Fritz Hausjell & Michaela Lindinger: Österreichischer Journalismus um das Jahr 1948 Eine Rundfrage

Einleitung: Etwa 30 Journalistinnen und Journalisten, die bereits in der Naehkriegszeit beruflich tätig waren, wurden von uns um ihre Erinnerungen für diese Rundfrage gebeten. Es wurde dabei sowohl aus dem linken, aus dem bürgerlichen und dem parteifreien Spektrum gewählt; Frauen wurden etwa in der Relation, wie es ihrem damaligen Anteil unter den im Journalismus Tätigen entsprach, angeschrieben. Mit besonderem Bedauern mußten wir aber zur Kenntnis nehmen, daß uns aus dem Kreis der angeschriebenen Journalistinnen kein Text zugesandt wurde.

Die Journalistinnen und Journalisten hatten wir Mitte April des Jahres mit nachfolgender Bitte zu dieser Rundfrage eingeladen: “… das Literat ui haus in Wien wird im Herbst 1994 eine Ausstellung und Veranstaltungsreihe zum Thema “Das Jahr 1948″ präsentieren. Dabei soll ein Jahr ohne vordergründige große Bedeutung herausgegriffen werden, um die Entwicklungen in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen – wie Politik, Kultur, Journalismus und Literatur herauszuarbeiten.”

Die kommunikationshistorische Zeitschrift medien & zeit bereitet aus diesem Anlaß ein Themenheft zum Journalismus rund um das Jahr 1948 vor. Neben Beiträgen von wissenschaftlicher Seite möchten wir dabei möglichst viele Erfahrungen und Reflexionen von Journalistinnen und Journalisten sammeln und dem interessierten Publikum authentisch zugänglich machen. Daher wenden wir uns heute mit der Bitte an Sie, sich an diese Zeit zu erinnern und einen essayistischen Bericht über Ihre Eindrücke im und vom Journalismus um das Jahr 1948 für unsere Zeitschrift zu schreiben. …

Georg Auer: Über’m Berg Antworten zur Rundfrage "Österreichischer Journalismus um das Jahr 1948"

Einleitung: 1948 war das Jahr, in dem sich in Österreich das Leben langsam, ganz langsam, wieder zu normalisieren begann: Wenn „normal“ bedeutet, daß der elektrische Strom nicht jeden Augenblick zusammenbricht, daß Straßenbahnen, Züge holpernd aber wirklich verkehren, daß das Gas nicht plötzlich ausgeht oder nur von 11 bis 13 Uhr überhaupt vorhanden ist.

Es gab wieder Papier, um darauf Zeitungen zu drucken, es gab nicht nur Lebensmittelkarten, sondern man bekam auch wirklich Lebensmittel und die Raucherkarte brachte auch Zigaretten ein. Der Schwarzmarkt war ziemlich verschwunden.

Die Währungsreform 1947 hatte gegriffen, wenn auch Ersparnisse durch sie dahingeschmolzen waren. Ich hatte keine gehabt, so konnte nichts schmelzen.

Es gab wieder Waren in den Geschäften nicht nur unter der Budel, auch wenn wir nicht das Geld hatten, sie zu kaufen. Aber wir waren jung, wahnsinnig engagiert, so oder so. Jeder glaubte, er werde die Welt einreißen und, so ganz nebenbei, noch einige Berge versetzen.

Das war so in allen Redaktionen. Da gab es die jungen Leute, die erst anfingen, Zeitungsluft zu atmen, ein paar ältere, die keine Nazi gewesen waren, da gab cs auch Lehrer, die nicht mehr Lehrer sein durften, weil sic Nazi gewesen waren – minderbelastet – und jetzt eben als freie Lokal-Journalisten sich durchbrachten, während Journalisten, die Nazi gewesen waren, Nachhilfeunterricht gaben.

Man darfauch eines nicht vergessen. Die Dezimierung der Bevölkerung: Als ein Professor des Wiener Gymnasiums 19 die Idee hatte, ein Klassentreffen meines Jahrgangs zu veranstalten, waren wir von 37 fünf, die kamen. Manche waren noch in Gefangenschaft, die meisten aber halte es in dieser aus etwa 60 % „Ariern“ und 40 % „Juden“ zusammengesetzten Klasse nach der Matura direkt ins Gefecht nach Stalingrad verschlagen oder, schon vor der Matura, in KZs oder Emigration.

Und Frauen begannen nur ganz langsam zu erkennen, daß Zeitungsmachen auch ein für sie geeigneter Beruf sein konnte. In der „Bluathak‘n“, zu deutsch Kri- minalberichterstattung, habe ich, glaube ich, erst anfangs der 50er Jahre eine Reporterin am Tatort (noch dazu einer grausigen Garagenexplosion mit zwei völlig zerfetzten Menschen) erlebt.

In der Redaktion der Volksstimme (Zentralorgan der KPÖ), in deren Lokalredaktion ich, nach einem Beginn in der Auslandsredaktion des Österreichischen Nachrichtenbüros (später APA) 1946 und einem kurzen Zwischenspiel bei der Vorarlberger Tageszeitung, dem kommunistischen Landesorgan im Ländle – sowas gab‘s damals – ab Jänner 1947 gelandet war, war man, natürlich besonders politisch auf dem Marsch – wenn auch nicht gerade wunderbar vorwärts.

Wie wurde man damals Journalist – ohne Matura, ohne Hochschulstudium? Das schafften damals eine ganze Menge junger Leute, heim vom Krieg, von der Emigration, vom KZ, aus der Gefangenschaft. …

Kurt Frischler: 1948 – das erste journalistische “Normaljahr” Antworten zur Rundfrage "Österreichischer Journalismus um das Jahr 1948"

Einleitung: Ich hin 1917 geboren. Journalist wurde ich im Jahre 1946. Ich war also bereits 29 Jahre alt, als ich einen für mich ganz neuen Beruf ergriff. Sechs Jahre meines Lebens, man sagt, daß cs die besten seien, hatte ich unwiderruflich sinnlos, dumpf und qualvoll bei der Deutschen Wehrmacht zubringen müssen, sechs Jahre, die mich (und meine ganze Generation) von der Welt abschirmten. Ich habe nichts für meinen zukünftigen Beruf gelernt, das wenige, was man uns zur Matura beibrachte, hatte ich längst vergessen.

Natürlich ging es allen Journalisten jener Tage, sofern sie zwischen 1912 und 1925 geboren waren, genauso. Was wir gemeinsam hatten, war der glühende Wunsch, alles und jedes nachzuholen, was sich in jener seit 1938 verschlossenen Well ereignet hatte – nicht so sehr politisch, sondern kulturell, intellektualistisch und sozial. Es galt also, alles das nachzuvollziehen, es sich geistig anzueignen: Bücher und Autoren, deren Namen wir noch nie gehört hatten, etwa Hemingway, etwa Steinbeck, etwa Sartre und Anouilh, wir wollten alle Filme sehen, die seit 1938 gedreht worden waren, alle Theaterstücke zumindest lesen, die das NS-Rcgimc verboten hatte, wir wollten die Großen des Jazz hören, von Armstrong über Tatum und Count Basic bis zu Glenn Miller – es gab nichts, was uns nicht interessierte.

Es dauerte etwa zwei Jahre, bis wir jungen Journalisten das Gefühl hatten, wir hätten jene verlorenen Jahre, sofernc das überhaupt möglich war, im großen und ganzen aufgeholt und so gut cs ging cingearbcitcl in ein neues Weltbild. Das war etwa 1948 der Fall – und deshalb scheint mir dieses Jahr auch tatsächlich, vom Standpunkt der neuen Generation der Nachkriegsjournalisten aus gesehen, das erste „Normaljahr“ – und daher stammt auch der Titel.

Es gibt freilich auch noch einen zweiten Grund, das Jahr 1948 zum ersten „Normaljahr“ zu erheben. Seit der Währungsreform im Spätherbst 1947 war die heimische Wirtschaft in zaghafter Aufwärtsentwicklung begriffen, konnten sich Österreich weit Zeitungen, die nicht von einer der vier Besatzungsmächte herausgegeben wurden, halten, konnten neue Zeitungen erscheinen, weil die quälende Papierknappheit verschwand eine Tageszeitung mit acht Seiten Umfang, noch 1947 ein „Luxus“, wurde nun zur Regel; auch gab es bescheidene Ansätze zu einem Anzeigengeschäft, was wiederum die finanzielle Beweglichkeit der Verlage steigerte.

Es war nach 1945 außerordentlich einfach, Reporter bei einer Zeitung zu werden. Ich selbst habe bei der von den Sowjets herausgegebenen Österreichischen Zeitung ein Kurzgeschichten-Preisausschreiben gewonnen und wurde sofort als Reporter engagiert.

Beim Wiener Kurier, den die Amerikaner herausgaben, bei der britischen Weltpresse und bei der französischen Welt am Abend – Welt am Montag, war es, wie mir Kollegen berichteten, nicht minder einfach gewesen.

Eineinhalb Jahre arbeitete ich als Reporter in der sowjetischen Zeitung, Zeit genug, um mir über den in höchster Blüte stehenden Stalinismus ein Bild machen zu können. Tag für Tag erschienen in den sowjetischen Zeitungen ritualisierte Hymnen an den „Genossen Stalin, Sonne des Bolschewismus“ (wörtliches, tagtäglich zu lesendes Zitat). Dann beteten die Stoßarbeiter und Stoßarbeiterinnen, die Kolchosbäuerinnen und Kolchosbauern, die Traktoristinnen und Traktorführer den Genossen Stalin an und versprachen, ihre Arbeitsleistung freiwillig zu erhöhen. Wie links man auch stehen, wie sehr man auch über den Sowjetkommunismus lächeln mochte – cs war nicht auszuhalten. Den sowjetischen Redakteuren, fast durchwegs Leningrader Juden, die dank ihres Jiddisch sehr gut deutsch konnten und reizende, kultivierte Leute waren, schien das gar nichts auszumachen. …

Gottfried Heindl: Im Jahre 1948 … Antworten zur Rundfrage "Österreichischer Journalismus um das Jahr 1948"

Einleitung: Im Jahre 1948 war ich Redakteur im „Österreichischcn Wirtschaftsverlag“, dem Verlagsunternehmen des Wirtschaftsbundes der ÖVP. Er gab die heute noch existierende Wochenzeitung Die Wirtschaft sowie mehrere ebenfalls noch erscheinende gewerbliche Fachzeitungen heraus. Da ich bereits in meiner Mittelschulzeit entweder Journalist oder Mittelschulprofessor für Deutsch und Geschichte hatte werden wollen, inskribierte ich nach meiner Rückkehr aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft im Februar 1946 im Alter von knapp 22 Jahren an der Wiener Universität die Fächer Deutsch, Geschichte, Kunstgeschichte und Zeitungswissenschaft. Konkrete Vorstellungen, wie ich meine Berufspläne realisieren sollte, hatte ich noch keine. Das Institut für Zeitungswissenschaft, wie es damals hieß, war in der Renngasse untergebracht. Geleitet wurde es von Eduard Ludwig, der vor 1938 Chef des Bundespressedienstes gewesen und nach der nationalsozialistischen Machtergreifung ins Konzentrationslager gekommen war. Nach 1945 wurde er Nationalratsabgeordneter der ÖVP und Honorarprofessor für Zeitungswissenschaft.

Ludwig sagte eines Tages am Ende seiner Vorlesung, daß ein wirtschaftlicher Fachverlag Redakteure suche und daß sich Studenten in höheren Semestern bei ihm melden mögen; er werde ihnen sodann sagen, an wen sie sich zu wenden hätten. Da ich damals noch im ersten Semester war, meldete ich mich nicht bei Ludwig, doch ein älterer Student, der von ihm erfahren hatte, er solle zu Sektionsrat Dr. Fous im Handelsministerium, der gleichzeitig Geschäftsführer des Wirtschaftsverlages war, gehen, bat mich, ihn bei dieser Vorsprache zu begleiten. Wir gingen also zusammen ins Handelsministerium, das damals noch am Schwar- zenbcrgplatz in jenem Gebäude untergebracht war, in dem sich heute Teile von Raiffeisen befinden, und sprachen bei Dr. Fous vor, der in einer für die damalige Aulbauzeit typischen, für heutige Begriffe aber ungewöhnlichen Personalunion Beamter im Handelsministerium und Geschäftsführer eines Verlages war. Fous fragte nicht weiter nach unseren Qualifikationen, sondern schickte uns in die Redaktion des „Österreichischen Wirtschaftsverlages“, die damals im Stockwerk des Hauses Bankgasse I untergebracht war. Heule befindet sich die Redaktion in einem verlagseigenen Haus samt Druckerei in der Nikolsdorfergasse. …

Horst Knapp: Journalist sein um 1948 … Antworten zur Rundfrage "Österreichischer Journalismus um das Jahr 1948"

Einleitung: Wenn der Tod viereinhalb Jahrzehnte lang Zeit gehabt hat, die Reihen derer zu lichten, die um 1948 eben aus dem Krieg oder aus der Gefangenschaft (nur ganz vereinzelt aus der Emigration) heimgekehrt waren – weibliche Wesen begannen zumindest in jenen Pressekonferenzen, die ein Wirtschaftsjournalist besucht, erst viel, viel später aufzutauchen -, werden nichl allzu viele Kollegen das Geständnis ablegen können, schon anno 1948 Journalist gewesen zu sein. Ein Geständnis, das in meinem Fall hieße, noch dieselbe Präpotenz an den Tag zu legen wie damals, als ich Ende 1948 oder Anfang 1949 in einem Kurs für angehende Journalisten, abgehalten irgendwo nahe dem Wiener Getreidemarkt und bestritten von den damaligen Chefredakteuren des Wiener Kurier, des Neuen Österreich usw., das uns aufgegebene Thema „Warum ich Journalist werden will“ stolzgeschwellt abwandelte in „Wie ich Journalist wurde.“

In der Endrunde eines langen Berufslebens (das mich allerdings nie wieder so nahe an den „echten“, nämlich an den mit Nachrichten hantierenden Journalismus herangebracht hat wie meine Anstellung bei United Press in den Jahren 1946 bis 1950) formuliere ich den Titel besser um: Nicht Journalist sein, sondern Journalist werden um 1948…

Absehen kann ich dabei von meinem Brotberuf („Brotberuf“ auch in durchaus wörtlichem Sinn, denn das monatliche Care-Paket besserte das bescheidene Gehalt wesentlich auf) bei United Press – damals noch ohne den Fusionszusatz „International“ -, denn rekrutiert hatte UP im April 1946 das Personal kurzerhand einen Stock tiefer im Amerikanischen Nachrichtendienst (beide waren im heutigen Kurier-Haus in der Seidengasse angesiedelt), und von unserer dortigen Arbeit als Übersetzer unterschied sich die neue „Rcdakteurs“- Tätigkeit nur dadurch, daß wir den deutschen Text der „incoming news“ nicht in extenso auf der Schreibmaschine hcrunterklapperten, sondern auszugsweise in die Maschine diktierten. Weil das direkt auf die Wachsmatrize geschah, mußten wir vier – einer davon hieß übrigens Richard Nimmerrichter – bloß die Fähigkeit zum druckreifen Formulieren, aber sonst kaum irgendwelche journalistischen Talente mitbringen. (Mit den „outgoing news“ kamen wir nur ein einziges Mal in Berührung, und daran erinnere ich mich mit Schaudern: Als cs im Herbst 1948 mit Franz Lehar zu Ende ging, hatte jeder von uns in seiner Schicht in Ischl anzurufen, nur damit UP die Todesmeldung früher bringt als AP oder Reuters. Wie ungemein peinlich, wenn Lehar selbst den Hörer abnahm…).

Aber auch sonst war es damals – mir zumindest – nicht schwer gefallen, Journalist zu werden.

Genauer: freier Mitarbeiter oder (was mich betrifft, nur widerwillig) Pauschalist. Das dafür aber bei möglichst vielen Blättern gleichzeitig, weil die Honorare kläglich waren. Ein paar konkrete Beispiele gefällig? …

Otto Schönherr: Anno 1948 – als junger Journalist zwischen APA und “Presse” Antworten zur Rundfrage "Österreichischer Journalismus um das Jahr 1948"

Einleitung: Am 30. September 1948 – ich ruhte mich gerade von einem Nachtdienst aus – läutete cs an meiner Wohnungstür, und ein Bote der Austria Presse Agentur (APA) überreichte mir ein kurzes Schreiben. Darin wurde „mit Bedauern“ mitgeteilt, daß im Hinblick auf die wirtschaftliche Lage der APA mein Dienstverhältnis als Redakteursaspirant mit Wirkung vom 31. Dezember 1948 gekündigt sei. Der Schock war groß, die Tatsache, daß niemand es für notwendig gefunden hatte, vorher mit mir darüber zu sprechen, schmerzte mich ebenso wie die Art der Übermittlung: nur ja den Kündigungstermin zum Quartal nicht versäumen! (Daß ich dort von 1959 bis 1987 Chefredakteur sein würde, hätte ich mir damals nicht träumen lassen.)

Was mich persönlich traf, war Ausdruck einer Umschichtung in der ganzen Branche. Nach dem Krieg waren die Geschäfte leer gewesen. Da man sonst nichts kaufen konnte, hatte man viel Geld für Zeitungen verfügbar. Auch war die politische Entwicklung in und um Österreich so dramatisch, daß man geradezu auf das tägliche Blatt wartete. Je mehr sich die Lage aber wirtschaftlich und politisch stabilisierte, desto mehr wurde jeder Schilling umgedreht: Man kaufte nicht mehrere Zeitungen wie früher, sondern nur eine.

Die APA, am 1.9.1946 gegründet, hatte als Genossenschaft gut gehender Zeitungen in den ersten Jahren keine finanziellen Sorgen und baute sogar ein kleines Auslandskorrespondentennetz auf. Die „Normalisierung“ und der dadurch ausgelöste Leserschwund traf die Zeitungsverlage ebenso wie deren Genossenschaft. Das führte schließlich zu einer Reorganisation und 1951 zum Wechsel in den APA-Spitzenfunktionen. Technisch arbeitete die Agentur mit Einrichtungen, die die „Amtliche Nachrichtenstelle“ der Ersten Republik und die Wiener Redaktion des „Deutschen Nachrichtenbüros“ (DNB), das 1938 an ihre Stelle getreten war, benützt hatten.

In der APA waren unter Chefredakteur Vinzenz Ludwig Ostry und Generaldirektor Dr. Karl Siepcn Redakleure der verschiedensten Herkunft tätig: Einer schilderte uns, wie cs noch in der „Amtlichen Nachrichtenstelle“ zugegangen war (mit Anweisungen vom Ballhausplatz), ein anderer halte die Zeit im DNB (mit erheblich mehr Anweisungen aus Berlin und noch mehr Tabus) durchgetaucht. Zwei waren als politisch Verfolgte im KZ gewesen, andere hatten, wie ich, in der Deutschen Wehrmacht gedient, wieder andere hei den alliierten (britischen) Streitkräften, einer hatte den Krieg in Australien verbracht. Den stärksten Eindruck machte auf mich Eric Derman, der damals auch „die dritte Seite“ der Weltpresse gestaltete. …

Heribert Schwarzbauer: Mein Schicksalsjahr 1948 Antworten zur Rundfrage "Österreichischer Journalismus um das Jahr 1948"

Einleitung: Im Herbst 1946 aus russischer Kriegsgefangenschaft heimgekehrt, hatte ich kurz vor Weihnachten 1947 mein Universitätsstudium mit der Promotion zum Dr. phil. abgeschlossen und konnte meinem 26. Geburtstag im Jänner 1948 mit gelassener Zuversicht entgegense- hen: es war nämlich schon ausgemacht, daß ich mit 2. Februar als Lehrling in das traditionsreiche Grazer Druck- und Verlagshaus „Styria“ eintreten werde. Als Akademiker hatte ich eine bloß einjährige Lehrzeit zu absolvieren, die zwar auch für den Buch-, Kunst- und Musikalienhandel gültig sein sollte, in der Praxis aber auf Verlags- und Redaktionsarbeit beschränkt blieb. Abgesehen davon, daß ich im Verlagssekretariat meine künftige Frau kennen lernte, die sich in der Folge als Lyrikerin und Erzählerin von anerkannten Graden profilierte und den mit mir cingegangenen ehelichen „Musenpakt“ nun schon seit über 45 Jahren getreulich mitträgt, glich diese Lehrzeit einem spannenden geistigen Abenteuer mit unentwegten Entdeckungen von interessantem Neuland. Vor allem wußte ich die ersten persönlichen Begegnungen mit vielen jener Autoren zu schätzen, von denen die damalige steirische Lileratur- szene geprägt wurde; ich war auch wochenlang damit beschäftigt, das in den Wirren der Kriegs- und Nachkriegszeit arg vernachlässigte Verlagsarchiv neu zu ordnen und so gründlich zu inventarisieren, daß mein damals erstelltes Katalogwcrk auch heute noch gute Dienste leistet, wenn cs sich um Informationen über die 1869 begonnene Buchproduktion des Hauses Styria und der zeitweise integrierten Verlage Ulrich Moser und Anton Pustet handelt.

Zukunftsträchtiger als eine so nostalgische (und natürlich vollkommen „hündisch“ geleistete) Verlagsarbeit wurde für mich freilich die Mitwirkung an einem Zeitschriftenprojekt, das 1946 mit großem kulturellem Anspruch gestartet worden war, sich aber gerade wegen seiner interdisziplinären Spannweite nicht zufriedenstellend verkaufen ließ. Diese Monatsschrift für Kultur und Geistesleben hatte den programmatischen Namen AUSTRIA und war für damalige Verhältnisse geradezu opulent ausgestattet, kostete aber pro Heft immerhin fünf Schilling, was für viele Menschen ein stark ins Gewicht fallender Betrag war, da als monatliches Exi- stenzminimum ein Betrag von 150 Schilling galt. Redigiert wurde die AUSTRIA von Rudolf List, einem 1901 in der Obersteiermark geborenen Altjournalisten aus der konservativen Reichspost-Schule jenes gewichtigen Friedrich Funder, der nunmehr als Herausgeber der Furche wiederum am Werk war, dem österreichischen Pressewesen neue Wege zu alten Werten zu weisen. Als Lyriker, Erzähler und vielseitiger Heimatforscher war Rudolf List ebenso eine „Institution“ wie als Kunst-, Musik- und Theaterkritiker; bis zu seinem Tod im Herbst 1979 hat er noch eine Vielzahl von Büchern, Jubiläumsschriften und Publikationen mancherlei Ar( herausgebracht, darunter den gewaltigen Torso seines Lexikons „Kunst und Künstler in der Steiermark“, das seil 1964 in Lieferungen erschienen und bis zum Buchstaben „Sch“ gediehen war. Da er mich als eine Art Lieblingsschüler betrachtete – ich hatte durch ihn in der AUSTRIA nicht nur meine ersten Veröffentlichungen, sondern schließlich auch die Ehre gehabt, die Zeitschrift mit Ende 1948 ohne viel Aufsehen zu Grabe zu tragen – und da ich List wirklich viel zu verdanken hatte, ließ ich mich zur Fertigstellung „seines“ Künstlerlexikons überreden. Diese Arbeit währte bis Mitte 1982, wobei mir immer wieder deutlich wurde, was für ein kühnes Unterfangen es gewesen war, ein möglichst allseitiges Kulturlexikon ganz im Alleingang und ohne Computerhilfe überhaupt in Angriff zu nehmen. Obwohl List gewußt hatte, daß mir in punkto Kunst und Literatur ein ansehnliches Privatarchiv zur Verfügung stand, war er nicht zu bewegen gewesen, sich bei den Recherchen für sein Lexikon auch nur im geringsten helfen zu lassen. …

Michaela Lindinger: Vier Wiener Tageszeitungen nach der Minderbelastetenamnestie 1948 "Arbeiter- Zeitung", "Der Abend", "Die Presse", "(Neue) Wiener Tageszeitung". Vier Wiener Tageszeitungen und ihre MitarbeiterInnen (1948-1950)

Einleitung: “Die Reihen der sich meldenden Journalisten wurden immer dichter. Von überall kamen sie: aus dem KZ, aus der Untergrundbewegung der Heimat, aus den Widerstandsbewegungen des von den Nazi besetzten Auslandes, aus den Reihen der alliierten Truppen, aus der Kriegsgefangenschaft und aus der Dienstverpflichtung” (LFB-Zentralorgan der Gewerkschaft der Angestellten der freien Berufe. I u. 2/1946, S. 18).
So charakterisierte die Zeitschrift der Gewerkschaft der Freiberufler im Sommer 1946 die Gruppe der Anwärter auf den Journalistenberuf. Doch war der Journalismus der ersten Nachkriegsjahre kein Metier, das Widerstandskämpfern große Chancen cröffnete. Im Jahr 1985 stellte der Kommunikationswissenschafter Fritz Hausjell richtig, daß jene Zeitungsmitarbeiter, “die ausschließlich in der Presse vor 1938 bzw. vor 1933/34 be schäftigt waren, weil sie danach ins Exil mußten, in andere Berufe abwanderten, in Konzentrationslagern inhaftiert oder in die Illegalität des Widerslands gegangen waren (…) lediglich ein Drittel der dann in den Jahren 1945 his 1947 tätig gewesenen Tageszeitungsjournalisten aus(machten). Dagegen verfügten am Beginn der Zweiten Republik insgesamt 37,1 % über publizistische Erfahrungen unter dem NS-Regime oder in anderen faschistischen Staaten” (Hausjell, 1986, S. 67).

Dennoch muß darauf hingewiesen werden, daß die österreichische Journalistengewerkschaft ab 1945 eine recht aufwendige Entnazifizierung der Journalisten durchgeführt hat. Ab Mai 1945 mußten schreibwillige Journalisten einen einseitigen Anmeldebogen ausfüllen, der u.a. Fragen zu NSDAP-Milglied- oder Anwärterschaft beinhaltete. Ehemalige Nationalsozialisten sollten von der Mitarbeit an Zeitungen und den meisten Zeitschriften ausgeschlossen werden. Ab Ende Februar 1946 kam es zu einer Neuerfassung der Gewerkschaftsmitglieder. Aufnahmewerber, aber auch bereits aufgenommene Mitglieder waren verpflichtet, einen neuen, vierseitigen Personal-„Fragebogen“ sowie eine „Mitglieds-Anmeldung“ auszufüllen. Die Journalisten- gewcrkschaft hatte außerdem mit dem „Verband österreichischer Zeitungsverleget“ (VOZ) eine Vereinbarung getroffen,”wonach Personen, deren Aufnahme in die Journalistengewerk- schaft abgelehnt wurde, nicht als Journalisten beschäftigt werden sollten” (Brief an den VÖZ, 28.6.1948, in: JG-Personalakt Ludwig Josef Schüssel).

Nichtmilglieder konnten nur in Einzelfällen erfaßt werden. Da jedoch mehrere Journalisten, die nicht gewerkschaftlich organisiert waren, bei Tageszeitungen mitarbeiteten, ist anzunehmen, daß die Mitgliedschaft in der Journalistengewerkschaft nicht verpflichtende Berufsvoraussetzung war.

Vor allem in Wien wurde der Grundsatz, keine ehemaligen Angehörigen der NSDAP in die Journalistengewerkschaft aufzunehmen, weitgehend berücksichtigt. In anderen Bundesländern, z.B. in Vorarlberg, nahm der entsprechende Landesverband der Journalistengewerkschaft auch schon vor der Minderbelastetenamnestie 1948 NSDAP-Mitglieder auf (Hausjell, 1986).

Das Nationalsozialistengesetz aus dem Jahr 1947 hatte u.a. noch die Bestimmung enthalten, daß sich Minderbelastete bis zum 30. April 1950 nicht “an der Gestaltung des Inhalts einer Zeitung mit Ausnahme von Fachzeitschriften, einer Zeitungskorrespondenz oder eines Sammelwerkes durch Beiträge beteiligen” (Bundesgesetzblatt 25/1947) dürfen.

Durch das Drängen der österreichischen Regierung und das anschließende Einlenken der Besatzungsmächtc kam 1948 eine Teilamnestic für Jugendliche und Min- dcrbclastetc zustande, die am 21. April vom Nationalrat beschlossen und am 28. Mai vom Alliierten Rat mit der erforderlichen Einstimmigkeit genehmigt wurde. Mehr als 90 % der registrierten österreichischen Nationalsozialisten waren davon betroffen. Es ist anzunehmen, daß sich auch Journalisten unter ihnen befanden, denen durch diese Amnestie der Zugang zu ihrem Beruf wieder ermöglicht wurde. Hausjell wies in seiner Dissertation daraufhin, daß die Frage “ob und in welchem Umfang in Österreich ab 1948 durch die Min- derbclastetcnamnestie Journalisten, die Mitglieder der NSDAP waren, in den Journalistenberuf zurückkehrten (…) hier leider nicht beantwortet werden” (Hausjell, 1989) kann.

Anhand von vier Wiener Tageszeitungen – zwei von ihnen wurden im Jahr 1948 gegründet – sollen hier die Auswirkungen dieser Amnestie auf den österreichischen Tageszeitungsjournalismus exemplarisch aufgezeigt werden. Die ausgewählten Blätter decken das damalige politische Spektrum folgendermaßen ah: Die Arbeiter-Zeitung als Parteiorgan der SPÖ, Der Abend als KP-nahe Boulevardzeitung, die (Neue) Wiener Tageszeitung als „großes“ Parteihlatt der ÖVP und schließlich Die Presse als Beispiel für die um 1948 entstehenden „unabhängigen“ Blätter.

Die Jahre zwischen 1948 und 1950 weisen in verschiedener Hinsicht Signifikanz auf. Im Herhst 1949 fand die zweite Nationalratswahl seit der Befreiung 1945 statt, die erste, an der die ehemaligen Nationalsozialisten teilnehmen konnten. Etwa ein halbes Jahr früher, im Februar 1949, hatte sich in Salzburg eine neue Partei konstituiert, die dann im Oktober auf Anhieb 16 Mandate erreichte: der VdU (= Verband (.1er Unabhängigen, kandidierte als WdU, Wahlpartei der Unabhängigen), geführt von zwei Journalisten, Dr. Herbert A. Kraus und Dr. Viktor Reimann.

Weltpolitisch gesehen befand sich der Kalte Krieg zwischen den beiden Großmächten USA und Sowjetunion um das Jahr 1950 auf einem gefährlichen Höhepunkt. Die Krise spitzte sich international in Form des Koreakrieges zu. In Österreich wirkte sich der Konflikt vor allem im Endlos-Poker um den Staatsvertrag aus, aber auch in Zusammenhang mit einer landesweiten Streikbewegung Ende Septem bcr/An fan g Oktober 1950, die heute unter dem Titel „Kommunistenputsch“ bekannt ist, da sie – so die gegenwärtig noch immer vorherrschende Ansicht – von den österreichischen und sowjetischen Kommunisten inszeniert worden sein soll (Zu den unterschiedlichen Einschätzungen des „Putsches“ siehe vor allem: Ludwig, Mulley & Streibel, 1991).

Alle diese Faktoren beeinflußten entscheidend die Entwicklung der österreichischen (Tages-)Presse. Es scheint daher sinnvoll, nicht nur die personelle Zusammensetzung der Redaktionen zu eruieren, sondern auch die Inhalte und somit die Schreibweise der Blätter in die Analyse zu integrieren.

Die Untersuchung gliedert sich also in zwei Teile:

  1. in eine Erforschung der beruflichen und politischen Herkunft der journalistischen Mitarbeiter;
  2. in eine Untersuchung der inhaltlichen Ebene.

Um diese Inhaltsanalyse durchführen zu können wurden drei Themenkreise ausgewählt, zu denen sich die Wiener Journalisten äußerten.

  • Verbot der „Verfassungstreuen Vereinigung für Österreich“ wegen neonazistischer Betätigung im September 1948 sowie das Verbot von deren Organ „Alpenländischer Heimatruf“ im Oktober 1948
  • Zehnte Wiederkehr des Jahrestages des Beginns des zweiten Weltkrieges im September 1949
  • Fünfte Wiederkehr des Jahrestages der Befreiung Wiens vom Nationalsozialismus im April 1950.

Das Motiv dieser Arbeit entspringt der zentralen Frage nach dem Beitrag des österreichischen Journalismus zur Überwindung der schrecklichsten Periode dieses Landes. Anhand der Berichterstattung zu den genannten Ereignissen soll festgestellt werden, ob die (Wiener) Tagespresse in den späten 40er-Jahren den von den Alliierten geforderten Beitrag zur Demokratisierung der Gesellschaft geleistet hat. Weiters soll erforscht werden, ob und in welcher Weise ein Zusammenhang zwischen der Herkunft der Journalisten und den Inhalten „ihrer“ Zeitungen besteht. …

Rezensionen 3/1994

Robert Löffler: Telemax-Tagebuch. Mit einem Vorwort von Alois Brandstätter. Wien: Kremayr & Scheriau 1993
– rezensiert von Wolfgang Duchkowitsch

Philomen Schönhagen: Die Zeitung der Leser. Die Idee der Leserbeteiligung in der Heimatzeitung des 19. Jahrhunderts. (= ZW-Paper, Bd. 8). München, Mühlheim: Publicom Mdienverlag 1993
– rezensiert von Hannes Haas

Heinz Pürer & Johannes Raabe: Medien in Deutschland. (= Presse, Bd. 1). München: Verlag Ölschläger 1994
– rezensiert von Hannes Haas

Peter Huemer: Im Gespräch. Wien: Kremayr & Scheriau 1993
– rezensiert von Wolfgang Duchkowitsch

____________________________________________