Wolfgang Duchkowitsch: “Mit couriosen Raisonemens und politischen Reflexionen untermenget” Der Post=tägliche Mercurius (1703-1724) – Pionier von Qualitätszeitung

Einleitung:

Entwicklung der Wiener Presse vor 1703

Kulturtechnik Druck hat sich in der kaiserlichen Residenzstadt im Vergleich zu Straßburg, Bamberg, Rom, Köln und Augsburg erst sehr spät durchgesetzt. Für die geringe Innovationsbereitschaft der Wiener Bürger erscheint es symptomatisch und symbolisch zugleich, daß die Einführung dieser neuen Kommunikationstechnik mehr als eines einzigen Anlaufes bedurft hatte. Erst 1482 faßte sie mit der Etablierung einer bodenständigen Offizin festen Fuß und Kontinuität. Bei der Etablierung periodischer Drucke wurde in Wien etwas rascher Anschluß an die nächste Modernisierungsetappe medialer Übermittlungsform gefunden. Zwischen dem Erscheinen der ersten Zeitungen in Straßburg und Wolfenbüttel (1609) und der Gründung von Blättern des Typs der „Ordinarizeitung“ in Wien war aber immerhin noch ein Zeitraum von zwölf bzw. dreizehn Jahren verstrichen.

Schon in ihren Anfängen waren Zeitungen, so auch die Wiener Blätter, ein wichtiges Instrument der absolutistischen Kabinettspolitik. Das Verhältnis der Obrigkeit zur Presse war doppelt bestimmt: Einerseits benutzte sie die Obrigkeit dazu, um Bekanntmachungen an „das“ Publikum zu adressieren sowie die Legitimität von Herrschaft — vornehmlich durch Hofnachrichten — zu repräsentieren. Andererseits diente sie der Obrigkeit zur Nachrichtensteuerung. Dabei wurde der Verkehrskontrolle politischer Nachrichten besonderes Augenmerk geschenkt.

Zu Beginn der siebziger Jahre des 17. Jahrhunderts ließ die Wiener Presse als Mittel feudaler Autorität erstmals deutliche Struktur- und Funktionsschwächen erkennen. Sie zeigte sich nur unzulänglich imstande, der zunehmenden Konkurrenz von „Geschriebenen Zeitungen“ in einer schwierigen politischen Lage des Hauses Habsburg entscheidend entgegenzutreten. Der Versuch, den kaiserlichen Absolutismus und die katholische Restauration auch in Ungarn durchzusetzen, drohte nämlich im Aufstand ungarischer Magnaten zu ersticken. Kräftigung medialer Präsenz habsburgischer Rekatholisierungs- und Territorialpolitik war somit ein Gebot der Stunde. In dieser Situation ließ die NÖ. Regierung als zuständige politische Behörde und Instanz für Zeitungszensur wissen, neue Zeitungen fördern zu wollen. 1671, als die ungarische „Magnatenverschwörung“ mit der Hinrichtung mehrerer Anführer gebrochen wurde, traten gleich drei neue Zeitungen mit verwandten Titeln auf den Plan: Der Neu ankommende Currier von Matthäus Cosmerovius und Il Corriere Ordinario sowie Cursor Ordinarius sive Nova Universalia von Johann Baptist Hacque. Wien war mit einem Schlag nicht mehr durch zwei, sondern fünf Zeitungen präsent. Gleichzeitig wurde der Übergang von den frühen „Ordinarizeitungen“ zu den „Staatszeitungen“ des 18. Jahrhunderts eingeleitet.

Das Programm der neuen Zeitungsetablierungen weist unverkennbar auf den damaligen Aktionsradius absolutistischer Kommunikationspolitik hin: Während der kleinformatige Currier primär mit Nachrichten aus Wien aufwartete und der großformatige Corriere für internationale Reputation des Wiener Hofs sorgen sollte, beabsichtigte der Cursor hauptsächlich eine Wahrnehmung habsburgischer Interessen in Ungarn.

Ein Vierteljahrhundert später zeichnete sich die nächste Krise der Wiener Zeitungsproduktion ab. Kritik kam zuerst von außen. Kaspar Stieler wies in seinem Kompendium Zeitungs Lust und Nutz, 1695, Wien wohl die Position eines „locus generalis“ neben Frankfurt am Main und Den Haag zu, „daraus die Dialectica Novellistica die meiste Sachen formiret“. Diese Rolle war primär geopolitisch bedingt. Informationsknotenpunkt erster Ordnung war die kaiserliche Residenzstadt insbesondere kraft ihrer Funktion als Sammelstelle für Nachrichten aus dem Osmanischen Reich. Aus diesem Grunde riet Stieler allen Zeitungsverlegern außerhalb Wiens sogar ab, eigene Korrespondenten am türkischen Hof zu halten: „Von den Briefen aus Konstantinopel darf man das Post-Gelt nicht geben / weil der Bassa samt Originalien öfters in Wien logiret.“ Im Gegensatz zu dieser Gewichtung Wiens als bedeutende Instanz der Nachrichtengewinnung und -Vermittlung genossen die Wiener Zeitungen selbst kein allzu hohes Ansehen: „Von Regenspurg / wo teutsche Räthe und Gesante versandet seyn / kommen wol die beste; wie auch schon von den Sächsischen Höfen: Die Wienerische klingen schon nicht so wol.“…

Zdenek Simecek: “Publizistische Vororte” Wiens Zeitungsentwicklung in Böhmen und der Slowakei im 18. Jh

Einleitung: Ein Beitrag zur Problematik der Untersuchung von Zeitungen und Journalistik in den böhmischen Ländern im 18. Jahrhundert könnte kaum seinen Zweck erfüllen, wäre er nur als Aufriß der publizistischen Geschichte auf dem Gebiet der heutigen Tschechoslowakei konzipiert. Vor allem müßte man mit der Erörterung der Pressepolitik des absolutistischen Habsburgerstaates, des Privilegs und der Zensur als Instrumente seiner Politik, der Regulative für die Herausgabe von Zeitungen — wie Zeitungsarrha, Abhängigkeit der Zeitung von der Post und schließlich der Einführung des Poststempels — inhaltlich weit ausholen. Das alles sind Gemeinsamkeiten mit der Entwicklung der Zeitungen in der Residenzstadt Wien und auch in den Landeshauptstädten der Habsburgerprovinzen, Ungarn nicht ausgeschlossen.

Die gemeinsamen Grundlagen der Presseentwicklung wurden schon von A. Wiesmer (in seinem Werk Denkwürdigkeiten der österreichischen Zensur vom Zeitalter der Reformation bis auf die Gegenwart [Stuttgart 1847]) betont. Es muß jedoch hervorgehoben werden, daß es nicht nur die Medienpolitik des Machtzentrums in Wien war, die den Presseverhältnissen und den Zeitungen in den Habsburgerländern ein einheitliches Gepräge gab1. Auch unter den Herausgebern und Redakteuren setzten sich Bestrebungen um Errungenschaften durch, die anderswo in der Monarchie gang und gäbe waren. Es ging um die Durchsetzung verschiedener publizistischer und ökonomischer Vorteile, wie die Befreiung vom Postregal und der Pflicht, amtliche Kundmachungen kostenlos zu veröffentlichen, dem Erlaß der Stempelpflicht für Zeitungsexemplare, die von den Herausgebern an die Behörden geschickt wurden, Gesuche um eine Berechnung der Insertionsgebühren, die günstiger war als ursprünglich festgesetzt, die Erhöhung der Prämierungspreise bis zu Hinweisen auf eine angeblich mildere Zensurpraxis in anderen Ländern der Monarchie. Das Interesse an der wirtschaftlichen Prosperität der Zeitungen, die Privateigentum waren, verband die Herausgeber im ganzen Staat. In ähnlicher Weise bewegten konkrete Fragen der Pressepraxis die politischen Behörden der einzelnen Länder, und zwar direkt, ohne Vermittlung der Wiener Zentralstellen.

Der Höhepunkt dieser Entwicklung kann in dem Bestreben gesehen werden, die Zeitungs- und Zeitschriftenunternehmen vom Gründungsort in andere Städte zu verlegen. Eine solche Bewegung kann mit Beispielen bis ins beginnende 19. Jahrhundert nicht nur zwischen Wien und den Landeshauptstädten, sondern auch zwischen Prag und Brünn belegt werden.

Von diesen Bestrebungen, die vor allem im Jahre 1848 und in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in breiterem Maße zur Geltung kamen, sind solche Fälle zu unterscheiden, wo infolge der Kriegsgefahr schon im 18. Jahrhundert die Verlegung der Herausgabe von Zeitungen in sichere Orte (Troppau, Olmütz) erwogen wurde und der Charakter der Regionalzeitungen sich nicht rechtlich oder ökonomisch, sondern infolge der Bedrohung oder später der Besetzung der Residenzstadt Wien (Troppau 1805) politisch veränderte. Im 18. Jahrhundert stand diesen Tendenzen noch keine sprachliche Differenzierung im Wege, die deutsche Sprache wurde sogar in Ungarn als Kultursprache aufgefaßt, während die Nationalsprachen infolge der theresianischen Schulreformen nur mehr als Volkssprachen charakterisiert wurden. Die meisten Zeitungen erschienen in deutscher Sprache…

Hannes Haas: Der perfekte Blick Metropolenrecherchen von Joseph Pezzl im josephinischen Wien

Einleitung:

“Der Feuilletonist, wie Sie ihn sich zu denken scheinen, mein Herr, der als ein wildes Raubtier genuß- und beutegierig das ganze Material einer Großstadt durchstöberte und etwa gar noch an Stoffmangel hungerte: dieser Typus kommt in der Natur entweder gar nicht vor, oder höchstens als eine entartete Form seines Urbilds. Der echte Feuilletonist stellt uns in der Regel das Spiel der Individualitäten in viel zarteren Nuancen dar. Er lebt durchaus im Detail. Seine Sphäre ist immer die Spezialität. Er sondert sich aus dem Raum einer Großstadt ein bestimmtes Gebiet ab und hier, auf diesem Gebiete allein, findet er seine Stoffe, und würde sie finden, wenn sie ihm Nestors oder Methusalems Jahre zu leben gäben.”
Ferdinand Kürnbcrger am 9. und 10. Juli 1856

Was Ferdinand Kürnberger so pointiert über das unendliche Themenreservoir des Feuilletonisten formulierte, hatte Johann Pezzl mehr als siebzig Jahre früher in seinen Wien-Skizzen bewiesen. Sein präziser Blick verhinderte Stoffmangel und Ideenlosigkeit. Alle Facetten des großstädtischen Lebens wurden ihm zum möglichen Gegenstand. Und das unterscheidet ihn auch vom Spezialistentum des späteren Feuilletons: Neben den Detaillisten war er Polyhistor.

Sein Werk eignet sich in besonderem Maße für die kommunikationswissenschaftliche Auseinandersetzung. Um möglichen Mißverständnissen vorzubeugen: In diesem Beitrag wird keinesfalls der Versuch unternommen, Pezzl und sein Werk aus dem fachlichen Kompetenzbereich von Germanistik und Literaturwissenschaft als „Raubgut“ zu entziehen, um es allein für die kommunikationshistorische Journalismusforschung zu reklamieren. Solcher Verdacht läßt sich inhaltlich zerstreuen: Die zugrunde gelegte Eingangsthese sowie das gentrale Analyseinteresse machen disziplinäre Zuordnungsprobleme ohnehin zu jenen Marginalien, die sie eigentlich sein sollten.

In dieser Beziehung waren die Fachväter schon ein Stück weiter, wie die wissenschaftliche Rezeptionsgeschichte der Skizze von Wien zeigt. Von der Germanistik lange unterschätzt, vergessen und auch in den letzten Jahren mehr sporadisch behandelt, als systematisch wiederentdeckt, war Pezzl von der alten „Zeitungswissenschaft“ als „literarischer Journalist“ oder — je nachdem — als „journalistischer Literat“ im Zusammenhang mit der Formengeschichte des Feuilletons herangezogen worden.

Für diesen Aufsatz sind solche Kanonisierungen nebensächlich. Im Mittelpunkt steht die Skizze von Wien, sein übriges OEuvre dient lediglich der notwendigen bio-bibliographischen Kontextierung. Auch die Untersuchung der Skizze folgt einem umfassenderen Forschungsprogramm, das ausführlich an anderer Stelle dargestellt ist. Ich gehe dabei von der These aus, daß sich bei literarischen, sozialwissenschaftlichen und journalistischen Vorgehensweisen systematische Ähnlichkeiten nachweisen lassen. Bei manchen Produkten überschneiden sie sich idealtypisch. Die Skizze von Wien ist eine solche Arbeit.

In ihrem Umgang mit der sozialen Wirklichkeit weisen Journalismus, Literatur und Sozialwissenschaft eine Fülle von Gemeinsamkeiten auf: ähnliche thematische Interessen, Parallelen im Zugriff auf komplexe Realität, aber auch in der Sammlung und Präsentation des Materials. Es sind gerade die Großstadtthemen, bei denen sich Interesse und Vorgehen der drei Systeme in besonders hohem Maße nähern.

Pezzl unternahm den Versuch, die soziale Realität der Großstadt Wien zu thematisieren, unter Anwendung systematischer (vor-)wissenschaftlicher Methoden zu erforschen bzw. journalistisch zu recherchieren und die Ergebnisse schließlich mit künstlerisch-literarischen Mitteln zu präsentieren.

Um die These zu präzisieren: In der Skizze ging Pezzl über die Standards der zeitgenössischen Literatur hinaus. Sein Gegenstand war die Wirklichkeit, seine Recherchen basierten auf ausführlichem Quellenstudium, Interviews, Sekundäranalysen und zum Teil selbst erhobenen Daten, Statistiken, belletristischer wie sozialdokumentarischer Literatur…

Rezensionen 4/1989

Daniel Defoe: Die Pest zu London. München: Nymphenburger 1987
– rezensiert von Wolfgang Duchkowitsch

Karl Schottenloher: Flugblatt und Zeitung. Ein Wegweiser durch das gedruckte Tagesschrifttum. 2 Bände. (= Bibliothek für Kunst- und Antiquitätenfreunde, Bd. 21). München: Klinkhardt & Biermann 1985
– rezensiert von Wolfgang Duchkowitsch

Elmar Schmitt: Leben im 18. Jahrhundert. Herrschaft, Gesellschaft, Kultur, Religion, Wirtschaft. Konstanz: Rpsgarten 1987
– rezensiert von Wolfgang Duchkowitsch

Elisabeth Noelle-Neumann: Die Antwort der Zeitung auf das Fernsehen. Geschichte einer Herausforderung. (= Schriftenreihe Journalismus, Bd. 25). Konstanz: Universitätsverlag Konstanz GmbH 1986
– rezensiert von Hannes Haas

Gertraud Steiner: Die Heimat-Macher. Kino in Österreich 1946-1966. (= Österreichische Texte zur Gesellschaftskritik, Bd. 26). Wien: Verlag für Gesellschaftskritik 1987
rezensiert von Wolfgang Duchkowitsch

____________________________________________

Eckart Früh: Beckmann aus Böhmen im Kampf der “Arbeiter-Zeitung” gegen Krieg, Presse und Zensur (1915-1918)

Einleitung: Da er, schreibt Karl Kraus im Dezember 1915, kein Zeitungsleser sei, sondern mehr als genug leiste, wenn er zur stets gegenwärtigen Gestalt der Schmach sich nur den nächsten Anlaß hole; da ihm dazu sein Blick über die deutlichste Wiener Gelegenheit genüge und selbst der Übelwollende ihn nicht für fähig halten werde, die Vossische oder die Kölnische Zeitung zu studieren, so verstehe es sich wohl von selbst, daß die meisten „der hier und auch späterhin als dokumentarische Werte eingesetzten, häufig der Auslandspresse entnommenen Zitate nicht an der Quelle gesucht wurden. Sie sind in der Wiener Arbeiter-Zeitung gefunden worden“ (Fackel 413, 112); „sie sind“, heißt es im nächsten Heft der Fackel, „wieder der Arbeiter-Zeitung entnommen, deren Bemühen, dem durch Tat und Flucht grausamen Tag etwas Besinnung beizubringen, hier auf haltbarerem Papier“ unterstützt werde (Fackel 418, 45).

Lob und demonstrativer Hinweis, erstaunlich genug für diesen Todfeind der Presse, haben einen Grund. Es ist der Mut, „im Krieg gegen den Krieg“ (Fackel 876, 29) aufzutreten, den Karl Kraus anerkennenswert fand. „Die Arbeiter-Zeitung“, heißt es nach Kriegsende, sei, „von wenigen Entgleisungen abgesehen, das anständigste Tagblatt in Mitteleuropa“ (Fackel 717, 118) gewesen. Der einschränkende Zusatz: „so ziemlich den ganzen Krieg hindurch“, ist berechtigt. Tatsächlich war führenden Sozialdemokraten, unter ihnen der Chefredakteur der Arbeiter-Zeitung, bei Kriegsbeginn eine nationale Ohnmacht zugestoßen. Bis Anfang 1917 gaben großdeutsche Sozialisten ungeniert den Ton an. Was jedoch Friedrich Austerlitz anlangt, so war für ihn der „Tag der deutschen Nation“ bereits im Spätherbst 1914 vergangen. „Der Krieg ist eine wilde Bestie“, schrieb er am 18. November; die ihn verherrlichen, „sind ,Kriegsgecken’“, am 13.; und sein Artikel „5 Monate“ vom 29. Dezember schloß mit dem frommen Wunsch: „Friede, Friede auf der Erde!“…

Jürgen Schlimper: Gegen den mörderischen Krieg Zum Wirken der proletarischen Presse unmittelbar vor und nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges (1914)

Einleitung: In der deutschen Sozialdemokratie hatten die opportunistischen Kräfte bis 1914 deutlich an Boden gewonnen und konnten den Einfluß der konsequenten Revolutionäre in der Partei zurückdrängen. Diese Entwicklung mußte sich zwangsläufig auch auf die Arbeit der Redaktionen der Parteizeitungen auswirken. Zu untersuchen ist deshalb, auf welche Weise sich die Presse der deutschen Sozialdemokratie den komplizierten Problemen stellte, die sich in der Krisensituation des Jahres 1914 und dem aus dieser Krise erwachsenden Krieg herausbildeten. Eine Antwort darauf will der nachfolgende Aufsatz geben, indem er — ausgehend von einer kurzen Vorstellung des Pressegefüges der deutschen Sozialdemokratie — darstellen soll, welche Orientierungen die Organe der Arbeiterpartei in den Krisentagen des Juli 1914 gaben. Daran schließt sich die Untersuchung an, welche Positionen die sozialdemokratische Presse sich zu der von der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion am 4. August 1914 eingeleiteten Politik erarbeitete…

Doris Kohlmann-Viand: Journalisten kämpfen – Soldaten berichten Die nationalsozialistische Kriegsberichterstattung im Zweiten Weltkrieg

Einleitung: “Der Journalist von heute ist nicht mehr der Übermittler von Nachrichten, ist nicht nur Reporter, sondern ist im Felde auch ein Soldat auf seinem Posten für die Nation. Wir sind, so möchte ich sagen, die Soldaten des Deutschen Volkes.”
Mit diesen Worten gab am 3. September 1939 der Reichspressechef Otto Dietrich die Richtlinien für das Verhalten der deutschen Journalisten im Kriege aus. Sie sollten maßgebend sein für ihre Arbeit im Zweiten Weltkrieg.

Kriegsberichter „Made in Germany“

Für den Beruf des Kriegsberichterstatters stellten sich die Nationalsozialisten einen ganz neuen Journalistentypus vor. Nicht nur als Zivilperson sollte er die Kampfereignisse beobachten und kommentieren, sondern als Mitglied der kämpfenden Truppe. Er sollte schreiben oder filmen, während er aktiv am Kriegsgeschehen teilnahm, und nicht wie in vergangenen Kriegen abseits stehen. Als Vorbild diente dabei der italienische Duce Mussolini, der als Chefredakteur des Popolo d’Italia im Ersten Weltkrieg als Soldat gekämpft und gleichzeitig für seine Zeitung berichtet hatte…

Richard Mitten: “Ehrlose Gesellen”? Zur Rolle des Jüdischen Weltkongresses in der Waldheim-"Affäre" – und was österreichische Medien daraus machten

Einleitung: Am 3. März 1986 veröffentlichte profil die allerersten Dokumente zu Dr. Kurt Waldheims Vergangenheit. Österreichische Tageszeitungen hatten die Veröffentlichung bereits am 2. März, in den Sonntagsausgaben, angekündigt, und am Montag, dem 3. März nahmen fast alle anderen Tageszeitungen Stellung. Es ist aus mehreren Gründen anzunehmen, daß es sich hier um wohlüberlegte und vorbereitete Strategien handelte.

Zur gleichen Zeit, als profil Waldheims Vergangenheit ausgrub, stellte auch John Tagliabue von der New York Times (NYT) Recherchen an. Übrigens: Recherchen zu Waldheims Vergangenheit waren schon seit 1985 zu mindestens drei verschiedenen Aspekten angelaufen:

  1. zu den möglichen Verbindungen zwischen Waldheim und dem Kosaken-General Pannwitz bzw. den Pannwitz unterstellten SS-Einheiten;
  2. zu Waldheims angeblichen nationalsozialistischen Mitgliedschaften; und
  3. zu Waldheims Dienst unter dem nach dem Krieg von Jugoslawien als Kriegsverbrecher hinge- richteten Generaloberst Alexander Löhr.

Die ATT veröffentlichte am 4. März 1986 Tagliabues Artikel “Files Show Kurt Waldheim Served Under War Criminal”. Einige Dokumente hatte Tagliabue vom Jüdischen Weltkongreß (WJC) zugespielt bekommen. Das Interesse des WJC war laut eigener Erklärung erst im Jänner 1986 erwacht, und zwar wegen eines kleinen Hinweises im profil, daß Waldheim als „Ordonnanzoffizier im Stab der Heeresgruppe E, deren Kommandant Löhr war, gedient hatte“.

Die „wahre“ Geschichte, wie, von wem, warum und zu welchem Zweck der WJC diese Akten bekommen hat, ist noch nicht völlig geklärt; wichtiger und folgenschwerer sind allerdings die Vermutungen darüber in den österreichischen Medien. Hierzu muß aber betont werden, daß die Recherchen des profil-Journalisten Hubertus Czernin zu diesem Zeitpunkt nachgewiesenermaßen unabhängig von anderen Personen oder Medien unternommen worden waren.

Der AJT-Artikel beschreibt Waldheims Kriegsdienst unter Löhr und bespricht auch seine angeblichen Mitgliedschaften bei der SA und dem NSDStB. Die Schlagzeilen des profil und der A Erlassen jedoch eine unterschiedliche Betonung erkennen. Denn Waldheim gestand der NYT, daß er in der AOK 12 gedient hatte, spielte aber seine Rolle herunter. Er persönlich habe von keinen Kriegsverbrechen oder Greueltaten, die diesen Einheiten zugeschrieben wurden, gewußt. Waldheim hatte zwei Antworten auf die Frage nach seinen vermutlichen Nazi-Mitgliedschaften parat: Erstens wies er die Behauptung zurück, daß er je Mitglied dieser Organisationen gewesen sei; zweitens aber betonte er deren Harmlosigkeit…

Rezensionen 3/1989

Bernhard Denscher: Gold gab ich für Eisen. Kriegsplakate 1914-1918. Wien, München: Jugend und Volk 1987
– rezensiert von Fritz Hausjell

Rene König: Soziologie in Deutschland. Begründer / Verächter / Verfechter. München, Wien: Hanser 1987
– rezensiert von Hannes Haas

Heribert Husinsky: 40 Jahre Volkspartei. Vierzig gute Jahre für Niederösterreich. St. Pölten, Wien: Verlag Niederösterreichisches Pressehaus 1985
– rezensiert von Wolfgang Duchkowitsch

Verein für das Deutschtum im Ausland e.V., gegründet 1881 als Allgemeiner Deutscher Schulverein (Hg.): Leitfaden der deutschsprachigen Presse im Ausland. Berlin, Bonn: Westkreuz-Verlag o.J.
– rezensiert von Hannes Haas

Ceijka Stojka & Karin Berger (Hg.): Wir leben im Verborgenen. Wien: Picus-Verlag 1988
rezensiert von Elisabeth Hobl-Jahn

Claudia Mayerhofer: Die Dorfzigeuner. 2. Auflage. Wien: Picus-Verlag 1988
– rezensiert von Elisabeth Hobl-Jahn

____________________________________________

Thomas Bulant: “… täglich Wiener Schnitzel zu essen, verdirbt im Laufe der Zeit den gesündesten Magen” Das Kabarett auf Welle 530

Einleitung:

„Die Sache mit dem Storch“

“Ich kann mir nicht helfen, ich glaub’ an den Storch.
Und wenn ich auf alle Methoden horch’,
Wie angeblich Kinder zu Erden reisten,
Das mit dem Storch gefällt mir am meisten!”
(Fritz Grünbaum)

Gedichte machen, Worte reimen, einen Vers dem anderen folgen lassen, gesprochen oder gesungen: Dies war eine der wichtigsten Darbietungsformen des Zwischenkriegskabaretts. In den Kabarettprogrammen der RAVAG, der österreichischen Radioverkehrs AG in der Ersten Republik, nannte man diese zumeist unpolitische Form des Kabaretts „heitere Vorträge“.

Das Radiokabarett entlieh sich seine Künstler meistens aus dem Wiener Simpl und somit auch die dort gebräuchlichen Darbietungsformen. Darunter befand sich auch die von Fritz Grünbaum und Karl Farkas kreierte Doppelconference. Beide auch Meister in der Einzelconference, boten sie in der Simpl-Revue „Der Vorhang hebt sich“ folgendes Zwiegespräch über die RAVAG:

Farkas: Jetzt wird gearbeitet! Man müßte einmal Deine Gespräche während unserer Revuearbeit auf Schallplatten festhalten.
Grünbaum: Danke, ich habe nicht den Ehrgeiz, bei der RAVAG gratis mitzuwirken! Bei mir wird sie sich die Spesen für den Bau ihres neuen Funkhauses nicht hereinbringen!
F: Die RAVAG hat ein neues Funkhaus? Wozu hat sie das gebraucht?
G: Sie hat schon soviel Schallplatten gehabt, daß in der Johannesgasse kein Platz mehr dafür war!
F: Du fängst auch schon damit an? Seit sich der Reichsbrückenbau seiner Vollendung nähert, haben sich sämtliche Wiener Komiker auf die Schallplattensendungen der armen RAVAG gestürzt. Dabei ist das pure Verleumdung: Die RAVAG sendet nicht lauter Schallplatten!
G: Gewiß nicht! Hie und da sendet sie auch Grammophonmusik!
F: Sei nicht boshaft! Wahrscheinlich liebt das Publikum die Schallplattensendungen. Sonst hätte es sich längst über sie beschwert.
G: Es hat sich beschwert!
F: Und die RAVAG?
G: Steht auf dem Standpunkt, das Publikum hat außer den Wunschkonzerten keine Wünsche zu haben. Die RAVAG bestimmt das Programm, und das Publikum hat sich nicht hineinzumischen.

Die hier zitierte Aussage von Fritz Grünbaum charakterisierte auch das Schicksal des Kabaretts im Rundfunk: Das Publikum wünschte sich heitere Programme, die RAVAG blieb aber großteils bei ihrer Linie, den Hörern Wissenschaft und die hohe Kunst ins Haus zu liefern. Mit Karl Kraus ließe sich formulieren, daß nun ein jeder Hausmeister an die große Welt angeschlossen war.

Diese Untersuchung beschäftigt sich mit den Kabarettprogrammen der RAVAG in den Jahren 1928 bis 1934, also solange in Österreich eine demokratische Verfassung in Kraft war. Die Analyse endet mit der Proklamation der ständischen Verfassung des austrofaschistischen Regimes am 1. Mai 1934, mit der die demokratische Verfassung von 1929 abgelöst wurde. In diesem Zeitraum war die RAVAG keiner direkten staatlichen Zensur ausgesetzt, man unterwarf sich vielmehr einer Selbstzensur. Eine Programmdirektion, die personell konservativ (Czeija, Redlich, Kunsti, Ast, Nüchtern, Henz) dominiert war, tat das Ihre dazu. Um sich vorstellen zu können, wie schwer man sich mit dem Kabarett tat und welche Strategien entwickelt wurden, um Kabarettprogramme, insbesonders politische, zu vermeiden, sei erwähnt, daß man selbst so manches Werk von Johann Wolfgang von Goethe — der sicherlich nicht an die tagespolitische Aktualität angestreift war — nicht unzensuriert sendete.

Mit Hilfe einer statistischen Datenerfassung wird diese Analyse keine vollständige Geschichte des Rundfunkkabaretts schreiben können, da als Quellen lediglich die Programmzeitschriften, Hörerreaktionen und einige Fallbeispiele zur Verfügung stehen. Es läßt sich also nur das Endprodukt „Programm“ untersuchen, während die dazu führenden Entscheidungsgründe leider im dunkeln bleiben. Außer einigen Beteuerungen der Programmverantwortlichen, den Anteil von heiteren Sendungen am Gesamtprogramm zu erhöhen, und einigen Hörerbefragungen gibt es keine weiteren Untersuchungsgrundlagen.
Die Untersuchung wird sich also auf eine Beschreibung des Programmes beschränken müssen.

Eines sei den folgenden Ausführungen vorausgeschickt: Auf dem Programmsektor „Heiteres“ entsandten die Programm verantwortlichen der RAVAG viele Jahre hindurch den Storch, auch wenn die Zuhörer schon längst nicht mehr an diesen glaubten…