Peter Malina: Wie historisch ist die Historische Kommunikationsforschung? Einige unsystematische Bemerkungen eines Historikers. Ein Beitrag zur Rundfrage "Neue Positionen zur Kommunikationsgeschichte"

Einleitung: Die historische Kommunikationsforschung ist wieder im Gespräch. Als Geschichtsforscher ist für mich an der historischen Kommunikationsforschung vor allem das “Historische” interessant. Im folgenden möchte ich daher meine Überlegungen auf zwei Fragenkomplexe konzentrieren: Was macht das “Historische” aus und was kann die Geschichtswissenschaft in Fragestellungen der historischen Kommunikationsforschung einbringen? …

Horst Pöttker: Kommunikationsgeschichte als Geschichte der Kommunikationswissenschaft Über eine folgenreiche Erinnerungslücke. Ein Beitrag zur Rundfrage "Neue Positionen zur Kommunikationsgeschichte"

Einleitung: In der Kommunikationswissenschaft ist eine erfreuliche Belebung des Interesses an der eigenen Vergangenheit zu bemerken. In der zweiten Hälfte der 80er Jahre wurde beispielsweise in umfangreichen Publikationen an den vergessenen Heidelberger Journalisten-Ausbildner Adolf Koch (Obst, 1987) und an den eigentlich nicht vergessenen Gründervater der Berliner Publizistikwissenschaft, Emil Dovifat (Benedikt, 1986), erinnert.

An dieser Nostalgiewelle fällt auf, daß sie vornehmlich Gelehrten gilt, die bereits eine besondere Identität als Zeitungswissenschaftler hatten oder zur Entwicklung dieser Identität im Prozeß der Institutionalisierung der Publizistikwissenschaft Entscheidendes beigetragen haben. Mit Medienthemen auch, aber nicht nur befaßte Klassiker des sozial wissenschaftlichen Denkens allgemein geraten dagegen – wie Max Weber – bei Vergleichen mit ihren spezialisierteren Zeitgenossen in ein negatives Licht (Obst, 1987) oder werden – wie Karl Bücher und Paul F. Lazarsfeld – sogar auf Kongressen, die eigens ihrem Werk gewidmet sind, weniger wahr- und ernstgenommen als die aktuellen Auseinandersetzungen innerhalb der Disziplin.

Dabei haben sich fast alle soziologischen Klassiker mit Medienthemen befaßt, vermutlich weil die Gründungsphase der modernen Sozialwissenschaft von der Frage nach den Besonderheiten der Moderne geprägt war und die Massenkommunikation zu den spezifischen Phänomenen der modernen Gesellschaft gehört. Die einschlägigen Schriften von Karl Marx und Friedrieh Engels, Max Weber, Robert E. Park, Ferdinand Tönnies, Paul F. Lazarsfeld oder Theodor Geiger, man könnte auch noch Georg Simmel, Karl Mannheim und Alfred Schütz hinzunehmen, sind von der gegenwärtigen Publizistikwissenschaft (wie übrigens auch von der gegenwärtigen Soziologie, die das Medienthema lange der Publizistik Wissenschaft überlassen hat) nicht in dem Maße rezipiert, das ihrer Bedeutung entspricht. Im deutschsprachigen Gebiet sind diese Texte größtenteils vergriffen oder – wie bei Weber, Geiger und Lazarsfeld – noch gar nicht publiziert.

Vielleicht hängt diese Erinnerungslücke auch damit zusammen, daß die Publizistikwissenschaft noch nicht aus den Kinderschuhen heraus ist und nach wie vor ein unbefriedigtes Identitätsverlangen hat. Warum sonst reden Kommunikationswissenschaftler so gern von ihrer “Zunft” – die doch gerade keine geschlossene Zunft ist und auch hoffentlich keine werden will?

Daß sich die Medienforschung kaum an ihre sozialwissenschaftlichen Ursprünge erinnert, bringt Verluste an Weltoffenhcit, Problembewußtsein und Allgemeinvcrständlichkeit mit sich, die durch den Zuwachs an empirischen Daten und an Fachterminologie nicht wettgemacht werden. Das zeigt beispielsweise ein Vergleich zwischen Ferdinand Tönnies’ und Elisabeth Noelle-Neumanns Theorien der öffentlichen Meinung (Pöttker, 1991). Zwar ähneln sich diese stark hinsichtlich des beobachteten Phänomens, aber was Relevanz, Plausibilität und Differenziertheit der Erklärungsmuster betrifft, kann die Schweigespirale nicht mit dem Klassiker des soziologischen Denkens mithalten. Auch bei der Lektüre verschollener Texte Max Webers, Theodor Geigers oder Paul F. Lazarsfelds erheben sich Zweifel, ob in den letzten 50 bis 80 Jahren in der Kommunikationswissenschaft tatsächlich ein Erkenntnisfortschritt stattgefunden hat. …

Holger Rust: Dig where you stand Erste Hinweise auf eine Archäologie der Theoriegeschichte. Ein Beitrag zur Rundfrage "Neue Positionen zur Kommunikationsgeschichte"

Einleitung: Mittlerweile besteht kein Legitimationsbedarf mehr. Daß Kommunikationsgeschichte einen unerläßlichen Bestandteil der professionellen Sozialisation der einschlägigen Wissenschaftler darstellt, ist unbestritten. Gründe sind vielfältig ausgearbeitet und kontroverslos akzeptiert worden. Die Tagung der Deutschen und der Österreichischen Gesellschaften für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft 1987 in Wien hat eine flächendeckende Bestandsaufnahme geleistet. Ob in der Zwischenzeit „neue Positionen“ sichtbar geworden sind, ist hingegen offen. Die Haltung zur Kommunikationsgeschichte (und damit zur Geschichte der Kommunikationswissenschaft) ist von einem wohlwollend indifferenten Voluntarismus geprägt. Archivarische Freude und fallstudicnartige Zeitreisen, die Porträtie- rung der Ahnen des modernen Journalismus, wenig methodologische Grundsatzdebatte, wie sie beispielsweise in der historischen Forschung diskutiert wird, und doch wieder auch hier und da enthusiastische Oral-History-Archäologie: Es bleibt die Frage nach einer eigenständigen Teildisziplin.

Um Mißverständnisse von vornherein zu vermeiden – diese Frage ist kein Plädoyer für die Segmentierung der Kommunikationswissenschaft. Im Gegenteil: Die Konzentration auf einen Teilaspekt erwirkt, wenn man auch die Wissenschaft plausibel als ein System in einem engmaschig vernetzten Kontext betrachtet, eine neue Wahrnehmung aller anderen Bereiche, namentlich der methodologischen und analytischen Sphären. Denn Wissenschaft lebt von der steten gegen warts-, zukunfts- und vergangenheitsbezogenen Prüfung ihrer Aussagen. Um diese Prüfungen vollziehen zu können, muß die Geschichte dessen, was heute ist, erarbeitet werden, um die Bedingungsfaktoren des Vorfindlichen kennenzulernen. Nur auf diese Weise läßt sich in einem weiteren Schritt auch die Geschichte von morgen prognostisch erfassen. Die Frage nach einer eigenständigen Teildisziplin bedeutet daher die Relativierung aller kommunikationswissenschaftlichen Arbeit im Hinblick auf ihre Abhängigkeit von dem, was war. Das gilt für die Wissenschaft und ihren Vergesellschaftungsprozeß selbst und für die Erfassung ihres Gegenstandes, das heißt also der Wahrnehmung der Umfcldgeschichte. …

Winfried Schulz: Der t-Faktor in der empirischen Kommunikationsforschung Ein Beitrag zur Rundfrage "Neue Positionen zur Kommunikationsgeschichte"

Einleitung: Sie sei ahistorisch, wird der emprisch-quantitativen Forschung oftmals von Kritikern vorgeworfen. Gemeint ist damit in erster Linie, daß Sachverhalte in bezug auf ihren Zustand zu einem bestimmten Zeitpunkt t empirisch-statistisch untersucht werden, ohne zu berücksichtigen, daß dieser Zustand nur ein Zwischenstadium zwischen den Zeitpunkten t-1 und t+1 beziehungsweise aller zurückliegenden Zeitpunkte t-n und aller zukünftigen Zeitpunkte t+n ist; ohne zu berücksichtigen, daß sich das Charakteristische des Zustandes t nur einigermaßen vollständig erfassen und erklären läßt, wenn man seine Entwicklung über t-n kennt, wenn man also historische Zusammenhänge hersteilen, Ursachen und Hintergründe aufklären, Entwicklungen und Kontexte erkennen kann.

Tatsächlich können die meisten Methoden der empirisch-quantitativen Forschung dies nicht leisten, zumindest nicht in der ausgreifenden zeitlichen Perspektive und zeitlichen Komplexität, um den Ansprüchen historischer Forschung zu genügen. Das liegt zum einen an den äußerst strengen Anforderungen an die Datenerhebung bei der empirischen Methodik, die meist nur zu erfüllen sind, wenn der Forscher einen eigenen Zugang in „Realzeit“ zu seinen Untersuchungsobjekten hat, womöglich Reaktionen von ihnen verlangen muß. Alle reaktiven Verfahren – Interviews, Tests und experimentelle Untersuchungen – sind nur in der Gegenwart durchführbar und – streng genommen – nur für den Augenblick gültig. Zum anderen sind die meisten statistischen Verfahren, die für eine adäquate Auswertung der empirischen Daten in Frage kommen, ohne Zeitbezug. Sie gehen in der Regel von ungeordneten und zeitlich nicht definierten Mengen aus. …

Jürgen Wilke: Die Diagnose gilt noch Die Befunde zur Rundfrage von 1987 sind nach wie vor aktuell. Ein Beitrag zur Rundfrage "Neue Positionen zur Kommunikationsgeschichte"

Einleitung: Eingeklemmt zwischen den Lehrveranstaltungen eines zu Ende gehenden Semesters, den Aufgaben als geschäftsführender Leiter eines großen Universitätsinstiutes und einer abzuarbeitenden Liste bereits längst (über-)fälliger Manuskripte, ist es mir nicht möglich, in der zur Verfügung stehenden Zeit eine ausführliche Antwort auf die Rundfrage abzugeben, auch wenn nur fünf bis zehn Seiten erbeten wurden. Zudem ist meine Empfindung in bezug auf die Rundfrage zwiespältig. Zum einen finde ich die Initiative verdienstvoll und dankenswert, weil sie darauf insistiert, sich über Fortschritte in der Kommunikationsgeschichte klar zu werden und Rechenschaft zu geben. Andererseits liegt die letzte, von medien & zeit in Heft 3/1987 publizierte Rundfrage kaum ganze fünf Jahre zurück. 1st dies Zeit genug, um zu einer Diagnose zu gelangen, die sich von der des Jahres 1987 unterscheidet?

Ehrlich gesagt, ich glaube nein. Meine damaligen Feststellungen und die der Kollegen, die ich großenteils teile, scheinen mir noch immer zutreffend. Grundlegend hat sich nicht viel verändert, aber das war auch nicht zu erwarten. Meine Vermutung, daß zahlreiche der Beiträger zu der Wiener Tagung und dem Sammelband Wege zur Kommunikationsgeschichte nur einen einmaligen “Ausflug” in dieses Gebiet gemacht hatten, hat nicht getrogen. Der Kreis derer, die sich laufend mit kommunikationsgcschichtlichen Themen befassen, ist nach wie vor klein, zumindest in Deutschland. In Österreich ist dies wohl etwas anders, wie man gerade an Medien & Zeit ablesen kann. Auch die kollektiven Bemühungen sind, von den bereits damals bekannten abgesehen, nicht vorangekommen. Einen Rahmen könnte jetzt vielleicht die Sektion Kommunikationsge- schichtc innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (DGPuK) sein. Aber auch dort tut man sich schwer, wie die Diskussion bei der letzten Jahrestagung 1991 in Bamberg 1991 gezeigt hat.

Natürlich sind in den letzten Jahren eine Reihe interessanter medien- und kommunikationsgeschichtlicher Untersuchungen erschienen, auch wieder in angrenzenden Fächern. So weit ich sehe, fügen sie sich aber noch nicht in einer Weise zusammen, daß man von “neuen Positionen” sprechen könnte. Nach wie vor fehlt der Versuch einer zumindest vorläufigen Synthese.

Meine zwiespältige Empfindung in bezug auf die Rundfrage rührt aber noch aus etwas anderem: Und zwar möchte ich die Zahl diagnostizierender und postulierender Beiträge zur Medien- und Kommunikationsgeschichte nicht weiter vermehren. Wichtiger erscheint mir und die Zeit lohnender, wirklich Medien- und Kommunikationsgeschichte zu betreiben. Ich habe dies auch in den letzten fünf Jahren getan, ohne mich auf diesen Bereich zu beschränken. Denn andere kommunikationswissenschaftliche Themen interessieren und beschäftigen mich auch. Ist es daher erlaubt, auf die Rundfrage statt mit einer Stellungnahme mit einer persönlichen Bibliographie jener eigenen Schriften aus den vergangenen fünf Jahren zu antworten, die in den Umkreis der Medien- und Kommunikationsgeschichte gehören? Dies kennzeichnet vielleicht besser als irgendein grundsätzliches Statement, worin der eigene Beitrag zu diesem Arbeitsgebiet besteht. Das Spektrum der Arbeiten reicht von der Geschichte der Kommunikationswissenschaft über eine Positionsbestimmung hin zu einer Reihe von Einzelstudien. Sie haben zum Teil konventionell-biographischen Charakter, sind überwiegend aber bestimmt von der Absicht, historische und theoretische Fragestellungen zusammenzuführen. Dies gilt insbesondere für den Versuch, Geschichte als Kommunikationsereignis zu beschreiben. …

Rezensionen 3/1992

Andrea Graf: Zur Politik des Weiblichen. Beiträge zur Innenwelt und Außenwelt. Wien: Verlag für Gesellschaftskritik 1990
– rezensiert von Eva Kößlbacher

Kurt Kaindl (Hg.): Fotoseite. Kommentierte Beiträge zur Fotografie aus der Wiener Zeitung „Extra“. Salzburg: Edition Fotohof im Otto Müller Verlag 1990
– rezensiert von Hannes Haas

Albert Sternfeld: Betrifft: Österreich. Von Österreich betroffen. Wien: Löcker 1990
– rezensiert von Heinz Peter Wassermann

Marie-Luise Angerer, Erna Appelt & Anni Bell u.a. (Hg.): Auf glattem Parkett. Feministinnen in Institutionen. Wien: Verlag für Gesellschaftskritik 1991
– rezensiert von Eva Kößlbacher

____________________________________________

Verena Blaum: Geschichtsräume, Zeiträume Zu den Orten einer zeitgeschichtlichen Kommunikations- und Medienforschung im vereinigten Deutschland. Ein Beitrag zur Rundfrage "Neue Positionen zur Kommunikationsgeschichte"

Einleitung: Geschichte hat zur Zeit Konjunktur in Deutschland – auch die Kommunkations- und Mediengeschichte? Oder anders gefragt: Wirkt diese Konjunktur innovativ auf die einzelnen historischen Teildisziplinen?

Stellen wir die Frage derart, sind wir auch schon bei einem nicht unwichtigen Stichwort. Was uns nämlich heute vor allem begegnet, sind Geschichtsräume, Ausstellungsräume, Geschichte als Ausstellung, gestaltet, postmoderne Raumgestaltung: Geschichte als Innenarchitektur. Der Meister dieses Genres und zugleich einer der Protagonisten derzeitiger deutscher Geschichte, der Direktor des Deutschen Historischen Museums in Berlin Christoph Stölzl, erwartet für seine “Epochenräume”, “Vertiefungsräume”, “Themenräume” folgerichtig auch die entsprechende Aldo-Rossi-Architektur. Leider fehlt inzwischen das nötige Geld. Und das Zeughaus Unter den Linden, das durch die Fügung der deutschen Vereinigung vom ehemals dort beheimateten, abgewickelten Museum für Deutsche Geschichte “übernommen” werden konnte, erweist sich mit seinen circa 7000 Quadratmetern Ausstellungsfläche – größer als der Martin-Gropius-Bau oder das Münchener Haus der Kunst – für Stölzls Pläne als zu klein. So müssen die 20 Millionen Jahresetat weiter auf Auktionen ausgegeben werden, zum Ankauf des noch nicht ausreichenden Austellungsfundus und für Personalkosten. Es sind 150 Mitarbeiter zu finanzieren. Wie es scheint, bestehen gewisse Disproportionen zur Ausstellungskonzeption, dem bisher Geschehenen und dem noch zu Erwartenden. „Jahrelang kämpften nationalhistorisch bewegte Menschen um ein Deutsches Historisches Museum in Berlin. Jetzt wurde das Institut im prachtvollen alten Zeughaus Unter den Linden – dem Haus des inzwischen abgewickelten DDR-Museums für Deutsche Geschichte – sozusagen eröffnet. Doch von einem Deutschen Historischen Museum ist nichts zu sehen. Seltsam (Die Zeit vom 3. Oktober 1991, S. 64). Seltsam. Deutsche Geschichte als leerer Raum, infolge der Vereinigung? Die Begebenheiten um das Deutsche Historische Museum wecken symbolträchtige Bilder. …

Gerhard Botz: Kommunikationsgeschichte: Aus zeitgeschichtlicher Sicht: zwischen disziplinärer Vergangenheitskonstruktion und allgemeiner Aspektgeschichte? Ein Beitrag zur Rundfrage "Neue Positionen zur Kommunikationsgeschichte"

Einleitung: Aus zeit-historischer Sicht stellen sich Zustand und Entwicklungsmöglichkeiten der Kommunikationsgeschichte folgendermaßen dar:

Zunächst ist davon auszugehen, daß die Kommunikationsgeschichte in Österreich und Deutschland, wie sie sich etwa um medien & zeit entwickelt hat, im wesentlichen als historische Selbstvergewisserung und diachrone Ausdehnung von Betrachtungshorizont und Arbeitsfeldern der Kommunikationswissenschaft gelten kann. Als solche ist sie eingebunden in die Rhythmen und Konjunkturen des disziplinären Entwicklungsstranges Zeitungswissenschaft-Publizistik-Kommunikationswissenschaft. Daraus ergeben sich auch ihre fachintemcn zeitgeschichtlichen Erblasten. In einem doppelten Bruch versucht sie, seit ein bis zwei Jahrezehnten, sich von ihrer NS-geprägtcn, deskriptiv-historischen (und untergründig über 1945 weiterlebenden) Gründungstradition einerseits und ihrer exileuropäischamerikanischen, sozialwissenschaftlichen Nachholphase andererseits zu befreien. Diese Tendenz zur Historierung (siehe Koszyk, 1989; Gottschliche, 1987), die neben anderen aktuellen Veränderungen (Bobrowsky, Duchkowitsch & Haas, 1987) ein für den Betrachter von außen augenfälliges Merkmal dieser relativ jungen akademischen Disziplin ist, entsprechen wohl der gesellschaftlichen Notwendigkeit zur Legitimierung eines in wirtschaftlicher beziehungsweise politischer Hinsicht zu einem leading sector gewordenen Bereichs modernen Demokratien und der heuten “Informationsgesellschaft”. Sie dient aber auch einer institutionellen Absicherung des innerhalb des Systems der Humanwissenschaften (vor allem gegenüber Soziologie, Geschichte und Politikwissenschaft) erlangten Terrains. In einer gewissen Weise wiederholen sich darin der Entwicklungsgang der Geschichtswissenschaft und Soziologie in Deutschland und Österreich, die in diesen beiden Disziplinen etwa ein bis zwei Jahrzehnte früher angelaufen sind. …

Wolfgang Donsbach & Bettina Klett: Verspätete Einheit? Zur Rolle des Journalismus in der Deutschlandpolitik. Ein Beitrag zur Rundfrage "Neue Positionen zur Kommunikationsgeschichte"

Einleitung: Die Liste der bei dieser Rundfrage eingeladenen Kollegen macht deutlich, daß die Redakteure von medien & zeit sich mit ihrer Aktion ernsthaft darum bemühen, “neue Positionen zur Kommunikationsgeschichte” einzuholen. Ohne anderen nahe treten zu wollen: Wir sind wohl nicht die einzigen, die auf die Frage nach ihrem Beruf üblicherweise nicht spontan mit “Kommunikations-Historiker” antworten. Ohne eigene Erfahrungen in diesem Forschungsfeld der Publizistikwissenschaft bleibt uns gar nichts anderes übrig, als keine Rücksichten auf gängige Methoden, Paradigmen und Erkenntnisse der in diesem Bereich ausgewiesenen Kollegen zu nehmen. Wir machen aus der Not eine Tugend und schreiben unbelastet von alledem auf, welche kommunikationsgeschichtliche Frage uns derzeit am meisten beschäftigt. …

Franz Dröge: Kommunikationsgeschichte als Konstitutionslogik kommunikativen Handelns Ein Beitrag zur Rundfrage "Neue Positionen zur Kommunikationsgeschichte"

Einleitung: (1) Ich weiß nicht, ob es neue Positionen zur Kommunikationsgeschichte (KG) gibt oder überhaupt geben sollte. Schließlich sind die aus der im letzten Jahrzehnt reichlich sprudelnden Konzeptionsdebatte – vergleiche als Teilmenge nur die Protokollbände der beiden Bremer (1976, 1984) und der Wiener Tagung (1986), auf die ich mich, wenn nicht anders vermerkt, stets beziehe – folgenden Anregungen öffentlich wahrnehmbar nicht über das hinausgegangen, was in den erwähnten Bänden als Exempla vorgelegt wurde. Aus gutem Grund: Ich teile die melancholische Lagebeurteilung Michael Schmolkes (medien & zeit 3/87, 6 f). Wolfgang Langenbuchers sympathisches Plädoyer am selben Ort, endlich die Ärmel aufzukrempeln und anzufangen, reibt sich ja nicht nur an Schmolkes Argumenten über institutioneile Schwierigkeiten, setzt nicht nur die Erfüllung der von ihm selbst – aber auch von Bodo Rolika loco citato kenntnisreich – aufgelisteten Desiderata voraus. Gravierender scheint mir, daß es die kommunikationshistorische Forschung auf etwas verweist, dessen Sinnhaftigkeit erst zu prüfen wäre, nämlich auf eine – etwas rückständige zwar, aber nach Anfangsproblemen rasch aufzubauende – Teildisziplin – auf eine Bindestrichpublizistik. Ulrich Saxer hat zureichende Argumente gegen eine solche Festlegung vorgetragen (medien & zeit, 3/87,4), und Schmolke nennt bei selber Gelegenheit die KG, vermutlich analoge Scharmützel der 20er Jahre im Hinterkopf, !Kampfplatz der begrifflichen Redlichkeit! (ebd., 5). Nun sind solche Begriffe nicht schlicht zu definieren, wie jedermann weiß, der sich zum Beispiel die Kommunikationsbegriffe bei Jürgen Habermas, Niklas Luhmann oder den gegenwärtig modischen Konstruktivisten anschaut. Sie müssen theoretisch expliziert werden. Und damit wird KG ein Problem ebenso für ihre engeren Liebhaber wie auch für die Theoretiker des Faches. …