Walter Hömberg: Lob der Priodizität

Abstract:
Für die soziale Konstitution von Zeit spielen die Massenmedien eine zentrale Rolle. Ein Überblick über die geschichtliche Entwicklung zeigt, dass mit Einführung der Periodizität eine neue Stufe der Medienevolution beginnt. Die kontinuierliche Weitergabe des Nachrichtenstoffes ermöglicht eine regelmäßige Unterrichtung des Publikums. Dass sich in der Geburtszeit der Moderne die periodische Erscheinungsweise als Instrument der Kommunikationsrationalisierung durchsetzt, lässt sich auf soziale, politische, wirtschaftliche und technologische Faktoren zurückführen. Damit wird das occasionelle Zeitbewusstsein durch ein zyklisches Zeitbewusstsein ergänzt. Die Etablierung von Simultanmedien fördert ein lineares Zeitbewusstsein. Die Medienangebote strukturieren den Alltag und synchronisieren den gesellschaftlichen Kommunikationsprozess. Die zunehmende Beschleunigung führt zu einer Kommunikationsspirale, deren Kreise immer enger werden und auch gegenläufige Zeitkonzepte hervorrufen.

Margreth Lünenborg: Get it first, but . . . Zum Verhältnis von Zeit und Mobilität im Journalismus

Abstract:
Der Beitrag diskutiert das Verhältnis von Journalismus und Zeit nicht allein unter der grundsätzlichen Diagnose der Beschleunigung, sondern unterscheidet drei Dimensionen: die zeitlichen Strukturen der journalistischen Produktion, die zeitlichen Strukturen des journalistischen Arbeitsalltags sowie das zeitliche Verhältnis von sozialem Ereignis und Medienereignis, hier verstanden als journalistische Berichterstattung. Dabei wird der Verlust (zeitlich) strukturierender Rituale im redaktionellen Produktionsprozess in seiner Relevanz für Prozesse der Identifikation als soziale Gruppe diagnostiziert. Am Beispiel von Coworking Spaces werden Formen begrenzter zeit-räumlicher Verortung freier JournalistInnen diskutiert. Internetfähige Mobiltelefonie wird im Spannungsverhältnis von zusätzlicher Beschleunigung und (subjektiv) effizienter Zeitnutzung in der Recherche verhandelt. Mit der technisch ermöglichten Synchronizität von sozialem Ereignis und Medienberichterstattung im Live-Modus lässt sich die Rolle von JournalistInnen nicht länger als die unbeteiligter Beobachter konzipieren. Vielmehr wird Journalismus damit selbst zum konstitutiven Bestandteil des sozialen Ereignisses.

Friedrich Krotz: Zeit der Mediatisierung – Mediatisierung der Zeit Aktuelle Beobachtungen und ihre historischen Bezüge

Abstract:
„Mediatisierung“ beschreibt die historischen und die aktuellen Prozesse eines Wandels von Kultur und Gesellschaft, von Alltag und sozialen Beziehungen der Menschen im Kontext des Wandels der Medien. „Zeiten der Mediatisierung“ sind insofern Zeiten, in denen neue Medien entstehen und sich durchsetzen und in denen sich in der Folge auf Makro-, Meso- oder Mikroebene Kultur und Gesellschaft wandeln. Sie sind aber auch Zeiten, in denen die gesellschaftlichen oder ökonomischen Bedingungen für solchen Wandel entstehen. „Mediatisierung der Zeit“ meint umgekehrt, wie sich im Kontext des Wandels der Medien die Zeitvorstellungen der Menschen entwickeln und etablieren und diese dann wieder auf die Medien rückwirken. Der Aufsatz versucht, diese bisher wenig untersuchten Prozesse anhand von Fallstudien zu verdeutlichen und daraus Folgerungen über den Zusammenhang von Medien und Zeit abzuleiten.

Jutta Röser & Ursula Hüsig: Fernsehzeit reloaded Medienalltag und Zeithandeln zwischen Konstanz und Wandel

Abstract:
Das Fernsehen stellt im Rahmen aktueller Mediatisierungsprozesse keineswegs ein Auslaufmodell dar, auch wenn sich Aneignungsweisen und Nutzungsmuster durchaus wandeln. Es liegt an zeitbezogenen Hintergründen, dass dem Fernsehen im häuslichen Wohnzimmer weiterhin eine zentrale Bedeutung zukommt – so die Argumentation, die im Text vertreten wird. Im Beitrag werden zunächst die Forschungstraditionen der zeit- und alltagsbezogenen Fernsehnutzungsforschung aufgearbeitet. Einen besonderen Stellenwert hat dabei die zeittheoretische Studie Fernseh-Zeit von Irene Neverla, die bereits vor über zwanzig Jahren den Zusammenhang von Medien- und Zeithandeln aufgezeigt hat. Verdeutlicht wird im Beitrag, dass diese Studie viele Anknüpfungspunkte zur alltagsbezogenen Fernsehrezeptionsforschung der internationalen Cultural Studies, die sich parallel entwickelte, aufweist. Im zweiten Teil des Beitrags werden aktuelle empirische Befunde zur häuslichen Fernsehnutzung im Zeichen der Digitalisierung und Mediatisierung und zu neuen Nutzungsmustern mit dem digitalen Festplattenrekorder vorgestellt und dabei die anhaltende Relevanz zeit und alltagsbezogener Kategorien verdeutlicht.

Uwe Hasebrink: Any time? Modi linearer und nicht-linearer Fernsehnutzung

Abstract:
Angesichts der zunehmenden Möglichkeiten für die Zuschauer, sich von den zeitlichen Vorgaben des linearen Programmfernsehens freizumachen, geht der Beitrag der Frage nach, welche Formen der Fernsehnutzung sich entwickeln. Ausgehend vom Konzept der Kommunikationsmodi werden verschiedene Aspekte nicht-linearen Fernsehens im Hinblick auf ihre Konsequenzen für die Nutzung diskutiert. Auf dieser Grundlage wird abschließend ein Klassifikationsvorschlag prototypischer Modi der linearen und nicht-linearen Fernsehnutzung vorgestellt.

Christine Landfried: Parlamentszeit und Medienzeit Eine Analyse am Beispiel des EU-Rettungsschirms

Abstract:
Ausgangspunkt des Beitrages ist die Beobachtung, dass sich im 21. Jahrhundert die sozioökonomischen Strukturen rasant wandeln und die Politik mit den Veränderungsgeschwindigkeiten der Medien, der Technik, der Ökonomie und des Wissens nicht mitkommt. Am Beispiel der Entscheidungen und Debatten zum Euro-Rettungsschirm wird untersucht, welche Faktoren die Zeit des Parlamentes für überlegtes Handeln im Prozess der Auseinanderentwicklung des Tempos von gesellschaftlichem und politischem Wandel beeinflussen. Es ist die Hypothese des Beitrages, dass die wachsende Macht der Exekutiven, die Orientierung des Mediums Fernsehen an rascher und gut verpackter Information und die Interessen der Finanzmärkte dazu beitragen, dass die parlamentarische Zeit für politische Gestaltung verkürzt wird. Diese Verkürzung der Parlamentszeit wird am Beispiel der Bundestagsdebatten zum Euro-Rettungsschirm vom 29. September 2011, vom 27. April 2012 und vom 29. Juni 2012 beschrieben. Anschließend wird die geringe Rolle der europapolitischen Parlamentsdebatten in der Öffentlichkeit mit dem Einfluss des Fernsehens und der Wirkung seiner Temporalstruktur erklärt. Die wachsende Macht der Regierung, der Europäischen Kommission und der Finanzmärkte sind weitere Bestimmungsfaktoren der Parlamentszeit. Der Beitrag endet mit einem Vorschlag, wie der Bundestag die Ressource Zeit differenziert einsetzen und verloren gegangene Gestaltungsmacht in der Europapolitik zurückgewinnen könnte.

Elisabeth Klaus: Überlegungen zu Genres und ihre Zeit

Abstract:
Der Beitrag knüpft an Irene Neverlas Studie Fernseh-Zeit (1992) an und plädiert dafür, den damit eingeführten Forschungsstrang weiter zu verfolgen. Vorgeschlagen wird dabei insbesondere eine Fokussierung auf Genres und ihr Verhältnis zur Kategorie Zeit. Der Beitrag begründet dies zunächst exemplarisch anhand eines Blickes in die Medien- und Genregeschichte und dann systematisch mit Bezug auf die Genretheorie der Cultural Studies. Genres werden dabei als kulturelle Praxen verstanden, die die potentiell endlose Bedeutungsvielfalt von Medienproduktionen begrenzen. Sie entstehen im Zusammenwirken von Text, Produktion und Rezeption und erfahren eine je zeitspezifische, gesellschaftliche und kulturelle Rahmung. Zeit bestimmt auf vielfältige Weise sowohl die Ausprägungen der einzelnen Momente dieser Beziehung als auch ihr Zusammenwirken.

Rezensionen 2/2012

Clemens Apprich & Felix Stadler: Vergessene Zukunft. Radikale in Europa. Bielefeld: transcript, 348 Seiten.
– rezensiert von Gerit Götzenbrucker

Nellie Bly: Zehn Tage im Irrenhaus. Undercover in der Psychiatrie. Herausgegeben, übersetzt und mit einem Nachwort von Martin Wagner. Berlin: AvivA 2012, 190 Seiten.
– rezensiert von Hannes Haas

Ingrid Schramm & Michael Hansel (Hg.): Hilde Spiel und der literarische Salon. Innsbruck, Wien, Bozen: Studien-Verlag 2011, 168 Seiten.
– rezensiert von Wolfgang R. Langenbucher

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