Sonja Wenger: Sozialpartnerschaftliche Pressepolitik nach 1945

Einleitung: Meine Dissertation Der “Verband Österreichischer Zeitungsherausgeber” 1945-1955. Sozialpartnerschaft liehe Medienpolitik am Beginn der Zweiten Republik (1991) steigt fachspezifisch in eine Diskussion ein, die in den 90er Jahren aufgebrochen und bis heute virulent ist. Es geht um den österreichischen Kammernstaat. Die Arbeit stellt die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Sozialpartnerschaft und Medienpolitik nach 1945. Die zentralen Fragen sind: Wie gestaltete sich “sozialpartnerschaftliche” Medienpolitik am Beginn der Zweiten Republik? Was brachte den Medienunternehmern die enge personelle Verflechtung ihres Verbands mit staatlich-parlamentarischen Machtinstanzen? Dargestellt werden die wichtigsten medienpolitischen Probleme der Nachkriegszeit: die Verbandsorganisation, die systematische Behinderung der unabhängigen Presse durch die Parteien, die schwere Zeit der Papierkrisen und Papierbewirtschaftung, der Einfluß der Besatzer, die kollektiv- und tarifvertragliche Standespolitik gegenüber den Gewerkschaften der Medienarbeitnehmerinnen. Wobei der Erkenntniswert der Arbeit in der Erschließung völlig neuer, interner Quellen liegt. Protokolle der Präsidiums- und Vorstandssitzungen, Schriftverkehr mit Ämtern, Mitgliedern und Papierlieferanten sowie umfangreiche Verbandsakten erschließen Hintergründe, Wege der Entscheidungsfindung und somit einen Teil der historischen “Wirklichkeit” der Medienlandschaft im ersten Nachkriegsjahrzehnt. Der nachfolgende Auszug beschränkt sich auf die Rolle der Parteien, Aspekte der Entnazifizierung und den Kampf gegen das sowjetische „Besatzungstrauma“. …

Ingrid Haunold: Die Journalistin Klara Mautner (1879 – 1959)

Einleitung: Beschäftigt man sich mit österreichischer Kommunikationsgeschichte, so fällt einem die Fülle an Biographien über österreichische Journalisten auf. Namen wie Moriz Benedikt, Karl Kraus, Alfred Polgar oder Joseph Roth sind auch dem breiten Publikum ein Begriff und nicht nur einem kleinen Kreis von Kommunikationshistorikern. Der Zeitraum ihres Wirkens – das späte 19. und frühe 20. Jahrhundert – kann mit Recht als „Blütezeit“ des österreichischen Journalismus bezeichnet werden.

Betrachtet man die Sache jedoch etwas genauer, so bemerkt man das Fehlen weiblicher Namen in der Riege berühmter Journalisten. Manchem mögen die Namen Käthe Leichter oder Therese Schlesinger ein Begriff sein, darüberhinaus sind aber kaum noch andere Journalistinnen in der Öffentlichkeit bekannt.

Schlimmer noch – nicht einmal in der Fachwelt ist das Wissen über österreichische Journalistinnen um vieles größer.

In diesem Bereich herrscht ein klares Forschungsdefizit, das erst in den letzten Jahren langsam verringert wird. Wie eklatant zum Beispiel dieses Defizit am Wiener Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschalt ist, zeigt eine Aufstellung der Diplomarbeiten und Dissertationen. Seit der Eröffnung des Instituts im Mai 1942 bis zum Jahre 1985 (Bobrowsky, 1986) wurden rund sechzig Einzelbiographien verfaßt – zwei davon über Frauen.

Der Forschungsstand verzerrt den tatsächlichen Anteil, den Frauen zu dieser Zeit am österreichischen Journalismus hatten. So schrieben zum Beispiel insgesamt 76 Frauen in den Jahren 1889 bis 1934 allein für die Wiener Arbeiter-Zeitung. Gemeinsam veröffentlichten sie in diesem Zeitraum 653 Artikel.

Als ich im November 1990 mit den Nachforschungen zu meiner Diplomarbeit über Klara Mautner begann, war außer ihrem Namen und einer Aufstellung ihrer Artikel für die Wiener Arbeiter-Zeitung für die Jahre 1915-1931 nichts bekannt. Das war umso unverständlicher, als diese Aufstellung rund sechzig Artikel umfaßte. Bald zeigte sich, daß Klara Mautners Leben unverdientermaßen in Vergessenheit geraten war. Rund zweihundert Artikel verfaßte sie allein für die Arbeiterzeitung, für die sie fast ihr ganzes Leben lang tätig war. Darüberhinaus veröffentlichte sie auch mehrere Artikel in der Neuen Freien Fresse, dem Neuen Wiener Tagblatt, in Der Abend und in der Zeitung Arbeiterwille. Klara Mautner war weitgereist und hochgebildet. Sie schaffte es, die Ausübung eines interessanten Berufes mit einer lebenslangen glücklichen Partnerschaft zu verbinden. Besonders interessant an ihrem journalistischen Schaffen ist der hohe Anteil autobiographischer Artikel. Er erlaubt einen tieferen Einblick in ihr Leben und ihre Zeit als es allein durch die Darstellung der biograpischen Daten möglich gewesen wäre; Klara Mautners Leben war mit ihrem Journalismus untrennbar verbunden. …

Georg Scheuer: Gleichschaltung und Liquidierung der “Amtlichen Nachrichtenstelle (ANA)” 1938

Einleitung: Die Amtliche Nachrichtenstelle (ANA) war als Nachfolgerin des k.k. Korrespondenzbüros in der Zwischenkriegszeit von 1918-1938 die zentrale Presseagentur des österreichischen Staates, der Ersten Republik bis 1934 und des autoritären Ständestaates von 1934 bis März 1938.

Die Gleichschaltung und Liquidierung der Amtlichen Nachrichtenstelle (ANA) begann sofort nach dem deutschen Einmarsch mit groß angelegten „Vereidigungs-Zeremonien“, einer Kombination von Terror, Propaganda und Ausgrenzung.

Am 15. März 1938 veröffentlichte „der Führer und Reichskanzler“ gemeinsam mit dem „Reichsstatthalter“ Seyß-Inquart eine „Kundmachung“ (Kundmachung des Reichsstatthalters für Österreich, S. I) über die „Vereidigung der öffentlichen Beamten des Landes Österreich“, laut welcher alle Staatsbeamten einen Diensteid folgenden Wortlauts zu leisten hatten: “Ich schwöre: ich werde dem Führer des Deutschen Reiches und Volkes Adolf Hitler treu und gehorsam sein und die Gesetze beachten und meine Amtspflichten gewissenhaft erfüllen, so wahr mir Gott helfe.”

Demnach waren alle Beamten „unverzüglich“ zu vereidigen: „Wer sich weigert, den Eid zu leisten, ist vom Dienst zu entheben.“ Schließlich: „Jüdische Beamte sind nicht zu vereidigen.“

Am folgenden Tag, 16. März, erließ Ministerialrat Dr. Pfaundler bereits einen „Dienstauftrag“ zur Durchführung der „Kundmachung“ zur „Vereidigung sämtlicher öffentlich-rechtlichen Bediensteten, privatrechtlichen Bediensteten und Arbeiter“ und betonte, daß die Bestimmungen „genauest eingehalten werden“ (Aktenzeichen Z. 468, S. 5). Vorder Vereidigung sei „in einer Ansprache (…) darauf hinzuweisen, daß jeder Bedienstete, der entgegen diesen Bestimmungen den Eid ablegt, strengste Ahndung zu erwarten hat. Jeder Bedienstete hat ein Eidesformular zu unterfertigen, das in seinem Personalakt zu verwahren ist.“ In diesem Sinn erließ am gleichen Tag der zum „Vizedirektor“ aufgestiegene Nationalsozialist Dr. Josef Hans einen „Runderlaß“, der „an alle schwarzen Bretter“ angeschlagen werden mußte und laut welchem die „Vereidigung“ groß angekündigt wurde. Die Prozedur erfolgte am 17. März 1938 um 12.30 Uhr. Die Angestellten hatten sich „am Gange vor dem Redaktionszimmer zu versammeln, von wo sie in das Redaktionszimmer gerufen werden.“ …

Georg Scheuer: Redakteur Heinrich Scheuer Entlassung, Ausgrenzung, Delogierung, Deportation, Ermordung

Einleitung: Im Rahmen der Gleichschaltung und Liquidierung der Amtlichen Nachrichtenstelle (ANA) erfolgte 1938 die fristlose und entschädigungslose Entlassung und Ausgrenzung meines Vaters Heinrich Scheuer nach 35jähriger Dienstzeit. Er gehörte zu den Angestellten, die „mit 31. Dezember 1938 den vollen Anspruch auf den Ruhegenuß erworben haben werden“. (Offizielle Dienstzeit: 38 Jahre, zwei Monate) (Mitteilung des Vizedirektors J. Hans an das Amt des Reichsstatthallers, 3. Mai 1938). Gleich nach dem „Anschluß“ wurde er aus „rassischen“ Gründen ab sofort „beurlaubt“, durfte die Räume der Amtlichen Nachrichtenstelle nicht mehr betreten. 1939 wurde die totale Entrechtung schriftlich bestätigt, mit Berufung auf die „Verordnung zur Neuordnung des österreichischen Berufsbeamtentums“, eine „Verordnung“ vom 31. Mai 1938. …

Peter C. Merrill: German-American Fiction in Rudolf Lexow’s “New-Yorker Criminal-Zeitung”

Einleitung: Rudolf Lexow (1829-1909), a German immigrant journalist in New-York, was the founder and first editor of a weekly periodical which began publication in 1852 as the New-Yorker Criminal-Zeitung. With the issue of March 18, 1853 the magazine appeared under the title Belletristisches Journal und New-Yorker Criminal- Zeitung. Several later changes of title reflect the evolution of Lexow\s weekly from a magazine reporting on local criminal cases into what ultimately became a literary journal. The words Criminal-Zeitung were not, however, dropped from the title until 1864.

The magazine Lexow founded managed to last from 1852 to 1911, though Lexow retired from its management in 1881. During the period when he served as editor, Lexow was also one of the magazine’s most important contributors of both fiction and nonfiction pieces. In 1864 he acquired another magazine, Deutschamerikanische Monatshefte, which also promoted the publication of literary works by German immigrant authors. The last years of Lexow’s life were spent as a leader of the German-American community in Brooklyn. His Belletristisches Journal outlived him by two years.

I bis article will focus attention on the early years of the Criminal-Zeitung, the period from 1852 to 1859. The choice of dates was governed in part by what early issues of the magazine were available for study and it is felt that the survey begun here might be profitably extended to cover later issues. Although the content of the magazine will be characterized in a general way, particular attention will be devoted to what the magazine had to offer its readers in the way of prose fiction by German immigrant authors. Some of the works which will be discussed have been totally forgotten for more than a century, mainly because scholars interested in nineteenth-century German- American fiction have tended to base their investigations on works published in book form. One conclusion of the present study, however, is that some of these books can now be seen to have originally been published as serial novels in periodicals. By sifting through the contents of nineteenth-century literary periodicals, it is today becoming possible to see a number of German-American authors in a new light.2 Several other authors will come to our attention in the course of this article, but it is Rudolf Lexow himself who provides the most compelling example. …

Wolfgang R. Langenbucher: Das Glück, der Zufall und die Obsession Korridore durch ein Vierteljahrhundert- Projekt zur Mediennutzung. Notizen zum Buch "Massenkommunikation IV" von Klaus Berg und Marie-Luise Kiefer

Einleitung: Dies ist nun die vierte in einer Folge von Buchveröffentlichungen, in denen eines der ältesten und doch noch immer spektakulärsten Projekte moderner Kommunikationsforschung vorgestellt wird. Wer seihst mit diesem Unternehmen sozusagen wissenschaftlich erwachsen geworden ist, weil er sich an seinen ob der damals nicht vorhandenen empirischen Ausbildung geradezu naiven erstmaligen Umgang mit diesem Datenmaterial Mitte der 60er Jahre erinnert, der steht heute fast ungläubig vor der Tatsache, daß damit die auf die Aktualität bezogene Feldforschung zum Teil der Kommunikationsgeschichte wird. Fast möchte man sagen, daß damit diejenigen, die für diese Studien verantwortlich sind und waren, einen Auftrag erfüllten, den Paul F. Lazarsfeld 1950 in einem Vortrag mit dem ‘Titel Die Verpflichtungen des Meinungsforschers von 1950 für die Historiker von I9S4 postulierte. Fr stellt in diesem Vortrag den Mitgliedern der „American Association for Public Opinion Research“ die Frage: “Und übersehen wir nicht die Tatsache, daß der Meinungsforscher gewissermaßen die zeitgenössische Geschichte aufzeichnet? Könn- tc uns nicht der Geschichtsforscher von 1984 vorwerfen, daß wir nicht genug an das gedacht haben, was er über das Jahr 1950 wissen wollen wird?” (Wilke, 1990).

Man sollte sich freilich keine Illusionen machen: Es war weniger beziehungsweise gar nicht das methodische Bewußtsein eines Lazarsfeld, dem wir diesen empirischen Beitrag zu einem Vierteljahrhundert einer Me- diengeschichte aus Nutzersicht verdanken, als vielmehr einer M ischung aus Zufall und den kommunikationswissenschaftlichen Obsessionen einiger weniger Personen, darunter vor allem Marie-Luise Kiefer. Gerade Anfang der 90er Jahre ist es nützlich, daran zu erinnern, in welcher Situation diese zur „Langzeitstudie“ gewordene Erhebung startete. Anfang der 60er Jahre gab es in der BRD die immer heftiger werdenden Auseinandersetzungen zwischen den diversen kommunikationspolitischen Handlungsträgern, denen es entweder um eine Bewahrung des status quo (vor allem die Rundfunkanstalten, die Gewerkschaften und die SPD, aber auch Teile der CDU/CSU und des übrigen konservativen Lagers) oder um eine gründliche Neuordnung der Rundf unklandschaft ging (an der Spitze der Bundesverband der deutschen Zeitungsverleger, phasenweise nicht zuletzt unter dem Einfluß von Axel C. Springer, dessen Bild-Zeitung wenige Jahre später dann im Mittelpunkt heftigster politischer Auseinandersetzungen stand). Damals verteidigten sich die Rundfunkanstalten mit einer vierbändigen Dokumentation Rundfunkanstalten und Tageszeitungen, deren vierter Band eine von den Instituten DIVO und In- fratest durchgeführte Meinungsumfrage über „Ergänzung oder Konkurrenz der Massenmedien?“ dokumentierte. …

Rezensionen 4/1994

Patrice Flichy: Tele. Geschichte der modernen Kommunikation. Frankfurt/Main, New York: Campus 1994
– rezensiert von Herwig Walitsch

Josef Seethaler / Gabriele Melischek: Demokratie und Identität. Zehn Jahre Republik in der Wiener Presse 1928. Ein Arbeitsbuch. Wien: WUV-Universitätsverlag 1993 (= Österreichische Akademie der Wissenschaften: Publikationen der Historischen Pressedokumentation)
– rezensiert von Wolfgang Monschein

____________________________________________

Fritz Hausjell & Michaela Lindinger: Österreichischer Journalismus um das Jahr 1948 Eine Rundfrage

Einleitung: Etwa 30 Journalistinnen und Journalisten, die bereits in der Naehkriegszeit beruflich tätig waren, wurden von uns um ihre Erinnerungen für diese Rundfrage gebeten. Es wurde dabei sowohl aus dem linken, aus dem bürgerlichen und dem parteifreien Spektrum gewählt; Frauen wurden etwa in der Relation, wie es ihrem damaligen Anteil unter den im Journalismus Tätigen entsprach, angeschrieben. Mit besonderem Bedauern mußten wir aber zur Kenntnis nehmen, daß uns aus dem Kreis der angeschriebenen Journalistinnen kein Text zugesandt wurde.

Die Journalistinnen und Journalisten hatten wir Mitte April des Jahres mit nachfolgender Bitte zu dieser Rundfrage eingeladen: “… das Literat ui haus in Wien wird im Herbst 1994 eine Ausstellung und Veranstaltungsreihe zum Thema “Das Jahr 1948″ präsentieren. Dabei soll ein Jahr ohne vordergründige große Bedeutung herausgegriffen werden, um die Entwicklungen in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen – wie Politik, Kultur, Journalismus und Literatur herauszuarbeiten.”

Die kommunikationshistorische Zeitschrift medien & zeit bereitet aus diesem Anlaß ein Themenheft zum Journalismus rund um das Jahr 1948 vor. Neben Beiträgen von wissenschaftlicher Seite möchten wir dabei möglichst viele Erfahrungen und Reflexionen von Journalistinnen und Journalisten sammeln und dem interessierten Publikum authentisch zugänglich machen. Daher wenden wir uns heute mit der Bitte an Sie, sich an diese Zeit zu erinnern und einen essayistischen Bericht über Ihre Eindrücke im und vom Journalismus um das Jahr 1948 für unsere Zeitschrift zu schreiben. …

Georg Auer: Über’m Berg Antworten zur Rundfrage "Österreichischer Journalismus um das Jahr 1948"

Einleitung: 1948 war das Jahr, in dem sich in Österreich das Leben langsam, ganz langsam, wieder zu normalisieren begann: Wenn „normal“ bedeutet, daß der elektrische Strom nicht jeden Augenblick zusammenbricht, daß Straßenbahnen, Züge holpernd aber wirklich verkehren, daß das Gas nicht plötzlich ausgeht oder nur von 11 bis 13 Uhr überhaupt vorhanden ist.

Es gab wieder Papier, um darauf Zeitungen zu drucken, es gab nicht nur Lebensmittelkarten, sondern man bekam auch wirklich Lebensmittel und die Raucherkarte brachte auch Zigaretten ein. Der Schwarzmarkt war ziemlich verschwunden.

Die Währungsreform 1947 hatte gegriffen, wenn auch Ersparnisse durch sie dahingeschmolzen waren. Ich hatte keine gehabt, so konnte nichts schmelzen.

Es gab wieder Waren in den Geschäften nicht nur unter der Budel, auch wenn wir nicht das Geld hatten, sie zu kaufen. Aber wir waren jung, wahnsinnig engagiert, so oder so. Jeder glaubte, er werde die Welt einreißen und, so ganz nebenbei, noch einige Berge versetzen.

Das war so in allen Redaktionen. Da gab es die jungen Leute, die erst anfingen, Zeitungsluft zu atmen, ein paar ältere, die keine Nazi gewesen waren, da gab cs auch Lehrer, die nicht mehr Lehrer sein durften, weil sic Nazi gewesen waren – minderbelastet – und jetzt eben als freie Lokal-Journalisten sich durchbrachten, während Journalisten, die Nazi gewesen waren, Nachhilfeunterricht gaben.

Man darfauch eines nicht vergessen. Die Dezimierung der Bevölkerung: Als ein Professor des Wiener Gymnasiums 19 die Idee hatte, ein Klassentreffen meines Jahrgangs zu veranstalten, waren wir von 37 fünf, die kamen. Manche waren noch in Gefangenschaft, die meisten aber halte es in dieser aus etwa 60 % „Ariern“ und 40 % „Juden“ zusammengesetzten Klasse nach der Matura direkt ins Gefecht nach Stalingrad verschlagen oder, schon vor der Matura, in KZs oder Emigration.

Und Frauen begannen nur ganz langsam zu erkennen, daß Zeitungsmachen auch ein für sie geeigneter Beruf sein konnte. In der „Bluathak‘n“, zu deutsch Kri- minalberichterstattung, habe ich, glaube ich, erst anfangs der 50er Jahre eine Reporterin am Tatort (noch dazu einer grausigen Garagenexplosion mit zwei völlig zerfetzten Menschen) erlebt.

In der Redaktion der Volksstimme (Zentralorgan der KPÖ), in deren Lokalredaktion ich, nach einem Beginn in der Auslandsredaktion des Österreichischen Nachrichtenbüros (später APA) 1946 und einem kurzen Zwischenspiel bei der Vorarlberger Tageszeitung, dem kommunistischen Landesorgan im Ländle – sowas gab‘s damals – ab Jänner 1947 gelandet war, war man, natürlich besonders politisch auf dem Marsch – wenn auch nicht gerade wunderbar vorwärts.

Wie wurde man damals Journalist – ohne Matura, ohne Hochschulstudium? Das schafften damals eine ganze Menge junger Leute, heim vom Krieg, von der Emigration, vom KZ, aus der Gefangenschaft. …

Kurt Frischler: 1948 – das erste journalistische “Normaljahr” Antworten zur Rundfrage "Österreichischer Journalismus um das Jahr 1948"

Einleitung: Ich hin 1917 geboren. Journalist wurde ich im Jahre 1946. Ich war also bereits 29 Jahre alt, als ich einen für mich ganz neuen Beruf ergriff. Sechs Jahre meines Lebens, man sagt, daß cs die besten seien, hatte ich unwiderruflich sinnlos, dumpf und qualvoll bei der Deutschen Wehrmacht zubringen müssen, sechs Jahre, die mich (und meine ganze Generation) von der Welt abschirmten. Ich habe nichts für meinen zukünftigen Beruf gelernt, das wenige, was man uns zur Matura beibrachte, hatte ich längst vergessen.

Natürlich ging es allen Journalisten jener Tage, sofern sie zwischen 1912 und 1925 geboren waren, genauso. Was wir gemeinsam hatten, war der glühende Wunsch, alles und jedes nachzuholen, was sich in jener seit 1938 verschlossenen Well ereignet hatte – nicht so sehr politisch, sondern kulturell, intellektualistisch und sozial. Es galt also, alles das nachzuvollziehen, es sich geistig anzueignen: Bücher und Autoren, deren Namen wir noch nie gehört hatten, etwa Hemingway, etwa Steinbeck, etwa Sartre und Anouilh, wir wollten alle Filme sehen, die seit 1938 gedreht worden waren, alle Theaterstücke zumindest lesen, die das NS-Rcgimc verboten hatte, wir wollten die Großen des Jazz hören, von Armstrong über Tatum und Count Basic bis zu Glenn Miller – es gab nichts, was uns nicht interessierte.

Es dauerte etwa zwei Jahre, bis wir jungen Journalisten das Gefühl hatten, wir hätten jene verlorenen Jahre, sofernc das überhaupt möglich war, im großen und ganzen aufgeholt und so gut cs ging cingearbcitcl in ein neues Weltbild. Das war etwa 1948 der Fall – und deshalb scheint mir dieses Jahr auch tatsächlich, vom Standpunkt der neuen Generation der Nachkriegsjournalisten aus gesehen, das erste „Normaljahr“ – und daher stammt auch der Titel.

Es gibt freilich auch noch einen zweiten Grund, das Jahr 1948 zum ersten „Normaljahr“ zu erheben. Seit der Währungsreform im Spätherbst 1947 war die heimische Wirtschaft in zaghafter Aufwärtsentwicklung begriffen, konnten sich Österreich weit Zeitungen, die nicht von einer der vier Besatzungsmächte herausgegeben wurden, halten, konnten neue Zeitungen erscheinen, weil die quälende Papierknappheit verschwand eine Tageszeitung mit acht Seiten Umfang, noch 1947 ein „Luxus“, wurde nun zur Regel; auch gab es bescheidene Ansätze zu einem Anzeigengeschäft, was wiederum die finanzielle Beweglichkeit der Verlage steigerte.

Es war nach 1945 außerordentlich einfach, Reporter bei einer Zeitung zu werden. Ich selbst habe bei der von den Sowjets herausgegebenen Österreichischen Zeitung ein Kurzgeschichten-Preisausschreiben gewonnen und wurde sofort als Reporter engagiert.

Beim Wiener Kurier, den die Amerikaner herausgaben, bei der britischen Weltpresse und bei der französischen Welt am Abend – Welt am Montag, war es, wie mir Kollegen berichteten, nicht minder einfach gewesen.

Eineinhalb Jahre arbeitete ich als Reporter in der sowjetischen Zeitung, Zeit genug, um mir über den in höchster Blüte stehenden Stalinismus ein Bild machen zu können. Tag für Tag erschienen in den sowjetischen Zeitungen ritualisierte Hymnen an den „Genossen Stalin, Sonne des Bolschewismus“ (wörtliches, tagtäglich zu lesendes Zitat). Dann beteten die Stoßarbeiter und Stoßarbeiterinnen, die Kolchosbäuerinnen und Kolchosbauern, die Traktoristinnen und Traktorführer den Genossen Stalin an und versprachen, ihre Arbeitsleistung freiwillig zu erhöhen. Wie links man auch stehen, wie sehr man auch über den Sowjetkommunismus lächeln mochte – cs war nicht auszuhalten. Den sowjetischen Redakteuren, fast durchwegs Leningrader Juden, die dank ihres Jiddisch sehr gut deutsch konnten und reizende, kultivierte Leute waren, schien das gar nichts auszumachen. …