieg schon begonnen, als Krieg der Worte, als Krieg der Redaktionen. Moderner Nationalismus bedient sich zuallererst der Medien, um seine Botschaften zu verbreiten. Die Front verläuft durch die Redaktionsstuben. Dort werden die ersten Scharmützel ausgetragen, lange bevor es die Öffentlichkeit bemerkt. Dort sind die ersten Opfer zu beklagen. Die ersten Mitläufer, aber auch die ersten Widerstandskämpfer gegen die aufkeimenden kriegshetzerischen Bewegungen sind Journalisten.

Die Besonderheit der Medien liegt in der Doppelbrechung gesellschaftlicher Wirklichkeit, die sie bewirken. Sie sind zunächst Chronisten gesellschaftlichen Geschehens und damit jene Institutionen, die den jeweils aktuellen Zustand des sozialen Klimas lediglich widerspiegeln. Medien konstruieren aber auch neue Wirklichkeiten und zwingen die Gesellschaft, ihnen nachzuziehen. Staatlich gelenkte Medien in totalitären Gesellschaften schreiben jenes Drehbuch, das von den Staatsbürgern nachgespielt werden muß. Sie legitimieren regimetreue Haltungen und verdammen jeglichen Widerspruch, sie ändern gesellschaftliche Wertvorstellungen und damit die öffentliche Wahrnehmung dessen, was gut und böse ist. …

Silvia Nadjivan: Das Skelett der ewigen Gegenwart Die Demontage des titoistischen Systems und die Etablierung der national(istisch)en Gemeinschaft unter Slobodan Milosevic und Franjo Tudjman

Einleitung:
“Die Zeit rundete sich zum Kreis, und nach genau 50 Jahren, im neunten Dezennium des 20. Jahrhunderts, brach ein neuer Krieg aus. Diesmal waren es keine ‘bösen Deutschen, schwarzen Faschisten’, die
einheimischen Teilnehmer haben die Rollen unter sich aufgeteilt” (Ugresid, 1995, S. 16). Das titoistische Jugoslawien, das auf der Grundlage des Zweiten Weltkriegs entstanden war, fand beinahe fünfzig Jahre später sein Ende im jugoslawischen Bürgerkrieg. Die Frage nach der kollektiven Identität sollte sowohl die Etablierung als auch den Zusammenbruch des kommunistischen Jugoslawien bestimmen. Hatte die gesamt jugoslawische, titoistische Identität die Funktion gehabt, die Integration des Vielvölkerstaates zu sichern, so führte die nationalistische Instrumentalisierung der unterschiedlichen regionalen Identitäten zum Zerfall Jugoslawiens Ende der achtziger Jahre. Verbunden mit der Legitimitätskrise des Vielvölkerstaates begann seit Mitte der achtziger Jahre die Ideologie des ethno- nationalistischen Kollektivismus jene des kommunistischen Kollektivismus in Jugoslawien zu ersetzen (Marid, 1995, S. 129). Obwohl die Ausrichtung der neuen nationalistischen Regierungen, unter Milosevic in Serbien und unter Tudjman in Kroatien, explizit anti-kommunistisch war, basierte deren Praxis dennoch weiterhin auf dem kommunistischen System (Thompson, 1994, S. 130). Der nationalistische Kollektivismus Kroatiens und Serbiens knüpfte an den kommunistischen an, wobei in beiden Teilrepubliken die Ethnizität die Klasse ersetzen sollte. Die postkommunistischen Regierungen „demontierten das alte System und erbauten ein neues aus denselben Teilen“ (s. Ugrcsic, Kultur der Lüge, 60.). …