Thomas Steinmaurer: Visionen der Television Vorstufen der Fernsehentwicklung

Einleitung: Geschichten zum Medium Fernsehen existieren unzählige. Die Geschichte seiner Entstehung, die ersten Spuren und weiteren Verzweigungen seiner Entwicklung als mediale Form, denen hier nachgegangen werden soll, ist von vielfältigen Einflüssen geprägt, die sich aus dem medialen und gesellschaftlichen Entstehungszusammenhang erklären. Es soll im folgenden versucht werden, Spuren und Entwicklungslinien nachzuzeichnen, die Vorstufen zu jenem televisuellen Dispositiv (Der Begriff des medialen Dispositivs wurde vorwiegend aus der medienwissenschaftlichen Literaturwissenschaft eingebracht, und verweist insbesondere auf die in einem Medium eingeschriebenen Sedimente gesellschaftlicher Machtverhältnisse, die sowohl Aspekte der Ästhetik wie der Technik, der Rezeption und der Produktion in einem umfassenden Sinn reflektieren. Vgl. dazu etwa Knut Hickethier: Dispositiv Fernsehen. Skizze eines Modells. In: montage/AV, 4/1/1995, S. 63-83.) darstellten, wie wir es heute kennen: Eine mediale Form, die zu einem gesellschaftlichen Leitmedium wurde und in nahezu jedem Haushalt seinen festen Ort gefunden hat und uns auch im öffentlichen Raum oder in den Reisevehikeln in einem immer dichter werdenden Netz begleitet.

Besonders interessant scheinen mir in diesem Zusammenhang zwei Aspekte zu sein. Zum einen gilt es jene Charakteristika festzumachen, die für die Rezeptionsform Fernsehen, für die Architektur der Situation des Zuschauens – etwa im Unterschied zur Rezeptionssituation des Kinos – bis zum Abschluß der ersten Innovationsphase (Ende des Zweiten Weltkriegs) als typisch gelten können. Welche apparativen Varianten entwickelten sich im Spannungfeld der Nachbarmedien Kino, Büdtelegrafie und Radio, welche Empfangs- und Empfängerkonzepte entstanden im Prozeß seiner soziotechnischen Genese? Welche unterschiedlichen Phasen durchschritt das damals neue Medium Fernsehen bis es zu einem medial eigenständigen Dispositiv wurde, und welche Chrarakteristika kennzeichnen diese technische und kulturelle Form. Zum anderen gilt es jenen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen Aufmerksamkeit zu schenken, die als Einflußgrößen in einem soziotechnischen Entwicklungssystem wirksam wurden. In diesem Zusammenhang ist insbesondere das Konzept der „mobilen Privatisierung“, das der britische Kultur- und Medienwissenschafter Raymond Williams entwickelte, besonders hervorzuheben (vgl. Raymond Williams: Television. Technology and Cultural Form. New York 1975). Doch begonnen werden soll vorerst mit einen Blick zurück in die Frühgeschichte des Fernsehens, in eine Zeit, die reich war an Visionen und Tele-Visionen zu einem Medium, wie sie in den Erfinder-Köpfen der Science Fiction-Autoren oder auf den Reißbrettern der Ingenieure und Technik-Entwickler entstanden. …

Edith Dörfler & Wolfgang Pensold: Der Zauberspiegel der Nation Zur Etablierung des Fernsehens in Österreich

Einleitung: Nach jahrelanger Vorbereitung in der Abgeschiedenheit diverser Versuchslabors gibt der österreichische Rundfunk Anfang 1955 bekannt, daß mit dem Beginn eines regulären Femsehbetriebs zu Weihnachten 1956 gerechnet werden könne. Man verspricht ab dann ein mit 20 Wochenstunden relativ hoch veranschlagtes Programm zu bieten, bis dahin sende man ein „Versuchsprogramm“, heißt es. Darüber hinaus hält man sich eher bedeckt. Seitens der österreichischen Filmwirtschaft wird kritisiert, daß es keinerlei klare Stellungnahmen zur Zukunft des österreichischen Fernsehens gibt, geschweige denn zu Folgeproblemen, wie sie das Fernsehen aufwerfen werde (Österreichische Film- und Kino-Zeitung, 1955, Nr. 449, S. 1.). Eine wichtige Ursache dafür vermutet man in der zersplitterten Kompetenzverteilung: für die technischen Fragen ist das Verkehrsministerium (beziehungsweise die Post und Telegrafenverwaltung) zuständig, für das Programm das Unterrichtsministerium und für die Beschaffung von Filmen und Femsehkonserven das Handelsministerium. Die Frage der Finanzierung der modernen Studioeinrichtung, der Programmproduktion, aber auch der vielen noch zu bauenden Senderrelaisstationen, die im gebirgigen Österreich unverzichtbar sind, harrt noch ihrer Beantwortung. Bekannt ist lediglich, daß 50 Millionen Schilling aus dem Budget bereitgestellt werden sollen, man fragt sich aber, wer die in weiterer Folge anfallenden Programmkosten von geschätzten 1.800 Schilling pro Minute bezahlen wird. Der Teilnehmer falle als Finanzier bis auf weiteres aus, wird argumentiert; nicht nur hohe Gerätepreise von 6.000 bis 8.000 Schilling, auch die zu erwartenden Femsehgebühren, die laut Fachleuten weit höher sein würden als angenommen, sprechen gegen eine rasche Verbreitung des Fernsehens in Österreich. Andererseits habe man in anderen Ländern mit reinem Reklamefernsehen, das eines entwickelten, auf Konsum basierenden Wirtschaftssektors bedarf, schlechte Erfahrungen gemacht, sodaß auch diese Option im nach wie vor ärmlichen Österreich nicht allzu vielversprechend sei. Man verwehrt sich jedenfalls strikt dagegen, daß die der Lichtspielbranche herausgepreßten Steuermittel dafür verwendet würden, das Fernsehen zu finanzieren und mit ihm eine Konkurrenz heranzuziehen (Österreichische Film- und Kino-Zeitung, 1955, Nr. 442, S. 1.). …

Florian Kalbeck: Zur Dramaturgie des Fernsehspiels Vortrag aus dem Jahr 1963

Einleitung: Das Femsehspiel als dramatische Gattung hat zwei nahe Verwandte, das Theaterstück und den Kinofilm. Wodurch unterscheidet es sich von ihnen? Und zwar wesentlich.

Nun muß man wissen: gerade das künstlerisch Wesentliche geht in der täglichen Praxis fast immer unter. Theaterstücke werden in Fernseh-Bearbeitungen produziert, als wären sie Fernsehspiele, Theateraufführungen im Fernsehen übertragen. Immerhin fällt hier die Unterscheidung zwischen dem authentischen Fernsehspiel und dem, was ursprünglich für ein anderes Medium, nämlich das Theater, geschrieben wurde, noch verhältnismäßig leicht. Aber es werden auch Kinofilme übertragen: sie nehmen sogar einen sehr beträchtlichen Teil der Sendezeit in Anspruch. Die wenigsten Zuschauer können hier einen wesentlichen Unterschied erkennen. Davon abgesehen ist die Entwicklung in der künstlerischen Produktion des Fernsehens selbst darauf aus, diesen Unterschied zu verwischen. Die Femsehspiele werden immer filmischer. …

Peter A. Schauer: “Österreich ist nicht Amerika” Einige persönliche Fernseherinnerungen

Einleitung: Das Wunder des Fernsehens hat mich schon als Kind außerordentlich fasziniert. Es war im Frühjahr 1936 als ich mit meinen Eltern einen Bekannten besuchte, welcher sich in einem Kellerlokal ein Versuchslaboratorium eingerichtet hatte. Dort traf er sich mit anderen Radiobastlern, welche er beim alten Arbeiter-Radiobund kennengelemt hatte, zum gemeinsamen Hobby. Der Arbeiter-Radiobund war in der Zwischenkriegszeit eine Vorfeldorganisation der Sozialdemokratischen Partei. Der Organisator Franz Rossak vertrat die Meinung, daß man durch Pflege gemeinsamer Hobbies leichter an die Menschen herankommen könne als über Politik. So gab es Arbeiter-Fischer, Arbeiter-Photographen, Arbeiter-Filmer, Arbeiter-Sänger, usw. Der Arbeiter-Radiobund war eine der wichtigsten Gruppen. Bis 1934 war der Treffpunkt in einem Kellerlokal am Margaretengürtel beim Eisenbahnerheim. Die Mitglieder, die bisher viel Geld für ihr Hobby ausgeben mußten, konnten hier durch Sammelbestellungen von Bestandteilen viel Geld sparen. Der Arbeiter-Radiobund war eine der Teilorganisationen, welche der Partei kein Geld kosteten, sondern über die Mitgliedsbeiträge noch Geld brachte. …