Hannes Haas: Die späte Einsicht Ein Essay über die fehlende Aufarbeitung der Rolle der Zeitungswissenschaft zwischen 1933 und 1945

Einleitung
In einem kürzlich in der Zeit erschienenen Artikel mit dem Titel Methodenrausch im Vakuum berührt der Germanistikprofessor und Fachkritiker Joachim Dyck dunkle Punkte der Fachgeschichte und deren mangelnde Verarbeitung. „Germanistik und Deutschunterricht im Zeitalter der Technologie“ hatte das Thema des Germanistentages, dem dieser Referattext entstammt, gelautet. Trotz der augenscheinlichen formalen Themen Verfehlung trifft er den Kern eines für viele Wissenschaften zentralen Problems, das nach wie vor allgemein traurige Aktualität beansprucht: die beschämende Tabuisierung der eigenen Fachgeschichte in den Jahren 1933 und 1945. Vor dem gesellschaftspolitischen Hintergrund der zunehmenden budgetären Aushungerung der Geistes- und Gesellschaftswissenschaften stellt er sich scharf gegen die geläufigen Strategien vorauseilender Anpassung dieser Wissenschaften an erwartbare künftige Gesell- schaftsbedürfnisse durch die opportunistische Suche möglicher wissenschaftlicher Marktnischen zum Nutzen einzelner Institute und Personen, aber zum Schaden des Faches. Statt dessen plädiert Dyck für eine „historische Selbstbesinnung“, für eine konzentrierte kritische Aufarbeitung der Geschichte der Disziplin vor allem im Dritten Reich und des jedenfalls bruchlosen, meist auch folgenlosen Überganges in eine elfen- beintürmene Sicherheit des “geschützen Bereiches” Universität und der Flucht in die esoterische Sicherheit der konfliktfreien Themen. …

Peter Malina: “Die Geschichte entläßt niemanden” Das große Tabu Österreichs: Sein Umgang mit der Vergangenheit

Einleitung
Österreich hat nach 1945 lange Zeit in der Illusion gelebt, sich der Welt als ein Land präsentieren (und verkaufen) zu können, das von der Geschichte leben könne, ohne sich mit ihr auseinandersetzen zu müssen. Vor allem dann, wenn es darum ging, die faschistische Vergangenheit zur Sprache zu bringen, wollte man am liebsten alles vergessen und vergeben wissen. Fester Bestandteil dieses nationalen, bei öffentlichen Anlässen und Feierstunden immer wieder präsentierten allzeit glücklichen geschichtsträchtigen und zugleich geschichtslosen Österreich waren zwei historische Mythen: Österreich als das “erste” Opfer des Nationalsozialismus und die “Stunde Null” des Jahres 1945. Während mit der Fiktion des überwältigten, vergewaltigten Österreich im Jahre 1938 die Frage von Mitschuld und Mitverantwortung für das Unrechtsregime des Nationalsozialismus außer Streit gestellt wurde, suggerierte die Fiktion der “Stunde Null” einen nach der Niederlage des Nationalsozialismus vollkommen unbelasteten Neubeginn und gab damit endgültig die Möglichkeit, alles, was vorher in Österreich, an Österreichern und durch Österreicher geschehen war, einfach dem Vergessen anheim fallen zu lassen.

Daß dieses Vergessen ein Vergessen gegen massive Realitäten gewesen ist, die man nicht wahrhaben wollte, zeigt sich nun mit aller Deutlichkeit: Österreich und seine nicht bewältigte, nicht aufgearbeitete und nicht bearbeitete Vergangenheit sind ins Gerede gekommen. Nicht zuletzt durch die historische Nachhilfestunde der Massenmedien mußte die Geschichtswissenschaft in Östereich zur Kenntnis nehmen, daß vieles von dem, was im Verlaufe der letzten zwanzig Jahre in den Studierstuben erarbeitet und in wissenschaftlichen Publikationen niedergelegt worden ist, nicht das öffentliche Bewußtsein zu erreichen vermochte. Es wäre nun sicherlich verfehlt, sich beleidigt oder resigniert in die Bastionen der Wissenschaft zurückzuziehen. Notwendig ist es hingegen, sich gerade jetzt selbstkritisch und selbstbewußt zugleich, den Fragen der Öffentlichkeit zu stellen und in einen Diskurs über Möglichkeiten und Grenzen historischer Aufklärung durch Wissenschaft einzutreten. Anton Pelinka und Erika Weinzierl haben mit dem von ihnen herausgegebenen Sammelband “Das Große Tabu. Österreichs Umgang mit der Vergangenheit” einen Beitrag zu der in Österreich immer wieder verweigerten “Trauerarbeit” vorgelegt, wobei es ihnen vor allem darum ging, die “von außen kommende Kritik durch eine Kritik von innen zu ergänzen” (S. 7). So enstand eine Sammlung von bemerkenswerten Texten, in denen engagierte Historiker, Zeitzeugen und Publizisten, Germanisten und Psychoanalytiker vesuchten, den Spuren dieser verdrängten, nicht zur Kenntnis genommenen österreichischen Vergangenheit nachzugehen und sich nach den Ursachen der permanenten Verdrängung zu fragen. Für die “Nachgeborenen” entstand auf diese Weise ein überaus beeindruckendes Kompendium verschiedenster Ansätze und Erklärungsversuche, das nicht nur eine Fülle von Detailinformationen zur österreichischen Zeitgeschichte, sondern – und dies scheint mir im gegenwärtigen Zeitpunkt besonders wichtig – eine Reihe von Passagen enthält, die nachdenklich machen sollten – nachdenklich über das große Tabu Vergangenheit, das nun auch von einigen Tabu-Verletzern im wissenschaftlichen Bereich offengelegt worden ist. …

Gert Kerschbaumer: Faszination Drittes Reich Kunst und Alltag der Kulturmetropole Salzburg 1938

Einleitung

Jubelverse in der Presse

Die Macht des Umbruchs
Vom 11. auf den 12. März 1938.

Diese Nacht vergeß ich nie!
Diese Nacht so voller Spannung
nach den Jahren der Entmannung,
des Betruges, der Verbannung
und der dumpfen Lethargie.

Diese Nacht vergeß ich nie!
Wie sie durch die Straßen zogen,
wie die ersten Wimpel flogen
über breiten Mensehenwogen —
immer, immer seh ich sie!

Und auch das vergeß ich nie:
hinter dicken Rollgardinen
lauern die Systemruinen
und die Zähne klappern ihnen.
Tja, nun kommt die Reih an sie!”

Die Kapazität des Salzburger Volksblattes, einer Tageszeitung des Bürgertums, die weder “kommissarisch” geführt zu werden noch die “Blattlinie” zu ändern brauchte, scheint für die Schlammflut des Dilettantismus zu gering gewesen zu sein, denn die Redaktion mußte schon am 17. März 1938 die “Dichter” um Verständnis bitten, daß das Blatt “die Fülle der dichterischen Mitteilung” nicht erfassen könne. Am darauffolgenden Tag erklärte sich das Volksblatt außerstande, alle “Gedichte und Gesänge, die den großen Umbruch im deutschen Österreich feiern”, auch nur auf ihren Wert hin zu prüfen, geschweige denn sie zu veröffentlichen. Sie mögen in der Redaktion abgeholt werden.

Dennoch bot das Volksblatt etlichen Feiertags- und Konjunkturschriftstellern wie Leo Bini, Monika Kainzner, Heinz Jonke-Zellhof, Otto Pflanzl, Loni Seitz-Ransmayr, August Ramsauer, Isabella Mauracher, Franziska Buchstätter, Augustin Ableitner und auch bekannten Schriftstellern wie Josef Weinheber (Heimat), Herybert Menzel (Reih’ dich ein!) und Gerhard Schumann (Der Retter) einen Tummelplatz.

“Machtergreifung” und “Umbruch”, der durch Gewalt vollzogene Bruch mit dem “System” wird von ihnen als naturhafter, mythischer und religiöser Vorgang hingestellt. Sie suggerieren Heilserwartungen, Aufbauillusionen und das Zeitlose. Der religiöse Vorstellungsbereich wird aktiviert. Die Heilserwartung erfährt dabei allerdings eine entscheidende Umwertung; sie bedingt die Unterwerfung unter den Staat und dessen Repräsentanten. …

Eugen Semrau: “… Was mein Traum, meine Phantasie, mein wirkliches Leben ist” Ein Hinweis auf Alfred Schütz

Einleitung
Die individuelle Erfahrungswelt des Alltags mit ihren vielfältigen Sinnbezügen zum Ausgang sozialwissenschaftlicher Erkenntnis zu machen ist ein Gedanke, welcher seit einiger Zeit auch in der Kommunikationswissenschaft eine gewisse Attraktivität genießt. Über die Ursachen solcher Bestrebungen darf spekuliert werden: Sicher liegen sie zum Teil in der anhaltenden Krise eines positivistisch ausgerichteten Empirismus, der seinen Rationalitäts- und Objektivitätsanspruch auch gegen eine zunehmend komplexer werdende Welt- und Wirklichkeitserfahrung verteidigt. Ins Positive gewendet liegen sie aber auch im fortschreitenden Reifungsprozeß unserer Wissenschaft; im Suchen nach tragfähigen Grundlagen für eine sinnvolle Ordnung und Interpretation der Überfülle empirischen Materials, geboren aus der Kurzatmigkeit der “Agenda Setting – Uses and Gratification – Schweigespirale – Transaktionsansatz”-Moden.

Jürgen Habermas hat mit seiner Theorie des kommunikativen Handelns so einen Versuch unternommen und die Alltagserfahrung, welche aller wissenschaftlichen Erkenntnis “vorgängig” ist, zur Basis jeder fundierten sozialwissenschaftlichen Erkenntnis gemacht (Habermas, 1981). Er reaktiviert in seiner Studie Konzepte, welche sich bei George Herbert Mead, Emile Durckheim und vor allem bei Max Weber finden. Der Habermas’sche Entwurf ist aber auch von der Gedankenwelt eines Wiener Soziologen inspiriert, für den der Versuch des Verstehens von sozialem Handeln aus den Sinnbezügen der subjektiven Existenz heraus Programm und Herausforderung seines wissenschaftlichen Lebens war: Alfred Schütz. …

Georg Haberl: Anmerkungen zu den österreichischen Film-Tagen 1987 Rückblicke und Ausblicke

Einleitung
Als mit Klavierbegleitung im festlichen Rahmen die rekonstruierte Fassung des Stummfilmes Sodom und Gomorrha zu sehen war, erlebte man im prall gefüllten Kinosaal den Höhepunkt des diesjährigen nationalen Filmfestivals. Der Film aus dem Jahre 1922 füllt ein Defizit an neuen Spielfilmen des Jahres.

Michael Kertesz (später Curtiz) drehte dieses ehrgeizigste Projekt der Sascha-Produktion, mit der Ästhetik von Griffith im Hinterkopf.

Das österreichische Filmarchiv hat aus den Beständen mehrerer ausländischer Archive versucht, eine komplette Fassung zu erstellen. Leider fehlten letztendlich erhebliche Teile des Filmes, so daß man sich am Ende mit Standbildern und zeitgenössischen Texten behelfen mußte. Was bleibt, ist aber der wesentliche Hinweis auf die Wichtigkeit der Konservierung alter Filme, die über den filmgeschichtlichen Wert hinaus auch von allgemeiner historischer Bedeutung sind. …

Rezensionen 4/1987

Rotraut Hackermüller: Einen Handkuß der Gnädigsten. RODA RODA. Biographie. Wien, München: Herold Verlag 1986
– rezensiert von Hannes Haas

Theodor Herzl: Ein echter Wiener. Feuilletons, kommentiert von Andre Heller. Wien: Edition Wien, Jugend und Volk o.J.
Klaus Dethloff (Hg.): Theodor Herzl oder Der Moses des Fin de Siecle. (= Monographien zur österreichischen Kultur- und Geistesgeschichte, Bd. 1). Wien, Köln, Graz: Hermann Böhlaus Nachf. 1986
Norbert Leser (Hg.): Theodor Herzl und das Wien des Fin de Siecle. (= Schriftenreihe des Ludwig-Boltzmann-Instituts für neuere österreichische Geistesgeschichte, Bd. 5). Wien, Köln, Graz: Böhlau Verlag 1987
– vergleichend rezensiert von Hannes Haas

Heinz Kühn: Die Kunst der politischen Rede. 1. Auflage. Düsseldorf, Wien: Econ Verlag 1985
– rezensiert von Wolfgang Duchkowitsch

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Hannes Haas: Welche Zukunft hat die Kommunikationsgeschichte? Eine Rundfrage

Einleitung
Kein Zweifel: das Ansehen der früher bisweilen belächelten Medien- und Kommunikationsgeschichte ist in den letzten Jahren gestiegen. Ein allgemein beobachtbarer Trend hin zur historischen Erkundung unserer Wurzeln hat den wichtigen öffentlichen Rückenwind erzeugt. Dazu kommt, daß sich das Gesamtfach in einer für die Entwicklung wissenschaftlicher Disziplinen wichtigen Phase der Konsolidierung befindet. Dazu gehört eben die für die Selbstdefinition und Abgrenzung so wichtige wissenschaftliche Ahnensuche, die Geschichte der universitären Institutionalisierung des Faches, die Aufarbeitung und Wiederentdeckung der klassischen Studien.

Neben diesem wissenschaftsgeschichtlichen Nutzen für die Publizistik- und Kommunikationswissenschaft hat die Medien- und Kommunikationsgeschichte in den letzten Jahren jene interdisziplinäre Öffnung bewältigt, die häufiger die Forderungskataloge als die tatsächlichen Leistungsberichte der Sozialwissenschaften füllt. Vor allem auf inhaltlichem und methodischem Gebiet wurden durch die Anwendung der “Oral History”, des narrativen Interviews und der biographischen Kommunikationsforschung entscheidende Fortschritte erzielt, die Bewegung in eine insgesamt eher stagnierende Forschungslandschaft brachten und nach wie vor nicht fundiert in die empirisch-theoretische Kommunikationsforschung integriert sind.

Äußere Zeichen des behaupteten Aufschwungs sind das große Interesse, das kommunikationshistorischen Themenstellungen entgegengebracht wird und etwa an der großen Zahl der Referenten und Teilnehmer der letztjährigen Tagung der Deutschen und der Österreichischen Gesellschaften für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft gemessen werden kann. Mit dem Symposium fällt auch die Gründung der vorliegenden Zeitschrift zusammen: der ersten und einzigen deutschsprachigen kommunikationsgeschichtlichen Fachzeitschrift. Im kommenden Frühjahr wird – wiederum in Wien und mit internationaler Beteiligung – eine dogmengeschichtlich bedeutsame Zusammenkunft erfolgen, bei der Paul F. Lazarsfelds, des Gründers der empirischen Sozial- und Kommunikationsforschung, gedacht werden soll.

Die vorliegende Rundfrage versteht sich einerseits als eine Art “intellektuelle Bilanz” zum Wiener Symposium, das nunmehr über ein Jahr und damit weit genug zurückliegt, um Zwischenbilanz ziehen zu können. Sie will andererseits die Einschätzung der Zukunft der Kommunikationsgeschichte für die persönliche wissenschaftliche Arbeit der Befragten, für die jeweiligen universitären Institute und für das Gesamtfach von seinen bedeutenden Vertretern erfragen. Wissend um die allgemeine Arbeitsüberlastung der Befragten und angesichts der Absicht, ein möglichst breites Meinungsspektrum zu erhalten, wurde für die Beantwortung nicht der Weg des wissenschaftlichen Einzelaufsatzes gewählt. Ich möchte vielmehr – der Problemstellung adäquat – die “verschüttete” historische Form der “Rundfrage” – in dieser Zeitschrift in der Folge in unregelmäßigen Abständen – wieder aufleben lassen, die in den 20er Jahren sowohl in Deutschland als auch in Österreich große Beliebtheit und Verbreitung besaß (vgl. etwa die bedeutenden Rundfragen in der “Literarischen Welt” zum Thema “Reportage”). …

Eine Antwort von Ulrich Saxer Das Altern der neuen Paradigmen, Daten und Medien

Einleitung
Th. W. Adorno hat vor gut dreißig Jahren ein Essay mit dem Titel Das Altern der Neuen Musik veröffentlicht und dieses darin gesehen, daß deren ursprünglicher Impuls verebbt und sie dadurch in Widerspruch zu sich selber geraten sei. Der Vorgang ist auch bei wissenschaftlichen Systemen immer wieder erkennbar, wenn ein Paradigma sich erschöpft, weil seine Aussagekraft ausgelotet ist oder sein Potential für die Beantwortung dringender oder veränderter Fragen einfach nicht ausreicht. Und in einem solchen Fall wäre eben die Besinnung auf die Paradigmengeschichte des eigenen Faches von gutem, wie vor allem der diskontinuierlich-repetitive Verlauf der Rezeptionsforschung zur Genüge verrät. Von hoher Bedeutung wäre insbesondere die Rekonstruktion früherer Zyklen, an denen einsichtig würde, mit welchen Argumentationen die jeweilige Mainstream-Publizistikwissenschaft welche Paradigmen verteidigte oder preisgab. Vielleicht ließe sich auf dieser Grundlage die nächste Phase der Wirkungsforschung, in der diese wieder von der These der Medienohnmacht ausgeht, leichter prognostizieren.

Denn der Historiker ist bekanntlich “ein rückwärts gekehrter Prophet” (Fr. Schlegel). Aus der Geschichte des eigenen Faches ließe sich dementsprechend sehr viel lernen, auch über das Altern jeweils neuer Medien. Zwar ist die Rieplsche Regel, daß neue Kommunikationstechniken alte nicht verdrängen, aber zur Funktionsanpassung nötigen, allmählich publizistikwissenschaftliches Allgemeinwissen geworden, aber trotzdem war die Reaktion des Faches auf das Heraufkommen der sog. Neuen Medien nicht besonders überzeugend. Mit ein Grund ist der Umstand, daß um Neues als neu zu erkennen, man um das Alte wissen muß. Bessere Kenntnisse der damaligen gesellschaftlichen Auswirkungen des Buchdrucks oder, jüngst, von Radio und Fernsehen hätten wohl auch der heutigen Begleitforschung anläßlich der Einführung neuer Medien Anregungen vermitteln können, die ihren Untersuchungsanlagen zugute gekommen wären. Je mehr Makroperspektiven endlich Eingang in die Publizistikwissenschaft finden und – glücklicherweise – auch dank zunehmender Einsicht des Faches in die Komplexität der mit publizistischer Kommunikation verbundenen Prozesse, desto schwerer fällt es ja, zu generalisierenden Aussagen zu kommen und drängt sich als methodischer Königsweg der Vergleich auf, und zwar eben nicht nur derjenige zwischen räumlich, sondern auch zwischen zeitlich verschiedenen Systemen. Hier verdienen im übrigen die heutigen Entwicklungsländer besondere Beachtung, als sie mit ihrer maßgeblich auch durch ihre Medienimporte “komprimierten” Geschichte in einem andern räumlichen Kontext Kommunikationshistorie in dichtester Form nach-, und in der Analphabetismusproblematik vielleicht vorholen. …

Eine Antwort von Jürgen Wilke

Einleitung
Die gestellte Frage schließt an das Wiener Symposium “Wege zur Kommunikationsgeschichte” vom Mai 1986 an. Sie ist naheliegend und berechtigt, weil der Wert einer solchen Veranstaltung nicht nur in dieser selbst besteht, sondern auch in den Konsequenzen, die sich langfristig aus ihr ergeben. Wissenschaftliche Fachtagungen können ja für die weitere Forschung wegweisende Funktion haben, zumal wenn sie durch einen so umfänglichen Sammelband dokumentiert werden.

Um ein altes, der Publizistikwissenschaft vertrautes Bild zu gebrauchen: Tagungen dieser Art sind “Spiegel” und “Organ” zugleich. Sie bündeln nämlich, was sich auf einem bestimmten Gebiet in der Forschung tut, und sie steuern andererseits die weitere Entwicklung von Forschungsinteressen und -aktivitäten. Insofern kommt ihnen auch eine durchaus forschungspolitische Bedeutung zu.

Allerdings ist hier eine nüchterne Betrachtung angebracht. Denn so imponierend es ist, die Breite kommunikationsgeschichtlicher Ansätze in dem Wiener Tagungsband versammelt zu sehen: Nicht von allen Autoren wird man weitere systematische Beiträge zur Kommunikationsgeschichte erwarten können. In einer ganzen Reihe von Fällen dürfte es sich eher um “Ausflüge” in diesen Forschungsbereich gehandelt haben, was keineswegs abwertend gemeint ist.

Auf die inhaltlichen Perspektiven der Wiener Tagung möchte ich hier nicht eingehen, zumal ich dazu selbst einiges in meinen dortigen zwei Referaten gesagt habe. Vielmehr scheint es mir wichtig, auf notwendige praktische Konsequenzen hinzuweisen. Die Zukunft der Kommunikationsgeschichte hängt wesentlich davon ab, ob es gelingt, ihr dauerhaft und systematisch Forschungsenergie zuzuführen. Dazu bedarf es m. E. vor allem einer organisatorischen Grundlage. Auch kommunikationsgeschichtliche Untersuchungen wird man mehr und mehr in Form von Projekten durchführen müssen. Ohne institutionelle Fundierung wird es einen “Erkenntnisschub” kaum geben können. …

Eine Antwort von Michael Schmolke

Einleitung
Der Fragesteller Hannes Haas hat seiner Einladung zum Mittun ein Zuckerl beigegeben: er wolle “die verschüttete historische Methode der Rundfrage … wieder aufleben lassen”. Und so greife ich denn auch zu etwas “Verschüttetem”, jedenfalls Altmodischem, zu einem weißen Blatt Papier, einem, soweit möglich, unschuldigen. Ich kann natürlich nicht aus dem Kopf streichen, was ich irgendwann (und im letzten Dezennium wieder häufiger und besser motiviert) zum Thema gelesen habe, aber ich arbeite mich nicht ein und verzichte auf die mehr oder weniger gelungene Placierung gut gefundener Zitate.

“Kommunikationsgeschichte” soll mehr sein als Mediengeschichte, und Mediengeschichte ist, wenn der Begriff taugen soll, umfassender als Pressegeschichte oder Filmgeschichte oder…
Für mein Verständnis ist Kommunikationsgeschichte zunächst einmal Kampfplatz der begrifflichen Redlichkeit. Denn wenn wir davon ausgehen, daß kommunikationsgeschichtliche Forschung eben nicht (korrekt: nicht nur) die Geschichte der Zeitung X oder der Presse des Landes Y oder des Senders Z erhellen soll, sondern die “öffentliche gesellschaftliche Kommunikation”, den “Dialog der Gesellschaft”, die “communicatio socialis”, in deren Prozeßverläufen dieses und jenes Medium eine Rolle gespielt hat, müssen wir vorher dingfest machen, was wir meinen mit “gesellschaftlicher Kommunikation”. Allgemeinbegriffe dieses Abstraktionsniveaus sind zwar notwendig, um das Feld mit kurzem Wort benennen zu können, aber auf dem Platz, wo “kommunikationsgeschichtlich” gearbeitet wird, sind die konkreten Gegenstände herzunehmen und zuzuordnen, – vielleicht am Anfang nur Mosaiksteinchen, wobei freilich schon auf Farben und Oberflächenbeschaffenheit zu achten sein wird, später Bilder, am Ende, wenn’s gelingt, Strukturen, möglichst in der Gestalt “anschaulicher Abstraktionen”.

Ich habe Respekt vor dem Versuch, jeden Schritt kommunikationsgeschichtlicher Methodik so ehrgeizig durchzureflektieren, daß gewissermaßen abstrakte Plattformen entstehen, wie diese eine der ersten Anregungen zur neuen Welle der Kommunikationsgeschichte vorgeschlagen hat (Lerg 1976). Aber ich selber gehe, offen gestanden, gern schneller an das Material heran, und so lange die unbeachteten Felder so groß sind, wie sie sich zur Zeit darbieten, ist es, so meine ich, erlaubt, die Entwicklung abstrakter Zugänge auf verschiedenen Ebenen des Erkenntnisinteresses “nebenbei” zu bedenken, ihnen jedenfalls nicht den Rangplatz 1 zuzuweisen. …