Wolfgang Duchkowitsch: “Mit couriosen Raisonemens und politischen Reflexionen untermenget” Der Post=tägliche Mercurius (1703-1724) – Pionier von Qualitätszeitung

Einleitung:

Entwicklung der Wiener Presse vor 1703

Kulturtechnik Druck hat sich in der kaiserlichen Residenzstadt im Vergleich zu Straßburg, Bamberg, Rom, Köln und Augsburg erst sehr spät durchgesetzt. Für die geringe Innovationsbereitschaft der Wiener Bürger erscheint es symptomatisch und symbolisch zugleich, daß die Einführung dieser neuen Kommunikationstechnik mehr als eines einzigen Anlaufes bedurft hatte. Erst 1482 faßte sie mit der Etablierung einer bodenständigen Offizin festen Fuß und Kontinuität. Bei der Etablierung periodischer Drucke wurde in Wien etwas rascher Anschluß an die nächste Modernisierungsetappe medialer Übermittlungsform gefunden. Zwischen dem Erscheinen der ersten Zeitungen in Straßburg und Wolfenbüttel (1609) und der Gründung von Blättern des Typs der „Ordinarizeitung“ in Wien war aber immerhin noch ein Zeitraum von zwölf bzw. dreizehn Jahren verstrichen.

Schon in ihren Anfängen waren Zeitungen, so auch die Wiener Blätter, ein wichtiges Instrument der absolutistischen Kabinettspolitik. Das Verhältnis der Obrigkeit zur Presse war doppelt bestimmt: Einerseits benutzte sie die Obrigkeit dazu, um Bekanntmachungen an „das“ Publikum zu adressieren sowie die Legitimität von Herrschaft — vornehmlich durch Hofnachrichten — zu repräsentieren. Andererseits diente sie der Obrigkeit zur Nachrichtensteuerung. Dabei wurde der Verkehrskontrolle politischer Nachrichten besonderes Augenmerk geschenkt.

Zu Beginn der siebziger Jahre des 17. Jahrhunderts ließ die Wiener Presse als Mittel feudaler Autorität erstmals deutliche Struktur- und Funktionsschwächen erkennen. Sie zeigte sich nur unzulänglich imstande, der zunehmenden Konkurrenz von „Geschriebenen Zeitungen“ in einer schwierigen politischen Lage des Hauses Habsburg entscheidend entgegenzutreten. Der Versuch, den kaiserlichen Absolutismus und die katholische Restauration auch in Ungarn durchzusetzen, drohte nämlich im Aufstand ungarischer Magnaten zu ersticken. Kräftigung medialer Präsenz habsburgischer Rekatholisierungs- und Territorialpolitik war somit ein Gebot der Stunde. In dieser Situation ließ die NÖ. Regierung als zuständige politische Behörde und Instanz für Zeitungszensur wissen, neue Zeitungen fördern zu wollen. 1671, als die ungarische „Magnatenverschwörung“ mit der Hinrichtung mehrerer Anführer gebrochen wurde, traten gleich drei neue Zeitungen mit verwandten Titeln auf den Plan: Der Neu ankommende Currier von Matthäus Cosmerovius und Il Corriere Ordinario sowie Cursor Ordinarius sive Nova Universalia von Johann Baptist Hacque. Wien war mit einem Schlag nicht mehr durch zwei, sondern fünf Zeitungen präsent. Gleichzeitig wurde der Übergang von den frühen „Ordinarizeitungen“ zu den „Staatszeitungen“ des 18. Jahrhunderts eingeleitet.

Das Programm der neuen Zeitungsetablierungen weist unverkennbar auf den damaligen Aktionsradius absolutistischer Kommunikationspolitik hin: Während der kleinformatige Currier primär mit Nachrichten aus Wien aufwartete und der großformatige Corriere für internationale Reputation des Wiener Hofs sorgen sollte, beabsichtigte der Cursor hauptsächlich eine Wahrnehmung habsburgischer Interessen in Ungarn.

Ein Vierteljahrhundert später zeichnete sich die nächste Krise der Wiener Zeitungsproduktion ab. Kritik kam zuerst von außen. Kaspar Stieler wies in seinem Kompendium Zeitungs Lust und Nutz, 1695, Wien wohl die Position eines „locus generalis“ neben Frankfurt am Main und Den Haag zu, „daraus die Dialectica Novellistica die meiste Sachen formiret“. Diese Rolle war primär geopolitisch bedingt. Informationsknotenpunkt erster Ordnung war die kaiserliche Residenzstadt insbesondere kraft ihrer Funktion als Sammelstelle für Nachrichten aus dem Osmanischen Reich. Aus diesem Grunde riet Stieler allen Zeitungsverlegern außerhalb Wiens sogar ab, eigene Korrespondenten am türkischen Hof zu halten: „Von den Briefen aus Konstantinopel darf man das Post-Gelt nicht geben / weil der Bassa samt Originalien öfters in Wien logiret.“ Im Gegensatz zu dieser Gewichtung Wiens als bedeutende Instanz der Nachrichtengewinnung und -Vermittlung genossen die Wiener Zeitungen selbst kein allzu hohes Ansehen: „Von Regenspurg / wo teutsche Räthe und Gesante versandet seyn / kommen wol die beste; wie auch schon von den Sächsischen Höfen: Die Wienerische klingen schon nicht so wol.“…

Zdenek Simecek: “Publizistische Vororte” Wiens Zeitungsentwicklung in Böhmen und der Slowakei im 18. Jh

Einleitung: Ein Beitrag zur Problematik der Untersuchung von Zeitungen und Journalistik in den böhmischen Ländern im 18. Jahrhundert könnte kaum seinen Zweck erfüllen, wäre er nur als Aufriß der publizistischen Geschichte auf dem Gebiet der heutigen Tschechoslowakei konzipiert. Vor allem müßte man mit der Erörterung der Pressepolitik des absolutistischen Habsburgerstaates, des Privilegs und der Zensur als Instrumente seiner Politik, der Regulative für die Herausgabe von Zeitungen — wie Zeitungsarrha, Abhängigkeit der Zeitung von der Post und schließlich der Einführung des Poststempels — inhaltlich weit ausholen. Das alles sind Gemeinsamkeiten mit der Entwicklung der Zeitungen in der Residenzstadt Wien und auch in den Landeshauptstädten der Habsburgerprovinzen, Ungarn nicht ausgeschlossen.

Die gemeinsamen Grundlagen der Presseentwicklung wurden schon von A. Wiesmer (in seinem Werk Denkwürdigkeiten der österreichischen Zensur vom Zeitalter der Reformation bis auf die Gegenwart [Stuttgart 1847]) betont. Es muß jedoch hervorgehoben werden, daß es nicht nur die Medienpolitik des Machtzentrums in Wien war, die den Presseverhältnissen und den Zeitungen in den Habsburgerländern ein einheitliches Gepräge gab1. Auch unter den Herausgebern und Redakteuren setzten sich Bestrebungen um Errungenschaften durch, die anderswo in der Monarchie gang und gäbe waren. Es ging um die Durchsetzung verschiedener publizistischer und ökonomischer Vorteile, wie die Befreiung vom Postregal und der Pflicht, amtliche Kundmachungen kostenlos zu veröffentlichen, dem Erlaß der Stempelpflicht für Zeitungsexemplare, die von den Herausgebern an die Behörden geschickt wurden, Gesuche um eine Berechnung der Insertionsgebühren, die günstiger war als ursprünglich festgesetzt, die Erhöhung der Prämierungspreise bis zu Hinweisen auf eine angeblich mildere Zensurpraxis in anderen Ländern der Monarchie. Das Interesse an der wirtschaftlichen Prosperität der Zeitungen, die Privateigentum waren, verband die Herausgeber im ganzen Staat. In ähnlicher Weise bewegten konkrete Fragen der Pressepraxis die politischen Behörden der einzelnen Länder, und zwar direkt, ohne Vermittlung der Wiener Zentralstellen.

Der Höhepunkt dieser Entwicklung kann in dem Bestreben gesehen werden, die Zeitungs- und Zeitschriftenunternehmen vom Gründungsort in andere Städte zu verlegen. Eine solche Bewegung kann mit Beispielen bis ins beginnende 19. Jahrhundert nicht nur zwischen Wien und den Landeshauptstädten, sondern auch zwischen Prag und Brünn belegt werden.

Von diesen Bestrebungen, die vor allem im Jahre 1848 und in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in breiterem Maße zur Geltung kamen, sind solche Fälle zu unterscheiden, wo infolge der Kriegsgefahr schon im 18. Jahrhundert die Verlegung der Herausgabe von Zeitungen in sichere Orte (Troppau, Olmütz) erwogen wurde und der Charakter der Regionalzeitungen sich nicht rechtlich oder ökonomisch, sondern infolge der Bedrohung oder später der Besetzung der Residenzstadt Wien (Troppau 1805) politisch veränderte. Im 18. Jahrhundert stand diesen Tendenzen noch keine sprachliche Differenzierung im Wege, die deutsche Sprache wurde sogar in Ungarn als Kultursprache aufgefaßt, während die Nationalsprachen infolge der theresianischen Schulreformen nur mehr als Volkssprachen charakterisiert wurden. Die meisten Zeitungen erschienen in deutscher Sprache…

Hannes Haas: Der perfekte Blick Metropolenrecherchen von Joseph Pezzl im josephinischen Wien

Einleitung:

“Der Feuilletonist, wie Sie ihn sich zu denken scheinen, mein Herr, der als ein wildes Raubtier genuß- und beutegierig das ganze Material einer Großstadt durchstöberte und etwa gar noch an Stoffmangel hungerte: dieser Typus kommt in der Natur entweder gar nicht vor, oder höchstens als eine entartete Form seines Urbilds. Der echte Feuilletonist stellt uns in der Regel das Spiel der Individualitäten in viel zarteren Nuancen dar. Er lebt durchaus im Detail. Seine Sphäre ist immer die Spezialität. Er sondert sich aus dem Raum einer Großstadt ein bestimmtes Gebiet ab und hier, auf diesem Gebiete allein, findet er seine Stoffe, und würde sie finden, wenn sie ihm Nestors oder Methusalems Jahre zu leben gäben.”
Ferdinand Kürnbcrger am 9. und 10. Juli 1856

Was Ferdinand Kürnberger so pointiert über das unendliche Themenreservoir des Feuilletonisten formulierte, hatte Johann Pezzl mehr als siebzig Jahre früher in seinen Wien-Skizzen bewiesen. Sein präziser Blick verhinderte Stoffmangel und Ideenlosigkeit. Alle Facetten des großstädtischen Lebens wurden ihm zum möglichen Gegenstand. Und das unterscheidet ihn auch vom Spezialistentum des späteren Feuilletons: Neben den Detaillisten war er Polyhistor.

Sein Werk eignet sich in besonderem Maße für die kommunikationswissenschaftliche Auseinandersetzung. Um möglichen Mißverständnissen vorzubeugen: In diesem Beitrag wird keinesfalls der Versuch unternommen, Pezzl und sein Werk aus dem fachlichen Kompetenzbereich von Germanistik und Literaturwissenschaft als „Raubgut“ zu entziehen, um es allein für die kommunikationshistorische Journalismusforschung zu reklamieren. Solcher Verdacht läßt sich inhaltlich zerstreuen: Die zugrunde gelegte Eingangsthese sowie das gentrale Analyseinteresse machen disziplinäre Zuordnungsprobleme ohnehin zu jenen Marginalien, die sie eigentlich sein sollten.

In dieser Beziehung waren die Fachväter schon ein Stück weiter, wie die wissenschaftliche Rezeptionsgeschichte der Skizze von Wien zeigt. Von der Germanistik lange unterschätzt, vergessen und auch in den letzten Jahren mehr sporadisch behandelt, als systematisch wiederentdeckt, war Pezzl von der alten „Zeitungswissenschaft“ als „literarischer Journalist“ oder — je nachdem — als „journalistischer Literat“ im Zusammenhang mit der Formengeschichte des Feuilletons herangezogen worden.

Für diesen Aufsatz sind solche Kanonisierungen nebensächlich. Im Mittelpunkt steht die Skizze von Wien, sein übriges OEuvre dient lediglich der notwendigen bio-bibliographischen Kontextierung. Auch die Untersuchung der Skizze folgt einem umfassenderen Forschungsprogramm, das ausführlich an anderer Stelle dargestellt ist. Ich gehe dabei von der These aus, daß sich bei literarischen, sozialwissenschaftlichen und journalistischen Vorgehensweisen systematische Ähnlichkeiten nachweisen lassen. Bei manchen Produkten überschneiden sie sich idealtypisch. Die Skizze von Wien ist eine solche Arbeit.

In ihrem Umgang mit der sozialen Wirklichkeit weisen Journalismus, Literatur und Sozialwissenschaft eine Fülle von Gemeinsamkeiten auf: ähnliche thematische Interessen, Parallelen im Zugriff auf komplexe Realität, aber auch in der Sammlung und Präsentation des Materials. Es sind gerade die Großstadtthemen, bei denen sich Interesse und Vorgehen der drei Systeme in besonders hohem Maße nähern.

Pezzl unternahm den Versuch, die soziale Realität der Großstadt Wien zu thematisieren, unter Anwendung systematischer (vor-)wissenschaftlicher Methoden zu erforschen bzw. journalistisch zu recherchieren und die Ergebnisse schließlich mit künstlerisch-literarischen Mitteln zu präsentieren.

Um die These zu präzisieren: In der Skizze ging Pezzl über die Standards der zeitgenössischen Literatur hinaus. Sein Gegenstand war die Wirklichkeit, seine Recherchen basierten auf ausführlichem Quellenstudium, Interviews, Sekundäranalysen und zum Teil selbst erhobenen Daten, Statistiken, belletristischer wie sozialdokumentarischer Literatur…

Rezensionen 4/1989

Daniel Defoe: Die Pest zu London. München: Nymphenburger 1987
– rezensiert von Wolfgang Duchkowitsch

Karl Schottenloher: Flugblatt und Zeitung. Ein Wegweiser durch das gedruckte Tagesschrifttum. 2 Bände. (= Bibliothek für Kunst- und Antiquitätenfreunde, Bd. 21). München: Klinkhardt & Biermann 1985
– rezensiert von Wolfgang Duchkowitsch

Elmar Schmitt: Leben im 18. Jahrhundert. Herrschaft, Gesellschaft, Kultur, Religion, Wirtschaft. Konstanz: Rpsgarten 1987
– rezensiert von Wolfgang Duchkowitsch

Elisabeth Noelle-Neumann: Die Antwort der Zeitung auf das Fernsehen. Geschichte einer Herausforderung. (= Schriftenreihe Journalismus, Bd. 25). Konstanz: Universitätsverlag Konstanz GmbH 1986
– rezensiert von Hannes Haas

Gertraud Steiner: Die Heimat-Macher. Kino in Österreich 1946-1966. (= Österreichische Texte zur Gesellschaftskritik, Bd. 26). Wien: Verlag für Gesellschaftskritik 1987
rezensiert von Wolfgang Duchkowitsch

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