Holger Rust: Publizistische Vergangenheitsbewältigung Eine Auseinandersetzung mit der Wahlkampfberichterstattung der meistgelesenen Tageszeitung Österreichs

Einleitung
Die österreichischen Präsidentschaftswahlen im Frühsommer des Jahres 1986 waren ein willkommener Anlaß, die Standardinstrumentarien der einschlägigen Inhaltsanalyse zur Erweiterung des Wissens um die moderne politische Publizistik einzusetzen. In den letzten Jahrzehnten ist ja in der Kommunikationswissenschaft durch die gezielte Entwicklung und den stetigen Einsatz dieser Instrumente eine eindrucksvolle Literatur entstanden, in der sich zahlreiche Einzelfallstudien mittlerweile zur Bestandsaufnahme eines essentiellen Teils der politischen Kultur der komplexen Massendemokratien zusammenfügen. Vor diesem Hintergrund schien es eine reizvolle Aufgabe, die publizistische Begleitung eines Wahlkampfes zu beobachten, in dem es um ein politisch weniger machtvolles und vor allem in der Tradition des Repräsentations- und Integrationsgedankens angelegtes Amt ging, das in sich die Symbolik der Einheit einer pluralistischen Kultur birgt. …

Friedrich B. Panzer: Zur Entwicklung literarischer und politischer Öffentlichkeit in den fünfziger Jahren

Einleitung

“ACHTUNG:
Was besteht ist veraltet”
(Oswald Wiener)

Die Kulturpolitik aller österreichischen Parlamentsparteien war nach 1945 vom Wunsch gekennzeichnet, eine Kultur (wieder-)erstehen zu lassen, die sich kaum von der im Ständestaat proklamierten “österreichischen Mission” unterschied. Sprach der kulturelle Sprecher der Kommunisten, Ernst Fischer, von einer “österreichischen Aufgabe” gegenüber der Welt, so meinte er im Grund dasselbe. Hans Heinz Hahnl schreibt in diesem Zusammenhang, daß Fischer ebenso wie die konservativen Kulturpolitiker dem “volksfremden Kosmopolitismus” die österreichische Volkskultur gegenüberstellte. Kurz: Zwischen politischen und kulturellen Reaktionären ist zu unterscheiden. In Österreich allerdings vereinigten sich – vor allem in der Kulturbürokratie – oft beide Gesinnungen in einer Person.

Als wichtigste Strömung in der Zweiten Republik darf diese alte und zugleich neue Österreich-Idee angenommen werden. Nicht nur, daß sie als Abgrenzung gegenüber Deutschland gedacht war (wobei sehr bald der ökonomische und kulturelle “Anschluß” an die BRD folgen sollte), sie war auch Grundlage eines weitgehenden Konsenses in der Führung der politischen Parteien und Institutionen – selbst wenn Anfang der fünfziger Jahre Anschlußideen kurzfristig wieder en vogue waren.

Der (Neu-)Besetzung von Positionen in Staat, Gesellschaft und Kulturverwaltung folgte rasch eine einseitige Kunst- und Literaturförderung, die in dieser Form durchaus eine Novität war. Neu war die Lage nicht zuletzt deshalb, weil die wenigen überlebenden und zurückgekehrten Redakteure und Künstler, die zuvor als Oppositionelle galten oder flüchten mußten, einfach keinen Rückhalt fanden. Ihre kritischen Stimmen waren die Stimmen weniger – sie waren zu leise und wurden nirgendwo verstärkt. Vor allem aber trafen sie, wenn wie gehört wurden, meistens auf die verständliche, wenn auch nicht wünschenswerte Reaktion jener, die nicht an ihre eigenen “Fehler” bzw. an die Mitschuld Österreichs an den nationalsozialistischen Verbrechen erinnert werden wollten. Wie sollte in dieser Atmosphäre – die auch von ehemaligen NS-Gegnern mitgetragen wurde – eine kritische Presse oder eine engagierte Literatur entstehen können? Eine einflußreiche, konsensbedachte Mehrheit stand einer verschwindend kritischen Minderheit gegenüber. Personen, die sich dem diktierten gesellschaftlichen Konsens nicht fügen wollten, waren wie Ernst Fischer oder Viktor Matejka bald aus dem offiziellen öffentlichen Leben verschwunden – mit ausschlaggebend war der wieder aufbrechende Konflikt zwischen Ost und West. …

Margit Steiger & Margit Suppan: Materialien zur Vergangenheit: Leni Riefenstahl

Einleitung
Seit nunmehr genau vierzig Jahren kämpft sie um ihre Rehabilitierung; 1949 als “Mitläufer” eingestuft und – nach einem neuerlichen Verfahren – 1952 als “nicht belastet”, amnestisiert, strengt Leni Riefenstahl verbissen Prozeß um Prozeß an, um ihre Vergangenheit ungeschehen zu machen.

“Mich hat das Gewöhnliche, Mittelmäßige nie interessiert. Ich war stets von der Leidenschaft für das Absolute und die Perfektion besessen.” Unumstritten außergewöhnlich, gemessen am üblichen Lebensweg einer Bürgerlichen der Weimarer Republik, verlief auch die Karriere der Leni Riefenstahl:

Am 22. August 1902 in Berlin geboren, versucht Berta Helene Amalie Riefenstahl bereits früh die bürgerliche Enge des Elternhauses zugunsten der Theaterwelt zu verlassen. Erst besucht sie die Kunstakademie, doch schon kurze Zeit später nimmt sie Ballettunterricht bei Mary Wigman, Jutta Klamt und der Eduardowa. Alle Welt feiert zu dieser Zeit den expressionistischen, aller herkömmlichen Tanzregeln baren Stil einer Isadora Duncan – und ganz Berlin jubelt der ehrgeizigen, kaum zwanzigjährigen Riefenstahl zu, wenn sie im durchscheinenden Chiffonkostüm den neuen Ausdruckstanz zelebriert. Internationaler Erfolg scheint sich anzubahnen, als Leni Riefenstahl kurz hintereinander Solovorstellungen in München, Zürich und Prag gibt, jedoch beendet eine Knieverletzung 1926 abrupt jede weitere Aussicht auf eine Ballettkarriere. Ungebrochen, mit der sie kennzeichnenden Unnachgiebigkeit und Sturheit stürzt sich die Riefenstahl in ein völlig neues Metier: Von den Bergfilmen Dr. Arnold Fancks begeistert, bemüht sie sich erfolgreich um ein Treffen mit dem Filmer, der, beeindruckt von der Zielstrebigkeit der jungen Frau, Leni Riefenstahl noch im gleichen Jahr zur Hauptdarstellerin in seinem Film “Der heilige Berg” macht. Mit unglaublichem Einsatz lernt die auf diesem Gebiet bisher völlig unerfahrene Riefenstahl Skilaufen und Bergklettern und wird mit den folgenden vier Bergfilmen: “Der große Sprung” (1927), “Weiße Hölle am Piz Palü” (1929), “Stürme über dem Montblanc” (1930) und “Der weiße Rausch” (1931) zum Inbegriff der romantisch-mystischen Naturverklärung der präfaschistischen Zeit. Pro-Nazitendenzen in diesen Filmen erkennt auch die amerikanische Filmkritikerin Susan Sontag: “Das Bergklettern in Fancks Bildern war eine visuell unwiderstehliche Metapher für grenzenloses Streben nach dem schönen und zugleich furchterregend hohen, mythischen Ziel, ein Streben, das sich später im Führerkult konkretisieren sollte.” …

Peter Malina: Das Juliabkommen 1936 Eine Presse-Dokumentation

Einleitung
Nach dem Scheitern des Anschlags auf das Bundeskanzleramt im Juli 1934 war die nationalsozialistische Österreich-Politik in eine neue Phase getreten: Hitler und die Deutsche Reichsregierung distanzierten sich notgedrungen öffentlich von dem fehlgeschlagenen “Putsch”; Theo Habicht, der Landesleiter der damals schon illegalen NSDAP in Österreich, wurde seiner Funktion enthoben, die Landesleitung der NSDAP für Österreich in München aufgelöst und offiziell eine Trennung zwischen Reichspolitik und NSDAP in Österreich vorgenommen. Kurt Rieth, der deutsche Gesandte in Wien, wurde zurückgezogen und durch Franz von Papen ersetzt, von dem man sich deutscherseits eine Entspannung der österreich-deutschen Beziehungen erwartete. Diese “Normalisierung” der deutsch-österreichischen Beziehungen fand ihren ersten Ausdruck in dem Juliabkommen des Jahres 1936, in dem Deutschland die Souveränität Österreichs anerkannte und dessen innenpolitische Entwicklung als innere Angelegenheit zu respektieren versprach. Österreich hingegen bestätigte – ohne auf seine Verpflichtungen im Rahmen der Römer Protokolle verzichten zu müssen – nur das, was offiziell bislang ohnedies immer wieder betont worden war: seinen Charakter als “deutschen” Staat. Das nicht veröffentlichte Zusatzprotokoll (das sogenannte “Gentlemen’s Agreement”) freilich war nichts anderes als die Akzeptierung der Einmischung des Deutschen Reiches in die inneren Verhältnisse Österreichs. Österreich stimmte darin einer engen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Zusammenarbeit mit dem Deutschen Reich und der Akkordierung der österreichischen mit der deutschen Außenpolitik zu, wobei in einer Klausel explizit die permanente Konsultation Deutschlands durch Österreich vorgesehen war. Darüber hinaus verpflichtete sich Österreich, eine Amnestie für Nationalsozialisten durchzuführen und Vertreter der sogenannten nationalen Opposition zur politischen Verantwortung heranzuziehen.

Im folgenden wird versucht, Inhalt und Zielsetzungen des Abkommens und seine Präsentation durch die österreichische Regierung in der Öffentlichkeit an Hand ausgewählter Pressezitate zu dokumentieren und die innerösterreichische Reaktion beziehungsweise die Stellungnahmen des Auslands an einigen Beispielen darzustellen. Die Auswahl mußte sich nicht zuletzt aus Platzgründen auf einige Wiener Zeitungen (“Wiener Zeitung”, “Reichspost”, “Neues Wiener Tagblatt”) konzentrieren. Um das “andere”, in die Illegalität abgedrängte Österreich auch zu Wort kommen zu lassen, wurden auch Publikationen und Flugblätter der in den Untergrund gedrängten politischen Opposition aufgenommen. Auslassungen im Text sind jeweils mit “…” gekennzeichnet; die Interpunktion ist den derzeit geltenden Regeln angeglichen. Die typographische Anordnung der Texte (Absatzgestaltung, Schlagzeilen) wurde teilweise verändert. Die Überschriften sind jeweils den zitierten Artikeln (teils paraphrasiert, teils wörtlich) entnommen. …

Wolfgang Duchkowitsch & Hannes Haas: Helmut Qualtinger Sein Kreuz mit den Medien

Einleitung
Am 29. September 1986 starb Helmut Qualtinger, Wiener Schauspieler, Kabarettist und Autor, im 57. Lebensjahr. Nachrufe in der österreichischen Tagespresse bemühten sich mehr oder minder gelungen, den Verblichenen in einem teilweise beinahe schon magischen Lichterkranz erscheinen zu lassen. Neben Fingerzeigen auf seine frühen Paraderollen als “Der Halbstarke” und “Travnicek” wurden die Erinnerungen des “gelernten” Österreichers vorzugsweise auf die mit Carl Merz gemeinsam kreierte Figur des “Herrn Karl” gelenkt, die inzwischen bereits zu einer Institution geworden ist. Mit diesem Symbol des Raunzers, der stets das Beste für sich herauszuschlagen weiß, des abgründigen und unverbesserlichen Mitläufers mit der gemütlichen Fassade, des nimmermüden Vertreters der schweigenden Mehrheit zu Diktatur und Nachkriegszeit wurde Helmut Qualtinger weit über die Grenzen Österreichs hinaus bekannt. …

Manfred Bobrowsky: Wege zur Kommunikationsgeschichte Internationales Symposium, Palais Auersperg, Wien, 8. – 10. Mai 1986

Einleitung
Einmal mehr war Wien im Mai dieses Jahres Schauplatz eines internationalen Symposiums. Mit dem Titel “Wege zur Kommunikationsgeschichte” signalisierte dieser Kongreß nicht nur das Bedürfnis vieler Wissenschaftler nach der gemeinsamen Diskussion eines “alten” Anliegens, sondern vielmehr den Aufbruch nach neuen Wegen einer Wissenschaftsdisziplin.

Nach rund einjähriger Vorbereitungszeit war es der Deutschen und österreichischen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft gelungen, rund 250 Wissenschaftler aus der Bundesrepublik Deutschland, der Schweiz, Polen, Jugoslawien, Italien, Ungarn, Frankreich, Holland, Schweden, der Deutschen Demokratischen Republik und Österreich nach Wien einzuladen.

Wien als Anziehungspunkt und die Atmosphäre des Palais Auersperg als Veranstaltungsort haben dem Symposium den würdigen Rahmen verliehen, den dieses Thema verdient. Die Verdrängung der alten “Zeitungswissenschaft” durch die empirische Kommunikationsforschung in den sechziger Jahren führte nun zu einer Renaissance mit neuen Titeln: Medien- und Kommunikationsgeschichte. Wolfgang R. Langenbucher sieht diesen Entwicklungsprozeß als Ausdehnung der traditionellen Pressegeschichtsforschung über das Trittbrett der Mediengeschichte schließlich zu einer umfassenden Kommunikationsgeschichte. “In den Geschichtswissenschaften haben die Beschäftigung mit neuen Wirklichkeitsbereichen, die Anwendung ungewohnter Perspektiven, die Erschließung unüblicher Quellen und die entspannte Rezeption theoretischer Ansätze zu einem” Neubeginn geführt, in der Kommunikationswissenschaft dürfen diese Innovationen jedenfalls nicht fehlen.

Neun Plenumsvorschläge am ersten und zweiten Tag des Symposiums versuchten eine Sondierung des Forschungsgebietes Kommunikationsgeschichte durchzuführen.

Hans Bausch, Elisabeth Noelle-Neumann, Maximilian Gottschlich, Jürgen Wilke, Siegfried Quandt, Gerhard Jagschitz, Marianne Lunzer, Roland Burkart und Michael Schmolke boten in ihren Vorträgen aus verschiedener Sichtweise, was Kommunikationsgeschichte heute leisten kann, und welche neuen Wege sie einschlagen muß.

Am Nachmittag des zweiten Tages teilten sich die Teilnehmer in sieben von Moderatoren geleiteten Arbeitsgruppen, in denen 56 aktive Teilnehmer zu folgenden Themenfeldern Vorträge hielten:

  • Methodenprobleme einer Kommunikationsgeschichtsschreibung
    (Wolfgang Duchkowitsch)
  • Geschichte der Kommunikationswissenschaft (Otto B. Roegele)
  • Historische Technikfolgenabschätzung am Beispiel der (Früh-)Geschichte der Tagespresse (Helmut W. Lang)
  • Historische Publikumsforschung (Manfred Bobrowsky)
  • Neue Wege der Rundfunkgeschichte: Programmgeschichte (Horst O. Halefeldt)
  • Medien- und Kommunikationskultur (Hans-Heinz Fabris)
  • Geschichte der Kommunikationsberufe und -Institutionen (Walter Hömberg)

Rezensionen 3/1986

Oswald Oberhuber (Hg.): Die Vertreibung des Geistigen aus Österreich. Zur Kulturpolitik des Nationalsozialismus. Wien: Hochschule für angewandte Kunst 1985
– rezensiert von Oliver Rathkolb

Liesbeth Waechter-Böhm (Hg.): Wien 1945, davor / danach. Wien: Verlag Christian Brandstätter 1985
– rezensiert von Oliver Rathkolb

Paul Kruntorad (Hg.): A.E.I.O.U. Wien: Österreichischer Bundesverlag 1985; A.E.I.O.U. Mythos, Gegenwart – Der österreichische Beitrag. Katalogbuch zur Ausstellung. Wien: Verlag Christian Brandstätter 1986
– rezensiert von Oliver Rathkolb

Gerhard Jagschitz & Klaus-Dieter Mulley (Hg.): Die „wilden“ fünfziger Jahre. Gesellschaft, Formen und Gefühle eines Jahrzehnts in Österreich. St. Pölten: Verlag Niederösterreichisches Pressehaus 1985
– rezensiert von Oliver Rathkolb

____________________________________________