Dilek Cinar & Sabine Strasser: Grenzziehungen in Österreich Anmerkungen zu den Gefahren der Entdeckung von "Fremdheit"

Einleitung: Die Österreicherinnen zittern schon seit Jahren vor den “Wirtschaftsflüchtlingen” aus dem Osten und der Dritten Welt. Das Bundesheer sichert die Grenzen vor ihnen, und ein neues Instrumentarium zur Abwehr von Asylsuchenden, Arbeitsmigrantlnnen und Einwanderungswilligen, von sogenannten “Fremden” wird in Form von Gesetzen etabliert. Am 1. Juni 1992 ist trotz massiver Proteste ein Asylgesetz in Kraft getreten, das befürchten Läßt, daß Österreich ein Land ohne Flüchtlinge wird. Das geplante Aufenthaltsgesetz (AufG) legt ausdrücklich fest, daß der Zuzug ausschließlich den Interessen der österreichischen Gesellschaft und Wirtschaft entsprechend reguliert wird. Wer nicht gebraucht wird, kommt auf legale Weise erst gar nicht herein.

Diese Gesetze haben die Debatten über Einwanderung genauso an die Grenzen Österreichs verlagert wie die Flüchtlinge und Immigrantinnen selbst. Hitzige Diskussionen zwischen Vertreterinnen der Regulierung der Zuwanderung zum Schutz von sozialen Standards und der Demokratie und Protagonistlnnen der “offenen Grenzen” werden geführt. Die Festung wird inzwischen jedoch unbeeindruckt weitergebaut. Die Diskussion der letzten Jahre konzentrierte sich dabei hauptsächlich auf den “Umgang mit Fremden” und verlief zwischen Multikulturalität gekoppelt mit offenen Grenzen versus Integration gekoppelt mit Kontrolle und Regulierung der Zuwanderung.

Forderungen nach rechtlicher Gleichstellung mit Inländerinnen von bereits lange in Österreich lebenden Migrantlnnen und deren zum Teil schon hier geborenen Kindern werden von Sprüchen wie der realpolitischen Notwendigkeit einer “Strukturbereinigung der Gastarbeiterfrage” überschattet. Die Auswahl von Menschen wird in Zukunft vor “unseren” Grenzen getroffen, nicht erwünschte Personen werden durch militärische Grenzsicherung abgeschreckt. Auffallende kulturelle Unterschiede werden zwar auf dem Speiseplan und in folkloristischen Darbietungen erwartet, nicht aber in Schulen oder auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt.

Unsere These ist, daß Lösungsvorschläge und Hoffnungen, die nicht vom Primat der Aufhebung rechtlicher Differenzen zwischen Inländerinnen und Ausländerinnen getragen werden sowie die exklusive Verknüpfung von Rechten mit nur einer Staatsbürgerschaft zum Scheitern verurteilt sind. Die gegenwärtige Entwicklung der Ausländerpolitik geht allerdings genau diesen Weg. Rein hold Gärtner weist zurecht darauf hin, daß die neuen Gesetzesmaterien unter anderem zu einer weiteren “Verankerung eines institutionellen Rassismus” beitragen, wobei sie sich den Erläuterungen zum Aufenthaltsgesetz gemäß an den Bedürfnissen der österreichischen Gesellschaft ausrichten (Gärtner, 1992, S. 11). …

Christof Parnreiter: Vom besonderen Wert des Fremden Über die ethnische Segmentierung von nationalen und internationalen Arbeitsmärkten

Einleitung: Andererseits aber fühlt sich das Proletariat dadurch bedroht, daß Arbeiter fremder Abstammung und Gesittung auf dem internationalen Arbeitsmarkt mit ihm in Wettbewerb treten; daher suchen die Arbeiter die fremden Proletarier von ihrem Arbeitsmarkte femzuhalten. Otto Bauer “Der Produzent, der danach strebt zu akkumulieren, hat in Hinblick auf Arbeitskraft zwei Interessen: ihre Verfügbarkeit und ihre Kosten” (Wallerstein, 1984, S. 16). Die Verwendung von “fremder” Arbeitskraft ist zwar, historisch betrachtet, nur ein Mittel, dieses Problem im Sinne der Produzenten zu lösen, aber es ist eine besonders probate Methode, steht ausländische Arbeitskraft doch in nahezu unbegrenztem Ausmaß und zu niedrigsten Preisen zur Verfügung.

Mit der kapitalistisch verwertbaren Arbeitskraft mußte auch ihre Fremdheit erst geschaffen werden. Die mit der Konsolidierung des Weltsystems in den Zentren entstehenden starken Nationalstaaten fanden hier eine erste Aufgabe: “Ausländer sind solche, denen auf Grund einer anderen Staatsangehörigkeit nicht die gleichen Rechte wie Inländern zukommen” (Bommes & Scherr, 1991, S. 297). Die neuen Nationalstaaten machten Arbeitskraft weltweit mobiler, indem sie Bedingungen schufen, um sie in eine Ware zu verwandeln. Gleichzeitig aber legten sie Grenzen der Mobilität füi diese Arbeitskraft fest. Ihre gegenüber den Randgebieten größere Stärke nutzten sie nicht nur, um weltweit den freien Fluß von Kapital und Waren durchzusetzen, sondern auch, um den Fluß der Arbeitskräfte zu regulieren. Die Arbeitskraft mußte weltweit vorhanden und verfügbar sein, ohne daß sie ihre eigenen Bewegungsgesetze bestimmen hätte dürfen (Wallerstein, 1984, S. 43f). …

Petra Herczeg: Mehrheiten-Minderheitenverhältnis – ein kommunikatives Mißverhältnis? Kommunikationswissenschaftliche Überlegungen zu einem komplexen Problem am Beispiel der Kroaten im Burgenland

Einleitung: Minderheiten – in diesem Fall ethnische – sind in den Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion gerückt, die Frage der Aufnahme von Ausländern beschäftigt nicht nur die Regierung, sondern ist ein “Dauerbrenner” in den österreichischen Medien. Die Situation der “neuen” Minderheiten, das heißt der Zuwanderer und Flüchtlinge, ist geprägt von einer aggressiven Grundstimmung einerseits und von verständnishafter Tatenlosigkeit andererseits.

Die “alten” Minderheiten dagegen, also Ungarn, Burgenlandkroaten, Tschechen und Slowaken und Kärntner Slowenen haben sich größtenteils als arrivierte und anerkannte Minderheiten in der Gesellschaft etabliert. In der Kommunikation über die “alten” Minderheiten gibt es jedoch eine leichte Polarisierung: zwischen den Kroaten, Ungarn, Tschechen und Slowaken auf der einen und den Slowenen auf der anderen Seite. Der Grund für diese Divergenz liegt darin, daß die politischen Diskussionen, die im Kontext mit den Slowenen geführt wurden, heftig und sehr emotionell waren.

Die Situation der Minderheiten hängt nicht nur davon ab, welche Rechte ihnen von der Mehrheit zugestanden werden, sondern auch davon, wie die Minderheiten von der Mehrheit wahrgenommen werden. Die kroatische Minderheit, die seit ungefähr 500 Jahren im Burgenland lebt, hat sich größtenteils ihre kulturelle Eigenständigkeit bewahrt. Die kulturellen Aktivitäten der Kroaten sind in ganz Österreich – durch die mediale Aufbereitung – bekannt beziehungsweise auch “berühmt”. Wer kennt nicht die schmucken Trachten und die Tamburizzamusik, die synonym für eine ganze Volksgruppe stehen? In den Medien werden vor allem Stereotypen und Klischees über die Kroaten – eine inhaltsanalytische Überprüfung dieser Annahme steht noch aus – verbreitet. Damit wird auch das Bild der Kroaten in der Mehrheit geprägt, die diese Gruppe nur als “Folklore- und Traditionspflegeverein” wahrnimmt. Durch diese eindimensionale Sichtweise der Minderheitsgruppe bleibt auch eine tiefergehende Auseinandersetzung mit ihr aus.

Welche Möglichkeiten hat die kroatische Minderheit, um sich in der Mehrheitsgesellschaft zu bewähren? Sind vielleicht gerade Minderheitengruppen – in einer Gesellschaft, die sich immer komplexer und undurchschaubarer gestaltet – “Refugien”, um seine eigene Identität zu finden, sie zu festigen und sich den Nivellierungsprozessen der Massenmedien zu entziehen? Oder sind Minderheiten in unserer Gesellschaft einfach obsolet, da sie nur mehr über Folklore- und Traditionspflege wahrgenommen werden? …

Peter Hamann & Hans Poerschke: Die Informationsgebung Leipziger Medien und das Zusammenleben mit Ausländern Tageszeitungen und ihr Beitrag zur sozialen Integration von Ausländern am Beispiel der "Leipziger Volkszeitung" und der sächsischen Ausgabe von "Bild". Zwischenbericht einer Regionalstudie

Einleitung: Wenn wir uns vergegenwärtigen, welche Veränderungen seit dem Ende der DDR das Leben der Menschen in Ostdeutschland am meisten betroffen haben, nehmen die Wandlungen in Struktur, Erscheinungsbild und Wirkungsweise der Massenmedien einen der vorderen Plätze ein. Kommunikationsforschung hat deshalb die unerläßliche Aufgabe, die aktuelle Entwicklung der medienvermittelten sozialen Kommunikation zu untersuchen. Es ist zu ermitteln, was in dieser in welchem Maße und in welcher Qualität verhandelt wird, wie in dieser verschiedene gesellschaftliche Akteure – Institutionen und Repräsentanten der etablierten Politik, ökonomische Interessensgruppen, Medienkommunikatoren, einfache Gesellschaftsmitglieder -miteinander umgehen und was sie demzufolge für ein kulturvolles Zusammenleben der Menschen, für ihre selbstbewußte individuelle Existenz leistet.

Schien für einen Augenblick die historische Chance zu bestehen, mit solchen Untersuchungen die Erprobung neuer Wege der Gestaltung einer konsequent an Demokratie, Humanismus und sozialer Gerechtigkeit orientierten öffentlichen Kommunikation wissenschaftlich zu begleiten, sind wir nun, da die schlichte und großenteils von konservativen politischen Zielen geleitete Ausweitung des westlichen Mediensystems auf den Osten Deutschlands zur Tatsache geworden ist, in der Situation, das Funktionieren und die Probleme der nach den Gesetzen der kapitalistischen Marktwirtschaft organisierten Medienkommunikation unter den Bedingungen der neuen Bundesländer zu analysieren. Dabei kann es freilich nicht darum gehen, für den Westen Deutschlands vorliegende Untersuchungen einfach um Ergebnisse zu bereichern, die unter neuartigen, komplizierteren gesellschaftlichen Bedingungen gewonnen wurden.

Wir sehen das übergreifende Ziel Journalistik wissenschaftlicher Arbeit vielmehr darin, ausgehend von dem aus dem Grundgesetz der BRD abgeleiteten öffentlichen Auftrag der Medien, Chancen und Probleme der Gestaltung einer öffentlichen Kommunikation zu erkunden, die der Herausforderung durch die heutigen und die heraufziehenden globalen Probleme menschlicher Existenz angemessen ist. Dafür muß jede Möglichkeit erschlossen werden, die die jetzige Medienpraxis bietet, und es ist im Gespräch mit den verschiedenen Kommunikationspartnern nach Bedingungen ihrer Nutzung zu suchen. Insgesamt aber ist unseres Erachtens – nach allem, was vorliegende wissenschaftliche Ergebnisse über strukturell bedingte Grenzen und Widersprüche der etablierten Medien aussagen und was die Erfahrungen der konfliktgeladenen nationalen wie internationalen Gegenwart lehren – die für die Sicherung künftiger menschlicher Existenz lebenswichtige, vielleicht als kommunikationsökologisch zu bezeichnende Perspektive (Siehe dazu Mettler-Maibom, 1987; Fabris, 1989; Kübler, 1989) im Rahmen einer bloßen Optimierung des bestehenden, vom unlösbaren Widerspruch zwischen Marktorientierung und auf Verständigung zielender Kommunikation geprägten Mediensystems der kapitalistischen Gesellschaft nicht zu realisieren. Sie verlangt unausweichlich Suche nach neuen Wegen. Von dieser Hypothese aus muß Themenstellung und Weite des Blicks begleitender Analyse medienvermittelter Kommunikation, muß die Wahl der Methode, der zu stellenden Fragen bestimmt werden.

Unser im folgenden vorzustellendes, seit Anfang April 1992 bearbeitetes Projekt mit dem Titel “Informationsgebung der Massenmedien und soziale Integration der Bürger in Leipzig” ist unter diesen Prämissen entstanden, wenngleich es nur einen sehr kleinen Beitrag zur Bearbeitung der umrissenen Problematik erbringen kann. Das ist, neben der kurzen Bearbeitungsfrist von nur einem Jahr, insbesondere durch die methodischen Schwierigkeiten bedingt, die eine komplexe Sichtweise mit sich bringen und die noch schwerer wiegen in Anbetracht unserer – historisch zu erklärenden – geringen Erfahrung auf dem Felde empirischer Forschung. …

Herbert Arlt: Massenkommunikation-Bregenz-Literatur Annäherung an das Verhältnis zwischen Literatur und dem (massen-)kommunikativen Lebensraum Stadt. Ein Arbeitsbericht

Einleitung: Diese Studie ist Teil einer Reihe von Untersuchungen, die Möglichkeiten und Grenzen von Literatur unter neuen Bedingungen analysierten. Ausgegangen wird von einer qualitativ größeren Mobilität der Menschen, von Kommunikationsfeldem, Waren seit Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts, der Veränderung von Nachrichtenstrukturen, der Veränderung menschlicher Tätigkeiten und der damit verbundenen Möglichkeiten zur Umstellung von gesellschaftlichen Vorstellungsbildungen und deren grundsätzlich neuer Bedeutung. Insbesondere für die Kunst werden neue Möglichkeiten gesehen, sofern die Menschheit nicht in Barbarei versinkt.

Alle genannten Veränderungen sind von divergierenden theoretischen Einschätzungen und Veränderungen des wissenschaftlichen Arbeitens begleitet. Heute reichen sie vom Hervorheben einzelner philosophischer Kategorien im Analyseprozeß (etwa Zeit, Bewegung) bis zur Ästhetisierung der Wissenschaften, von Theorien des Absterbens der Künste bis zur Behauptung einer “Kulturgesellschaft”, von der Kritik am “état culturel” bis zur Krise der Kunstwissenschaften. …

Manfred Anders: “Alle Menschen müssen verstehen, daß sie Gäste auf der Welt sind!” Beobachtungen zur Darstellung von Ausländern im deutschen Regionalfernsehen anno 1992

Einleitung: Seit einigen Jahren bereits lebt er in Deutschland, der russische Schauspieler Pjotr Ole. Er kam hierher aus Angst vordem Antisemitismus in seinem Land. Als Lebenscredo formulierte er in einer ARD-Fernsehsendung den Satz: “Alle Menschen müssen verstehen, daß sie Gäste auf der Welt sind.” (In der ARD-Serie “Zeichen derZeit” wurde der Film “Heimkehr in das Land der Mörder” von Raimund Kusserow am 16. Mai 1992 ausgestrahlt).

Der Publizist Fritz Teppich, als Jude von den Faschisten mit seiner Familie aus Deutschland vertrieben, kehrte 1946 hoffnungsvoll in sein Heimatland zurück. Heute sagt er resignierend: “Damals hieß es, Juden raus, heute heißt es, Türken raus und Ausländer raus!” (ebd.).

Nur Wochen später spricht ein Journalist in einer Reportage von “Spiegel-TV” (RTL plus) von einem “Volksfest der Gewalt” und meint damit die Ereignisse rund um das Asylwerberheim in Rostock, und ein junger Mann sagt – unter dem Beifall der Umstehenden – “Asylanten sind Dreckschweine…!”, und ein anderer Mann versucht durch den Beifall zu dringen mit dem Satz: “Es sind aber auch Menschen…!” – und erntet dafür Pfiffe (Am 31. August 1992 sendete “Spiegel-TV” bei RTL plus den Report “Fine Woche der Gewalt” aus Rostock).

Das sind Äußerungen von Menschen auf deutschen Bildschirmen des Jahres 1992. Ein Jahr, in dem sich die Stimmung gegen Ausländer und Asylsuchende in Deutschland so anheizte, daß es knapp ein Jahr nach Hoyerswerda zu einer neuen Welle der Gewalt kam, die durch das ganze Land ging.

Wenn den Massenmedien allgemein eine herausragende Rolle bei der Konstituierung der öffentlichen Meinung zukommt, so trifft dies für die Funkmedien in besonders hohem Maße zu. Bekanntlich nimmt das Fernsehen bei Rezipientenbefragungen, im Vergleich zu andern Massenmedien, sowohl als tägliche Informationsquelle über aktuelle gesellschaftliche Vorgänge, als auch als “Unterhaltungsinstrument” stets den ersten Platz ein. …

Klaus Siebenhaar: “Am Rande der Nacht”: Aporien der Inneren Emigration Eine Skizze zur deutschen Literatur zwischen Anpassung und Widerstand 1933-1945

Einleitung: Zu den hervorstechenden Eigenschaften der literarischen und künstlerischen Moderne gehört nach Arnold Gehlen ihre prinzipielle “Kommentarbedürftigkeit”. In der ästhetischen Theorie verbindet sich damit eine Gewichtsverlagerung von der Werks- zur Betrachter- oder Wirkungsästhetik. Das Lesen von Bildern, Bauten und Büchern wird nicht nur als Problem begriffen, sondern als notwendige zusätzliche Leistung im Kontext des schöpferischen Prozesses anerkannt. Der Leser schreibt sich als Co-Fabulierer gleichsam in den Text ein, und der Betrachter rückt ins Bild.

Radikale Subjektivierung in der Rezeptionshaltung und ein auf Schock, Imagination und Verschlüsselung gründendes Werk Verständnis künden von den sinnlichen und erkenntnispraktischen Herausforderungen im Zeitalter der Avantgarden.

Im Zeichen der Moderne hat sich allerdings auch noch etwas anderes verändert, quantitativ wie qualitativ: Die Kommunikationsräume weiten sich. Theater, Museen, Galerien, Buchhandlungen, Konzerthäuser, Periodika usw.,die sich vom 19. bis zum 20. Jahrhundert entwickelnde kulturelle Infrastruktur läßt die Dialogangebote sprunghaft wachsen und ermöglicht technisch eine massenhafte Verbreitung der Künste. Öffnung und Pluralität in dieser Form fordert aber ihren Preis: Entzauberung, Reproduzierbarkeit, spielerische Beliebigkeit oder in der Sprache der Kulturkritik: Auraverlust. …

Johann Günther: Das Pressewesen im Waldviertel von 1848 bis 1918

Einleitung: Im 19. Jahrhundert entstanden auch im niederösterrei- chischen Waldviertel Lokalzeitungen. Im Rahmen meiner Recherchen fand ich für die Zeit von 1848 bis 1918 276 Zeitungen.

Lange blieben diese unbeachtet und standen im Schatten der Residenzstadtpresse Wiens. Das laut Landesfriedensordnung von 1254 verwaltungstechnisch definierte “Viertel ober dem Manhartsberg” nahm an der durch die Industrialisierung ausgelösten bevölkerungsmäßigen Entwicklung des Landes “unter der Enns” nicht teil. Neue Städte entstanden auf Grund ihrer Industrieentwicklung: Mistelbach (1874), Mödling (1875), Berndorf (1886), Amstetten (1897) und Melk (1898) – im Waldviertel jedoch keine.

Die wesentlichste Voraussetzung zur Herstellung einer Zeitung stellt der Druckereibetrieb dar. In Niederösterreich kam es gegen Ende des 18. Jahrhunderts und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, sowie in kleineren Orten noch später zu Druckwerkstattseröffnungen. Vorher war der Druck geistlichen Institutionen und wandernden Druckern Vorbehalten gewesen. …

Hans-Dieter Kübler: Kommunikationshistoriographie nur als multivariables, interdisziplinäres Projekt Beispiel: zeitgenössische Rezeptiongeschichte. Ein Beitrag zur Rundfrage "Neue Positionen zur Kommunikationsgeschichte". Suchbewegungen in einem amorphen Forschungsfeld

Einleitung: Zur Preisfrage erhob 1759 die Akademie der Wissenschaften das Thema: Über den Einfluß der Sprachen in die Meinungen und der Meinungen in die Sprachen. Prämiert und für den Preis würdig befunden wurde die Arbeit des Göttinger Orientalisten Johann David Michaelis (1717-1791). Aus heutiger Sicht kann dies als eine Frage nach dem wechselhaften Verhältnis von öffentlicher Meinung und Sprache verstanden werden, wobei für letztere (noch) nicht unterschieden wird zwischen Sprache als System, also – entsprechend den nun schon traditionellen Begriffen F. de Saussures – langue, Sprache als kollektive Kommunikationsform (language) und Sprache als subjektive Sprechweise (parole). Und über die terminologischen Konjunkturen ersterer existieren ohnehin etliche breit angelegte Abhandlungen wie genügend Kontroversen, so daß sich hier ihre Reprise nicht nur erübrigt, sondern auch als unrealisierbar erweisen würde. Beantworten ließ sich die Frage damals nur phänomenologisch und historiographisch, heute könnte es auch bis zu einem gewissen Grad empirisch geschehen, allerdings nicht für den Systemaspekt und hinsichtlich der Reichweite unter Begrenzung sowie Reduktion der Wirklichkeit und ihrer Komplexität.

Welchen Ursprung Sprache hat, welchen Einfluß sic nimmt auf die Phylogenese und Ontogenese, wie sich etwa die Interdependenz von Sprache und Denken beschreiben und erklären läßt, das waren zu der Zeit bewegende, vielfach und von mannigfaltigen Denkrichtungen erörterte Fragen, Rousseau, Herder und andere beteiligten sich bekanntlich vehement an diesem Diskurs. Moses Mendelssohn, der jüdische Aufklärer und Humanist, begrüßte den Juryentscheid mit eigenen Überlegungen und gab zu bedenken: “Die Aufgabe fordert weit mehr als eine bloße Sprachgelehrsamkeit, sie erforderte eine gründliche Kenntnis der Meinungen und philosophische Beurteilungskraft” (Nachama/Siever- nich, 1991, S. 479). …

Wolfgang R. Langenbucher: Darstellungslücken trotz reger Forschung Zur gegenwärtigen Situation der Kommunikationsgeschichte. Ein Beitrag zur Rundfrage "Neue Positionen zur Kommunikationsgeschichte"

Einleitung: Der Eindruck von Mitte der 80er Jahre hat sich weiter verstärkt: Die diversen Geschichtswissenschaften und die Geschichtsbeschreibung haben Konjunktur. Immer neue Sammel- und Einzelmonumentalwerke werden angekündigt beziehungsweise erscheinen tatsächlich. Und noch immer ist die Kommunikationswissenschaft an dieser intellektuellen wie verlegerischen Konjunktur nicht beteiligt. Da trotz aller Teamworks-Co-Autorschaften die am meisten hochgelobten Werke noch immer von einzelnen Autorinnen stammen, muß dieses Defizit kommunikationsgeschichtlicher Gesamtdarstellungen wohl einfach damit erklärt werden, daß es diese schreiberischen Kapazitäten nicht gibt oder diese vorläufig noch nicht soweit sind, um mit den Größen anderer historischer Disziplinen zu konkurrieren. Hinzu kommt gewiß, daß derartige „Werke“ ja nicht voraussetzungslos entstehen, sondern das Resultat langdauernder und breit wuchernder Forschungsprozesse sind.

Wie aber steht es um die kommunikationshistorische Forschung der vergangenen fünf Jahre? Die erste Antwort auf diese Frage kann nur positiv lauten: Mit dieser Zeitschrift hat dieses Forschungsinteresse ein eigenständiges Fachforum gefunden. Was sich in den letzten Jahren hierin zugetragen hat, kann jeder Nutzer selbst beurteilen. Deshalb versuche ich eine zweite Antwort durch einen resümierenden Blick in die vergangenen fünf Jahrgänge der Zeitschrift Publizistik, zu deren redaktionellen Traditionen schon immer auch historische Themen gehören. Ich beginne meine Suche mit dem Heft eins des 32. Jahrganges 1987 und notiere, was mir in der Abfolge der zwanzig Hefte so auf- und einfällt. …