Thomas Wilke: Die Urania-Gesellschaft und die Popularisierung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse am Ende des 19. Jahrhundert

Abstract: Der Beitrag beschäftigt sich mit der Urania-Gesellschaft in der Zeit von ihrer Gründung 1889 bis circa 1900 und ihren programmatisch zu verstehenden Popularisierungsstrategien wissenschaftlicher Naturerkenntnisse. Dabei verstand sich die Gesellschaft selbst als ein Mittler zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit, ohne dass selbst Wissen produziert wurde oder die Kommerzialisierung der Bildungsangebote selbst problematisiert werden musste. Durch die Integration neuer Medien, wie dem Phonographen, der Photographie und der Kinematographie wirkte sie als neuer Inszenierungsraum innerhalb Berlins als Besuchermagnet. Gleichzeitig erhöhte sich die Attraktivität des durchaus dichten Angebots über die populären und üppig dekorierten Vorträge des wissenschaftlichen Theaters, die Möglichkeit des Experimentierens für das Publikum und die technische Ausstattung der astronomischen Abteilung. In einer historisch neuen Qualität kommunizierte sie über die hauseigene Verschränkung der unterschiedlichen Wissens- und Bildungsangebote naturwissenschaftliche Erkenntnisse einem breiten und nicht zwangsläufig vorgebildeten Publikum.

Erik Koenen: „Laien, Praktiker, nicht nur Wissenschaftler theoretisieren“ Der Beitrag der modernen Wissensgesellschaft zum Entstehungszusammenhang und Verwissenschaftlichungsprozess der Zeitungskunde

Abstract: Der Beitrag geht der bislang kaum erforschten und erörterten Fach- und Theorietradition der zeitungskundlichen Praktikergelehrten nach. Mit der Leitfrage nach der Eigenlogik der wechselseitigen Verflechtung der ursprünglich voneinander geschiedenen gesellschaftlichen Struktur- und Wissensbereiche von Journalismus und Presse einerseits, Wissenschaft andererseits wird eine historische Wurzel des noch heute kontrovers diskutierten Wissenstransfers zwischen Kommunikations- und Medienwissenschaft und Medienpraxis freigelegt. Inhalt und Ziele sind: ausgehend vom Konzept der historisierten Wissensgesellschaft (1) den Entstehungszusammenhang und Verwissenschaftlichungsprozess des Fachs Zeitungskunde neu zu interpretieren sowie (2) für die zur Diskussion stehende Tradition der zeitungskundlich wirkenden Praktiker die Spezifik ihres Wissenschaftsverständnisses zu eruieren, wie es originär aus dem Wechselspiel von praktischen Sichten, professionellem Erfahrungswissen und zeitungskundlich-wissenschaftlicher Reflexion resultierte.

Beatrice Dernbach: Zwischen Reputation und Prominenz Wie Wissenschaftler mit modernen Massenmedien umgehen. Der Wandel im System Wissenschaft

Abstract: Der Beruf des Wissenschaftlers hat sich verändert. Sprach der Soziologe Max Weber von der „inneren Berufung“ zur Wissenschaft, so beschreibt Jo Reichertz die heutigen Tätigkeiten als Mix, zu dem auch „face-work und impression management“ gehören. Dieser Wandel des Berufsbildes und der Tätigkeiten hin zu einer externen Präsentation und Kommunikation werden vor dem Hintergrund der veränderten Systembeziehungen zwischen Wissenschaft, Öffentlichkeit und Medien diskutiert. Letztere stellen an die Wissenschaftler die Anforderungen, ihre finanzielle Förderung zu legitimieren und deshalb, anders als in der Vergangenheit, mit Medien und der Gesellschaft zu kommunizieren. Diese Entwicklung wiederum hat Rückkoppelungen in das Wissenschaftssystem. Galt früher als die zentrale wissenschaftliche Währung die Reputation, in der Regel nachgewiesen durch viele einschlägige Publikationen, so hat mittlerweile der von Medien generierte Faktor Prominenz eine hohe Wertigkeit erreicht. Einige Studien und Analysen zeigen zwar noch keine flächendeckende, aber erste signifikante Anzeichen für eine zunehmende Medialisierung der Wissenschaft.

Mark Eisenegger & Susanne Gedamke: Wissenschaft in den Medien Zur Logik medialer Wissenschaftsthematisierung

Abstract: Der vorliegende Beitrag befasst sich mit dem Wandel und den Regularitäten der medienvermittelten Resonanz des Handlungssystems Wissenschaft. Vor dem Hintergrund einer vermuteten Reputationsvolatilität des Systems und einer verstärkt problematisierenden Berichterstattung über Wissenschaft wurden mithilfe einer diachronen Inhaltsanalyse Berichterstattungsmerkmale überprüft, welche zu dieser Reputationsvolatilität beitragen. In der Langzeitentwicklung der Berichterstattung über Wissenschaft in Schweizer Medien zeigt sich eine Zunahme der problematisierenden Wissenschaftsberichterstattung. Weiterhin kann aus gegenwärtiger Perspektive eine zweigeteilte Wissenschaftsberichterstattung festgestellt werden: Einerseits lässt sich eine neutrale bis positive Thematisierung beobachten, die weitgehend auf die Kommunikations- Inputs der Wissenschaft abstellt und vermeldenden Charakter hat. Andererseits werden medial vor allem dann journalistische Ressourcen mit erhöhter Eigenleistung aktiviert, wenn die Möglichkeit besteht, Wissenschaft zu skandalisieren. Die problematisierende Berichterstattung ist in der Gegenwart mehrheitlich im Kontext hochschulpolitischer Konflikte zu verorten, in welchen das System Wissenschaft skandalisiert wird. Dieses ambivalente Grundmuster von Wissenschafts-PR und skandalisierender Berichterstattung führt zu einer erhöhten Volatilität in der Reputationsentwicklung des Wissenschaftssystems.

Stefan Bauernschmidt: Wissenschaft im Imagefilm Über eine neue visuelle Form externer Wissenschaftskommunikation

Abstract: Der vorliegende Beitrag rückt eine höchst aktuelle und zu einem sozialen Tatbestand aufsteigende visuelle Form externer Wissenschaftskommunikation ins Zentrum der Aufmerksamkeit: den Imagefilm. Obgleich Imagefilme in zunehmendem Maße von Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen eingesetzt werden, findet dieses Phänomen in der einschlägigen Forschungsliteratur nur marginal und unsystematisch Beachtung. Es wird daher zunächst auf deren Verbreitung eingegangen, deren Relevanz in Wissensgesellschaften hervorgehoben und im Anschluss daran Imagefilme in einer ersten Annäherung charakterisiert. Der zweite Abschnitt behandelt das Auftauchen dieser visuellen Form im Zusammenhang mit der Krise des Verhältnisses zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Es wird auf das damit aufgerufene Ursachenbündel, insbesondere auf das sich verändernde Verhältnis zwischen Staat, Hochschule und Öffentlichkeit, eingegangen; Wandlungen, die zur Übertragung dieser visuellen Form aus der Welt der Wirtschaft in die wissenschaftliche Welt und zu deren Einsatz in der externen Wissenschaftskommunikation geführt haben.

Rezensionen 4/2013

Wiedemann Thomas & Michael Meyen (Hg.): Pierre Bourdieu und die Kommunikationswissenschaft. Internationale Perspektiven. (= Theorie und Geschichte der Kommunikationswissenschaft, Bd. 13) Köln: Herbert von Halem Verlag, 2013, 296 Seiten.
– rezensiert von Heinrich Deisl

Dieter Paul Baumert: Die Entstehung des deutschen Journalismus. Eine sozialgeschichtliche Studie. Herausgegeben und eingeleitet von Walter Hömberg. (= Reihe ex libris kommunikation. Klassische Texte über Medien und Kommunikation. Begründet von Detlev Schröter und Hans Wagner, hg. von Hans Wagner & Philomen Schönhagen, Neue Folge, Bd. 11) Baden-Baden: Nomos 2013,186 Seiten.
– rezensiert von Erik Koenen

Thomas Wiedemann: Walter Hagemann. Aufstieg und Fall eines politisch ambitionierten Journalisten und Publizistikwissenschaftlers. (= Theorie und Geschichte der Kommunikationswissenschaft, Bd. 12). Köln: Halem 2012, 442 Seiten.
– rezensiert von Bernd Semrad

 

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Veronika Pfolz: „Und es hat den Kindern allen, Bobbys Antwort sehr gefallen“

Abstract: Das Kleine Blatt war 1927 dezidiert mit der Intention gegründet worden, die Leute zu unterhalten und im sozialdemokratischen Sinn zu informieren. Der vorliegende Beitrag setzt hier an und untersucht, inwieweit die Maxime des Kleinen Blattes „unterhalten und instruieren“ auch auf der Kinderseite und im speziellen für die Bildgeschichte Bobby Bär gegolten hat. Die daraus  bgeleitete Fragestellung der weiteren Forschung lautet daher: Wie politisch sind die unterhaltenden Geschichten der Figur des Bobby Bär? Welche Werte werden darin vermittelt? Inwieweit werden die Erziehungsideale der Sozialdemokratie umgesetzt? Und: gibt es nicht vielleicht Widersprüche dazu?

Petra Herczeg & Rainer Rosenberg: Denn sie hören mit Haut und Haaren Das Kinderradio als Unterhalter und Vermittler von Weltwissen. Ein Dialog zwischen Theorie und Praxis

Abstract: Der folgende Beitrag versteht sich als Versuch dem Vorurteil „Alle Theorie ist grau“ ebenso wie dem seitens der PraktikerInnen wie der WissenschafterInnen vorherrschendem Generalverdacht der Ahnungslosigkeit des jeweiligen Gegenübers etwas entgegenzusetzen. So wählte das AutorInnenduo die Dialogform um vor dem Hintergrund der geschichtlichen Entwicklung relevante Fragen über die Gegenwart und Zukunft des Kinderradios zu diskutieren. Seitens der Wissenschaft liegen die Befunde pro Kinderradio klar auf der Hand. Seitens der Praxis können gleichermaßen Ergebnisse von HörerInnenbefragungen und Alltagserfahrungen über die Hürden und Herausforderungen der Produktion von Kinderradioprogrammen vorgewiesen werden. Daraus lässt sich schließlich ableiten, warum Kinderradio ein vernachlässigtes Feld auf dem Radiomarkt ist. Dennoch konnten im österreichischen Kultursender Ö1 Nischen für Kinderradio geschaffen und u.a. mit einer Medienfigur (Rudi, der rasende Radiohund) belebt werden, die auf die Bedürfnisse, Erwartungen und Rezeptionsgewohnheiten der, eine Medienkindheit erlebenden jungen ZuhörerInnen eingehen.

Michael Litschka: Kommerzialisierung der Kinder als medienökonomisches Problem Eine wirtschafts- und medienethische Analyse

Abstract: Kindermarketing, Kinder-PR, Kundenbindung für Kinder und Jugendliche sind medienwirtschaftliche Phänomene mit starken normativen Implikationen. In diesem Beitrag wird gezeigt, wie diese Phänomene als natürliche Folge eines  heoretischen Verständnisses der Medienlandschaft verstanden werden können, das neoklassisch geprägt ist. Die Ökonomisierung der Medien und die Mediatisierung der Unternehmen generell wird in Zusammenhang mit dieser Form der  inderbewirtschaftung gebracht und gezeigt, dass eine medienethische Analyse dieses Problems nur mittels Wirtschaftsethik erfolgreich sein wird. Als mögliche Anwendung wirtschaftsethischer Modelle auf mediale und kommunikative Prozesse wird der Capability Approach von Amartya Sen vorgeschlagen. Dessen Betonung der Wahlfreiheiten der Individuen und der notwendigen Befähigungen diese Wahlfreiheiten auch zu nutzen, geht weit über die traditionellen Nutzen- und Gewinnaspekte mancher Unternehmensstrategien hinaus und zeigt einen Weg aus dem Dilemma der Kinderbewirtschaftung. Als Konsequenz dieser theoretischen Überlegungen wird die unternehmensethische Umsetzung von Verantwortung mittels  Organisation und Kommunikation“ von Ethik verlangt.

Ingrid Paus-Hasebrink & Philip Sinner: Nutzung, Chancen und Risiken Heranwachsender im Internet – Österreichische Kinder im europäischen Vergleich Ergebnisse des Forschungsprojekts EU Kids Online

Abstract: Das Internet ist aus dem Alltag, insbesondere von Kindern und Jugendlichen, nicht mehr wegzudenken, dies kann als Gemeinplatz gelten. Seine Nutzung bietet einerseits Chancen, wie Informations-, Unterhaltungs- und  Beteiligungsmöglichkeiten, andererseits sind damit aber auch Risiken und potenzielle Gefahren verbunden. Den Herausforderungen und der Erforschung dieses Themenkreises stellt sich seit 2006 das europäische Forschungsnetzwerk von EU Kids Online. Der Beitrag stellt vor, wie österreichische Kinder und Jugendliche zwischen neun und 16 Jahren das Internet nutzen und wodurch sich ihre Ausgangssituation und ihre Nutzungsweisen im europäischen Vergleich charakterisieren lassen. Das Herzstück bildet die Vorstellung einer Ländereinteilung in vier Cluster auf Basis von Nutzungs-, Risiko- und Erziehungsmustern in 25 Ländern und daraus resultierende Strategie-Empfehlungen, wie ein sicherer und gewinnbringender Umgang mit dem Internet gefördert werden kann. Abschließend werden Konsequenzen diskutiert und Empfehlungen speziell mit Blick auf Österreich formuliert, wie den bestehenden landesspezifischen Gegebenheiten und skizzierten Problemen zielgerichtet begegnet werden kann.