Ludwig Ullmann: “In Wahrheit hat mein ‘Exil’ schon damals, im Februar 1934, begonnen.” Auszüge aus: Heimat in der Fremde. Ein Buch der Erinnerung und der Gegenwart

Einleitung: Die ereignisvielfältigen zwei Jahrzehnte zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg erscheinen mir heute in der Erinnerung fast wie ein geschlossenes Ganzes. Eine absteigende Linie trat in meinen äußeren Lebensumständen erst durch den „Umsturz“ des Jahres 1934 ein. Aber auch dieser beließ mich im gewohnten Milieu und in den alten Beziehungen, deren wirklich gefühlsmäßig fest gegründete auch mein berufliches und politisches Ungemach überdauerten. Ich setze zunächst daher die Erzählung, vielmehr Schilderung in der einheitlichen Richtung fort […]

Es war, so scheint es in der Rückschau, eine sorglose Welt. Sie war es natürlich nicht … … Kämpfe, Spannungen, Ungewißheiten, Ungerechtigkeiten erfüllten auch sie. Ihr Traum-Zauber entfloß vielmehr einer gewissen Nichtbeachtung der geänderten, namentlich der politischen, Umstände und Bedingungen. Diese wurden nun nicht einfach übersehen, aber der Abbröckelungsprozeß, den sie auch psychologisch an dem so organisch anmutenden Gesamtgebilde unserer Existenz vollzogen, nicht zur Kenntnis genommen. Wir unterschätzten die nunmehrige Kleinheit des Landes in jedem Sinne trotz der Mahnungen der Volkswirtschaftler. Wir lebten mit intellektuellem und sozialem Elfenbeinturm-Starrsinn an der Oberfläche einer unterirdisch sich folgerichtig vorbereitenden Aushöhlung. Wir leugneten die vor unseren Augen sich vollziehende Veränderung des Volkscharakters oder vielmehr dessen Anpassung an die prekären Lebenstatsachen. Wir fuhren alljährlich nach Oberösterreich oder ins Salzburgische, in die Steiermark oder nach Tirol und ignorierten die schon historisch gewordene Spaltung unserer Heimat in zwei volksklimatisch völlig heterogene Gebiete…

Heinz Lunzer: Ludwig Ullmann

Einleitung: Der Theaterfachmann, Feuilletonist und Schriftsteller Ludwig Ullmann lebte von 1887 bis 1959.

Er besuchte in Wien, seiner Geburtsstadt, das Gymnasium und die Universität. Er schrieb bei Jakob Minor eine Dissertation über die Hogarth-Studien Lichtenbergs (1910). Die Arbeit wurde approbiert, doch erschien der Kandidat nicht zu den Prüfungen, weil er mittlerweile Arbeit gefunden hatte, die seine Zeit und Energie ganz in Anspruch nahm.

Noch während des Studiums hatte Ullmann durch Otto Soyka Zutritt zum Cafehauskreis um Peter Altenberg, Karl Kraus, Adolf Loos und Alfred Polgar gefunden, und durch ebendessen Vermittlung frühe Gedichte in der Wiener Kulturzeitschrift Der Merker veröffentlicht; bald publizierte er auch in Ton und Wort und in Der Strom. In den Jahren 1910 und 1911 war er Mitarbeiter der Zeitschrift Die Fackel; Ullmann erstellte das erste Register dieser Zeitschrift (1909) und erledigte für Kraus sekretarielle Aufgaben (1910 bis 1912), ähnlich wie dies in den Jahren unmittelbar vor 1914 Berthold Viertel und Philipp Berger taten…

Michael Schmolke: Katholische Journalistik in Österreich 1933–1938

Einleitung: Die neben dem eigentlichen Nachdenk-Thema dieses Jahres angesagten Gesprächsstoffe unserer Tage bringen es mit sich, daß ich mich immer wieder frage und meiner Frage auch immer sorgfältiger auf den Grund zu gehen versuche: wie haben die Menschen in den dreißiger Jahren das vor ihnen Liegende zu sehen, zu erraten, zu beurteilen versucht, was wir im historischen Rückspiegel geschärften Blicks zu erkennen meinen.

Je mehr ich erfahre oder in Wissen und Erinnerung wiederbeleben kann, desto vorsichtiger wird meine Antwort, desto drängender empfinde ich die Notwendigkeit, die Bilder mit immer mehr und immer feineren Strichen zu zeichnen. Das ist vielleicht etwas anderes, als zum historischen Anlaß politisch-ideologisch verlangt wird. Aber ich kann mich dem inneren Zwang nicht entziehen, der mir aufträgt, durch die Brillen meines Vaters auf jene Jahre zu schauen. Das kann die Augen überanstrengen, denn, physisch wie metaphorisch g3sprochen: Er war kurzsichtig, und ich konnte in leidlichem Frieden altersweitsichtig werden. Wer darf dem Kurzsichtigen welche Vorwürfe machen?

Bei der Bewältigung der Anstrengung hilft der in unseren Tagen zum Schlagwort verschlissene Begriff des Zeitgeistes…

Winfried B. Lerg: Der Filmpublizist Arnold Roger Manvell 1909–1987 Eine bio-bibliographische Notiz

Einleitung: Der Kanonikus an der St. Marienkathedrale zu Leicester, Arnold Manvell, und seine Frau Gertrude, geborene Baines, ließen für den 10. Oktober 1909 die Geburt ihres Sohnes Arnold Roger ins Kirchenbuch eintragen. 45 Jahre später sollte dieser Sohne seinem ersten Filmbuch die Widmung voranstellen: „To my father and mother (who taught me to go to the pictures)“. Allerdings fügte er noch zwei weitere Widmungen hinzu: für John Grierson („who taught me to look at them“) und für seine Studenten und Freunde („who taught me to discuss them“).

Roger Manvell besuchte die Wyggeston School in Leicester und die King School in Peterborough. Am University College in Leicester erwarb er 1930 den Bachelor-Grad (B. A.). Im Jahr darauf ging er an die Universität London, wo er eine Stelle als Lehrer für englische Sprache und Literatur in einem Studiengang für Erwachsenenbildung antrat. 1936 promovierte er an der Universität London. Danach wechselte er 1937 zur Universität Bristol und wurde am Department of Extra-Mural Studies Dozent für Literatur und Theater…

Eckart Früh: Sonka, Serke, Wehle und ich

Einleitung: Hugo Sonnenschein, der sich Sonka nannte, wurde am 25. Mai 1889 in Kyjov, einem mährischen Städtchen unweit Brünn, geboren. Nach dem Besuch der Schulen war er schreibend, arm und obdachlos in Wien. Er führte ein unstetes Wander- und Vagabundenleben, das ihn durch halb Europa trieb. Darum geht es in seinen frühen Gedichten. Die Erfahrung der Landstraße drängte ihn zu extremer Stellungnahme. Dem Lumpenproletariat fühlte er sich zugetan; ihm machte er nicht ohne Emphase zum Gebot:

Wer dir von Pflicht
der Arbeit spricht,
dem speie ins Gesicht!
Stiehl! Du! Bettel nicht.

Bei Ausbruch des ersten Weltkriegs, der in ihm einen entschiedenen Gegner fand, wurde Hugo Sonnenschein assentiert, diente als Soldat auf dem Balkan, desertierte im Herbst 1918 und schloß sich der Roten Garde an. Das Erlebnis des Krieges hatte den anarchistischen Literaten und Bohemien zum radikalen Fürsprecher des Sozialismus gemacht — auch in lyrischer Form:

Dein Schlachtruf, Proletariat:
Mit Wladimir Iljitsch auf zur Tat!

Bei der Gründung der Kommunistischen Partei Österreichs, bei der Gründung der tschechischen Schwesterpartei war er dabei. Er wurde Mitglied, 1927 jedoch wegen trotzkistischer Abweichung wieder ausgeschlossen. Er war literarisch tätig und kulturpolitisch. Als im Mai 1933 der 11. Internationale PEN-Kongreß stattfand, trat er, unaufgefordert und ohne Mitglied der österreichischen Delegation zu sein, für die verfolgten deutschen Schriftsteller ein. So verging die Zeit, die der Republik gegeben war. Nach der Zerschlagung der österreichischen Sozialdemokratie im Februar 1934 ging man amtswegig gegen ihn vor. Hugo Sonnenschein wurde „für beständig aus Österreich abgeschafft“. Er ging in die Tschechoslowakei…

Rezensionen 4/1988

Thomas Chorherr (Hg.): 1938 – Anatomie eines Jahres. Wien: Ueberreuter 1987
– rezensiert von Wolfgang Duchkowitsch

Karl Mellacher: Das Lied im österreichischen Widerstand. Funktionsanalyse eines nichtkommerziellen literarischen Systems. (= Ludwig-Boltzmann-Institut für Geschichte der Arbeiterbewegung. Materialien zur Arbeiterbewegung, Bd. 44). Wien: Europaverlag 1986
– rezensiert von Wolfgang Duchkowitsch

Herbert Reinoss (Hg.): Simplicissimus. Bilder aus den „Simplicissimus“. 3. Auflage. Hannover: Fackelträger-Verlag 1987
rezensiert von Wolfgang Duchkowitsch

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Hannes Haas: Die Publizistik des Vorurteils Antisemitismus in Karikatur und Satire am Beispiel des „Kikeriki“

Einleitung:

„Nichts gibt so sehr das Gefühl der Unendlichkeit als wie die Dummheit.“
Ödön von Horvath, Geschichten aus dem Wiener Wald

I.

In den 20er Jahren erlebten die humoristischsatirischen Zeitschriften den letzten Höhepunkt einer Entwicklung, die bereits im 18. Jahrhundert begonnen hatte. Die Partei Witzblätter, also der christlichsoziale Kikeriki (1861–1933), die sozialdemokratische Leuchtrakete (1923–1933) sowie der linksliberale Götz von Berlichingen (1919–1934) und die politisch weitgehend indifferente Muskete (1905–1941) dominierten in der Ersten Republik. Die übrigen satirischen Magazine waren längst in seichter Routine erstarrt. Sie hatten sich schon vor dem Weltkrieg damit zufriedengegeben, manchmal originell, im Grunde aber unbedeutend, einige wenige Witzstrukturen aus dem Repertoire des bürgerlich-urbanen Familienhumors zu variieren. Da wurden dann Schauspieler wohlwollend karikiert, harmlose Scherze über vertrottelte Adelige und die „ach so verkommenen Sitten“ augenzwinkernd veröffentlicht. Jede kritische Analyse, die in satirische Polemik hätte münden können, fehlte. Zum Synonym für die angepaßte Karikatur wurde der „Klassikaner“ (Karl Kraus) Fritz Schönpflug, Mitarbeiter der Muskete und – von der kommerziellen bis zur politischen Werbung – meistgefragte Zeichner seiner Zeit…

Andrea Schlotterbeck: Die Berichterstattung über die “Endlösung der Judenfrage” Eine Zeitungsanalyse am Beispiel der „Neuen Zürcher Zeitung“ 1942

Einleitung: Will man sich ein Bild davon machen, wieviel die Zeitungen im Ausland über die Vernichtung der Juden geschrieben haben, genügt es nicht, sich nur an der Berichterstattung zu bestimmten Ereignissen zu orientieren. Kurzfristige Empörung ist schnell vergessen. Für den vorliegenden Artikel war es entscheidend, die Kontinuität zu untersuchen, mit der über dieses Thema berichtet wurde.

Als Untersuchungszeitraum bot sich das Jahr 1942 an. Bis dahin hatten bereits genügend Berichte über den Massenmord an Juden die alliierten und neutralen Staaten erreicht, um das tatsächliche Ausmaß der Judenverfolgung erkennen zu können.

Deutsche Quellen, Augenzeugenberichte von Flüchtlingen und neutralen Beobachtern, Massendeportationen „nach dem Osten“ sowie alarmierende Botschaften des polnischen Untergrunds zeichneten ein deutliches Bild. Öffentliche Erklärungen, Pressekonferenzen und schließlich gemeinsame Erklärungen der Allierten am 17. Dezember sorgten dafür, daß zumindest ein Teil der Informationen auch publik wurde.

Doch wie reagierten die Zeitungen auf diese Meldungen? Will man die Berichterstattung der einzelnen Zeitungen beurteilen, darf man auf keinen Fall die damaligen Einschränkungen unberücksichtigt lassen, denen die Medien ausgesetzt waren. Dem Recht der Medien auf umfassende Information sind während eines Krieges immer Schranken gesetzt. Deren Höhe allerdings bestimmt jedes Land für sich. Doch eine Zensur, ob sie nun Selbst-, Vor- oder Informationszensur genannt wird, besteht in jedem Staat…

Helmut Gruber: “Wir Österreicher” und “gewisse Kreise im Ausland” Antisemitische Inhalte und Argumentationen in „Kronenzeitung“ und „Presse“ während des Bundespräsidentschaftswahlkampfes 1986

Einleitung: 1986 war ein denkwürdiges Jahr. Bereits zwei Jahre vor dem offiziellen und offiziösen „Gedenk- und Bedenkjahr“ 1988 gab (und gibt) es Anlaß für Bedenken in reicher Anzahl. Im öffentlichen Diskurs Österreichs längst vergessen (oder verdrängt) geglaubte Relikte einer tausendjährigen Vergangenheit kamen hoch, die ihren Ursprung nicht erst im März 1938 hatten. Es war plötzlich wieder möglich, auf „die Juden“ zu schimpfen und seinen Dienst in der deutschen Wehrmacht als „Pflichterfüllung“ zu bezeichnen. Eine besondere (und teilweise ziemlich unrühmliche) Rolle bei der Enttabuisierung antisemitischer Klischees in der österreichischen Öffentlichkeit spielten die Massenmedien — im Besonderen die Zeitungen. Sie (bzw. einige von ihnen) waren es, die Ressentiments wieder öffentlich äußerbar machten, von deren Existenz Untersuchungen der empirischen Sozialforschung zwar immer wieder Zeugnis ablegten, die aber üblicherweise dem „braunen Rand“ der österreichischen Politszene oder dem privaten Bereich zugeschrieben worden waren.

Insofern hatte die „Affäre Waldheim“ auch ihr Gutes, sie machte Klischees und Gedankengänge sichtbar, deren Existenz bereits in Randbereiche des öffentlichen Lebens Österreichs abgedrängt schien. Damit ermöglicht sie es aber auch, Gegenstrategien zu entwickeln und (zumindest zeitweise) eine wache, republikanische Gegenöffentlichkeit zu aktivieren…

Walter Kissling: “Die Macht des Bösen ist am Werk” Antisemitische Argumentationen im fundamentalistisch-katholischen Monatsblatt „Der 13.“

Einleitung:

“Die Verachtung freilich sträubt sich gegen den Ausdruck, drängt zum Verschweigen und will doch nicht tatenlos bleiben …”
Peter Handke

1. Kurzporträt
Ideologisches Profil und journalistische Praktiken

Monatlich an jedem 13. erscheint seit 13. Oktober 1985 Der 13. — Zeitung der Katholiken für Glaube und Kirche. Der Name des Blattes weist auf die Marienerscheinung von Fatima hin, die dort zwischen Mai und Oktober 1917, und zwar jeweils an einem 13., stattgefunden haben soll. Die Auflage des Blattes im Normalfall zwischen 10.000 und 20.000 Exemplaren. Ca. 10.000 Exemplare sind durch Abonnements verkauft. Gelegentlich werden mehrere 10.000 Stück einer Ausgabe als Postwurfsendung versandt. Zum Vergleich: Die Auflage der wöchentlich erscheinenden Linzer Kirchenzeitung liegt bei 85.000, jene des katholischen Wochenblattes Die Furche bei 14.000. 1988 wurde der Umfang des 13. von 16 auf 24 Seiten erweitert. Vorbereitet wird ein verstärktes Engagement auf dem bundesdeutschen Markt. Redaktionsadresse ist das oberösterreichische Kleinzell/Weigelsdorf im Mühlviertel; Herausgeber ist Dr. Friedrich Engelmann, vordem Journalist bei Volksblatt, ORF Studio Oberösterreich und Oberösterreichische Rundschau. Das Impressum verzeichnet als grundlegende Richtung: römisch-katholisch. Trotz des Titels Zeitung der Katholiken handelt es sich nicht um eine offizielle Kirchenzeitung. Der Linzer Bischof Aichern teilte im Diözesanblatt vom Dezember 1985 mit, daß sie als solche auch nicht empfohlen werden dürfe. Eine österreichische Theologenkommission der österreichischen Bischofskonferenz kam 1987 in einem Gutachten zu dem Schluß, daß Der 13. teilweise außerhalb der offiziellen kirchlichen Lehre stünde. Anlaß für das Gutachten war die Klage des 13. gegen die Linzer Theologiestudenten-Zeitung Locomotive, die genau das behauptet hatte…