Arnulf Kutsch: Die Emigration der deutschen Zeitungswissenschaft ab 1933 Anmerkungen zu einem vergessenen Thema

Einleitung: Im Gegensatz zur publizistischen Emigration der Jahre 1933 bis 1945 ist die zeitungswissenschaftliche Emigration bisher kaum erforscht. Das personell erstaunlich große nationalsozialistische Potential, das schon wenige Wochen oder Monate nach der sogenannten Machtergreifung in der Disziplin erkennbar wurde, die vielfältigen Verbindungen des Faches zur politischen Exekutive, zur NSDAP und zu nationalsozialistisch beherrschten Fachorganisationen der Presse sowie die daraus resultierende Konformität der Zeitungswissenschaft zur NS-Presse- und Propagandapolitik waren wahrscheinlich Gründe für die disziplinhistorische Abstinenz.

Dazu mögen ferner Einzel- oder Kollektivarbeiten von Zeitungswissenschaftlern beigetragen haben, die die publizistische Emigration auf pseudowissenschaftliche Weise und gemäß den politisch-propagandistischen Dogmen des Hitler-Regimes abqualifizierten, beispielsweise das Leitheft Emigrantenpresse und Schrifttum, im März 1937 im Sicherheitshauptamt der SS angefertigt1, die Gemeinschaftsarbeit Kriegsschuld und Presse, der den unsäglichen Tiefpunkt dieser Degradierung der Disziplin markierende Artikel Judentum und Presse im Handbuch der Zeitungswissenschaft oder Beiträge im Publikationsorgan des Faches. Das alles empfiehlt die Disziplin nicht für eine Untersuchung des Problems „Emigration“.

Der vorliegende Beitrag berücksichtigt, daß Emigration neben der zwangsweisen Beurlaubung, Entlassung oder Verhaftung von Fachvertretern nur einen jener schwerwiegenden Eingriffe darstellte, die die Disziplin in den Jahren 1933 und 1934 personell und in ihren Lehr- und Forschungsleistungen nachhaltig veränderte. Da die Zeitungswissenschaft eine kleine Fachgemeinschaft an den deutschen Hochschulen bildete, kann sich der Beitrag detaillierter mit den Einzelaspekten befassen, als dies in notwendigerweise generalisierenden Studien etwa zur deutschsprachigen sozialwissenschaftlichen Emigration möglich war. Dazu muß aber zunächst geklärt werden, wer überhaupt zur Fachgemeinschaft am Ende der Weimarer Republik gehörte…

Hanno Hardt: Exilpublizistik in der amerikanischen Mediengeschichte Eine ideologiekritische Bilanz

Einleitung: Die deutschsprachige Exilpublizistik als eine bedeutende und sich wiederholende Episode der amerikanischen Kommunikationsgeschichte ist ein sozialgeschichtliches Phänomen, das zwar unter dem Stichwort “immigrant press” oder “foreign language press” in der Fachliteratur existiert, aber nur selten — und dann unvollständig — in den Standardwerken der Pressegeschichte behandelt worden ist.

Dieser Beitrag ist der Versuch einer kritischen Reflexion über das Geschichtsbild der amerikanischen Presse und den Stellenwert der deutschsprachigen Exilpublizistik mit ihrer Bedeutung im politischen und kulturellen Gesellschaftsbild der Vereinigten Staaten.

Die Geschichte der amerikanischen Presse ist grundsätzlich eine Geschichte der englischsprachigen Presse (Thomas, 1874; Lee, 1917; Payne, 1920; Bleyer, 1927), die sich auch in späteren Jahren weder mit den Erfahrungen der politischen Emigration in die Vereinigten Staaten, noch mit den Erkenntnissen relevanter soziologischer Untersuchungen der Presse als Forum ethnischer und rassischer Minderheiten geändert hat (Mott, 1941; Jones, 1947; Emery, 1954; Tebbel, 1974; Emery and Emery, 1984). In der Tat bleibt die historische Behandlung der amerikanischen Presse auf eine deskriptive, biographische Darstellung von Zeitungen, Verlegern und führenden Journalisten im Rahmen wichtiger historischer Ereignisse beschränkt. Dabei werden differenzierte gesellschaftliche, politische und kulturelle Zusammenhänge durch ein eindimensionales Geschichtsbild ersetzt, das sich mit häufigen Hinweisen auf den britischen Einfluß, fast ausschließlich auf die Entwicklungsgeschichte einer weißen, englischsprachigen Mittelklasse und ihrer Institutionen, einschließlich der Presse, in den Vereinigten Staaten stützt. Das Resultat ist eine Pressegeschichte ohne Leser in einem Staat ohne Bürger. Dieser Forschungsansatz wird zwar von einschlägigen Autoren häufig mit dem redaktionellen Hinweis korrigiert, daß sich eine Geschichte der Presse aus gesellschaftlichen Gesamtzusammenhängen entwickelt, ohne daß diese jedoch die entsprechenden theoretischen und methodologischen Konsequenzen dieser Feststellung für die eigene Geschichtsschreibung ziehen…

Hannes Haas & Fritz Hausjell: Das Exil österreichischer Journalisten durch “Ständestaat” und “Drittes Reich” Anmerkungen zur Forschungssituation sowie eine Umfrage

Einleitung: Das durch faschistische Regimes in Europa in den 30er und 40er Jahren dieses Jahrhunderts bedingte Exil ist in mehreren Forschungsbereichen in den letzten Jahren zu einem wichtigen Thema geworden. Zahlreiche Publikationen und internationale Symposien machen dies deutlich. Die österreichische Forschung gehört dabei leider nicht zu den Vorreitern. Dennoch liegen mittlerweile in einigen Disziplinen beachtliche Forschungsergebnisse vor bzw. sind größere Projekte in Arbeit. Die österreichische Kommunikationswissenschaft selbst gehört wiederum zu jenen Forschungszweigen, die sich dem Thema Exil sehr zurückhaltend genähert haben. Wirft man einen Blick auf die vorliegenden einschlägigen Forschungsergebnisse, so fällt überdies auf, daß ein guter Teil der Arbeiten gar nicht aus dem Fach selbst, sondern von fachfremden Autoren stammt…

Georg Auer: Down Under – ganz unten drunter Auch in Australien machten Österreicher im 2. Weltkrieg antifaschistische Exilzeitschriften

Einleitung: Als wir im Herbst 1940, ein halbes Jahr nach dem Zusammenbruch der französisch-britischen Front bei Dünkirchen, in Australien ankamen, gab es dort schon Ureinwohner aus Österreich, die direkt oder auf dem Umweg über Shanghai oder Singapore vor Hitler ab 1938 dorthin geflohen waren.

Wir, das waren einige hundert Österreicher, kamen so an wie die ersten weißen Besiedler vor nun genau 200 Jahren: Im Bauch eines Gefangenenschiffs, in Sydney Harbour. Mit einem Unterschied: Die einstmals deportierten britischen Strafgefangenen waren mit dem Ziel Australien an Bord getrieben worden. Wir hätten zum größten Teil eigentlich von Großbritannien auf die Internierten-Insel Man gebracht werden sollen, um dort gesiebt zu werden, ob wir freundliche oder feindliche Ausländer wären.

„Sorry, bedauerlicher Irrtum“, sagte man nachher im britischen Parlament, als der Skandal von der Verschickung von mehr als 2.000 geeichten Antifaschisten und Juden, Deutschen und Österreichern, von den Zeitungen aufgegriffen worden war.

Anderthalb Jahre blieben wir interniert, ehe das Licht, das in England sofort nach der Masseninternierung von Antifaschisten aufgegangen war, von der Dowingstreet auch bis Down Under schien, wie die Australier ihren Kontinent ob seiner Position auf der Weltkugel geographisch nicht ganz korrekt bezeichnen. Wir konnten uns freiwillig zur australischen Armee melden. …

Robert Breuer: “Der lange, mühevolle Weg ins Exil” Als Wiener Journalist nach New York

Einleitung: Die heute von mir als ein böser Traumempfundenen Ereignisse im März 1938 hatten mich schlagartig mit der damals kaum faßbaren Realität konfrontiert, alsein plötzlich seines jüdischen Glaubensbekenntnisses wegen zum Paria erklärter, in Wien geborener österreichischer Staatsbürger entweder gemeinsam mit meiner ebenfalls aus Wien gebürtigen Mutier Selbstmord zu verüben oder den Weg ins Exil anzutreten zu versuchen.

Als ein junger, seit mehreren Jahren für österreichische und ausländische Zeitungen tätiger Journalist hatte ich allen Grund, mich gefährdet zu fühlen; die Tatsache, niemals politische Artikel verfaßt zu haben, verlieh mir eine gewisse Sicherheit: sollte ich, auf dessen Initiative die Neue Freie Presse im Jahre 1929 mit der wöchentlichen Veröffentlichung einer literarischen „Jugendbeilage“ begonnen hatte, und der sich mit seinen Beiträgen für das Neue Wiener Tagblatt, das Neue Wiener Journal die Linzer Tagespost u. a. auf das Gebiet Wiener Privatsammlungen spezialisierte, eine besondere Verfolgung, vielleicht die Über- stellung nach Dachau zu befürchten haben? Man mußte auf jede, auch die unerwartetste Situation gefaßt sein. Ich war als dürftiges Zeilenhonorar empfangendes Mitglied des „Verbands der Auswärtigen Presse“ bei der Polizeidirektion in Wien registriert und mein Presseausweis trug deren Stampiglie. Meine in den dreißiger Jahren für den Tagesboten (Brünn), den Grenzboten (Preßburg), das Morgenblatt (Zagreb), den European Herald (London) und die von 1932 bis 1935 für den Generalanzeiger (Stettin) geleistete Arbeit erstreckte sich auf Berichte über Wiener kulturelle Ereignisse, auf Festspiel- und Reisereportagen, auf Sport- und Lokalereignisse…

Erich Derman: “… aber unsere Stimme drang nach Österreich” Widerstand aus dem Exil via Radio

Einleitung: Im Rückblick auf verflossene Jahrzehnte scheint es mir, als hätte es in dem Zeitabschnitt zwischen 1934 und 1945 mehr politische Parteien gegeben als sonst in der Geschichte der Republik. Aber die Rede ich nicht vom “Ständestaat” oder von der von Hitler besetzten “Ostmark”, sondern von der österreichischen Emigration in aller Welt. Nicht nur in Paris und London, in Stockholm, in New York und Los Angeles, auch in Shanghai, in Mexico und den Staaten Südamerikas lebten die heimatlos gewordenen Österreicher. Noch im Taumel einer geglückten Flucht bildeten sie sehr bald politische Vereinigungen, entwarfen sie Manifeste, gründeten sie Zeitschriften, nahmen sie Kontakte mit politisch gleichgesinnten Gruppen im Exilland auf und waren beherrscht von der Illusion eines kurzen Krieges, und daß Österreich noch nicht gestorben sei, daß die Welt die Vergewaltigung ihrer Heimat nicht hinnehmen würde. Aber der trübselige Alltag der Emigranten verdrängte bald alle Wunschvorstellungen.

Nur wenige hatten die Chance, bei Verwandten und Freunden Hilfe zu finden. Für die Mehrheit war die materielle Not die alles andere überlagernde Wirklichkeit. Innerhalb kurzer Zeit zeigte es sich deutlich, daß die politische Vergangenheit auch im Exil den Einzelnen nicht los ließ. Sozialdemokratische Gruppen des rechten und des linken Flügels entstanden, die Gefolgsleute der Vaterländischen Front, der Gruppe um den früheren Staatssekretär Guido Zer- natto, Freunde des Diplomaten Martin Fuchs, Monarchisten, Trotzkisten, Kommunisten, ja auch solche österreichische Emigranten, die in einem später wieder demokratisch gewordenen Deutschland die Zukunft erblickten, formierten sich. Dabei war nicht zu übersehen, daß überraschenderweise die Journalisten, denen die Flucht gelungen war, anfangs zu den passivsten Zeitgenossen zählten. Vielleicht deshalb, weil sie noch im Besitz der meisten Informationen über die Entwicklung vor und kurz nach dem „Anschluß“ verfügten und sich die geringsten Illusionen machten…

Rezensionen 1/1988

Anthony Heilbut: Kultur ohne Heimat. Deutsche Emigranten in den USA nach 1930. Weinheim, Berlin: Quadriga 1987
– rezensiert von Hannes Haas

Felix Kreissler: Der Österreicher und seine Nation. Ein Lernprozeß mit Hindernissen. (= Forschungen zur Geschichte des Donauraumes, Bd. 5). Wien, Köln, Graz: Hermann Böhlaus Nachf. 1984
– rezensiert von Hannes Haas

____________________________________________