Christiane Grill: Mate Guarding und seine alltagsweltliche Relevanz Wie Bestehen und Scheitern von Treuetests reflexive Lernprozesse initiieren

Abstract: Reality-Fernsehen ist stets für die Erfüllung von voyeuristischen und eskapistischen Bedürfnissen seines Publikums kritisiert worden. Seine Wirkungen auf lebensweltliche Lernprozesse wurden zumeist ignoriert. Im Rahmen einer Medienwirkungsstudie (N=137) wurde untersucht, welche Effekte das Bestehen und Scheitern von Frauen und Männern in Treuetests auf reflexive Lernprozesse der Rezipientinnen und Rezipienten haben. Dabei wurde erstmalig das Konzept des Mate Guarding – des Überwachens und Kontrollierens der Partnerschaft – in den deutschsprachigen Kulturraum übertragen. Ergebnisse der Studie belegten, dass insbesondere jüngere Männer das größte Potential für Mate Guarding aufwiesen. Dabei würden sie verstärkt die Strategie der Beziehungs-Affirmation nutzen; auch vor Gewalt gegenüber der Konkurrenz würden sie nicht zurückschrecken. Anhand unterschiedlicher Ausgänge des taff Treuetest wurde gezeigt, dass durch positives Modell-Lernen – also durch das Vorzeigen eines erfolgreichen Bestehens des Treuetests – Mate Guarding Strategien abgebaut werden. Gleichzeitig wurden diese Strategien ebenfalls reduziert, wenn die Untreue von Männern aufgedeckt wird; sprich wenn negative Modelle als Vorlage dienten. Insgesamt wies die Studie damit sowohl lineare aus auch non-lineare, reflexive Lernprozesse bei den Zuschauerinnen und Zuschauern nach.

Mike Meißner: Der Verein Arbeiterpresse (1900–1933) Selbstverständnis, Autonomie und Ausbildung sozialdemokratischer Redakteure

Abstract: Die Beschäftigung mit den sozialdemokratischen Journalisten am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jh. in Deutschland stellt unter professionalisierungstheoretischen Aspekten ein Desiderat der kommunikationshistorischen Forschung dar. Der Beitrag geht der Frage nach, inwiefern sich die sozialdemokratischen Journalisten, die im Verein Arbeiterpresse (VAP) organisiert waren, ihren bürgerlichen Kollegen mit Blick auf ihr berufliches Selbstverständnis annäherten. Zudem wird danach gefragt, ob der Befund von Jörg Requate für das 19. Jh., dass die „unabhängige Gesinnungstreue“ nur für die bürgerlichen Journalisten zutreffe, auch für den Beginn des 20. Jh. Gültigkeit beanspruchen kann. Dazu wurden die Diskussionen der Berufsangehörigen in den Mitteilungen des Vereins Arbeiterpresse (MdVA) mittels einer qualitativen Inhaltsanalyse untersucht. Neben dem Selbstverständnis wurden Autonomiebestrebungen und die Positionen zur Aus- und Weiterbildung betrachtet. In allen drei Dimensionen lassen sich Tendenzen einer Annäherung der sozialdemokratischen Redakteure an ihre bürgerlichen Berufskollegen erkennen.

Mike Meißner wurde für seine Masterarbeit 2014 mit dem erstmals vergebenen Nachwuchsförderpreis der Fachgruppe Kommunikationsgeschichte der DGPuK ausgezeichnet. Dieser Aufsatz stellt die Arbeit und ihre zentralen Befunde vor.

Rezensionen 3/2014

Bernhard Pörksen, Hanne Detel: Der entfesselte Skandal. Das Ende der Kontrolle im digitalen Zeitalter. Köln: Von Halem 2012, 247.Seiten.
– resensiert von Christoph Jacke, Paderborn

Christian Kuchler (Hg.): NS-Propaganda im 21. Jahrhundert. Zwischen Verbot und öffentlicher Auseinandersetzung. Köln, Weimar, Wien: Böhlau Verlag 2014, 238 Seiten.
– rezensiert von Thomas Ballhausen, Wien

Wolfgang Schweiger: Determination, Intereffikation, Medialisierung. Theorien zur Beziehung zwischen PR und Journalismus. (= Konzepte. Ansätze der Medien- und Kommunikationswissenschaft; 11) Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2013, 145 Seiten.
– rezensiert von Horst Pöttker, Hamburg und Wien

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Joachim Westerbarkey: Geheimnisse Motive, Strategien und Funktionen exklusiver Kommunikation

Abstract: Eine unvermeidliche Begleiterscheinung von Öffentlichkeit ist Nichtöffentlichkeit, denn jede Öffentlichkeit schließt zugleich ein und aus, weil Kommunikation selektiv ist. Nichtöffentlichkeit resultiert außerdem aus alltäglichen Kommunikationsbarrieren und aus gezielter Geheimhaltung, also der Weigerung, anderen etwas mitzuteilen. Wird auch Geheimhaltung geheim gehalten, handelt es sich um reflexive Geheimhaltung, bei der die Absicht schwer nachzuweisen ist, und werden andere ins Vertrauen gezogen, entsteht ein kollektives Geheimnis bzw. eine diskrete Öffentlichkeit.

Motive und Funktionen von Geheimhaltung sind ebenso ambivalent wie ihre Bewertung: Eigene Geheimnisse werden gewöhnlich positiv bewertet, fremde eher negativ. Kommunikativ werden Geheimnisse gern durch Täuschungen, Lügen, Ablenkung oder verbales Verwirrspiel geschützt und sie sind ein wichtiges Mittel zur Gewinnung von Macht, weil sie die eigene Berechenbarkeit erschweren. Deshalb werden z.T. beträchtliche Ressourcen darauf verwendet, eigene Geheimnisse zu sichern und fremde in Erfahrung zu bringen, und Experten werden damit beauftragt, Geheimhaltung gesellschaftlich akzeptabel zu machen. Dies geschieht u.a. durch wohldosierte Öffentlichkeitsarbeit, denn die Medien sind unverzichtbar, wenn man allgemeine Zustimmung braucht.
In Zeiten technischer Überwachungssysteme und extensiver Sammlung und Verwertung persönlicher Daten wird die Legitimität von Geheimnissen freilich fragwürdig, zumal solche Praktiken häufig nicht bemerkt werden oder unklar bleibt, wer dahinter steckt. Damit erreichen Geheimnisse in der digitalen Welt eine neue gesellschaftliche Brisanz.

Horst Pöttker: Geheim, verdrängt, unbekannt Lücken von Öffentlichkeit: Worüber Medien gern schweigen – und warum sie das tun

Abstract: Das Geheimnis wird bereits von Georg Simmel 1908 als ethisch und funktional ambivalent gedeutet: Einerseits unentbehrlich für soziale Beziehungen und kulturelle Entwicklung, steht es andererseits individueller Selbstbestimmung und demokratischer Selbstregulierung von Gesellschaften entgegen. Diese zweite, problematische Seite des verborgen Bleibenden wird aus der Perspektive des Journalistenberufs und der ihn unterstützenden Journalistik analysiert. Zentrale Gesichtspunkte sind die Aufgabe, zutreffend und umfassend Öffentlichkeit herzustellen, und die journalistische Grundpflicht zum Publizieren. Aus dieser Perspektive werden sieben Gründe für Lücken von Öffentlichkeit analysiert: Druck von außen (z. B. Zensur), kulturelle Tabus, professionelle Routinen (z. B. Nachrichtenfaktoren), erzieherisches Selbstverständnis, Verstopfung von Kommunikationskanälen mit „junk news“ und die Selbstgenese des (Ver-)Schweigens. Am Ende werden Rechercheförderung und Initiativen, die auf medial vernachlässigte Themen hinweisen, als Möglichkeiten erwogen, um Lücken von Öffentlichkeit zu schließen.

„Geheimnis gibt es im Archiv immer, weil vieles im Auge des Betrachters liegt“ Eine Debatte

Eine Debatte zum Thema Archive, Kommunikationsbarrieren und Geheimnisse zwischen Thomas Ballhausen (Filmarchiv Austria), Gabriele Fröschl (Österreichische Mediathek), Rudolf Jerábek (Archiv der Republik) und Kurt Schmutzer (ORF-Archiv).

Moderation: Fritz Hausjell (Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien).

Diskussion 2:2014

Anke Fiedler: Gute Nachrichten für die SED Medienlenkung in der DDR als politische Öffentlichkeitsarbeit

Abstract: In diesem Aufsatz geht es um ein Thema, das eigentlich schon längst beforscht erschien: die Medienlenkung in der DDR. Bis auf Propagandatheorien und Lenins Formel vom „kollektiven Propagandisten, Agitator und Organisator“ bietet die Literatur bis dato allerdings wenig Erklärungsansätze, wie Anleitung und Kontrolle der DDR-Medien funktioniert haben und wie sich diese vor allem veränderten. Mit einem theoretischen Ansatz aus dem Bereich der Public Relations soll daher ein neuer Blick auf das Medienlenkungsgefüge der DDR gerichtet werden. Die Untersuchung wird dabei von der These geleitet, dass weniger ideologische Maxime die tägliche Lenkung und Kontrolle der Medien beeinflusst haben als vielmehr die aktuellen Inter-essen der DDR-Führung. Entscheidend war in erster Linie, dass nichts an die Öffentlichkeit gelangte, was diesen Interessen schaden und dem Westen Munition liefern konnte. Vor dem Hintergrund der politischen Großwetterlage wandelten sich nicht nur die Interessen der SED, sondern entsprechend auch der Lenkungsapparat und die Lenkungspraxis.

Anke Fiedler wurde für Ihre Dissertation 2014 mit dem erstmals vergebenen Nachwuchsförderpreis der Fachgruppe Kommunikationsgeschichte der DGPuK ausgezeichnet. Dieser Aufsatz stellt die Arbeit und ihre zentralen Befunde vor.

Rezensionen 2/2014

Tanja Carstensen & Christina Schachtner & Heidi Schelhowe & Raphael Beer (Hg.): Digitale Subjekte. Praktiken der Subjektivierung im Medienumbruch der Gegenwart. Bielefeld, transcript Verlag 2014, 300 Seiten.
– rezensiert von Erik Bauer, Wien

Iwan-Michelangelo D ’Aprile: Die Erfindung der Zeitgeschichte. Geschichtsschreibung und Journalismus zwischen Aufklärung und Vormärz. Mit einer Edition von 93 Briefen von Friedrich Buchholz an Johann Georg Cotta 1805-1833. Berlin, Akademie Verlag 2013, 438 Seiten.
– rezensiert von Wolfgang R. Langenbucher

Monika Dommann: Autoren und Apparate. Die Geschichte des Copyrights im Medienwandel. Frankfurt am Main, S. Fischer 2014, 427 Seiten.
– rezensiert von Jan Krone

Ursula Reutner (Hg.): Von der digitalen zur interkulturellen Revolution. Baden-Baden: Nomos 2012, 499 Seiten.
– rezensiert von Barbara Metzler

Michel Foucault: Schriften zur Medientheorie. Ausgewählt und mit einem Nachwort von Bernhard J. Dotzler. Berlin: Suhrkamp 2013, 334 Seiten.
– rezensiert von Christoph Jacke

 

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Wolfgang Lamprecht: Corporate Citizenship Theoretische Reflexionen, begriffliche Definitionen und warum – richtig angewandt – CSR als Konzept der Vertrauenskommunikation zu mehr Glaubwürdigkeit von Organisationen beitragen kann

Abstract: Die globalen Krisen seit dem Jahr 2008 haben vor dem Hintergrund politischer und gesellschaftlicher Umbrüche eines sehr deutlich werden lassen: Das Vertrauen der Menschen in Wirtschaft und Politik ist signifikant gesunken. Die Wiedererlangung von Vertrauen gilt daher als oberste Prämisse für ein sozial ausgeglichenes Gesellschaftssystem, für die Überwindung der Krise und nachhaltige Stabilität. Damit steht Unternehmenskommunikation vor einer strategischen Herausforderung: Reputation und Image müssen wiederhergestellt werden. Konsequenterweise gilt die Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung – Glaubwürdigkeit vorausgesetzt – dabei als konstituierender Faktor für Vertrauen. Ethische Kommunikation ist daher das Gebot der Stunde, Corporate Citizenship (CC) ein diskutiertes Modell, Corporate Social Responsibility (CSR) ein wiederentdecktes Konzept. Allerdings fehlen für die Umsetzung anwenderbezogene Anleitungen, im Wirrwarr um Begriffe und Befindlichkeiten droht die Idee bereits im Ansatz zu scheitern.

Monika Roth: Compliance Der Rohstoff von Corporate Social Responsibility

Abstract: Compliance ist nicht nur eine wichtige Eigenschaft von Corporate Social Responsibility (CSR), sondern Voraussetzung dieses Verständnisses von gesellschaftlicher Verantwortung der Unternehmen. Ohne Compliance als umfassendes Verhaltenskonzept ist CSR lediglich Reputationsmanagement ohne tieferen Sinn. So verstanden erhält ein Unternehmen dann eine unverdiente Reputation, weil es seine Verantwortung gar nicht wirklich wahrnimmt, sondern nur so tut.

Dieser Beitrag steht als Download zur Verfügung:
Monika Roth (2014): Compliance – der Rohstoff von Corporate Social Responsibility. In: medien&zeit, 29 (1), S. 22-33.