Eine Antwort von Kurt Koszyk

Einleitung
Der Begriff Kommunikationsgeschichte bedeutet, daß die Perspektive weg von den Medien hin auf die Rezipienten gerichtet werden soll. Das liegt im Trend der Epoche der Einschaltquoten und der Leserschaftsforschung.

Leider ist dies leichter gefordert als erfüllt. Die Quellenlage steht einer Rezipienten-Historiographie und damit der Kommunikationsgeschichte sehr hinderlich im Wege. Von einem Produkt aber auf seine Abnehmer zu schließen, erscheint fragwürdig. Wir kennen z.B. die mit viel Verve, aber wenig Dokumenten betriebenen “Hochrechnungen” zur Verbreitung früher Presseprodukte. Dennoch sollte unermüdlich versucht werden, da weiterzukommen.

In den letzten zehn Jahren sind – wenn auch nicht sehr systematisch – erfreuliche Entdeckungen gemacht worden. Noch erscheint es jedoch als zu früh, Einzelbefunde zu verallgemeinern. Das widerspräche jeder Empirie.

Mit der neuen Perspektive, wie sie durch das Kommunikationsmodell die Medienhistoriographie gekommen ist, ergaben sich neue Fragestellungen. Die Rezeptionsästhetik sowie sozialgeschichtliche Ansätze in der Literaturgeschichte haben dazu beigetragen, neue Fakten zu erarbeiten und alte Ergebnisse neu zu bewerten. Durch Modifikation von Fragestellungen lassen sich nicht selten neue Erkenntnisse erzielen.

Impulse erwarte ich mir nicht zuletzt von regional orientierten Forschungen, die ernst mit der Tatsache machen, daß den Wirklichkeiten im Gebiet der deutschsprachigen Publizistik nur mit differenzierten Erhebungen beizukommen ist.

Unser Blick sollte sich dabei über die Grenzen unserer Disziplin auf benachbarte Fachgebiete richten, von denen ich mir sowohl theoretische wie methodische Anregungen erhoffe. …

Walter Hömberg: Die kunstreichen Brüder oder Über die Zukunft der Kommunikationsgeschichte Notizen zu einer Rundfrage

Einleitung

“Es war einmal ein Marin, der hatte vier Söhne. Kaum waren sie herangewachsen, da sprach er zu ihnen: “Liebe Kinder, ihr müßt jetzt hinaus in die weite Welt. Ich habe nichts, das ich euch geben könnte. Macht euch auf und geht in die Fremde, lernt ein Handwerk und seht, wie ihr euch durchschlagt.” Als sie nach vier Jahren heimkehrten, hatte jeder eine gründliche Lehre durchgemacht; der eine als Jäger, der andere als Schneider, als Sterngucker der dritte, der vierte als Dieb. Es dauerte nicht lange, da konnten sie ihre Künste unter Beweis stellen: Die Königstochter war von einem Drachen entführt worden. Die vier Brüder besteigen ein Schiff, und schon bald erblickt der Sterngucker in seinem Fernrohr die Gesuchte: Sie sitzt auf einem Felsen im Meer, den Kopf des schlafenden Drachen auf ihrem Schoß. Dem Dieb gelingt es, die Königstochter unter dem Drachen weg zu stehlen. Als der Drache erwacht, verfolgt er wutschnaubend das Schiff. Der Jäger trifft ihn mitten ins Herz – doch das herabfallende Untier zerschmettert das Schiff. Da herrscht große Not, aber der Schneider flickt mit seiner wunderbaren Nadel alle Trümmer zusammen. Bald kann der König seine Tochter wieder in die Arme schließen, und es herrscht große Freude …”

An dieses alte, einst von den Grimms aufgeschriebene Märchen mußte ich denken, als der Postbote vor einigen Monaten den Berichtsband des Wiener Symposiums “Wege zur Kommunikationsgeschichte” ins Haus brachte. Literatur- und Theaterwissenschaftler, Politologen und Soziologen, Publizistik- und Kommunikationswissenschaftler, Volks- und Betriebswirte, ja sogar richtige Historiker zeigen darin, was sie gelernt haben. Wie bei den kunstreichen Brüdern geht es nicht ohne Prioritätsstreitigkeiten ab, aber schließlich setzt sich doch die Einsicht durch, daß die Rettung der Königstochter nur gemeinsam gelingen kann.

Der Band ist wahrlich kein Kleinod der Buchkunst, aber er ist eine wissenschaftliche Fundgrube. Jener Wiener Kongreß, der hier dokumentiert ist, war für die Teilnehmer nur in Ausschnitten wahrzunehmen; erst im Medium Buch erschließt sich das Nebeneinander der Arbeitsgruppen für jedermann, der lesen kann. “Was lernt uns das?” pflegen wissensdurstige Nordlichter zu fragen. Die Wiener Beiträger “lernen” uns, so meine ich dreierlei:

Erstens: Die Fachdiskussionen der letzten Jahrzehnte dokumentieren, daß auch auf dem Wege zur Kommunikationstheorie Fortschritte zu erkennen sind. Von den Schultern zeitgenössischer Theoretiker lassen sich auch Entwicklungen der Vergangenheit klarer erkennen. Allerdings: Gerade der Kommunikationshistoriker weiß, daß manche der Theoriekonzepte, die als jeweils neueste Kreation auf den Laufsteg geschickt werden, so neu nicht sind. Er kennt ihre Vorläufer und ist deshalb eher dagegen gefeit, den Feldzeichen selbsternannter neuer Paradigmata unbesehen zu folgen.

Zweitens: Die Methoden der Erkenntnisgewinnung sind in den letzten Jahren sowohl bei der Erhebung als auch bei der Auswertung empirischer Daten stark verfeinert worden. Methodenkombination, Mehrebenenanalyse, multivariante Auswertung mögen hier als Stichworte genügen. Allerdings: Quantifizierende Methoden, die in der Kommunikationsforschung gegenwärtig vorherrschen, sind zur Erfassung geschichtlicher Tatbestände häufig nicht angemessen. Bei der lückenhaften Materiallage der alten Quellen täuschen sie nur zu leicht eine Pseudopräzision vor. Die diachron vergleichende Inhaltsanalyse über lange zeitliche Distanzen etwa kann nur bei sehr abstrakter Kategorienbildung zu aussagefähigen Ergebnissen führen, wobei dann die historischen Besonderheiten von vornherein weggefiltert werden.

Drittens: Die Zeit der Einzelkämpfer ist auch in der kommunikationsgeschichtlichen Forschung vorbei. Kollektivprojekte und kooperative Arbeitsformen gewinnen immer mehr an Bedeutung: Sonderforschungsbereiche (wie jener in Siegen), Forschergruppen (wie die Deutsche Presseforschung in Bremen und die Projektgruppe Programmgeschichte im Deutschen Rundfunkarchiv, Frankfurt am Main und der Arbeitskreis für historische Kommunikationsforschung, Wien), Arbeitsgemeinschaften (wie jene im Umkreis der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel), Vereinigungen wie der Studienkreis Rundfunk und Geschichte…
Karteikarte und Fotokopie werden immer mehr durch Computer und EDV abgelöst, die Manufakturen durch Industriebetriebe verdrängt. Allerdings: Die Ergebnisse werden sich an dem zu messen haben, was die findigen Einzelforscher der Vergangenheit vorgelegt hatten.

Der Gegenstandsbereich der Kommunikationsgeschichte wie der Geschichte überhaupt erweitert sich mit jedem Augenblick, in dem Zukunft den schmalen Korridor der Gegenwart passiert und zur Vergangenheit wird. Wo anfangen, wo aufhören? Ich möchte hier keine Landkarte der knowledge gaps skizzieren, mich nicht als Lücken-Detektor betätigen, auch keine Forschungsprogramme entwickeln, sondern schlicht zwei Fragestellungen nennen, die mich gegenwärtig beschäftigen. …

Eine Antwort von Bodo Rollka Plädoyer für eine vergleichende historische Kommunikationsforschung: Bausteine und Fragen

Einleitung
Die “Wiederbelebung” der – wie Sie schreiben “verschütteten” – historischen Methode der Rundfrage begrüße ich. Könnte sie doch einen Dialog, oder, bescheidener, zumindest einen Erfahrungsaustausch einleiten.
Sie fragen nach der Zukunft der Kommunikationsgeschichte, ihren Aufgaben, ihrem Wandel, ihren Perspektiven und ihren Chancen. Sie beziehen sich dabei auf die “persönliche wissenschaftliche Arbeit”, das Institut und das Gesamtfach.

Darf ich den Fragenkatalog meinen Prioritäten entsprechend stärker auf das über die engeren Fachgrenzen hinausgreifende übergreifende Erkenntnisinteresse und die damit untrennbar verbundene Frage nach der Funktion historischer Kommunikationsforschung in unserem Lehr- und Forschungsprogramm konzentrieren?

Sicher ist hier nicht der Ort, um über Vorbildungs-, Ausbildungs- und Weiterbildungsmodelle zu räsonieren. Ich meine aber, daß historische Kommunikationsforschung sich in der Publizistikwissenschaft (als einem integrierenden Fach, das naturwissenschaftliche und geisteswissenschaftliche Ansätze und Methoden zu verbinden sucht) nicht nur aus historischen Gründen als ein unerläßlicher Stützpfeiler erweist.

Wie ich in meinem Beitrag zu Presse und Geschichte II (1987) ausführte, begreife ich historische Kommunikationsforschung als einen zentralen Bestandteil aller Ausbildungsformen im Bereich Journalistik/Publizistik. Sie ist dabei notwendig auf die parallele Erfassung der Geschichte der öffentlichen Kommunikation und der Wissenschaftsgeschichte unseres Faches und seiner Vorläufer (die auch in den Nachbarwissenschaften zu suchen sind) angewiesen. Deuteten verstärkte wissenschaftsgeschichtliche Ansätze in den letzten Jahren hier auf Forschungsdefizite hin, so haben sie doch gleichzeitig auch die Fragwürdigkeit nur eindimensionaler Ansätze unterstrichen.

Bei der Analyse der Kommunikation vergangener Epochen kann es nicht nur um die Rekonstruktion (und die damit verbundene Einladung zur Neubesichtigung) überholter Kommunikationsstrukturen gehen. Es geht auch nicht nur um mögliche Korrekturen, die Zerstörung von Legenden oder die beliebten relativierenden Feststellungen, es sei eben alles schon einmal dagewesen und deshalb erscheine noch immer Ruhe als die erste Bürgerpflicht gegenüber unangemessener Aufgeregtheit, wenn Innovationen in der Angebotsgestaltung oder neue Formen der Mediennutzung zu erneuter Überprüfung der Kommunikationslandschaft und ihrer Voraussetzungen auffordern. …

Wolfgang R. Langenbucher: Ein Plädoyer, Kommunikationsgeschichte endlich zu schreiben

Einleitung
Diesen Vorwurf muß ich mir wohl gefallen lassen, seitdem ich mich zum Thema Kommunikationsgeschichte äußere: Ich trage bei zum Überhang sogenannter „What you should do, I think“-Wissenschaft (Wilke 1984, S. 710). Darauf war auch diese Veranstaltung angelegt. Ich wollte provozieren, die Fachgenossen aus ihren Provinzen und Ghettos hervorholen, sie zum Gespräch über die Fachgrenzen hinweg zwingen. Ob das nur für die schönen Maitage in Wien gelungen ist (dies jedenfalls schließe ich aus mannigfachem, seitdem zu mir gedrungenem Echo) oder sich auch forschungspraktisch auswirkt, muß sich zeigen. Durch weitere „You should do, I think“-Argumente aus der kritischen Lektüre will ich versuchen, dazu beizutragen. Nicht zuletzt, um im Dickicht der 747 (!) Aufsatzseiten dieses Buches Schneisen zu finden, in die hoffentlich künftige Studierende unseres Faches, die historisch arbeiten wollen (und in Wien sind das nicht wenige!), hineingehen. …

Wolfgang Duchkowitsch: Wie halten es Studienanfänger mit Kommunikationsgeschichte? Ergebnisse zweier Befragungen

Einleitung
Zu Beginn der 80er Jahre hat der Hinweis, Geschichte sei im Gymnasium vor dem 1. Weltkrieg der beliebteste Unterrichtsgegenstand gewesen, bei Teilnehmern/innen der Hauptvorlesung Publizistikgeschichte an der Universität Wien zumeist erstaunte, wenn nicht sogar irritierte Bewegungen in der Sitzhaltung ausgelöst.

Um die Eingangsvoraussetzungen für eine medienhistorische Lehrveranstaltung war es vor allem bei den Erstsemestrigen zu dieser Zeit, aber auch in den Jahren davor, nicht gerade zum Besten bestellt. Dennoch lebte das historische Fach am Wiener Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft kein Schattendasein. Der Anteil an historischen Arbeiten betrug z. B. im Jahrzehnt 1973-1982, das Wolfgang R. Langenbucher anläßlich der Festgabe für Marianne Lunzer-Lindhausen zum Beobachtungszeitraum erhoben hatte, bei knapp 45% aller Dissertationen des Instituts. …

Winfried B. Lerg: Film Quelle, Zeugnis, Dokument

Einleitung
Filmgeschichte ist ein Moment der Kinogeschichte und diese wird heute vielfach als eine Mediengeschichte bezeichnet. Wer mit Materialobjekten von Wissenschaft seine epistemologischen Schwierigkeiten hat und sich lieber theoretischer Steuerung anvertrauen möchte, der wird bei der Kommunikationsgeschichte am besten aufgehoben sein. Kommunikationsgeschichte wiederum ist ein Moment der Sozialgeschichte. Dem Strukturpostulat der Sozialgeschichtsschreibung vermag die Kommunikations-geschichtsschreibung mit einem Elementarkonzept zu entsprechen, mit der publizistischen Struktur Kommunikator, Kommunikat, Rezipient. Anders als auf vielen Gebieten der allgemeinen Politikgeschichte, wo man sich erst kürzlich entschieden hat, auch einmal auf strukturelle als immer nur auf “eventuelle” oder ereignisbezogene Darstellung und Deutung hinzuarbeiten, ist der publizistischen Historiographie das Strukturdenken schon seit langem geläufig, – bisweilen schon allzu geläufig geworden. Denn immer wieder kommt es zur Fixierung auf einzelne Strukturelemente, beispielsweise auf bestimmte Kommunikatorpersonen (“Publizisten”) oder Kommunikatorinstitutionen (“Medien”), auf bestimmte Kommunikate (Presse-, Film-, Rundfunkformen und -inhalte), auf bestimmte Rezipientenschaften (Publica von Einzelmedien oder Einzelkommunikaten). Bei solchen Fixierungen, die auch und gerade in der allgemeinen Geschichte sowie in der Literatur- und Kunstgeschichte auftreten, wenn sie denn kommunikationshistorisch fragen, gerät notwendigerweise die erkenntnislogische Begründung jener publizistischen Struktur aus dem Blick: das Prozeß-Schema. Gleichwohl ist der Strukturzusammenhang nur auf dem theoretischen Hintergrund des Kommunikationsprozesses zu begreifen. …

Anton Austermann: Kommunikationsgeschichte und gesellschaftliche Lernprozesse Pädagogische Reflexionen zu einem publizistischen Forschungsfeld

Einleitung
Wenn Menschen kommunizieren, können sie voneinander, auch miteinander lernen. Es kommt darauf an, daß sich ihr Wissen, ihr Bewußtsein, ihr Verhalten geändert hat: dann spricht man von Lernprozessen. Ob Menschen Gutes und Schönes oder Dummes und Schlimmes gelernt haben, ist wichtig unter normativen Gesichtspunkten, darf jedoch nicht die Frage verdecken, ob und wie überhaupt etwas gelernt wurde – und wenn’s “das Falsche” war. Wissenschaft hat Wirklichkeit aufzuklären, nicht zu benoten. Die pädagogische Frage, ob sich Kommunikationsgeschichte auch als Vernetzung individueller und gesellschaftlicher Lernprozesse begreifen läßt, zielt nicht auf normative Erkenntnisurteile, sondern auf neue Struktureinsichten zur menschlichen Kommunikation.

Menschliche Austauschphänomene werden unter den Aspekten von Änderung und Nichtänderung gesehen – das ist die schlichteste Formel für die pädagogische Frage nach dem Zusammenhang von Kommunikation und Lernen. Im jeweiligen historischen Kontext ist dieser Zusammenhang ohnehin hochkomplex, bedarf also zu seiner kategorialen wie materialen Aufschließung gerade der schlichten Fragestellung.

Kommunikationsgeschichte läßt sich als fortwährendes Zusammenspiel individueller und gesellschaftlicher Lernprozesse, ja, Lerngeschichten begreifen – so lautet meine These. Vom möglichen Nutzen dieser pädagogischen Sichtweise auf das publizistische Phänomen Kommunikationsgeschichte handelt der folgende Text. …

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Oliver Rathkolb: U.S.–Medienpolitik und die neue österreichische Journalistenelite

Einleitung
Vorweg sollte festgehalten werden, daß der Verfasser aufgrund von Einzelstudien zur Geschichte der Besatzungszeit in Österreich nach 1945 zur Ansicht gekommen ist, daß es die “Stunde Null” als vollständigen Neubeginn nicht gegeben hat. Dies wird durch die vielschichtigen verdeckten Kontinuitäten innerhalb unseres gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Lebens in anschaulicher Weise bewiesen. Es handelt sich im konkreten Fall jedoch nicht nur um eine partielle Kontinuität der Eliten aus der Zeit des Austrofaschismus und Nationalsozialismus, sondern auch um inhaltliche Kontinuitäten, die vor allem hinsichtlich konservativer Interpretation von Demokratie Auswirkungen auf unsere politische Kultur nach 1945 zeigten: Wohl gab es keine Diktatoren mehr, aber alliierte Besatzungsbehörden, und die österreichische Bürokratie und die Politikerelite traten durchaus als “Autoritäten” im eigentlichen Sinn des Wortes auf.

In diesem Beitrag soll die Rolle jener Besatzungsmacht untersucht werden, die ihre demokratischen Erfahrungen auch im Bereich des Journalismus einbringen wollte. Bereits ein flüchtiger Blick auf die US-Nachkriegsplanungen genügt, um den Nachweis zu erbringen, daß hier die engagiertesten und umfassendsten gesellschaftlichen Veränderungen projektiert waren: Reeducation – Umerziehung; Denazification – Entnazifizierung; Decartelization und Demilitarization waren Schlagwörter, die die Überlegungen zur permanenten Überwindung des Nationalsozialismus begleiteten. Der Ausgangspunkt für diese Projekte war eine Faschismusanalyse, nicht zuletzt beeinflußt durch die Frankfurter Schule, wobei vor allem seit 1943 Franz L. Neumann (Gewerkschaftsjurist und Politologe), Otto Kirchheimer (Staatsrechtler) und Herbert Marcuse (Philosoph) die entscheidenden Denkanstöße lieferten. In ihrer Faschismusanalyse, die am besten von Neumann in dessen Studie “Behemoth” zusammengefaßt wurde, dominiert neben der Kapitalismusanalyse (Monopolisierter Privatkapitalismus, durch Staatseingriffe gestützt, aber keineswegs planwirtschaftlich geregelt) die bewußte Auseinandersetzung mit der Sozialstruktur im Sinne einer Elitenherrschaft von Spitzen der Partei, der Wirtschaft, der Staatsbürokratie und des Militärs. Daher könne die nationalsozialistische Herrschaftsordnung nur zerstört werden, wenn es zu einer Elitenumschichtung käme, die die unterdrückten Mittel- und Arbeiterschichten begünstigen und in demokratiebestimmende Positionen bringen sollte. Aus diesen Überlegungen heraus, deren Rahmenbedingungen und Grenzen hier nicht aufgezeigt werden können, bleibt die Feststellung relevant, daß die rigiden Entnazifizierungsbestimmungen in Richtung Elitenaustausch sehr nachhaltig von solchen Überlegungen getragen wurden. …

Fritz Hausjell: Die gescheiterte Alternative Das Modell der Sozialisierung der Betriebsgewinne einer Zeitung am Beispiel der Salzburger Nachrichten (1945 – 1960)

Einleitung
Man stelle sich vor, der “Kurier” und die “Neue Kronen-Zeitung” stellen den überwiegenden Teil ihrer Gewinne zur Sanierung österreichischer Kulturbauten, etwa des desolaten Naturhistorischen Museums in Wien, zur Verfügung. Und stellen Sie sich weiters vor, daß diese beiden auflagenstarken Blätter dies nicht als einmalige PR-Aktion machen, sondern seit Jahren. Denn die österreichischen Zeitungsunternehmen haben sich verpflichtet, ihrer vielzitierten “öffentlichen Aufgabe” auch im ökonomischen Bereich gerecht zu werden.

Daß bei den Zeitungen, die Gewinne schreiben – was bei der Tagespresse heute nur etwa bei der Hälfte der Fall ist –, diese in Wirklichkeit ausschließlich den Eigentümern zugute kommen, ist das Ergebnis einer Entwicklung, deren Richtung am Beginn der Zweiten Republik noch nicht entschieden war. Heutzutage gilt es nicht nur in den Köpfen von österreichischen Unternehmern als das “natürlichste”, daß ein Eigentümer eines Medienbetriebes den Gewinn für sich behält. Daß auch diese Einstellung einem Entwicklungsprozeß unterlag, zeigt schon allein der Hinweis darauf, daß es unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg etwa in Deutschland einen Vorsitzenden des deutschen Zeitungsverlegerverbandes gab, der 1946 feststellte: “Wir wollen keine kapitalistische Presse, wir wollen als Beispiel sozialen Denkens nicht die restlose Ausnutzung einer Gewinnabschöpfung, sondern wir verlangen Sicherheit des Unternehmens im deutschen Gesetz, das außer der kapitalistischen Form Möglichkeiten genug bietet, die neue deutsche Presse durch Sicherstellung der Unabhängigkeit sowohl des Unternehmens als auch der Person des Lizenzträgers zu gewährleistend”.

Ein Paradebeispiel dafür war in Deutschland die “Frankfurter Rundschau”, die als “gemeinnütziges Unternehmen” geführt werden sollte, ein Modell, das allerdings nur kurz Bestand hatte. Einige andere deutsche Zeitungen diskutierten damals ähnliche Modelle oder versuchten abseits der rein privatkapitalistischen Organisationsform neue Wege, über Stiftungen und über Beteiligung der Redaktion am Verlag.

Auch in Österreich begann nach der militärischen Niederringung des NS-Regimes eine neue Ära. Die Medien wurden durch Entscheidungen der Alliierten neu geordnet. Die Periode des Faschismus hatte Anhänger des kapitalistischen Gesellschaftssystems zumindest verunsichert und Sozialisten und Kommunisten in der Auffassung bestärkt, daß die Produktionsverhältnisse dringend einer Änderung bedürfen. Den Sieg des Faschismus erlebte ein Teil der Bourgeoisie als Erfolg, weil dadurch der drohende Zusammenbruch des Kapitalismus abgewendet wurde. Die Niederlage des Faschismus im Jahr 1945 war dann das zweite Erfolgserlebnis für jene, da durch den “Wiederaufbau” der Kapitalismus an einem früheren Punkt wieder ansetzen konnte. Das Bürgertum befand sich in der unmittelbaren Nachkriegszeit allerdings in einer Legitimationskrise hinsichtlich des von ihm bevorzugten Wirtschafts- und Gesellschaftssystems. Dies ging im Bereich der Medienproduktion so weit, daß der Verband der Zeitungsherausgeber, der trotz der Präsidentschaft des sozialdemokratischen Ministers Oskar Helmer damals mehrheitlich kein sozialistisch orientiertes Gremium war, 1945/1946 mehrmals die Forderung nach Verstaatlichung der Papierindustrie erhob. 1947 war die Mehrheit der Zeitungsherausgeber von dieser Forderung jedoch schon abgerückt, lediglich die KPÖ-Vertreter urgierten diese weiterhin. …

Rezensionen 2/1987

Alois Schöpf: Fernseh-Spiele. Roman. Wien: Edition S. Verlag der Österreichischen Staatsdruckerei 1987
– rezensiert von Hannes Haas

Fritz Molden: Die Österreicher oder Die Macht der Geschichte. München, Wien: Langen Müller 1986
– rezensiert von Wolfgang Duchkowitsch

Werner Hadorn & Mario Cortesi: Mensch und Medien. Die Geschichte der Massenkommunikation. Band 2. Aarau, Stuttgart: AT Verlag 1986
– rezensiert von Wolfgang Duchkowitsch

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