Aktuelle Ausgabe

Technik und Mensch. Vorstellungen vom Mensch-Sein in und durch Technologien

herausgegeben von Diotima Bertel & Julia Himmelsbach

  • Editorial: Diotima Bertel & Julia Himmelsbach
  • Mona Singer: Was vom Transhumanismus übrigbleibt
  • Kevin Liggieri: Non-Linearity and the Problem of Formulizing “the Human”
  • Wolfgang Pensold: Die Jagd auf Hawley Harvey Crippen, oder: Die Entdeckung des Live-Moments
  • Julia Himmelsbach, Diotima Bertel & Manfred Tscheligi: Questioning the User-Researcher Dichotomy
  • Research Corner
    Katrin Kühnert: AutorInnen-Autorität und literarische Tabubrüche im Holocaust-Diskurs
  • Rezensionen

Editorial 2/2020

Diotima Bertel & Julia Himmelsbach

“Von der Wissenschaft bis zum Alltagswissen, von der Wahrnehmung der Welt bis hin zur Erfahrung des eigenen Körpers, auf allen Ebenen sind wir nun technisch mittelbar Handelnde. […] Technologien sind nicht nur ausschlaggebend dafür, was wir wissenschaftlich wahrnehmen können und wie wir wahrnehmen, sie bestimmen zunehmend wie wir leben, wie wir kommunizieren und uns sozial verhalten, was wir hoffen können und was wir fürchten müssen.”
(Singer 2015, 7)

Wenn wir technisch mittelbar handeln, dann sind Technologien auch als (Kommunikations-)Medium zu verstehen. Nicht nur sind Medien und Informationen zunehmend digitalisiert (Hepp 2016, 228f ), nicht nur gewinnt computervermittelte bzw. digitale Kommunikation zunehmend an Verbreitung (z.B. Eurostat 2020), Ubiquität und Bedeutung, Technologien selbst werden zu Akteurinnen (z.B. Latour 2005) in gesellschaftlichen Kommunikationsprozessen. Entsprechend geht die aktuelle Medien- und
Kommunikationsforschung über eine trianguläre Beziehung zwischen Produktion, Text und
Publikum (Couldry & Hepp 2013, 193) und einer Vorstellung linearer Effekte hinaus, hin zu
einer umfassenderen Vorstellung von den Folgen der Einbettung von Medien und Kommunikationstechnologien in den Alltag (Couldry & Hepp 2013). Konzepte wie das der Mediatisierung widmen sich kritisch dem Verhältnis zwischen der Veränderungen von Medien und Kommunikation auf der einen und Veränderungen in Kultur und Gesellschaft auf der anderen Seite (Couldry & Hepp 2013). Daher muss sich die Kommunikations- und Medienwissenschaft mit Technik, Mensch-Computer-Interaktion (Strippel et al. 2018, 14f ) und digitalisierter Medienkommunikation auseinandersetzen (Hepp 2016, 233). Darüber hinaus manifestieren sich in unterschiedlichen Technologien auch Menschenbilder: Für wen wurde Technologie (nicht) entwickelt, welche sozialen Gruppen werden aus welchem Anlass und welcher Motivation durch Technik und Technologie als Nutzerinnen berücksichtigt, welche Normen sind in Technologien eingeschrieben, welche Vorstellungen des Menschseins, z.B. als rationale Akteurinnen oder als emotionale Wesen, werden imaginiert
und welche Folgen hat dies? Dabei müssen Facetten dessen beleuchtet werden, wie in einem historischen und sozialen Kontext situierte Innovationen und Technologien die Vorstellung dessen, was ‚das Menschsein‘ ausmacht, beeinfluss(t)en. Denn immer wieder werden über Technologien Vorstellungen von ‚dem Menschen‘ – die nur zu kurz greifen können wenn es um die Frage geht, was ‚die Natur des Menschen‘ ausmache – verhandelt.

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Mona Singer: Was vom Transhumanismus übrigbleibt

Virus, Naturbeherrschung und Technikphilosophie

Am Anfang dieses Jahrtausends sprach Jürgen Habermas (2001) von den Transhumanisten
noch als eine „Hand voll ausgeflippter Intellektueller“, deren Menschenzüchtungsphantasien
„einstweilen nur zum Medienspektakel“ reichen. 2017 warnen Ethiker*innen in einem Manifest vor den großen Gefahren, die vom Transhumanismus ausgehen würden. Sie sehen ihn als mittlerweile weit verbreitete technophile Weltanschauung, die in Forschungslaboratorien und Universitäten Einzug gehalten habe, und ein Menschenbild transportiere, das „das Mensch-Sein grundsätzlich“ missverstehe.
In diesem Artikel untersuche ich den Transhumanismus technikphilosophisch und erörtere
aus dieser Perspektive grundlegende Fragwürdigkeiten seiner Vorannahmen und Visionen. Der Transhumanismus proklamiert Menschenverbesserung durch Human Enhancement, hierin liegt nicht nur der politisch autoritäre Charakter dieses Ansatzes begraben, sondern hierin liegen auch technikphilosophisch seine Missverständnisse im Hinblick auf die Beherrschbarkeit der biologischen Naturhaftigkeit des Menschen.
Der Coronavirus zeigt uns aktuell, dass wir weit davon entfernt sind, „to control our body“,
wie die Transhumanisten das Fortschreiten unserer Spezies mit Technik nun als dem Motor der Evolution imaginieren.

Dieser Beitrag steht im Volltext zum Download zur Verfügung.

Kevin Liggieri: Non-Linearity and the Problem of Formulizing “the Human”

This paper will productively question the problem of non-linearity. This is a highly complex
issue in technical science because of the difficulties it raises in its calculations. It concerns the connection between order and coincidence, formalisation and life, technology and human. The problem of linear and especially non-linear control systems appears as an anthropological problem in this context. Anthropology and the concept of the human being becomes a concrete problem with regard to the unpredictability of non-linearity. Thus, since the 1960s, the “human as controller” was increasingly thought together with non-linear behaviour in control engineering. In this sense, technical science recognizes that the simple formalization of human beings in human-machine interaction is no longer sufficient. The technical sciences thus problematize the human factor, concentrating the fear of unpredictability in performance fluctuations and deficits. Many researchers in the technical sciences saw that the discontinuous, time-variant and non-linear problem factor of the ‚human‘ needed a new and individual treatment. Their question was: How can we deal with this new, untidy human model? How can we try to adapt humans and models to each other? How much of human behaviour can be technically formalized? Does technology thereby generate a notion of the human as orderly and rationally functioning?

Wolfgang Pensold: Die Jagd auf Hawley Harvey Crippen, oder: Die Entdeckung des Live-Moments

Der folgende Beitrag behandelt den Einfluss der Technik – insbesondere der telegrafischen
– auf die Entwicklung der Presse und das Selbstverständnis der Zeitungsleserinnen und -leser. Die globale Ausdehnung des Telegrafennetzwerks in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verschaffte den Zeitungen der großen Städte der westlichen Welt den Nimbus globaler Reichweite, die Einführung der kabellosen Telegrafie um 1900 verlieh ihnen überdies eine nie dagewesene Aktualität. Als Folge davon erhielten Leserinnen und Leser eine neue Rolle, die sich, anders als die bisherige, nicht mehr darauf beschränkte, nachträglich von Geschehnissen in Kenntnis gesetzt zu werden, sondern sich um die attraktive Facette erweiterte, an diesen Geschehnissen teilzuhaben, noch während sie sich ereigneten. Diese Entwicklung wird anhand der Berichterstattung über den berühmt gewordenen, mutmaßlichen Frauenmörder Hawley Harvey Crippen dargestellt.

Julia Himmelsbach, Diotima Bertel & Manfred Tscheligi: Questioning the User-Researcher Dichotomy

Situatedness of Knowledge and Power Structures in Research on Technology

With the third wave of Human-Computer Interaction, awareness of considering the social
context of individuals – in short, the situatedness of knowledges – started to establish. Building on Donna Haraway’s situatedness of knowledges and feminist technology research, we argue that hierarchies are reflected in the supposed dichotomy user-researcher, and, consequently, have to be deconstructed to enable implementation of epistemological premises of the situatedness of knowledge. We aim to contribute by introducing the concept of ‚user-researcher‘.

Katrin Kühnert: AutorInnen-Autorität und literarische Tabubrüche im Holocaust-Diskurs

Fiktive Zeugnisliteratur aus TäterInnenperspektive als Herausforderung für die deutschsprachige Rezeption

Künstlerischen Bearbeitungen des Holocaust wird mit einem komplexen Erwartungshorizont
begegnet und Abweichungen bergen hohes Skandalpotenzial. Die thematische Analyse der
feuilletonistischen und literaturwissenschaftlichen Rezeption von Holocaust-Texten, die als
Tabubruch wahrgenommen werden, lässt die ungeschriebenen Regeln dieses Diskurses verstärkt hervortreten. Der AutorInnen-Instanz kommt in der Bewertung bedeutendes Gewicht zu und das Überleben des NS-Massenmords als (jüdisches) Opfer bietet hierbei die größtmögliche Legitimation. Für diesen Beitrag werden zeitlich gestaffelt, drei fiktive Zeugnistexte aus TäterInnenperspektive analysiert, deren Autoren in unterschiedlicher Verbindung zur NS-Zeit stehen. Der Fokus liegt auf der Aufnahme im deutschen Sprachraum, wo sich im internationalen Vergleich ein sensibilisierter Umgang offenbart. Die Untersuchung von Jorge Luis Borges’ Deutsches Requiem (1946), Edgar Hilsenraths Der Nazi & der Friseur (1971) und Jonathan Littells Die Wohlgesinnten (2006) basiert auf der neueren Rezeptionsforschung und der pragmatischen Texttheorie und zeigt die dominierende Forderung nach Authentizität im Holocaust-Diskurs.

Rezensionen 2/2020

FISHER, MARK (2020). k-punk. Ausgewählte Schriften (2004-2016). Mit einem Vorwort von Simon Reynolds.Berlin: Edition TIAMAT, 624 Seiten.
– rezensiert von Thomas Ballhausen, Wien

MOSER, KARIN (2019). Der österreichische Werbefilm. Die Genese eines Genres von seinen Anfängen bis 1938. Berlin, Boston: De Gruyter, 306 Seiten.
– rezensiert von Bianca Burger, Wien

KARMASIN, MATTHIAS & OGGOLDER, CHRISTIAN (HG.) (2019). Österreichische Mediengeschichte. Von Massenmedien zu sozialen Medien (1918 bis heute). Wiesbaden: Springer VS, 328 Seiten.
– rezensiert von Heinz Wassermann