Siegfried J. Schmidt: Konstruktivismus: ein Pate des Fake_Ismus?

1. Nach Ansicht der sog. Neuen Realisten, wie z. B. M. Gabriel oder P. Boghossian, ist die postmoderne Philosophie, unter die umstandslos auch „der Konstruktivismus“ subsumiert wird, verantwortlich für die Auffassung, dass unser Umgang mit Wirklichkeit und Wahrheit völlig beliebig ist, weil wir „[…] alle Fakten oder Tatsachen selbst konstruiert haben.“ (Gabriel 2013, 56)1 So ist nach Ansicht Gabriels

„[…] der Konstruktivismus absurd, er wird meist aber nicht durchschaut. […] Der Wahlspruch der fröhlichen Konstruktivisten lautet: Jeder sein eigener Faust oder seine eigene Novemberrevolution. Es ist eben alles eine Frage der Wahrnehmung.“ Weiterlesen

Malte G. Schmidt: Back to the Future (Popmusik-)Journalismus im neuen faktischen Zeitalter

Abstract
Ausgehend von einer neuen Fundamentalopposition gegenüber wahrheitsskeptischen Positionen untersucht der Beitrag den Einfluss postmoderner und konstruktivistischer Theorien auf die Praxis und Erforschung des (Popmusik-)Journalismus. Im Zentrum des Interesses stehen Ansätze, die die legitimatorische Basis der Wahrheitsvermittlung, nämlich die Werteorientierung an Objektivität (Journalismus) und Authentizität (Popmusik) infrage stellen. In der Zusammenschau können nur wenige empirische Indizien für den Eintritt in die Postmoderne ausfindig gemacht werden. Daher ist ihre Diskreditierung als philosophisches Konzept, die mit der Renaissance emphatischer Wahrheitsbegriffe einhergeht, unbegründet. Im Gegensatz zum vermeintlich postfaktischen Zeitalter, das im Zuge der Fake-News-Debatte vielerorts ausgerufen wurde, ist vielmehr von einem Realistic Turn auszugehen. Die hiermit verbundene Rückbesinnung auf tradierte Werte der Hochmoderne lässt auf ein erhöhtes Bedürfnis nach kollektiven Sinnangeboten zur Identitätskonstruktion schließen. Angesichts allgegenwärtiger Komplexitätsdiagnosen sind die Gründe für diesen Bedarf zu reflektieren, so das abschließende Plädoyer.

Hans Nieswandt: Popjournalismus als Parlament

Popjournalismus, Musikzeitschriften und deren AkteurInnen beschäftigen, beeinflussen und beglücken mich (mehr oder weniger) seit ungefähr meinem zwölften Lebensjahr, also seit etwa 1976. Zunächst waren das Magazine wie Pop, eine heute längst vergessene Alternative zur Bravo, ohne Aufklärungsseiten, dafür mit wesentlich höherem Musikanteil, denn das Heft kam mit Melody Maker, was mir damals allerdings noch nichts sagte. Weiterlesen

Harald Schroeter-Wittke: Faith is Fake (naNa Na naNa) Eine kleine 10-Punkte-Theologie des Glaubens, der Berge versetzen kann

Abstract
Der Artikel unternimmt eine kultur- und theologiegeschichtliche Spurensuche der These, dass der christliche Glaube als faith (fiducia) und die dialektische Doppelstruktur des Fake nahe Verwandte sind. Vor diesem Hintergrund liest der Autor zentrale biblische Szenen und Narrative neu und empfiehlt fakesmile statt Faksimile mit dem ultimativen Hinweis: Wer’s glaubt, wird selig.

Beate Flath: Popmusikevents, Fakes und die (Wieder-)Verzauberung der Welt

Abstract
Dieser Beitrag thematisiert Fake im Zusammenhang mit Liveevents der Popmusikkultur und erachtet darin Fake als Teil von Inszenierungen. Ausgehend von der These der Entzauberung der Welt nach Max Weber bzw. der Entzauberung der Prämissen der Moderne im Kontext der Modernisierung der Moderne nach Ulrich Beck und Wolfgang Bonß werden Liveevents der Popmusikkultur als Räume der (Wieder-)Verzauberung betrachtet – Fakes als Formen von Fälschungen, deren Aufdeckungen bereits in der Anlage mitkonzipiert sind, sind Teil davon. Sie können im Kontext von Liveevents der Popmusikkultur auf den Ebene der Sound-, Licht- und Projektionstechnik, des Outfits und der Requisiten sowie der Bewegungen der BühnenakteurInnen verortet werden. Als wesentliche Besonderheit von Liveevents der Popmusikkultur wird dabei jener Umstand erachtet, dass der Akt des Aufdeckens der Täuschung, d.h. der für die Inszenierung zentrale Moment zwischen Täuschung und Aufdeckung, in einer Gruppe erlebt wird, die mit den jeweiligen BühnenakteurInnen – den Täuschenden – zur selben Zeit am selben Ort ist.

Rezensionen 4/2017

Johanna Braun (2017). All-American-Gothic Girl. Das Gerechtigkeit einfordernde Mädchen in US-amerikanischen Erzählungen. Wien: Passagen Verlag, 216 Seiten.
rezensiert von Juliane Saupe

Katharina Sommer (2017). Stereotype und die Wahrnehmung von Medienwirkungen. Wiesbaden: Springer VS, 2017, 409 Seiten.
– rezensiert von Martina Thiele

Editorial 3/2017 Gaby Falböck, Julia Himmelsbach & Thomas Ballhausen

„Hundert Jahre Zweisamkeit“ – Liebeskommunikation und Liminalität seit 1918 – die vorliegende Ausgabe von medien & zeit versammelt Beiträge zu einer Facette des, wenngleich schwer zu fassenden und doch vielbeforschten Themas „Liebe“, die in bisherigen wissenschaftlichen Untersuchungen zumeist kaum berücksichtigt wurden: Im Fokus stehen die Phasen der Annäherung, des Übergangs, der Veränderungen in Liebesbeziehungen und die medial vermittelte Darstellung dieser Transgressionen sowie der Rolle, die Medien bei der Rahmung dieses Prozesses spielen. Weiterlesen

Gerd Hallenberger: Zu mir, zu dir oder ins Fernsehen? Beziehungsarbeit als Gegenstand nonfiktionaler Fernsehunterhaltung

Abstract
Liebeskommunikation war immer schon ein zentrales Element fiktionaler Unterhaltungsangebote aller Medien, aber für nonfiktionales Fernsehen nicht so einfach zu verwenden. Dieser Beitrag behandelt den Umgang mit dem Thema in nonfiktionalen Fernsehsendungen in Deutschland, Geschichte und Entwicklung des Programmsegments, Einflüsse und Kontexte. Welche Rolle spielten sozialer, kultureller und medialer Wandel, welche Genres wurden wann verwendet? In den Anfangsjahren waren es Spielshows, in denen mehr oder weniger humorvoll „getestet“ wurde, wie gut ein Paar zusammenpasste. Kennenlernshows, in den USA seit den 1940er-Jahren ein beliebtes Subgenre, kamen relativ spät nach Deutschland – erst 1987 gab es eine deutsche Version des amerikanischen The Dating Game. In den folgenden Jahren wurden die Konsequenzen der Einführung kommerzieller Fernsehsender deutlich sichtbar – die Zahl der Sender wuchs beständig, aus ZuschauerInnen wurden „KundInnen“ und der ZuschauerInnenalltag zum zentralen Programmgegenstand. Liebeskommunikation wurde zu einem in unterschiedlichsten Genres und Formaten aufgegriffenen Sujet – was auch darauf hinweist, wie prekär das Konzept der romantischen Liebe heute geworden ist.

Kristina Flieger & Christoph Jacke: Perspektiven auf Popmusik und Liebe(sbeziehungen) Ein systematischer Themenaufriss

Abstract
Popmusik bietet auf diversen Ebenen die Möglichkeit der künstlerischen Auseinandersetzung mit den im Feld der Liebe gemachten Erfahrungen – seien es positive oder negative. Popmusik spiegelt damit das (aktuelle) Verständnis von dem, was als Liebe angesehen wird. Popmusik ist Seismograph für gesellschaftliche Strömungen und Entwicklungen. Doch wie geht es dann mit dem popmusikalischen Stück weiter auf der Seite der Rezipierenden? Wie beeinflussen „Liebeslieder“ Popmusikrezeptionen, Individuen und Gruppen? Wie beeinflusst Pop ganz konkret Liebende? Welche Funktionen kann populäre Musik innerhalb von Beziehungsystemen haben? Und was passiert, wenn wir auf unkonventionellere Formen des Beziehungssystems treffen, und zwar jene zwischen Fans und Stars?
Der Beitrag skizziert die aktuelle Forschung hinsichtlich des Feldes „Popmusik und Liebe“. Die Autoren wollen einen Systematisierungsvorschlag machen und gehen dabei folgendermaßen vor: Von der Definition der zentralen Begriffe „Liebe“ und „Popmusik“ ausgehend erörtern die Autoren die möglichen Funktionen von Musik in romantischen Beziehungen und die Bedeutung von Musik in sexuellen Kontexten, um schließlich das Beziehungssystem Star-Fan kritisch zu betrachten.

„Man nutzt den öffentlichen Raum als Multiplikator oder Katalysator“ Liebe in der Stadt. Ein Stadtgespräch

DiskutantInnen:
Maximilian Brustbauer, Erik Meinharter & Lisa B. Wachberger
Moderation und Vorbereitung:
Thomas Ballhausen, Gaby Falböck & Julia Himmelsbach

Bei der Verhandlung des ebenso reizvollen wie herausfordernden Themenkomplexes der Liebeskommunikation hat es sich angeboten, auf die Textsorte des Gesprächs zurückzugreifen, um eine Vielzahl relevanter Aspekte unter einem Schwerpunkt zu bündeln: Wie schreiben sich die medialen Optionen der Liebeskommunikation in den öffentlichen Raum ein? Welche Räume werden von den Liebenden in ihrem Austausch (temporär oder auch dauerhaft) genutzt und umfunktioniert? Welche historischen Traditionen lassen sich aufzeigen? Welche technologischen Neuerungen beeinflussen Verhaltensweisen, Erfahrungen und Wahrnehmungsmuster? Die Schwerpunktredaktion lud mit Maximilian Brustbauer (Chefredakteur des Magazins stadtform), Erik Meinharter (Mitbegründer und Redakteur von derive – Zeitschrift für Stadtforschung) und Lisa B. Wachberger (Herausgeberin des Magazins stadtform) ausgewiesene ExpertInnen zu einem Austausch über die einfachste und schwierigste Form der Kommunikation.