Arno Maierbrugger: “Laß mich bös’ sein, Herrgott! Amen” Biographische Skizzen zu Hugo Sonnenschein v. Sonka, einem vergessenen politischen Dichter des antifaschistischen Widerstandes (1889-1953)

Einleitung: Biographische Studien stoßen zuweilen schon durch die Person, die sie zu beschreiben versuchen, an ihre Grenzen. Sie verharren im Lebenslauf des Subjektes ihrer Fragestellung, schauen nicht nach links oder rechts und vermitteln ideale Historienbilder, die beinahe niemand zu hinterfragen imstande ist, so unangreifbarerscheinen sie.

Dennoch: Es gibt eine Struktur in der Geschichte, in der solche Biographien nur einzelne Fäden sind, ohne die sie selbst keine Bedeutung für das Ganze haben. Dieser Beitrag bemüht sich daher, die Begrenztheit zahlreicher herkömmlicher biographischer Untersuchungen zu verlassen und den Lebensweg des jüdisch-slowakischen Dichters Hugo Sonnenschein, genannt “Sonka”, vor seinem gesellschaftspolitischen Hintergrund nachzuzeichnen. Es geht um die Frage, wie sich die nichtopportune Intelligenz in Österreich, und Sonka gehörte nun einmal dazu, unter den politischen, kulturellen und sozialen Auswüchsen des nationalsozialistischen Regimes verhalten hat, wie rigide regimekritischen Kreisen ihre Artikulation versagt wurde und wie viele heute noch mit makelloser Reputation behaftete Literaten sich damals durch einen erstaunlichen Opportunismus “auszeichneten” (z.B.: Grete Urbanitzky, Felix Salten, Karl Schönherr, Paula Grogger, Erna Blaas). Es ist sicher nicht übertrieben festzustellen: Das Ziel faschistischer Kulturpolitik, die radikale Reglementierung und gesteuerte Vernichtung der zeitgenössischen Literatur, die auch vollinhaltlich so betrieben wurde (“Der Jude kann nur jüdisch denken. Schreibt er deutsch, dann lügt er …” (zit. n. Amann, 1983, S. 17)), hält in ihren Nachwirkungen bis heute an. Eine Ncuentdeckung von zu Unrecht vergessenen oder verschollenen Autoren zeichnet sich erst in den letzten Jahren ab.

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die Anthologie AImanach der Vergessenen (Schöffling, Schütz, 1985) mit ausgewählten Gedichten von 40 vergessenen Lyrikern, die allesamt der “Säuberungswelle” des Nationalsozialismus zum Opfer fielen. Hier finden sich neben Hugo Sonnenschein auch Namen wie Hugo Ball, Albert Ehrenstein, Paula Ludwig, Berthold Viertel und Paul Zech.

Wie schwierig es ist, in manchen Fällen das künstlerische Werk dieser Schriftsteller zu orten und aus der Versenkung zu holen, zeigt sich bereits in der Quellenlage oder am Mangel an wichtigen Zeitzeugen, die den Holocaust überlebt haben.

Im Jahre 1976 hatte der schon über achtzigjährige Hans Sahl die Dringlichkeit der Sache bewußt zu machen versucht und in einem Gedichtband formuliert:

“Wir sind die Letzten.
Fragt uns aus.
Wir sind zuständig.
Wir tragen den Zettelkasten
Mit den Steckbriefen unserer Freunde
Wie einen Bauchladen vor uns her (…)”
(Sahl, 1976, S. 7)

Michaela Lindinger: Österreicher, Jude, Emigrant Biographisches zum Journalisten, Schriftsteller und Maler Ernst Benedikt (1882 – 1973)

Einleitung: An der Person des Journalisten, Schriftstellers und Malers Ernst Benedikt lassen sich exemplarisch die weitreichenden Konsequenzen der gesellschaftspolitischen Zäsuren in Österreich in den Jahren 1933/34, 1938 und 1945 für das Leben – heute oftmals schon vergessener – jüdischer Journalisten verdeutlichen. Seine Aufzeichnungen über den Novemberpogrom 1938, die Emigration in Schweden und seine erst späte Rückkehr nach Österreich bilden daher so zentrale Marksteine für eine Skizzierung seines Lebenslaufes, daß sic nicht unberücksichtigt bleiben können, wenngleich in der Folge vor allem der Zeitraum der Ersten Republik und des Austrofaschismus erfaßt werden soll. …

Hermann Haarmann: “Büchermachen ist ein Handwerk . . .” Zur Berliner Verlagsgeschichte im 18. Jahrhundert oder: Ein Plädoyer zur Bewahrung der Buchkultur

Einleitung: Jedes Kind, so scheint es einem, wenn man in den großen Kaufhäusern die Computer-Abteilungen durchläuft, besitzt die Fähigkeit, diese Maschinen spielerisch-lustvoll und kreativ zu benutzen. Die Bereitschaft, derartige Technologien angstfrei zu erproben, ist einer Marktstrategie geschuldet, die suggeriert, daß jeder teilnehmen kann an dieser Form gesellschaftlichen Fortschritts. Kein Hinweis allerdings erläutert die unbestreitbare Tatsache, daß gesellschaftlicher Fortschritt erst dann garantiert ist, wennausder Bereitschaft zum Umgang mit dem neuen Medium die kritische Handhabung des selben wird. Die Geschwindigkeit, in der unsere Welt mit immer komplexeren Kommunikationstechniken überzogen wird, bestärkt in einem nicht selten die Annahme, antiquiert und hoffnungslos verstaubt zu sein, wenn man auch weiterhin einem alten Medium Interesse oder gar Liebe entgegenbringt: dem Buch.

Wenn ich bedenke, daß Demoskopen beispielsweise 1967 herausfanden, wie in der Freizeit das älteste Massenkommunikationsmittel, die Zeitung und das Buch, und das damals jüngste, das Fernsehen, in Anspruch genommen wurden! Bei einer durchschnittlichen Gesamtzeit von 25 Stunden zur Mediennutzung pro Woche entfielen neun Stunden aufs Fernsehen und weniger als drei Stunden aufs Lesen; und heute, wie sehen da die Zahlen aus? Wo an jeder Straßenecke Videoverleihgeschäfte mit verlockenden Angeboten aufwarten – bei besonders günstigen Gebühren für das Wochenendleasing. Nach amerikanischem Vorbild: Three for the price of one! …

Michaela Lindinger & Friedrich Randl: Bibliographie studentischer Abschlußarbeiten Diplomarbeiten und Dissertationen an österreichischen Universitäten aus dem Bereich der Kommunikationsgeschichte

Einleitung: Beginnend mit dieser Ausgabe bietet medien & zeit eine weitere Servicefunktion für seine Leserinnen und Leser an: Zusätzlich zu Rezensionen von Fachpublikationen soll nun auch der Zugang zu studentischen Abschlußarbeiten dem interessierten Publikum erleichtert werden.

Die Rubrik „Bibliographie studentischer Abschlußarbeiten“ wird österreichische Diplomarbeiten und Dissertationen, die – im weitesten Sinne – den Themenbereich der Medien- und Kommunikationsgeschichte abdecken, in unregelmäßigen Abständen in Form einer unkommentierten Auflistung ausweisen.

Eingang in die Auflistung finden vor allem Abschlußarbeiten, die an kommunikationswissenschaftlichen, historischen und germanistischen Instituten an Universitäten in ganz Österreich verfaßt wurden, und deren Auffindung daher für den einzelnen mit langwieriger Suche verbunden wäre. Einen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt die Bibliographie dabei allerdings nicht: Ergänzungen und Nachträge zu den einzelnen Jahrgängen bleiben Vorbehalten. Wir bitten daher auch Sie, werte Leserin werter Leser, uns in Kenntnis zu setzen, falls wir in den jeweiligen „Bibliographien“ wichtige Arbeiten nicht berücksichtigt haben sollten.

Für die nachstehende Liste an Diplomarbeiten und Dissertationen gilt: Die ihr zugrundeliegenden Aufstellungen der entsprechenden Arbeiten, die von medien & zeit nach thematischen Gesichtspunkten ausgewählt wurden, sind uns von den jeweiligen Hochschulinstituten zur Verfügung gestellt worden. Den Instituten sei auf diesem Weg nochmals unser Dank für ihre Unterstützung ausgesprochen.

Wir hoffen, mit dieser neuen Rubrik zwei Mißständen abzuhelfen: Zum einen der mangelnden Kenntnis darüber, was andere wissenschaftliche Disziplinen oder Institute neben der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft zum Erkenntnisgewinn in der historischen Kommunikationsforschung beitragen, und zum anderen dem äußerst geringen Bekanntheitsgrad studentischer Forschung in bezug auf dieses Thema. …

Hermann Sagl: Bibliographie österreichischer deutschsprachiger Zeitungen 1800 – 1945 Ein Forschungsbericht

Einleitung: Das hier vorgestellte Projekt einer „Bibliographie österreichischer Zeitungen“ basiert vorwiegend auf den Beständen der Österreichischen Nationalbibliothek (ÖNB). Diese hatte als Kaiserliche Hofbibliothek und zentrale Sammelstelle für Literatur, also auch der Zeitungen, bis zum sogenannten Ausgleich zwischen Österreich und Ungarn im Jahre 1867 Anspruch auf Pflichtexemplare aus dem gesamten Bereich der Österreichisch-Ungarischen Monarchie; danach stand ihr immerhin noch auf Grund der Polizeiverordnung von 1852 in der Fassung von 1868 die Verlagsproduktion der österreichischen Reichshälfte zu. Als Österreichische Nationalbibliothek blieben ihr nach 1918 allerdings nur mehr die Pflichtexemplare des heutigen Bundesgebietes. Eine vorsichtige Schätzung des Bestandes an Zeitungen bis zum Jahre 1930 ergab rund 2.000 deutschsprachige Zeitungstitel mit insgesamt etwa 22.000 Jahrgängen.

Diese Zahlen waren der Ausgangspunkt für Überlegungen, die Zcitungstitel der ÖNB im Rahmen einer Bibliographie, die auch Titel und Bestände anderer Bibliotheken umfassen sollte, zusammenzufassen. Dieser Plan fand auch die Zustimmung des damaligen Generaldirektors Josef Stumvoll, der dieses Projekt vor rund 25 Jahren mit personeller Unterstützung förderte.

Jahre später entstand daraus das vorliegende Forschungsprojekt „Bibliographie österreichischer deutschsprachiger Zeitungen 1800-1945“ mit einem Anhang für die ausländischen Titel, das von den zuständigen Abteilungen des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung viele Jahre hindurch betreut wurde. …

Klaus Siebenhaar: “Bismarck in der Badewanne” Anmerkungen zu einer Legende: Die Berliner Zeitschrift "Querschnitt" (1921 – 1936)

Einleitung: Magazine sind Behältnisse auf Zeit. Die in ihnen gelagerten Güter unterliegen dem Kreislauf von Nutzen und Verbrauch. Vorratshäuser fürs Immaterielle stellen sich quer zur Zeit, wollen sie doch festhalten und aufbewahren, was ansonsten im Strom des Flüchtigen verlorenginge.

Querschnitte bedeuten im Reich der Geometrie: der Schnitt durch einen Körper quer zur Längsachse. Der Querschnitt soll neben der äußeren Umrißform auch die innere Beschaffenheit des geschnittenen Körpers kenntlich machen. Das heißt: Der Schnitt schert sich nicht um Hierarchien, er legt Bedeutendes wie Nebensächliches frei, und an den Rändern bleibt immer etwas liegen.

Das Q ist ein verhältnismäßig seltener Buchstabe, sperrig und in Gestalt nur bedingt eigenständig. Genau genommen eine höchst widersprüchliche Erscheinung: Vom Kreis beherrscht, doch als Anfangsbuchstabe dem Quadrat verschrieben und in seiner großen Form schließlich von einem nach oben strebenden Balken oder Haken aufgebrochen.

Wer eine Zeitschrift Querschnitt nennt, sie als Magazin – zumal für „aktuelle Ewigkeitswerte“ – deklariert, muß sich solche Metaphern-Spielerei gefallen lassen, veranschaulicht sie doch mindestens einen Teil der Wahrheit.

Aber der Reihe nach:
Legenden sind hartnäckig und durch kaum etwas zu erschüttern. Alfred Flechtheims und Hermann von Wedderkops sagenhaftes Periodikum Querschnitt lebt bis heute als Glanzstück der “roaring twenties” weiter, längst entrückt in den Olymp der gegossenen Lettern und schönen Fotos. …

Rezensionen 1/1992

Kurt Kaindl (Hg.): Fotoseite. Kommentierte Beiträge zur Fotografie aus der Wiener Zeitung „Extra“. Salzburg: Edition Fotohof im Otto Müller Verlag 1990
– rezensiert von Hannes Haas

Kurt Luger: Die konsumierte Rebellion. Geschichte der Jugendkultur 1945-1990. (= Neue Aspekte in Kultur- und Kommunikationswissenschaft, Bd. 1). Wien, St. Johann/Pongau 1991
– rezensiert von Michaela Lindinger

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