Dietmar Türk: Zukunftsperspektiven für die historische Kommunikationsforschung

Einleitung:

“Die Publizistikwissenschaft untersucht nicht nur formalisierte, massenmediale Kommunikationskanäle, sondern gleicherweise auch informellen Kommunikationsaustausch, also kommunikative Interaktionen von Mensch zu Mensch” (Dröge, Weissenborn & Haft, 1969).

Seltsam, daß diese Maxime trotz ihres Alters noch keine Verbindlichkeit für die historische Kommunikationsforschung zu haben scheint. Lange Zeit hindurch wurden Erkenntnisse aus dem Nachbarfach nur zögernd oder überhaupt nicht in die eigenen Forschungskonzepte übernommen (vgl. Bobrowsky & Langenbucher, 1987), es wurde und wird auch weiterhin so getan, als hätte cs den Paradigmen Wechsel von der me- dien- zur rezipientenorientierten Perspektive schlicht und einfach nie gegeben; nach wie vor liefern Inhaltsanalysen den besten Beweis für das unangefochtene Primat der Lasswell-Fonnel in einer Vielzahl historischer Untersuchungen, die unbestritten auch ihre Berechtigung haben – aber es ist doch auffällig, mit welcher Hartnäckigkeit auch noch in den 80er-Jahren an den rein formalen Aspekten historischer Kommunikationsprozesse festgehalten wurde. Die Historiker haben – um es salopp zu formulieren – akuten Handlungsbedarf, um den Anschluß an die angewandte Disziplin nicht vollends zu verschlafen. …

Andreas Baumgartner: Krieg in den Medien – Medien im Krieg Eine exemplarische Untersuchung zur Berichterstattung über den Zweiten Golfkrieg 1991

Einleitung: Die Zahl der Forschungen, die zur Kriegspropaganda des Zweiten Weltkriegs betrieben wurden, steht im umgekehrten Verhältnis zur Ergiebigkeit der Ergebnisse. Keine der Untersuchungen konnte schlüssig belegen, warum und auf welche Weise die Botschaften der jeweiligen Propagandastellen diese und jene Wirkung evozierten oder ob die vermuteten Wirkungen von gänzlich anderen Faktoren abhängig gemacht werden müssen. Noch schlechter fällt die Bilanz der Propagandaforschung respektive der gesamten Wirkungsforschung im Anschluß (und unter dem Eindruck der Ergebnisse) an oben genannte Untersuchungen aus: Diese Chronologie des Scheitems läßt sich bis heute fortsetzen.

Die Gründe für die Problemstellungen sind einfach zu benennen, die Lösungsmöglichkeiten jedoch schwer in die Praxis umzusetzen: Scheiterten einige Untersuchungen an ihren immanenten, rein empirisch-handwerklichen Unzulänglichkeiten, so konnten aber auch korrekt durchgeführte Untersuchungen durch spekulative Projektionen der eigenen Erwartungen, die weit über den untersuchten Gegenstand hinaus Gültigkeit beanspruchten, keine schlüssigen Wirkungsmodelle liefern. Es ist unabdingbar für die Erfassung sozialer Realität (und Kommunikation ist zweifellos eine Komponente dieser Realität), die Gesetzmäßigkeiten des untersuchten Gegenstandes bei der Erstellung der Untersuchung ebenso zu berücksichtigen, wie auch bei der Auswertung und der Interpretation. Dazu sei lediglich der Topos der „mittleren Reichweite sozialer Theorien und Modelle“ festgestellt, der die weitere Vorgehensweise und den Ausweg aus dem momentanen Dilemma der Wirkungsforschung vorgibt. Die Untersuchung einer, von unzähligen Faktoren abhängigen Variablen wie Kommunikation, bedarf inter- und multidisziplinärer Ansätze und darf trotzdem nur für einen Punkt der Ent- wicklungslinie Gültigkeit beanspruchen und sich nicht in ubiquitären Spekulationen ergehen: “Wenn es (…) einen gemeinsamen leitenden Gedanken gibt, dann ist es der, daß es heute unmöglich ist, eine „Theorie der Massenmedien“ (d.h. auch der Propaganda, Anm. d. Verf.) zu entwickeln; dies wäre damit vergleichbar, eine „Theorie vom nächsten Donnerstag“ entwickeln zu wollen. Gerade weil man diese Phänomene nicht unter eine einheitliche theoretische Formel bringen kann, muß man sie heute zum Gegenstand einer Forschung machen, die sich nicht scheut, sie allen erdenklichen Prüfungen zu unterziehen.” (Eco, 1992, S. 34).

Dieser Aufsatz stellt eine Zusammenfassung der Ergebnisse der Untersuchung dar, die im Rahmen meiner Diplomarbeit (Baumgartner, 1993) unter obigen Prämissen durchgeführt wurde. Es sollte versucht werden, das Phänomen „Kriegsberichterstattung und Propaganda“ empirisch zu untersuchen und an den adäquaten Randbedingungen zu validieren. …

Herwig Walitsch: Literatur und Medien – Poetische Fiktion und technische Medien in der Neuzeit Ein Forschungsprojekt stellt sich vor

Einleitung: Seit Februar 1994 ist am Institut lür Germanistik der Karl-Franzens-Universität Graz das Forschungsprojekt „Literatur und Medien – Poetische Fiktion und technische Medien in der Neuzeit“ eingerichtet, welches aus Mitteln des Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF) finanziert wird (Der Projektleiter ist Prof. Dr. Hans H. Hiebei; Projektmitarbeiter sind Heinz Hiebier, Karl Kogler und Herwig Walitsch). Im vorliegenden Artikel sollen einige Thesen und Ausgangspunkte des Projekts sowie seine wesentlichen Zielsetzungen dargelegt werden. Diese Präsentation ist zweigeteilt; in der vorliegenden Ausgabe von medien & zeit erscheint die Vorstellung der medienhistorischen Grundlagenarbeit des Projekts, in einer der nächsten Nummern wird sein literaturwissenschaftlicher Hauptteil präsentiert werden. …

Michaela Lindinger & Friedrich Randl: Bibliographie studentischer Abschlußarbeiten Diplomarbeiten und Dissertationen an österreichischen Universitäten aus dem Bereich Kommunikationsgeschichte

Teil 2 (1990, 1991, 1992)

Der erste Teil erschien in medien & zeit 1/1992. Um die Lesbarkeit zu verbessern, wurden die Arbeiten in Teil zwei grob nach Sachgebieten vorgeordnet.

Einleitung: Beginnend mit dieser Ausgabe bietet medien & zeit eine weitere Servicefunktion für seine Leserinnen und Leser an: Zusätzlich zu Rezensionen von Fachpublikationen soll nun auch der Zugang zu studentischen Abschlußarbeiten dem interessierten Publikum erleichtert werden.

Die Rubrik „Bibliographie studentischer Abschlußarbeiten“ wird österreichische Diplomarbeiten und Dissertationen, die – im weitesten Sinne – den Themenbereich der Medien- und Kommunikationsgeschichte abdecken, in unregelmäßigen Abständen in Form einer unkommentierten Auflistung ausweisen.

Eingang in die Auflistung finden vor allem Abschlußarbeiten, die an kommunikationswissenschaftlichen, historischen und germanistischen Instituten an Universitäten in ganz Österreich verfaßt wurden, und deren Auffindung daher für den einzelnen mit langwieriger Suche verbunden wäre. Einen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt die Bibliographie dabei allerdings nicht: Ergänzungen und Nachträge zu den einzelnen Jahrgängen bleiben Vorbehalten. Wir bitten daher auch Sie, werte Leserin werter Leser, uns in Kenntnis zu setzen, falls wir in den jeweiligen „Bibliographien“ wichtige Arbeiten nicht berücksichtigt haben sollten.

Für die nachstehende Liste an Diplomarbeiten und Dissertationen gilt: Die ihr zugrundeliegenden Aufstellungen der entsprechenden Arbeiten, die von medien & zeit nach thematischen Gesichtspunkten ausgewählt wurden, sind uns von den jeweiligen Hochschulinstituten zur Verfügung gestellt worden. Den Instituten sei auf diesem Weg nochmals unser Dank für ihre Unterstützung ausgesprochen.

Wir hoffen, mit dieser neuen Rubrik zwei Mißständen abzuhelfen: Zum einen der mangelnden Kenntnis darüber, was andere wissenschaftliche Disziplinen oder Institute neben der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft zum Erkenntnisgewinn in der historischen Kommunikationsforschung beitragen, und zum anderen dem äußerst geringen Bekanntheitsgrad studentischer Forschung in bezug auf dieses Thema. …

Fritz Randl: Österreichs legale NS-Presse vor 1933 Ein Forschungsprojekt des Arbeitskreises

Leitung: Wolfgang Duchkowitsch
Bearbeiter: Bernd Beutl, Claudia Hefner, Wolfgang Monschein & Fritz Randl

Einleitung und Forschungsstand

Über die legale nationalsozialistische Publizistik in Österreich vor dem Verbot der NSDAP am 19. Juni 1933 ist so gut wie nichts bekannt, ganz im Gegensatz zur NS-Presse zwischen 1938 und 1945. Die wenigen vorhandenen Arbeiten verstehen sich als Pressemonographien (als jüngeres Beispiel sei genannt: Maier, 1992).

Die Idee einer systematischen formalen und inhaltlichen Erfassung der legalen österreichischen NS-Presse stammt aus einem Seminar, das Wolfgang Duchkowitsch im Wintersemester 1991/92 am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft in Wien gehalten hat. Einen weiteren Anstoß gab die mittlerweile zum Standardwerk avancierte Studie von Peter Stein zur reichsdeutschen NS-Gaupresse zwischen 1925 und 1933 (Stein, 1987).

Projektziele

Im wesentlichen hatte das vorliegende Projekt zwei Hauptziele. Angestrebt waren

  1. die vollständige formale Erfassung aller vor dem Parteiverbot in Österreich erschienenen nationalsozialistischen Blätter und
  2. eine inhaltliche Typologie dieser Medien.

In die formale Erfassung sollten neben den Eckda- ten der Blätter auch alle darin enthaltenen Namen von Eigentümern, Herausgebern, Verlegern, verantwortlichen Redakteuren, Schriftleitern und Mitarbeitern aufgenommen werden, um so diese für etwaige Kontinuitätsforschungen unverzichtbaren Daten zu sammeln.

Die inhaltliche Analyse strebte eine typologie der verschiedenen NS-Blätter an, hauptsächlich auf dem Weg über das Selbstbild und -Verständnis der Redaktionen.Schließlich sollten einige Fallstudien die Ergebnisse anschaulich illustrieren. …

Wolfgang Duchkowitsch: Kommunikationsgeschichte im Aufwind Notizen

Einleitung: Die wissenschaftliche Reputation von Kommunikati- onsgeschichte steigt. Im Mai 1993 wurde das Ludwig Boltzmann-Institut für neuere österreichische Kom- munikationgeschichte (LIÖK) gegründet. Sein Sitz befindet sich am Institut für Publizistik- und Kommuni- kationswissenschaft der Universität Wien. Als wissenschaftlicher Leiter des neuen Instituts fungiert Univ.-Prof. Dr. Wolfgang R. Langenbucher, die administrative Leitung liegt in den Händen von Dr. Wolfgang Duchkowitsch. Die offizielle Eröffnung fand am 9. Dezember 1993 statt, die erste Tagung am 10. Dezember. Inzwischen wurde die Planung wissenschaftlicher Vorhaben unter Mitarbeit von Dr. Fritz Hausjell und engagierten Studenten vorangetrieben, ln der konkreten Planungsphase befinden sich insbesondere Projekte über die Einführung des Fernsehens in Österreich und die Veränderung von Kultur- und Medienkonsum. …

Rezensionen 2/1994

Kurt Flemig: Karikaturisten-Lexikon. München u.a.: Saur 1993
– rezensiert von Hans Bohrmann

Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz & Hartmut Walravens (Hg.): Internationale Zeitungsbestände in Deutschen Bibliotheken. Ein Verzeichnis von 18.000 Zeitungen, Amtsblättern und zeitungsähnlichen Periodika mit Besitznachweisen und geographischem Register. 2. Ausgabe. München u.a.: Saur 1993
rezensiert von Hans Bohrmann

Christian Cargnelli & Michael Omasta (Hg.): Aufbruch ins Ungewisse. 2 Bände. Wien: Wespennest 1993
– rezensiert von Andreas Hutter

Ulrich Tadday: Die Anfänge des Musikfeuilletons. Der kommunikative Gebrauchswert musikalischer Bildung in Deutschland um 1800. Stuttgart, Weimar: J. B. Metzler 1993
– rezensiert von Fritz Randl

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