Fritz Hausjell & Theo Venus: “… wie’s ihm ums Herz ist.” Eine Radioreportage zum Judenpogrom “Reichskristallnacht” Ausgestrahlt vom Sender Wien am 10. November 1938

Einleitung:

Die Reportage

Wien, 10. November. Wir stehen mit unserem Mikrophon in dem großen Leopoldstädter Judentempel. Ihn heute noch so zu bezeichnen, ist eigentlich schon etwas geschmeichelt, denn die erbitterten Einwohner — arischen Einwohner — dieses Bezirkes haben nach dieser ruchlosen Tat von Paris es sich nicht nehmen lassen, um auch hier ihren abgrundtiefen Haß gegen das Judentum zu bezeigen. Der Judentempel war in wenigen Minuten ein Raub der Flammen.

Und wenn wir uns jetzt hier in diesem orientalischen Kuppelbau umsehen, dann ist von dem eigentlichen Tempel, von diesem prunkvollen und mit viel Geld erbauten Gebäude nur mehr das Gerippe, das alte Gerüst übriggeblieben. Und dieses Gerüst ist schon so baufällig, daß das Wahrzeichen des Judentums, auf das sie besonders in Wien so stolz waren, hoffentlich in wenigen Tagen zur Gänze mit dem Erdboden gleichgemacht wird und zur Gänze hier in Wien verschwinden wird.

Die Wiener Bevölkerung, die immer mit erbittertem Grimm in der Tempelgasse an diesem Prunkbau vorbeigegangen ist, steht jetzt auf der Straße und jeder möchte gerne hereinsehen, möchte sich überzeugen, wie es hier aussieht und ob tatsächlich alles so ist,wie’s ihm ums Herz ‘ist: Nämlich so, daß man es nicht wieder aufbauen kann…

Hannes Zimmermann: 41. Internationales Filmfestival in Locarno, August 1988

Einleitung: Das Festival wurde 1946 als touristische Attraktion geboren, vom lokalen Fremdenverkehrswesen und Schweizer Filmproduktionen gestützt. Die Filmvorführungen abends im Park des Grand Hotels auf einer für damalige Verhältnisse riesigen Leinwand (8×7 Meter), Empfänge und nicht zuletzt die Qualität der Festivalfilme wie z. B. Rom, offene Stadt von Rossellini, Double Indemnity (Frau ohne Gewissen) von Billy Wilder schufen den Grundstein zur Entwicklung eines Festivals, das zu jeder Zeit attraktiv und nie unumstritten war: Dem jungen Publikum und den jungen Filmschaffenden geöffnet, wurden auch Filme aus der „Dritten Welt“ gezeigt, und in den 50er Jahren stieß die Vorführung von Filmen aus Osteuropa oft auf polemische Kritik und Widerstände. Das Festival wurde der Präsentation von Erstlingsfilmen junger Talente gewidmet. Der Rückblick auf 40 Jahre in Locarno gezeigter Erstlingsfilme (die Retrospektive war in diesem Jahr auch in Wien zu sehen) wirkt heute wie ein Filmführer für Cineasten. In den letzten Jahren versuchte Locarno eine Kombination von neuen Stilrichtungen, sozial und politisch engagierten Filmen mit einem kommerziell attraktiven Programm. Die abendlichen Filmvorführungen im Freien auf der Piazza Grande mit bis zu 6000 Zusehern sind heute Sommerattraktion des Tessin…

Rezensionen 3/1988

Kalus Westermann: Joseph Roth, Journalist. Eine Karriere 1915-1939. Bonn: Bouvier Verlag Herbert Grundmann 1987
– rezensiert von Hannes Haas

Richard von Soldenhoff (Hg.): Kurt Tucholsky. Ein Lebensbild. Erlebnis und Schreiben waren ja – wie immer – zweierlei. Weinheim, Berlin: Quadriga 1987
– rezensiert von Hannes Haas

Daniel Spitzer: Wiener Spaziergänge. 2 Bände. Wien: Edition Wien o.J.
– rezensiert von Hannes Haas

Michael Kehlmann & Georg Biron: Der Qualtinger. Ein Porträt. Wien: Kremyar & Scheriau 1987
– rezensiert von Hannes Haas

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Will Schaber: Die Exilzeitung „Aufbau“ und der emigrierte Zeichner Benedikt Fred Dolbin Rede zur Eröffnung einer Ausstellung

Einleitung: Was Sie hier in einer gedrängten Schau sehen, ist mehr als eine Fußnote zur Geschichte des Journalismus. Es sind Zeugnisse einer außergewöhnlichen Zeitung und eines genialen Zeichners. Die Zeitung ist der von Emigranten 1934 in New York gegründete Aufbau, der Zeichner ein gebürtiger Wiener, der 1971 verstorbene Benedikt Fred Dolbin.

Der Aufbau ist also heute 54 Jahre alt: ein im Zeitungswesen als Gesamtheit kein ungewöhnlicher Rekord (die Londoner Times ist über zweihundert Jahre alt). Aber für eine Emigrantenzeitung sind 54 Jahre eine Lebensspanne, die keine Paralelle hat.

Die meisten Blätter in der Geschichte der Exilpresse verschwanden ebenso plötzlich wie sie aufgetaucht waren. Der Vormärz war voll solcher journalistischer Eintagsfliegen, von Ludwig Börnes Balance in Paris bis zu den Blättern Wilhelm Weitlings in der Schweiz. Alexander Herzens Wochenblatt Kolokol (Die Glocke), das eine beträchtliche Rolle in der Bauernbefreiung Rußlands spielte, brachte es immerhin auf 10 Jahre.

In den Jahren der Hitleremigration gab es eine Flut von Exilperiodika — die Historikerin Lieselotte Maas fand insgesamt mehr als 400. Die Lebensdauer der Blätter war unterschiedlich. Viele verschwanden nach wenigen Ausgaben. Andere hielten sich Jahre hindurch. Das Pariser Tageblatt und sein Nachfolgeorgan, die Pariser Tageszeitung, erschienen zusammen — ebenso Die Neue Weltbühne — etwas über sechs, Das Neue Tage-Buch rund sieben Jahre. Die bereits 1932 gegründete, in der Folge jedoch von Emigranten gesteuerte Neue Volkszeitung in New York wurde nicht ganz siebzehn Jahre alt.

Der Aufbau übertrumpfte sie alle.
Wie ist dieses Phänomen zu erklären?…

Fritz Hausjell: “… daß das eine grausige Situation ist. Die Freunde im Exil und ich hier als Journalist im ‘Dritten Reich'” Ein Gespräch mit Milan Dubrovic

Einleitung: Als einer von vielen österreichischen Journalisten, die auch im „Dritten Reich“ ihren Beruf ausgeübt hatten, gehört Prof. Milan Dubrovic zu jenen ganz wenigen, die darüber nach 1945 – wenn auch spät – berichtet haben. Eng befreundet mit Journalisten und Literaten wie Friedrich Torberg, hatte er miterlebt, wie ab 1938 viele seiner Freunde und Freundinnen fliehen mußten. Er hingegen war in Wien geblieben.

Geboren wurde der heute 85-jährige am 26. November 1903 in Wien. Nach dem Studium der Kunstgeschichte und Soziologie war er zunächst von 1927 bis 1930 Kulturredakteur der Wiener Allgemeinen Zeitung, danach bis 1945 beim Neuen Wiener Tagblatt, hierbei ab 1938 „stellvertretender Hauptschriftleiter“ der Tagblatt-Nebenausgabe Wiener Mittag. 1946 gründete Dubrovic Die Presse mit, der er später als Chefredakteur Vorstand. Von 1953 bis 1970 arbeitete er als Kultur- und Presseattache an der österreichischen Botschaft in Bonn. Anschließend wirkte er bis 1977 als Herausgeber der Wiener Wochenpresse. Seither lebt Milan Dubrovic als Schriftsteller in Wien.

medien & zeit: Etliche Ihrer Redaktionskollegen beim Neuen Wiener Tagblatt mußten nach dem “Anschluß” Österreich verlassen. Haben Sie sich persönlich auch überlegt fortzugehen?
Prof. Milan Dubrovic: Selbstverständlich hat man das getan. Aber es war — wenn ich zurückdenke — schon im voraus feststehend, wenn man diese Gedanken, diese Möglichkeit erwogen hat, daß man bleibt. Instinktiv war es so, daß man doch hierbleibt, weil man hier verwurzelt ist; weil man hier seine Freunde hat, die ja auch nicht Weggehen wollten; weil man auch mit dem Milieu, mit der Kulisse, mit vielen Imponderabilien tief verbunden ist. Und weil man als Mensch, der — so wie ich — Journalist war, doch auch der Sprache sehr verbunden ist. Ich wäre wehrlos gewesen wie zum Beispiel mein Freund Torberg, der Jude war, auf einmal von einer Katastrophe befallen war: Weil er viel mehr als vielleicht andere Schriftsteller, da er ein Karl Kraus-Schüler war, mit Sprache inniger verbunden war und daher vor der Tragödie stand: Was mach’ ich d’raus? Ich kann nur deutsch denken und ich kann nur deutsch schreiben, ich kann nur sprachschöpferisch mich überhaupt betätigen, meine Einfälle kommen aus der Sprache heraus. Die Problematik war: man muß also weg. Das war ja für die Juden eine Frage der Lebensrettung, weil sie am Leben bedroht waren. Aber für einen Nichtjuden war’s ja nicht zwingend, sondern es war eine reine Erwägung. Bei den Erwägungen war die Mehrzahl der Gedanken dahingehend, daß man bleibt, daß man hier abwartet und bleibt: vielleicht beruhigt sich das hier nach einiger Zeit. Dabei hat das Wunschdenken sicherlich eine Rolle gespielt. Wir waren überzeugt, der Hitler führt zum Krieg. Das ging soweit, daß man gedacht hat, daß, wenn die Arbeiter, die 1934 niedergeschlagen wurden, Waffen in die Hand kriegen, die Sache nach hinten losgeht…

Hannes Haas & Fritz Hausjell: Österreichische Journalisten über ihr Exil Eine Umfrage (II)

Einleitung: Exil aus der Perspektive von Betroffenen zu sehen war ein Motiv für die von medien & zeit durchgeführte und in Heft 1/88 sowie der vorliegenden Ausgabe präsentierte Umfrage unter österreichischen Exiljournalisten. Zudem möchten wir damit den Grundstein für ein Archiv der Erinnerungen von emigrierten österreichischen Journalisten über diesen wichtigen und bisher wenig beachteten Teil der hiesigen Journalismusgeschichte legen…

Friedrich Fuchs: Wie ich ein Leningrader wurde Als österreichischer Exilant beim Leningrader Rundfunk

Einleitung: In den Morgenstunden des 14. Februar 1934 zogen wir, eine Gruppe Stadlauer und Floridsdorfer Schutzbündler, vom Floridsdorfer Bahnhof in Richtung Gaswerk. Auf dem Platz beim Floridsdorfer Gaswerk stand eine größere Gruppe von Floridsdorfer Schutzbündlern, die ebenfalls nicht wußten, was weiter zu tun war. Wir machten ihnen den Vorschlag, da der Kampf in Wien wohl beendet sei, besser in die Tschechoslowakei auszuwandern, als uns hier umbringen zu lassen. 47 Schutzbündler aus Stadlau und Floridsdorf schlossen sich unserem Vorschlag an, und wir zogen ab…

Egon Michael Salzer: “Ihren Dreck brauchen wir nicht mehr. Heil Hitler!” Das Ende als Londoner Korrespondent

Einleitung: Verglichen mit den tragischen Schicksalen vieler meiner damaligen Kollegen erscheint mein Lebenslauf wie eine richtige “sunshine-story”. Das Schlimmste blieb mir ja erspart.

Mein Exil begann in London am Vorabend des deutschen Einmarsches in Wien. Als ich am 11. 3. 1938 zur gewohnten Stunde dem Neuen Wiener Journal meine Londoner Tagesmeldung telefonisch abgeben wollte, meldete sich die vertraute Stimme des Redakteurs, der sonst meine Berichte mit einem freundlichen „Na, sehr schön, Herr Salzer“ entgegennahm: „… Salzer? Ihren Dreck brauchen wir nicht mehr. Heil Hitler!“

Damit war meine siebenjährige Londoner Korrespondententätigkeit für Wiener Zeitungen abrupt zu Ende. Von den unsäglichen Leiden der Auswanderung und der Suche nach einer neuen Heimat blieb ich verschont. Über Nacht begann nur die geistige Emigration in das sprachliche und kulturelle Arbeitsmilieu der englischen „Berufsheimat“…

Rudolf Holzer: Österreichischer Exiljournalismus in Skandinavien 1938–1945

Einleitung:

Nach Dänemark habe ich Schweden aufgesucht.
Das ist ein Land, wo die Liebe zum Menschen stark entwickelt ist und auch die Liebe zum Beruf in einer höheren Bedeutung. Der interessanteste Fall von Liebe zum Beruf ist dort bei einem Menschen vor gekommen, der kein Schwede war.
Das macht aber nichts für die Theorie, denn seine Liebe zum Beruf ist grad in Schweden besonders ausgebildet und auf die Probe gestellt worden.
(Bertold Brecht, Flüchtlingsgespräche)

Einleitung

Exiljournalismus in Skandinavien heißt zwangsläufig in erster Linie: Aufenthalt und Tätigkeit bzw. verordnete Untätigkeit in Schweden; zumindest ab 1940, als nach der Besetzung Dänemarks und weiter Teile Norwegens durch die deutsche Wehrmacht diese beiden Länder aufgehört hatten, als unabhängige, schutzgewährende Staaten zu existieren. Daher findet sich in dieser kurzen Skizze über die österreichischen Exilantinnen und Exilanten des Journalismus fast ausschließlich eine Beobachtung der Situation in Schweden.

Daß es nicht mehr als eine Skizze sein kann, liegt in dem Umstand begründet, daß sie quasi nur eine Art Nebenprodukt einer allgemeinen Beschäftigung mit jener Epoche im Rahmen der Vorarbeiten für eine Fernsehproduktion darstellt. Die wesentlichsten Grundlagen im empirischen Bereich bildeten hierbei das Biographische Handbuch der deutschsprachigen Emigrationdie Arbeiten von Helmut Müssener zum deutschsprachigen Exil in Schweden, sowie die allgemeine Studie zum österreichischen Exiljournalismus von Fritz Hausjell. So ergab sich für die Analyse ein vorläufiges Sample von 32 Personen, das noch dahingehend differenziert wurde, als zwischen Journalistinnen im engeren Sinn (d. h. in erster Linie jene Personen, die bereits in der Zeit vor ihrer Flucht aus Österreich journalistisch tätig waren) und jenen Frauen und Männern, die erst im Exilland begonnen haben, sich journalistisch zu betätigen, unterschieden wurde…

Irene Etzersdorfer: “Vorwärts zur Deutschen Freiheit” Ideologische Entwicklungen des österreichischen Sozialismus im Untergrund und Exil

Einleitung: Unter dem Titel „Neue Aufgaben“ beschrieb im Pariser Exil 1938 eine Gruppe exilierter österreichischer Sozialisten ihre zukünftige Perspektive in ihrem theoretischen Organ Der Sozialistische Kampf: “Unsere Zeitschrift wird dem österreichischen Sozialismus dienen, indem sie ihren Beitrag zu leisten sucht zur geistigen, politischen und organisatorischen Erneuerung des gesamtdeutschen Sozialismus. (…) Bestimmt, an den Lösungen dieser großen Aufgabe mitzuarbeiten, wendet sich der “Sozialistische Kampf” an die Gesamtheit der deutschen Sozialisten”.

Nach den „erschütternden“ Erlebnissen der Okkupation Österreichs im März 1938 ringe der internationale Sozialismus um „neue Erkenntnisse und Perspektiven“. Diese, so die Herausgeber, ließen sich unter der Parole „Vorwärts zur Deutschen Freiheit“ zusammenfassen. Wem angesichts dieser Formulierung Assoziationen zu den Forderungen des Revolutionsjahres 1848 einfallen, dem ergeht es ähnlich wie der Autorin dieses Artikels. Doch es wurde das Jahr 1938 geschrieben. So unterschiedliche Vorstellungen von diesem „Ringen“ auch existieren mochten, so klar umrissen war von Anfang an das Fernziel dieser „neuen Aufgaben“: aus der „Neuorientierung des internationalen Sozialismus“ sollte in einem Nachkriegsdeutschland — über dessen territoriale Grenzen noch zu sprechen sein werde — eine neue deutsche sozialistische Partei hervorgehen, in der auch die Erben des ehemaligen österreichischen Sozialismus integriert werden sollten.

Es ist eine weitverbreitete Eigenschaft des politischen Exils, neue Organisationsstrukturen zu suchen und zahlreiche theoretische und organisatorische Debatten daran zu knüpfen. Karl Marx und Friedrich Engels, obzwar selbst Exilierte, fanden ausschließlich verächtliche Worte über den politischen Betätigungsdrang deutscher politischer Gruppierungen im Exil: „Je mehr dieser Menschenkehrricht durch eigene Impotenz wie durch die bestehenden Verhältnisse außerstand gesetzt war, irgend etwas Wirkliches zu tun, desto eifriger mußte jene resultatlose Scheintätigkeit betrieben werden, deren eingebildete Handlungen, eingebildete Parteien, eingebildete Kämpfe und eingebildete Interessen von den Beteiligten so pomphaft ausposaunt worden sind.“

Marx und Engels gelang tatsächlich eine Neuschaffung, doch es war keine, die aus dem Erbe einer bereits seit Jahrzehnten etablierten Massenpartei hervorgehen sollte. Im Falle des österreichischen Exils zwischen 1938 und 1945 waren die exilpolitischen Aktivitäten von einem relativ kleinen Aktionsraum, den die meisten Gastländer den politischen Exilanten gewährten, abhängig…