Elisabeth Klaus: Das Gendering an der Arbeit Geschichte und Systematik von Geschlechterkonstruktionen im Journalismus

Einleitung: Abgebrüht, furchtlos, trinkfest, hemmungslos und neugierig — so malte Hollywood in den 20er Jahren das Bild vom Reporter als Großstadthelden (Seidl, 1995, S. 142-143.). Die harten, schnellen Männer, die dem Geschäft der Wahrheitsfindung kompromißlos nachgingen, waren Geschöpfe von Journalisten, die als Drehbuchautoren ihr Ideal vom Journalistenberuf auf der Leinwand verewigten. Billy Wilder, die Gebrüder Mankiewicz oder Samuel Füller hatten als Journalisten ihre berufliche Laufbahn begonnen. Alle projizierten sie Merkmale prototypischer Männlichkeit in die von ihnen geschaffenen Journalistenrollen. Nur der Medienkritiker und Rezensent wich davon markant ab: Der „Kritiker war entweder weibisch oder gleich eine Frau, und als der Chefredakteur Clark Gable in ,After Office Hours‘ seiner Musikrezensentin Constance Bennett etwas Gutes antun wollte, da promovierte er sie zur Klatschreporterin.“ (Seidl, 1995, S. 143.)

Frauen hatten an der Herausbildung des Journalismus nur einen geringen Anteil und waren allenfalls in den Randbereichen des Berufsfeldes geduldet. Das zeigen besonders deutlich die 20er Jahre. Die damalige Entwicklung hat bis heute Nachwirkungen und verdeutlicht darüber hinaus, wie sich das Gendering im Journalismus vollzieht, das heißt welche Bedeutung der Kategorie Geschlecht in den Medien zukommt, und wie sich Konstanz und Wandel in der Stellung von Journalistinnen genauer untersuchen lassen. …

Oksana Bulgakowa: Die Schöne und die Macht Theatralisierung und Politisierung der Weiblichkeit im sowjetischen Film der 30er Jahre

Einleitung: Ende der 20er Jahre begann Jurij Olesa an einem Stück zu arbeiten, das er zunächst „Beichte“ („lspoved“) nennt. Ihn interessierte die Anthropologie des sich formierenden neuen Menschen in Konfrontation mit den existierenden Typen und Umständen. Die Heldin in der „Beichte“ ist eine junge Schauspielerin, die davon träumt, in den Westen zu fliehen, denn nur dort kann sie „Star“ werden. Eines Abends nach der Vorstellung bekommt sie einen Brief von einem unbekannten Zuschauer, der sie der „verfeinerten Sabotage – der Unterdrückung der Psyche eines Proletariers“ beschuldigt, weil sie ihn mit „Sehnsucht nach Unverständlichem“ vergiftet. Diese Sehnsucht könnte als Empfinden des Schönen verstanden werden. Die Schauspielerin macht sich auf den Weg ins Arbeiterwohnheim, um dort den Autor des Zettels zu finden und wird Zeuge des folgenden Gespräches: „Ich würde verbieten zu träumen. In der Übergangsepoche muß die Psyche des sich formierenden neuen Menschen geschützt werden. (…) es gibt Umstände, die diese Psyche zerstören. Die Träume…“ (zit. n. Gudkova,1999, S. 147f.). …

Waltraud Cornelißen: Der Stellenwert des Fernsehens im Alltag von Frauen und Männern

Einleitung: Das Medium Fernsehen steht in Europa nun schon bald ein halbes Jahrhundert mit regelmäßigen Ausstrahlungen zur Verfügung. In Deutschland begann der NWDR Weihnachten 1952 mit der regelmäßigen Ausstrahlung eines Programmes. Im Rückblick erscheinen die zunehmende Versorgung der Bevölkerung mit immer mehr und immer leistungsfähigeren Empfangs-, Speicher- und Programmwahlgeräten, die enorme Ausweitung und Diversifizierung der Programmangebote sowie die enorme Steigerung und Ausdifferenzierung des Fernsehgebrauchs als eine große Erfolgsgeschichte. Von ihr soll hier berichtet werden, wobei ein besonderes Interesse dem Bedeutungswandel des Fernsehens im Alltag von Frauen und Männern gilt.

Geschlechtsgebundene Formen der Zuwendung zum Fernsehen?

In den 60er Jahren erreichten Hörfunk und Tageszeitung noch deutlich mehr Bundesbürgerinnen als das Fernsehen. Dann aber, in den 90er Jahren, überflügelte das Fernsehen die Tageszeitung und das Radio (s. Berg & Kiefer, 1992, S. 28, und Kiefer, 1996, S. 235).  Im Rahmen der Media-Analyse gaben 1999 95% der Bevölkerung ab 14 Jahren an, „mehrmals in der Woche oder häufiger“ fernzusehen. Dagegen hörten nur 85% der Deutschen so regelmäßig Radio und nur 82 % gaben an, so regelmäßig Zeitung zu lesen (zit. n. Maria Gerhards/Walter Klingler: Jugend und Medien. Fernsehen als Leitmedium. In: Media Perspektiven 11/1999, S. 566). Auffallend ist, daß das Fernsehen die anderen Medien nicht verdrängte, sondern sich vielmehr einen zusätzlichen Platz im Alltag der Bundesbürgerinnen eroberte. …

Johanna Dorer: Geschlechterkonstruktionen in der Aneignung und Anwendung des Internet Ergebnisse einer qualitativen Studie

Einleitung: Das Internet ist derzeit das Medium, dem sowohl wirtschaftlich als auch politisch das größte Interesse entgegengebracht wird. Die derzeitigen politischen Aktivitäten zielen dabei primär auf Maßnahmen, die weniger bildungspolitisch, denn ökonomisch zu interpretieren sind. Das Regierungsprogramm 2000 sieht eine Technologiemilliarde zur technischen Aufrüstung von Schulen vor, ohne aber ein Programm zur qualifizierten und geschlechtersensitiven Ausbildung am Computer vorzulegen. „Geschlechterdemokratie und Netz“ war bisher kein nationales politisches Anliegen, obigeich bekannt ist, daß der Zugang zu neuen Technologien geschlechterbinär wirksam ist. Aufgegriffen wird dieser Umstand nahezu ausschließlich seitens der EU-geförderten Telekommunikationsprojekte. Im Rahmen von NOW (New Opportunities for Women) werden mehrjährige Internetprojekte realisiert, die die geschlechterdifferente soziale Praxis in der Aneignung und Nutzung neuer Technologien zum Ausgangspunkt spezieller Förderprogramme machen und Frauen im Zugang zu Internet und Multimedia unterstützen (Bader, 1998, S. 429-443). …

Christa Bittermann-Wille & Helga Hofmann-Weinberger: Von der Zeitschrift “Dokumente der Frauen” zur Dokumentation von Frauenzeitschriften

Einleitung: Das Schreiben, die Herausgabe, das Lesen von Frauenzeitschriften bietet Frauen in früheren Zeiten wie auch heute die Möglichkeit, sich literarisch zu betätigen oder auch emanzipatorisch zu artikulieren, wenn auch auf unterschiedliche und individuelle Weise. Die Aufarbeitung historischer Frauenzeitschriften birgt in vielerlei Hinsicht die Chance, uns der Errungenschaften von Frauen aus der Geschichte bewußt zu werden, sie zu reflektieren und auch in unsere heutigen Lebensumstände einzubeziehen. Dazu bedarf es aber zunächst der mühevollen Arbeit der Sichtung, Erschließung und Bereitstellung dieser historischen Medien. In diesem Aufsatz möchten wir aufgrund unserer Erfahrungen in der frauenspezifischen Bibliotheks- und Dokumentationsarbeit einen kleinen Beitrag zur Bewußtmachung der vielfältigen Aspekte dieser Publikationsorgane leisten, und dabei besonders auf die Entstehungsgeschichte, auf Definitionen und Typologien und schließlich auf die bibliothekarische und dokumentarische Erfassung eingehen. …

Andrea Seidler: Das stumme Geschlecht Weibliche Idealbilder in Wiener Periodika, Broschüren und Sittenschriften des späten achtzehnten Jahrhunderts

Einleitung:
“Vörtrefliche Schönen! die einst barbarische Männer so tief in den Staub drückten; die Euch nur zu den niedrigsten Verrichtungen des Lebens verstießen; die nur Eure Herrn, niemals Eure Gatten seyn wollten. Preiset mir die glücklichen Zeiten, da diese Vorurtheile verschwinden. Noch giebt es zwar finstre Männer; und empfindungslose Frauen, die Euch noch gerne im Staube herumkriechen ließen; allein auch diese häßlichen Gestalten nehmen täglich ab, und baldbald werdet Ihr alle in Ruhe Eure müßigen Stunden, der Besserung Eures Herzens, und der Aufklärung Eures Verstandes widmen können. Wie sehnlich wünschen wir es Euch; dann wird die Liebe zum Lesen und zum guten Geschmacke, die üble Laune, Langweile, den Gott des Spiels, und die Göttin der Verläum- dung, von Euch verbannen. Sie werden fliehen, und Vernunft und Tugend, mit Hymnen vereint, werden herabsteigen, um Euch zu umarmen, Euch zu beglücken, und Eure Schläfe mit segnender Wohlfahrt zu krönen.” (Der österreichische Patriot, Wien 1764)
Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einer Auswahl von Wiener Zeitschriften der 60er, 70er und 80er Jahre des 18. Jahrhunderts, die laut Titel des Periodikums, Vorwort oder Anmerkungen der Verfasser sowohl an Frauen als auch an Männer gerichtet waren. Die Blätter, die untersucht wurden, sind von in Wien ansässigen Wochenschriftstellern verlaßt worden, vereinzelt wurden auch Periodika herangezogen, die in deutschen Übersetzungen nach Österreich gelangten und hier aufgelegt und verbreitet wurden, beziehungsweise einige der sogenannten Sittenschriften und Broschüren.

Die ersten bekannten Wochenschriften, die vermutlich dem Vorbild der früheren englischen und deutschen Moralischen Wochenschriften folgten, erschienen in Wien erst zu Beginn der 60er Jahre. Zu den populärsten zählen die auch heute am häufigsten zitierten Blätter von Christian Gottlob Klemm, Joseph von Sonnenfels, Johann Rautenstrauch, Joachim Perinet, um nur einige zu nennen. Daneben existierte eine Vielzahl von Zeitschriften von durchaus unterschiedlicher Lebensdauer, deren Inhalte sich an Leser beiderlei Geschlechts wandten. Die Bedürfnisse der Wiener Leserin waren durch das Erscheinen der vermutlich längst erwarteten stadteigenen Blätter gedeckt – die Verfasser ihrer Lektüre sollten aber (im Unterschied zum französischen oder deutschen Zeitschriftenangebot) immer noch männlichen Geschlechts sein. …

Eckart Früh: Biographische Notiz Lili Rethi, Zeichnerin

Einleitung: Lili Rethi wurde am 19. November 1894 in Wien geboren. Ihre Ausbildung als Zeichnerin und Graphikerin erfolgte zunächst an der Kunsthochschule für Frauen und Mädchen, darauf an der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt in Wien. Erste Erfolge stellten sich früh ein – sie illustrierte beispielsweise das Buch „Der junge König“ (1923) von Oskar Wilde und Emile Zolas Werk „Germinal“ (1926). Im Jahr 1923 beteiligte sie sich bei der Herbstausstellung im Künstlerhaus. Im folgenden Jahr begann Lili Rethi mit ihrer regelmäßigen Tätigkeit für den Sozialdemokrat, sowie das Zentralorgan der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Österreichs (SDAPÖ), die Arbeiter-Zeitung, und deren volkstümliche Ausgabe, das Kleine Blatt, bei dem sie ab Juni 1926 angestellt war. Im Herbst 1929 übersiedelte sie nach Berlin; für wen sie in Deutschland arbeitete, ist bislang unbekannt. …

Rezensionen 2/2000

Dagmar Beinzger, Sabine Eder, Renate Luca, Renae Röllecke, GMK (Hg.): Im Wyberspace. Mädchen und Frauen in der Medienlandschaft. Dokumentation, Wissenschaft, Essay, Praxismodelle. Bielefeld: AJZ-Druck & Verlag 1998
– rezensiert von Silvia Nadjivan

Dietrich Schwarzkopf (Hg.): Rundfunkpolitik in Deutschland. 2 Bände. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1999
– rezensiert von Edith Dörfler

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