Hannes Haas: Welche Zukunft hat die Kommunikationsgeschichte? Eine Rundfrage

Einleitung
Kein Zweifel: das Ansehen der früher bisweilen belächelten Medien- und Kommunikationsgeschichte ist in den letzten Jahren gestiegen. Ein allgemein beobachtbarer Trend hin zur historischen Erkundung unserer Wurzeln hat den wichtigen öffentlichen Rückenwind erzeugt. Dazu kommt, daß sich das Gesamtfach in einer für die Entwicklung wissenschaftlicher Disziplinen wichtigen Phase der Konsolidierung befindet. Dazu gehört eben die für die Selbstdefinition und Abgrenzung so wichtige wissenschaftliche Ahnensuche, die Geschichte der universitären Institutionalisierung des Faches, die Aufarbeitung und Wiederentdeckung der klassischen Studien.

Neben diesem wissenschaftsgeschichtlichen Nutzen für die Publizistik- und Kommunikationswissenschaft hat die Medien- und Kommunikationsgeschichte in den letzten Jahren jene interdisziplinäre Öffnung bewältigt, die häufiger die Forderungskataloge als die tatsächlichen Leistungsberichte der Sozialwissenschaften füllt. Vor allem auf inhaltlichem und methodischem Gebiet wurden durch die Anwendung der “Oral History”, des narrativen Interviews und der biographischen Kommunikationsforschung entscheidende Fortschritte erzielt, die Bewegung in eine insgesamt eher stagnierende Forschungslandschaft brachten und nach wie vor nicht fundiert in die empirisch-theoretische Kommunikationsforschung integriert sind.

Äußere Zeichen des behaupteten Aufschwungs sind das große Interesse, das kommunikationshistorischen Themenstellungen entgegengebracht wird und etwa an der großen Zahl der Referenten und Teilnehmer der letztjährigen Tagung der Deutschen und der Österreichischen Gesellschaften für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft gemessen werden kann. Mit dem Symposium fällt auch die Gründung der vorliegenden Zeitschrift zusammen: der ersten und einzigen deutschsprachigen kommunikationsgeschichtlichen Fachzeitschrift. Im kommenden Frühjahr wird – wiederum in Wien und mit internationaler Beteiligung – eine dogmengeschichtlich bedeutsame Zusammenkunft erfolgen, bei der Paul F. Lazarsfelds, des Gründers der empirischen Sozial- und Kommunikationsforschung, gedacht werden soll.

Die vorliegende Rundfrage versteht sich einerseits als eine Art “intellektuelle Bilanz” zum Wiener Symposium, das nunmehr über ein Jahr und damit weit genug zurückliegt, um Zwischenbilanz ziehen zu können. Sie will andererseits die Einschätzung der Zukunft der Kommunikationsgeschichte für die persönliche wissenschaftliche Arbeit der Befragten, für die jeweiligen universitären Institute und für das Gesamtfach von seinen bedeutenden Vertretern erfragen. Wissend um die allgemeine Arbeitsüberlastung der Befragten und angesichts der Absicht, ein möglichst breites Meinungsspektrum zu erhalten, wurde für die Beantwortung nicht der Weg des wissenschaftlichen Einzelaufsatzes gewählt. Ich möchte vielmehr – der Problemstellung adäquat – die “verschüttete” historische Form der “Rundfrage” – in dieser Zeitschrift in der Folge in unregelmäßigen Abständen – wieder aufleben lassen, die in den 20er Jahren sowohl in Deutschland als auch in Österreich große Beliebtheit und Verbreitung besaß (vgl. etwa die bedeutenden Rundfragen in der “Literarischen Welt” zum Thema “Reportage”). …

Eine Antwort von Ulrich Saxer Das Altern der neuen Paradigmen, Daten und Medien

Einleitung
Th. W. Adorno hat vor gut dreißig Jahren ein Essay mit dem Titel Das Altern der Neuen Musik veröffentlicht und dieses darin gesehen, daß deren ursprünglicher Impuls verebbt und sie dadurch in Widerspruch zu sich selber geraten sei. Der Vorgang ist auch bei wissenschaftlichen Systemen immer wieder erkennbar, wenn ein Paradigma sich erschöpft, weil seine Aussagekraft ausgelotet ist oder sein Potential für die Beantwortung dringender oder veränderter Fragen einfach nicht ausreicht. Und in einem solchen Fall wäre eben die Besinnung auf die Paradigmengeschichte des eigenen Faches von gutem, wie vor allem der diskontinuierlich-repetitive Verlauf der Rezeptionsforschung zur Genüge verrät. Von hoher Bedeutung wäre insbesondere die Rekonstruktion früherer Zyklen, an denen einsichtig würde, mit welchen Argumentationen die jeweilige Mainstream-Publizistikwissenschaft welche Paradigmen verteidigte oder preisgab. Vielleicht ließe sich auf dieser Grundlage die nächste Phase der Wirkungsforschung, in der diese wieder von der These der Medienohnmacht ausgeht, leichter prognostizieren.

Denn der Historiker ist bekanntlich “ein rückwärts gekehrter Prophet” (Fr. Schlegel). Aus der Geschichte des eigenen Faches ließe sich dementsprechend sehr viel lernen, auch über das Altern jeweils neuer Medien. Zwar ist die Rieplsche Regel, daß neue Kommunikationstechniken alte nicht verdrängen, aber zur Funktionsanpassung nötigen, allmählich publizistikwissenschaftliches Allgemeinwissen geworden, aber trotzdem war die Reaktion des Faches auf das Heraufkommen der sog. Neuen Medien nicht besonders überzeugend. Mit ein Grund ist der Umstand, daß um Neues als neu zu erkennen, man um das Alte wissen muß. Bessere Kenntnisse der damaligen gesellschaftlichen Auswirkungen des Buchdrucks oder, jüngst, von Radio und Fernsehen hätten wohl auch der heutigen Begleitforschung anläßlich der Einführung neuer Medien Anregungen vermitteln können, die ihren Untersuchungsanlagen zugute gekommen wären. Je mehr Makroperspektiven endlich Eingang in die Publizistikwissenschaft finden und – glücklicherweise – auch dank zunehmender Einsicht des Faches in die Komplexität der mit publizistischer Kommunikation verbundenen Prozesse, desto schwerer fällt es ja, zu generalisierenden Aussagen zu kommen und drängt sich als methodischer Königsweg der Vergleich auf, und zwar eben nicht nur derjenige zwischen räumlich, sondern auch zwischen zeitlich verschiedenen Systemen. Hier verdienen im übrigen die heutigen Entwicklungsländer besondere Beachtung, als sie mit ihrer maßgeblich auch durch ihre Medienimporte “komprimierten” Geschichte in einem andern räumlichen Kontext Kommunikationshistorie in dichtester Form nach-, und in der Analphabetismusproblematik vielleicht vorholen. …

Eine Antwort von Jürgen Wilke

Einleitung
Die gestellte Frage schließt an das Wiener Symposium “Wege zur Kommunikationsgeschichte” vom Mai 1986 an. Sie ist naheliegend und berechtigt, weil der Wert einer solchen Veranstaltung nicht nur in dieser selbst besteht, sondern auch in den Konsequenzen, die sich langfristig aus ihr ergeben. Wissenschaftliche Fachtagungen können ja für die weitere Forschung wegweisende Funktion haben, zumal wenn sie durch einen so umfänglichen Sammelband dokumentiert werden.

Um ein altes, der Publizistikwissenschaft vertrautes Bild zu gebrauchen: Tagungen dieser Art sind “Spiegel” und “Organ” zugleich. Sie bündeln nämlich, was sich auf einem bestimmten Gebiet in der Forschung tut, und sie steuern andererseits die weitere Entwicklung von Forschungsinteressen und -aktivitäten. Insofern kommt ihnen auch eine durchaus forschungspolitische Bedeutung zu.

Allerdings ist hier eine nüchterne Betrachtung angebracht. Denn so imponierend es ist, die Breite kommunikationsgeschichtlicher Ansätze in dem Wiener Tagungsband versammelt zu sehen: Nicht von allen Autoren wird man weitere systematische Beiträge zur Kommunikationsgeschichte erwarten können. In einer ganzen Reihe von Fällen dürfte es sich eher um “Ausflüge” in diesen Forschungsbereich gehandelt haben, was keineswegs abwertend gemeint ist.

Auf die inhaltlichen Perspektiven der Wiener Tagung möchte ich hier nicht eingehen, zumal ich dazu selbst einiges in meinen dortigen zwei Referaten gesagt habe. Vielmehr scheint es mir wichtig, auf notwendige praktische Konsequenzen hinzuweisen. Die Zukunft der Kommunikationsgeschichte hängt wesentlich davon ab, ob es gelingt, ihr dauerhaft und systematisch Forschungsenergie zuzuführen. Dazu bedarf es m. E. vor allem einer organisatorischen Grundlage. Auch kommunikationsgeschichtliche Untersuchungen wird man mehr und mehr in Form von Projekten durchführen müssen. Ohne institutionelle Fundierung wird es einen “Erkenntnisschub” kaum geben können. …

Eine Antwort von Michael Schmolke

Einleitung
Der Fragesteller Hannes Haas hat seiner Einladung zum Mittun ein Zuckerl beigegeben: er wolle “die verschüttete historische Methode der Rundfrage … wieder aufleben lassen”. Und so greife ich denn auch zu etwas “Verschüttetem”, jedenfalls Altmodischem, zu einem weißen Blatt Papier, einem, soweit möglich, unschuldigen. Ich kann natürlich nicht aus dem Kopf streichen, was ich irgendwann (und im letzten Dezennium wieder häufiger und besser motiviert) zum Thema gelesen habe, aber ich arbeite mich nicht ein und verzichte auf die mehr oder weniger gelungene Placierung gut gefundener Zitate.

“Kommunikationsgeschichte” soll mehr sein als Mediengeschichte, und Mediengeschichte ist, wenn der Begriff taugen soll, umfassender als Pressegeschichte oder Filmgeschichte oder…
Für mein Verständnis ist Kommunikationsgeschichte zunächst einmal Kampfplatz der begrifflichen Redlichkeit. Denn wenn wir davon ausgehen, daß kommunikationsgeschichtliche Forschung eben nicht (korrekt: nicht nur) die Geschichte der Zeitung X oder der Presse des Landes Y oder des Senders Z erhellen soll, sondern die “öffentliche gesellschaftliche Kommunikation”, den “Dialog der Gesellschaft”, die “communicatio socialis”, in deren Prozeßverläufen dieses und jenes Medium eine Rolle gespielt hat, müssen wir vorher dingfest machen, was wir meinen mit “gesellschaftlicher Kommunikation”. Allgemeinbegriffe dieses Abstraktionsniveaus sind zwar notwendig, um das Feld mit kurzem Wort benennen zu können, aber auf dem Platz, wo “kommunikationsgeschichtlich” gearbeitet wird, sind die konkreten Gegenstände herzunehmen und zuzuordnen, – vielleicht am Anfang nur Mosaiksteinchen, wobei freilich schon auf Farben und Oberflächenbeschaffenheit zu achten sein wird, später Bilder, am Ende, wenn’s gelingt, Strukturen, möglichst in der Gestalt “anschaulicher Abstraktionen”.

Ich habe Respekt vor dem Versuch, jeden Schritt kommunikationsgeschichtlicher Methodik so ehrgeizig durchzureflektieren, daß gewissermaßen abstrakte Plattformen entstehen, wie diese eine der ersten Anregungen zur neuen Welle der Kommunikationsgeschichte vorgeschlagen hat (Lerg 1976). Aber ich selber gehe, offen gestanden, gern schneller an das Material heran, und so lange die unbeachteten Felder so groß sind, wie sie sich zur Zeit darbieten, ist es, so meine ich, erlaubt, die Entwicklung abstrakter Zugänge auf verschiedenen Ebenen des Erkenntnisinteresses “nebenbei” zu bedenken, ihnen jedenfalls nicht den Rangplatz 1 zuzuweisen. …

Eine Antwort von Kurt Koszyk

Einleitung
Der Begriff Kommunikationsgeschichte bedeutet, daß die Perspektive weg von den Medien hin auf die Rezipienten gerichtet werden soll. Das liegt im Trend der Epoche der Einschaltquoten und der Leserschaftsforschung.

Leider ist dies leichter gefordert als erfüllt. Die Quellenlage steht einer Rezipienten-Historiographie und damit der Kommunikationsgeschichte sehr hinderlich im Wege. Von einem Produkt aber auf seine Abnehmer zu schließen, erscheint fragwürdig. Wir kennen z.B. die mit viel Verve, aber wenig Dokumenten betriebenen “Hochrechnungen” zur Verbreitung früher Presseprodukte. Dennoch sollte unermüdlich versucht werden, da weiterzukommen.

In den letzten zehn Jahren sind – wenn auch nicht sehr systematisch – erfreuliche Entdeckungen gemacht worden. Noch erscheint es jedoch als zu früh, Einzelbefunde zu verallgemeinern. Das widerspräche jeder Empirie.

Mit der neuen Perspektive, wie sie durch das Kommunikationsmodell die Medienhistoriographie gekommen ist, ergaben sich neue Fragestellungen. Die Rezeptionsästhetik sowie sozialgeschichtliche Ansätze in der Literaturgeschichte haben dazu beigetragen, neue Fakten zu erarbeiten und alte Ergebnisse neu zu bewerten. Durch Modifikation von Fragestellungen lassen sich nicht selten neue Erkenntnisse erzielen.

Impulse erwarte ich mir nicht zuletzt von regional orientierten Forschungen, die ernst mit der Tatsache machen, daß den Wirklichkeiten im Gebiet der deutschsprachigen Publizistik nur mit differenzierten Erhebungen beizukommen ist.

Unser Blick sollte sich dabei über die Grenzen unserer Disziplin auf benachbarte Fachgebiete richten, von denen ich mir sowohl theoretische wie methodische Anregungen erhoffe. …

Walter Hömberg: Die kunstreichen Brüder oder Über die Zukunft der Kommunikationsgeschichte Notizen zu einer Rundfrage

Einleitung

“Es war einmal ein Marin, der hatte vier Söhne. Kaum waren sie herangewachsen, da sprach er zu ihnen: “Liebe Kinder, ihr müßt jetzt hinaus in die weite Welt. Ich habe nichts, das ich euch geben könnte. Macht euch auf und geht in die Fremde, lernt ein Handwerk und seht, wie ihr euch durchschlagt.” Als sie nach vier Jahren heimkehrten, hatte jeder eine gründliche Lehre durchgemacht; der eine als Jäger, der andere als Schneider, als Sterngucker der dritte, der vierte als Dieb. Es dauerte nicht lange, da konnten sie ihre Künste unter Beweis stellen: Die Königstochter war von einem Drachen entführt worden. Die vier Brüder besteigen ein Schiff, und schon bald erblickt der Sterngucker in seinem Fernrohr die Gesuchte: Sie sitzt auf einem Felsen im Meer, den Kopf des schlafenden Drachen auf ihrem Schoß. Dem Dieb gelingt es, die Königstochter unter dem Drachen weg zu stehlen. Als der Drache erwacht, verfolgt er wutschnaubend das Schiff. Der Jäger trifft ihn mitten ins Herz – doch das herabfallende Untier zerschmettert das Schiff. Da herrscht große Not, aber der Schneider flickt mit seiner wunderbaren Nadel alle Trümmer zusammen. Bald kann der König seine Tochter wieder in die Arme schließen, und es herrscht große Freude …”

An dieses alte, einst von den Grimms aufgeschriebene Märchen mußte ich denken, als der Postbote vor einigen Monaten den Berichtsband des Wiener Symposiums “Wege zur Kommunikationsgeschichte” ins Haus brachte. Literatur- und Theaterwissenschaftler, Politologen und Soziologen, Publizistik- und Kommunikationswissenschaftler, Volks- und Betriebswirte, ja sogar richtige Historiker zeigen darin, was sie gelernt haben. Wie bei den kunstreichen Brüdern geht es nicht ohne Prioritätsstreitigkeiten ab, aber schließlich setzt sich doch die Einsicht durch, daß die Rettung der Königstochter nur gemeinsam gelingen kann.

Der Band ist wahrlich kein Kleinod der Buchkunst, aber er ist eine wissenschaftliche Fundgrube. Jener Wiener Kongreß, der hier dokumentiert ist, war für die Teilnehmer nur in Ausschnitten wahrzunehmen; erst im Medium Buch erschließt sich das Nebeneinander der Arbeitsgruppen für jedermann, der lesen kann. “Was lernt uns das?” pflegen wissensdurstige Nordlichter zu fragen. Die Wiener Beiträger “lernen” uns, so meine ich dreierlei:

Erstens: Die Fachdiskussionen der letzten Jahrzehnte dokumentieren, daß auch auf dem Wege zur Kommunikationstheorie Fortschritte zu erkennen sind. Von den Schultern zeitgenössischer Theoretiker lassen sich auch Entwicklungen der Vergangenheit klarer erkennen. Allerdings: Gerade der Kommunikationshistoriker weiß, daß manche der Theoriekonzepte, die als jeweils neueste Kreation auf den Laufsteg geschickt werden, so neu nicht sind. Er kennt ihre Vorläufer und ist deshalb eher dagegen gefeit, den Feldzeichen selbsternannter neuer Paradigmata unbesehen zu folgen.

Zweitens: Die Methoden der Erkenntnisgewinnung sind in den letzten Jahren sowohl bei der Erhebung als auch bei der Auswertung empirischer Daten stark verfeinert worden. Methodenkombination, Mehrebenenanalyse, multivariante Auswertung mögen hier als Stichworte genügen. Allerdings: Quantifizierende Methoden, die in der Kommunikationsforschung gegenwärtig vorherrschen, sind zur Erfassung geschichtlicher Tatbestände häufig nicht angemessen. Bei der lückenhaften Materiallage der alten Quellen täuschen sie nur zu leicht eine Pseudopräzision vor. Die diachron vergleichende Inhaltsanalyse über lange zeitliche Distanzen etwa kann nur bei sehr abstrakter Kategorienbildung zu aussagefähigen Ergebnissen führen, wobei dann die historischen Besonderheiten von vornherein weggefiltert werden.

Drittens: Die Zeit der Einzelkämpfer ist auch in der kommunikationsgeschichtlichen Forschung vorbei. Kollektivprojekte und kooperative Arbeitsformen gewinnen immer mehr an Bedeutung: Sonderforschungsbereiche (wie jener in Siegen), Forschergruppen (wie die Deutsche Presseforschung in Bremen und die Projektgruppe Programmgeschichte im Deutschen Rundfunkarchiv, Frankfurt am Main und der Arbeitskreis für historische Kommunikationsforschung, Wien), Arbeitsgemeinschaften (wie jene im Umkreis der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel), Vereinigungen wie der Studienkreis Rundfunk und Geschichte…
Karteikarte und Fotokopie werden immer mehr durch Computer und EDV abgelöst, die Manufakturen durch Industriebetriebe verdrängt. Allerdings: Die Ergebnisse werden sich an dem zu messen haben, was die findigen Einzelforscher der Vergangenheit vorgelegt hatten.

Der Gegenstandsbereich der Kommunikationsgeschichte wie der Geschichte überhaupt erweitert sich mit jedem Augenblick, in dem Zukunft den schmalen Korridor der Gegenwart passiert und zur Vergangenheit wird. Wo anfangen, wo aufhören? Ich möchte hier keine Landkarte der knowledge gaps skizzieren, mich nicht als Lücken-Detektor betätigen, auch keine Forschungsprogramme entwickeln, sondern schlicht zwei Fragestellungen nennen, die mich gegenwärtig beschäftigen. …

Eine Antwort von Bodo Rollka Plädoyer für eine vergleichende historische Kommunikationsforschung: Bausteine und Fragen

Einleitung
Die “Wiederbelebung” der – wie Sie schreiben “verschütteten” – historischen Methode der Rundfrage begrüße ich. Könnte sie doch einen Dialog, oder, bescheidener, zumindest einen Erfahrungsaustausch einleiten.
Sie fragen nach der Zukunft der Kommunikationsgeschichte, ihren Aufgaben, ihrem Wandel, ihren Perspektiven und ihren Chancen. Sie beziehen sich dabei auf die “persönliche wissenschaftliche Arbeit”, das Institut und das Gesamtfach.

Darf ich den Fragenkatalog meinen Prioritäten entsprechend stärker auf das über die engeren Fachgrenzen hinausgreifende übergreifende Erkenntnisinteresse und die damit untrennbar verbundene Frage nach der Funktion historischer Kommunikationsforschung in unserem Lehr- und Forschungsprogramm konzentrieren?

Sicher ist hier nicht der Ort, um über Vorbildungs-, Ausbildungs- und Weiterbildungsmodelle zu räsonieren. Ich meine aber, daß historische Kommunikationsforschung sich in der Publizistikwissenschaft (als einem integrierenden Fach, das naturwissenschaftliche und geisteswissenschaftliche Ansätze und Methoden zu verbinden sucht) nicht nur aus historischen Gründen als ein unerläßlicher Stützpfeiler erweist.

Wie ich in meinem Beitrag zu Presse und Geschichte II (1987) ausführte, begreife ich historische Kommunikationsforschung als einen zentralen Bestandteil aller Ausbildungsformen im Bereich Journalistik/Publizistik. Sie ist dabei notwendig auf die parallele Erfassung der Geschichte der öffentlichen Kommunikation und der Wissenschaftsgeschichte unseres Faches und seiner Vorläufer (die auch in den Nachbarwissenschaften zu suchen sind) angewiesen. Deuteten verstärkte wissenschaftsgeschichtliche Ansätze in den letzten Jahren hier auf Forschungsdefizite hin, so haben sie doch gleichzeitig auch die Fragwürdigkeit nur eindimensionaler Ansätze unterstrichen.

Bei der Analyse der Kommunikation vergangener Epochen kann es nicht nur um die Rekonstruktion (und die damit verbundene Einladung zur Neubesichtigung) überholter Kommunikationsstrukturen gehen. Es geht auch nicht nur um mögliche Korrekturen, die Zerstörung von Legenden oder die beliebten relativierenden Feststellungen, es sei eben alles schon einmal dagewesen und deshalb erscheine noch immer Ruhe als die erste Bürgerpflicht gegenüber unangemessener Aufgeregtheit, wenn Innovationen in der Angebotsgestaltung oder neue Formen der Mediennutzung zu erneuter Überprüfung der Kommunikationslandschaft und ihrer Voraussetzungen auffordern. …

Wolfgang R. Langenbucher: Ein Plädoyer, Kommunikationsgeschichte endlich zu schreiben

Einleitung
Diesen Vorwurf muß ich mir wohl gefallen lassen, seitdem ich mich zum Thema Kommunikationsgeschichte äußere: Ich trage bei zum Überhang sogenannter „What you should do, I think“-Wissenschaft (Wilke 1984, S. 710). Darauf war auch diese Veranstaltung angelegt. Ich wollte provozieren, die Fachgenossen aus ihren Provinzen und Ghettos hervorholen, sie zum Gespräch über die Fachgrenzen hinweg zwingen. Ob das nur für die schönen Maitage in Wien gelungen ist (dies jedenfalls schließe ich aus mannigfachem, seitdem zu mir gedrungenem Echo) oder sich auch forschungspraktisch auswirkt, muß sich zeigen. Durch weitere „You should do, I think“-Argumente aus der kritischen Lektüre will ich versuchen, dazu beizutragen. Nicht zuletzt, um im Dickicht der 747 (!) Aufsatzseiten dieses Buches Schneisen zu finden, in die hoffentlich künftige Studierende unseres Faches, die historisch arbeiten wollen (und in Wien sind das nicht wenige!), hineingehen. …

Wolfgang Duchkowitsch: Wie halten es Studienanfänger mit Kommunikationsgeschichte? Ergebnisse zweier Befragungen

Einleitung
Zu Beginn der 80er Jahre hat der Hinweis, Geschichte sei im Gymnasium vor dem 1. Weltkrieg der beliebteste Unterrichtsgegenstand gewesen, bei Teilnehmern/innen der Hauptvorlesung Publizistikgeschichte an der Universität Wien zumeist erstaunte, wenn nicht sogar irritierte Bewegungen in der Sitzhaltung ausgelöst.

Um die Eingangsvoraussetzungen für eine medienhistorische Lehrveranstaltung war es vor allem bei den Erstsemestrigen zu dieser Zeit, aber auch in den Jahren davor, nicht gerade zum Besten bestellt. Dennoch lebte das historische Fach am Wiener Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft kein Schattendasein. Der Anteil an historischen Arbeiten betrug z. B. im Jahrzehnt 1973-1982, das Wolfgang R. Langenbucher anläßlich der Festgabe für Marianne Lunzer-Lindhausen zum Beobachtungszeitraum erhoben hatte, bei knapp 45% aller Dissertationen des Instituts. …

Winfried B. Lerg: Film Quelle, Zeugnis, Dokument

Einleitung
Filmgeschichte ist ein Moment der Kinogeschichte und diese wird heute vielfach als eine Mediengeschichte bezeichnet. Wer mit Materialobjekten von Wissenschaft seine epistemologischen Schwierigkeiten hat und sich lieber theoretischer Steuerung anvertrauen möchte, der wird bei der Kommunikationsgeschichte am besten aufgehoben sein. Kommunikationsgeschichte wiederum ist ein Moment der Sozialgeschichte. Dem Strukturpostulat der Sozialgeschichtsschreibung vermag die Kommunikations-geschichtsschreibung mit einem Elementarkonzept zu entsprechen, mit der publizistischen Struktur Kommunikator, Kommunikat, Rezipient. Anders als auf vielen Gebieten der allgemeinen Politikgeschichte, wo man sich erst kürzlich entschieden hat, auch einmal auf strukturelle als immer nur auf “eventuelle” oder ereignisbezogene Darstellung und Deutung hinzuarbeiten, ist der publizistischen Historiographie das Strukturdenken schon seit langem geläufig, – bisweilen schon allzu geläufig geworden. Denn immer wieder kommt es zur Fixierung auf einzelne Strukturelemente, beispielsweise auf bestimmte Kommunikatorpersonen (“Publizisten”) oder Kommunikatorinstitutionen (“Medien”), auf bestimmte Kommunikate (Presse-, Film-, Rundfunkformen und -inhalte), auf bestimmte Rezipientenschaften (Publica von Einzelmedien oder Einzelkommunikaten). Bei solchen Fixierungen, die auch und gerade in der allgemeinen Geschichte sowie in der Literatur- und Kunstgeschichte auftreten, wenn sie denn kommunikationshistorisch fragen, gerät notwendigerweise die erkenntnislogische Begründung jener publizistischen Struktur aus dem Blick: das Prozeß-Schema. Gleichwohl ist der Strukturzusammenhang nur auf dem theoretischen Hintergrund des Kommunikationsprozesses zu begreifen. …