Knut Hickethier: Programmgeschichte als Aufgabe Zu einigen methodischen Problemen der Mediengeschichtsschreibung

Einleitung
Mit dem Rundfunk, also mit Radio und Fernsehen, sind der Mediengeschichtsschreibung neue Problemstellungen erwachsen. Lange Zeit wurde die Geschichtlichkeit dieser Medien verdrängt (auch von den in den “schnellen” und “aktuellen” Medien Hörfunk und Fernsehen Arbeitenden selbst), weil die Medien neu waren – oder ihre geschichtliche Phase mit dem Jahr 1945 für abgeschlossen gehalten wurde. Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg galt als Gegenwart, und außerdem konnte man sich da doch noch an alles selbst erinnern.

Diese Auffassung ist mit den Jahren, zwangsläufig, im Schwinden begriffen. Die siebziger Jahre vollends haben die Historizität des Rundfunks ins Bewußtsein gerückt. Wesentlich dazu beigetragen haben Institutionen wie der 1969 gegründete “Studienkreis Rundfunk und Geschichte”, spater auch der Arbeitskreis “Geschichte und Massenmedien” sowie, in verschiedenen Wissenschaften, die immer zahlreicher werdenden historischen Arbeiten einzelner. Rundfunkgeschichte, das war zunächst vor allem die Geschichte der Sendeanstalten, der Institutionen, der Technik, bestenfalls noch die einzelner Personen. Wesentliches blieb ausgeblendet oder wurde allenfalls iIlustrierend erwähnt – weil man nicht wußte, wie man es in den Griff bekommen sollte: das Programm. …

Hannes Haas: Die Photometapher in der Reportagediskussion Ein Beitrag zur Genretheorie und Genrekunde

Einleitung

“I am a camera with its shutter open, quite passive, recording, not thinking. Recording the man shaving at the window opposite and the woman in the kimono washing her hair. Some day, all this will have to be developed, carefully printed, fixed.”
(Christopher Isherwood, 1930)

I.

Diese Sätze, mit denen Christopher Isherwood sein “Berliner Tagebuch” beginnt, sind die Konkretisierung der Fotometapher, die Beschreibung bestimmter Wahrnehmungsstrategien, die narrative Möglichkeiten der Textreportage mit dokumentarischen Leistungszuschreibungen der Fotografie verbinden.

Fotografie und Reportage haben sich unabhängig voneinander entwickelt als mögliche Verfahrensweisen zum Zugriff auf komplexe Wirklichkeit. Ende des 19. Jahrhunderts kommt es zur Annäherung, die 20er Jahre sind die Schnittstelle für die beiden Genres. Die These lautet, daß weder die Fotografie zur Reportage führt oder sie bedingt, noch umgekehrt die Reportage die Fotografie. Es werden aber aus den Verfahren der fotografischen Faktendokumentation Forderungen und Arbeitsanweisungen an die Reportage abgeleitet. Breite Akzeptanz und attestierte Leistungsfähigkeit der Fotografie führen zur Fotometapher, die entscheidende Bedeutung für die Reportagediskussion erhält. Im Verlaufe dieser Debatte, die nicht zuletzt von der Abbild- zur Konstruktionstheorie von Wirklichkeit führt und somit Medienrealität problematisiert, verändern sich die Ansprüche an die Reportage und – wenn auch nicht im gleichen Ausmaß – die Einschätzung der Fotografie. Um diese Wechselbeziehungen aufzeigen zu können, ist es notwendig, die spezifischen kulturellen, gesellschaftlichen, geistesgeschichtlichen, medialen etc. Umfeldbedingungen in die Darstellung zu integrieren. …

Peter Malina: “Ich bin ein Feind jeder Definition”. Friedrich Heer zum 70. Geburtstag Eine Würdigung in Zitaten

Einleitung
Trauerreden sind immer ein Anlaß, in bewegten Worten von dem Verblichenen Abschied zu nehmen und zu beteuern, wie unvergessen er sein werde. So ernsthaft dies auch im Moment gesagt sein mag, so schnell entschwinden diese Absichtserklärungen – insbesondere in der “Verdrängungsmeinschaft” Österreich – in der Regel sehr bald aus dem Gedächtnis. Friedrich Heer ist nun drei Jahre lang tot, und es ist nun an der Zeit, sich aus Anlaß seines siebzigsten Geburtstages seines Werkes und seines Lebens zu erinnern. Dies nicht aus Gründen der Sentimentalität, sondern vor allem deswegen, weil Friedrich Heer, einer der originellsten, produktivsten österreichischen Historiker ist, der zu Lebzeiten immer wieder zu Spruch und Widerspruch herausforderte. Friedrich Heers Texte heute zu lesen, heißt, die Vielfalt einer menschlichen, historisch geprägten, politischen Existenz zur Kenntnis zu nehmen, die gegen die Zeit und in der Zeit zugleich Tendenzen, Entwicklungen, Brüche und Traditionen entdeckte, die damals wie heute zeitgemäß und zeitlos zugleich sind. Friedrich Heers Werk, sein Denken, seine Träume, Hoffnungen und Sehnsüchte als Mensch, Christ und Wissenschaftler zu beschreiben heißt Friedrich Heer selbst zu Wort kommen zu lassen. Dies soll hier in einigen Ansätzen geschehen. …

Wolfgang Duchkowitsch: Vor 70 Jahren: Zeitungspapier = Notwendigkeitspapier Zur 1. Konferenz der Österreichischen Tageszeitungen

Einleitung
Die Konferenz der österreichischen Tageszeitungen fand auf Einladung des 1908 gegründeten Zentralvereins der Zeitungsunternehmungen am 20. Februar 1916 in der niederösterreichischen Handels- und Gewerbekammer statt, um ausschließlich zu rein wirtschaftlichen Fragen Stellung zu beziehen. Den unmittelbaren Anlaß für die Konferenz, an der Vertreter österreichischer Zeitungen ohne Unterschied der Parteienrichtung sowie der Nationalität teilnahmen, bot die Forderung des Papierfabrikverbandes um eine neuerliche Preiserhöhung für Rotationsdruckpapier um zehn Heller pro Kilogramm. Vom heutigen Standpunkt sind die mannigfachen Details dieser Konferenz von untergeordneter Bedeutung; etwa der Standpunkt eines Teilnehmers, sich mit einer Preiserhöhung von lediglich fünf bis sechs Heller pro Kilogramm einverstanden erklären zu können. Tragweite kommt der Versammlung jedoch insofern zu, als sich erstmals in der Geschichte der österreichischen Zeitungsindustrie Solidarisierungsversuche in ökonomischen Belangen abzuzeichnen begannen. Denn der Zentralverein repräsentierte zu dieser Zeit die Interessen von immerhin rund fünfzig Tagblättern.

Der Vertretungsanspruch der Konferenz war deshalb jedoch keineswegs schon umfassend und auf die Gesamtmonarchie zugeschnitten. So konnten vornehmlich die ungarischen Tageszeitungen in die Formierungsintention des Zentralvereins gegen die papiererzeugende Industrie nicht zur Gänze eingebunden werden. Sie hatten sich schon vor der Konferenz mit einer Preiserhöhung für Rotationsdruckpapier um zehn Heller einverstanden erklärt und damit den Zentralverein in dieser Angelegenheit präjudiziert. Im Gegensatz zu allen übrigen Blättern der Monarchie genossen die ungarischen Tageszeitungen allerdings bereits seit 1914 kraft eines besonderen Entgegenkommens der ungarischen Regierung ein Recht auf volle Portofreiheit. Was lag der Konferenz also näher, als denselben Zustand von der österreichischen Regierung zu verlangen?

Ein entsprechender Antrag lag vor, doch wurde eine solche Aquivalenzleistung von den Konferenzdelegierten schließlich entschieden mit dem Argument abgelehnt, daß diese Frage isoliert betrachtet und behandelt werden müßte: Zeitungen seien heute – im Krieg – keine Privatunternehmen, sondern eigentlich Organe der Regierung für deren Bekanntmachungen und Verlautbarungen. …

Georg Haberl: Das Verschwinden des Filmes Österreichische Filmtage 1986

Einleitung
Das österreichische Filmbüro – zum dritten Mal der kompetente Veranstalter – spricht gern von einer “Leistungsschau des österreichischen Filmes” und verweist auf die Rolle der Filmtage als Status-Quo-Beschreibung der österreichischen Filmkultur. Der Begriff weist aber über die bloße Auflistung von Filmen weit hinaus, auf den Kontext.

Das ist das große Plus dieser Veranstaltung, neben dem Abspielen der Filme wird vor allem der kulturelle und gesellschaftliche Umraum des Filmes reflektiert. Man ist sozusagen “in der Gegenwart historisch”.

Besonderes Kennzeichen anno 86 war die hohe Zahl von ORF-Produktionen, die bei den Langspielfilmen bereits den überwiegenden Teil des Angebotes ausmachten. Von der traditionellen Filmkritik eher negativ bewertet, weist dies aber in erster Linie auf geänderte mediale Verhältnisse, auf die noch einzugehen sein wird.

Bleiben wir bei den Filmen. Aus der Vielzahl der kurzen Beiträge war auch in diesem Jahr das Angebot der sogenannten “Experimentalfilmer” beachtlich. Insbesonders der Umgang mit Video, nicht im Gegensatz zum Film, zeigt die zukunftsorientierte Ausrichtung dieser Filme.

Ein Schattendasein fristet nach wie vor der dokumentarische Film in Österreich. Die Präsentation des Bandes “Dokumentarfilmschaffen in Österreich” der Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm hat nun immerhin ein Zeichen gesetzt, eine Diskussion zu diesem Thema kam aber über die Konstatierung der fehlenden finanziellen Mittel nicht hinaus.

Diskussionen sind das zweite Standbein der Filmtage, sind wesentlicher Aspekt, über die drängenden Probleme des Hier und Heute hinauszudenken. So konnte man mit einigem Interesse den bisherigen Ergebnissen des Langzeitprojektes “Medienkultur nach 1945” des Instituts für Publizistik der Universität Salzburg entgegenblicken. Die historische Aufarbeitung der medialen Situation ist für den Filmbereich besonders interessant und aufschlußreich. …

Rezensionen 4/1986

Deutsches Rundfunkarchiv (Hg.) & Doris Rehme (Bearbeitung): Materialien zur Rundfunkgeschichte Band 3: Rundfunkpublikationen – Eigenproduktionen des Rundfunks und Fachperiodika 1923-1986. Ein Bestandsverzeichnis. Frankfurt am Main: Historisches Archiv der ARD 1986
– rezensiert von Theodor Venus

Klaus Amann: P.E.N. – Politik, Emigration, Nationalsozialismus. Ein österreichischer Schriftstellerclub. Wien, Graz, Köln: Böhlau 1984
– rezensiert von Theodor Venus

Klaus Amann (Hg.): Polemiken, Essays und Feuilletons Karl Tschuppik – Von Franz Joseph zu Adolf Hitler. Wien, Graz, Köln: Böhlau 1982
– rezensiert von Theodor Venus

Elisabeth Schulz: Wilhelm Bauer. Studien zu Leben und Werk. (= Dissertationen der Universität Wien, Bd. 142). Wien: Verlag der wissenschaftlichen Gesellschaften Österreichs 1979
– rezensiert von Theodor Venus

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Holger Rust: Publizistische Vergangenheitsbewältigung Eine Auseinandersetzung mit der Wahlkampfberichterstattung der meistgelesenen Tageszeitung Österreichs

Einleitung
Die österreichischen Präsidentschaftswahlen im Frühsommer des Jahres 1986 waren ein willkommener Anlaß, die Standardinstrumentarien der einschlägigen Inhaltsanalyse zur Erweiterung des Wissens um die moderne politische Publizistik einzusetzen. In den letzten Jahrzehnten ist ja in der Kommunikationswissenschaft durch die gezielte Entwicklung und den stetigen Einsatz dieser Instrumente eine eindrucksvolle Literatur entstanden, in der sich zahlreiche Einzelfallstudien mittlerweile zur Bestandsaufnahme eines essentiellen Teils der politischen Kultur der komplexen Massendemokratien zusammenfügen. Vor diesem Hintergrund schien es eine reizvolle Aufgabe, die publizistische Begleitung eines Wahlkampfes zu beobachten, in dem es um ein politisch weniger machtvolles und vor allem in der Tradition des Repräsentations- und Integrationsgedankens angelegtes Amt ging, das in sich die Symbolik der Einheit einer pluralistischen Kultur birgt. …

Friedrich B. Panzer: Zur Entwicklung literarischer und politischer Öffentlichkeit in den fünfziger Jahren

Einleitung

“ACHTUNG:
Was besteht ist veraltet”
(Oswald Wiener)

Die Kulturpolitik aller österreichischen Parlamentsparteien war nach 1945 vom Wunsch gekennzeichnet, eine Kultur (wieder-)erstehen zu lassen, die sich kaum von der im Ständestaat proklamierten “österreichischen Mission” unterschied. Sprach der kulturelle Sprecher der Kommunisten, Ernst Fischer, von einer “österreichischen Aufgabe” gegenüber der Welt, so meinte er im Grund dasselbe. Hans Heinz Hahnl schreibt in diesem Zusammenhang, daß Fischer ebenso wie die konservativen Kulturpolitiker dem “volksfremden Kosmopolitismus” die österreichische Volkskultur gegenüberstellte. Kurz: Zwischen politischen und kulturellen Reaktionären ist zu unterscheiden. In Österreich allerdings vereinigten sich – vor allem in der Kulturbürokratie – oft beide Gesinnungen in einer Person.

Als wichtigste Strömung in der Zweiten Republik darf diese alte und zugleich neue Österreich-Idee angenommen werden. Nicht nur, daß sie als Abgrenzung gegenüber Deutschland gedacht war (wobei sehr bald der ökonomische und kulturelle “Anschluß” an die BRD folgen sollte), sie war auch Grundlage eines weitgehenden Konsenses in der Führung der politischen Parteien und Institutionen – selbst wenn Anfang der fünfziger Jahre Anschlußideen kurzfristig wieder en vogue waren.

Der (Neu-)Besetzung von Positionen in Staat, Gesellschaft und Kulturverwaltung folgte rasch eine einseitige Kunst- und Literaturförderung, die in dieser Form durchaus eine Novität war. Neu war die Lage nicht zuletzt deshalb, weil die wenigen überlebenden und zurückgekehrten Redakteure und Künstler, die zuvor als Oppositionelle galten oder flüchten mußten, einfach keinen Rückhalt fanden. Ihre kritischen Stimmen waren die Stimmen weniger – sie waren zu leise und wurden nirgendwo verstärkt. Vor allem aber trafen sie, wenn wie gehört wurden, meistens auf die verständliche, wenn auch nicht wünschenswerte Reaktion jener, die nicht an ihre eigenen “Fehler” bzw. an die Mitschuld Österreichs an den nationalsozialistischen Verbrechen erinnert werden wollten. Wie sollte in dieser Atmosphäre – die auch von ehemaligen NS-Gegnern mitgetragen wurde – eine kritische Presse oder eine engagierte Literatur entstehen können? Eine einflußreiche, konsensbedachte Mehrheit stand einer verschwindend kritischen Minderheit gegenüber. Personen, die sich dem diktierten gesellschaftlichen Konsens nicht fügen wollten, waren wie Ernst Fischer oder Viktor Matejka bald aus dem offiziellen öffentlichen Leben verschwunden – mit ausschlaggebend war der wieder aufbrechende Konflikt zwischen Ost und West. …

Margit Steiger & Margit Suppan: Materialien zur Vergangenheit: Leni Riefenstahl

Einleitung
Seit nunmehr genau vierzig Jahren kämpft sie um ihre Rehabilitierung; 1949 als “Mitläufer” eingestuft und – nach einem neuerlichen Verfahren – 1952 als “nicht belastet”, amnestisiert, strengt Leni Riefenstahl verbissen Prozeß um Prozeß an, um ihre Vergangenheit ungeschehen zu machen.

“Mich hat das Gewöhnliche, Mittelmäßige nie interessiert. Ich war stets von der Leidenschaft für das Absolute und die Perfektion besessen.” Unumstritten außergewöhnlich, gemessen am üblichen Lebensweg einer Bürgerlichen der Weimarer Republik, verlief auch die Karriere der Leni Riefenstahl:

Am 22. August 1902 in Berlin geboren, versucht Berta Helene Amalie Riefenstahl bereits früh die bürgerliche Enge des Elternhauses zugunsten der Theaterwelt zu verlassen. Erst besucht sie die Kunstakademie, doch schon kurze Zeit später nimmt sie Ballettunterricht bei Mary Wigman, Jutta Klamt und der Eduardowa. Alle Welt feiert zu dieser Zeit den expressionistischen, aller herkömmlichen Tanzregeln baren Stil einer Isadora Duncan – und ganz Berlin jubelt der ehrgeizigen, kaum zwanzigjährigen Riefenstahl zu, wenn sie im durchscheinenden Chiffonkostüm den neuen Ausdruckstanz zelebriert. Internationaler Erfolg scheint sich anzubahnen, als Leni Riefenstahl kurz hintereinander Solovorstellungen in München, Zürich und Prag gibt, jedoch beendet eine Knieverletzung 1926 abrupt jede weitere Aussicht auf eine Ballettkarriere. Ungebrochen, mit der sie kennzeichnenden Unnachgiebigkeit und Sturheit stürzt sich die Riefenstahl in ein völlig neues Metier: Von den Bergfilmen Dr. Arnold Fancks begeistert, bemüht sie sich erfolgreich um ein Treffen mit dem Filmer, der, beeindruckt von der Zielstrebigkeit der jungen Frau, Leni Riefenstahl noch im gleichen Jahr zur Hauptdarstellerin in seinem Film “Der heilige Berg” macht. Mit unglaublichem Einsatz lernt die auf diesem Gebiet bisher völlig unerfahrene Riefenstahl Skilaufen und Bergklettern und wird mit den folgenden vier Bergfilmen: “Der große Sprung” (1927), “Weiße Hölle am Piz Palü” (1929), “Stürme über dem Montblanc” (1930) und “Der weiße Rausch” (1931) zum Inbegriff der romantisch-mystischen Naturverklärung der präfaschistischen Zeit. Pro-Nazitendenzen in diesen Filmen erkennt auch die amerikanische Filmkritikerin Susan Sontag: “Das Bergklettern in Fancks Bildern war eine visuell unwiderstehliche Metapher für grenzenloses Streben nach dem schönen und zugleich furchterregend hohen, mythischen Ziel, ein Streben, das sich später im Führerkult konkretisieren sollte.” …

Peter Malina: Das Juliabkommen 1936 Eine Presse-Dokumentation

Einleitung
Nach dem Scheitern des Anschlags auf das Bundeskanzleramt im Juli 1934 war die nationalsozialistische Österreich-Politik in eine neue Phase getreten: Hitler und die Deutsche Reichsregierung distanzierten sich notgedrungen öffentlich von dem fehlgeschlagenen “Putsch”; Theo Habicht, der Landesleiter der damals schon illegalen NSDAP in Österreich, wurde seiner Funktion enthoben, die Landesleitung der NSDAP für Österreich in München aufgelöst und offiziell eine Trennung zwischen Reichspolitik und NSDAP in Österreich vorgenommen. Kurt Rieth, der deutsche Gesandte in Wien, wurde zurückgezogen und durch Franz von Papen ersetzt, von dem man sich deutscherseits eine Entspannung der österreich-deutschen Beziehungen erwartete. Diese “Normalisierung” der deutsch-österreichischen Beziehungen fand ihren ersten Ausdruck in dem Juliabkommen des Jahres 1936, in dem Deutschland die Souveränität Österreichs anerkannte und dessen innenpolitische Entwicklung als innere Angelegenheit zu respektieren versprach. Österreich hingegen bestätigte – ohne auf seine Verpflichtungen im Rahmen der Römer Protokolle verzichten zu müssen – nur das, was offiziell bislang ohnedies immer wieder betont worden war: seinen Charakter als “deutschen” Staat. Das nicht veröffentlichte Zusatzprotokoll (das sogenannte “Gentlemen’s Agreement”) freilich war nichts anderes als die Akzeptierung der Einmischung des Deutschen Reiches in die inneren Verhältnisse Österreichs. Österreich stimmte darin einer engen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Zusammenarbeit mit dem Deutschen Reich und der Akkordierung der österreichischen mit der deutschen Außenpolitik zu, wobei in einer Klausel explizit die permanente Konsultation Deutschlands durch Österreich vorgesehen war. Darüber hinaus verpflichtete sich Österreich, eine Amnestie für Nationalsozialisten durchzuführen und Vertreter der sogenannten nationalen Opposition zur politischen Verantwortung heranzuziehen.

Im folgenden wird versucht, Inhalt und Zielsetzungen des Abkommens und seine Präsentation durch die österreichische Regierung in der Öffentlichkeit an Hand ausgewählter Pressezitate zu dokumentieren und die innerösterreichische Reaktion beziehungsweise die Stellungnahmen des Auslands an einigen Beispielen darzustellen. Die Auswahl mußte sich nicht zuletzt aus Platzgründen auf einige Wiener Zeitungen (“Wiener Zeitung”, “Reichspost”, “Neues Wiener Tagblatt”) konzentrieren. Um das “andere”, in die Illegalität abgedrängte Österreich auch zu Wort kommen zu lassen, wurden auch Publikationen und Flugblätter der in den Untergrund gedrängten politischen Opposition aufgenommen. Auslassungen im Text sind jeweils mit “…” gekennzeichnet; die Interpunktion ist den derzeit geltenden Regeln angeglichen. Die typographische Anordnung der Texte (Absatzgestaltung, Schlagzeilen) wurde teilweise verändert. Die Überschriften sind jeweils den zitierten Artikeln (teils paraphrasiert, teils wörtlich) entnommen. …