Rezensionen 3/2010

Wolfgang R. Langenbucher (Hg.): Paul Felix Lazarsfeld – Leben und Werk. Anstatt einer Biographie. Wien: Braumüller 2008, 299 Seiten. (= Edition Sozialwissenschaften, Bd. 1).
– rezensiert von Wolfgang Duchkowitsch

Holger Schramm (Hg.): Handbuch Musik und Medien. Konstanz: UVK 2009, 629 Seiten.
– rezensiert von Christoph Jacke

Andy Kaltenbrunner, Mattias Karmasin & Daniela Kraus (Hg.): Der Journalisten Report III. Politikjournalismus in Österreich. Wien: facultas.wuv 2010, 172 Seiten.
– rezensiert von: Heinz P. Wassermann

Rainald Goetz: Klage. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2008, 428 Seiten.
Rainald Goetz: Losalbern. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2009, 187 Seiten.
Kathrin Röggla: Gespensterarbeit, Krisenmanagement und Weltmarktfiktion. (= Wiener Vorlesungen im Rathaus, Edition Gesellschaftskritik, Bd. 6). Wien: Picus Verlag 2009, 62 Seiten.
Kathrin Röggla: die alarmbereiten. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag 2010, 192 Seiten.
– vergleichend rezensiert von Roland Steiner

Rainer Geissler & Horst Pöttker (Hg.): Massenmedien und die Integration ethnischer Minderheiten in Deutschland. Forschungsbefunde. Bielefeld: transcript Verlag 2009, 352 Seiten.
– rezensiert von Richard Solder

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Magdalena Mayer: “Do The 80ies Yourself” Österreichische Fanzines als Sprachrohr einer Gegenöffentlichkeit der 1980er

Einleitung:

„Wer sich an die achtziger Jahre erinnern kann, hat sie nicht erlebt.“
(Falco)

„Diesen ganzen theoretischen Mist sollen lieber irgendwelche Studenten schreiben, die eh keine Ahnung haben […] und sich irgendetwas Pseudo-Intellektuelles aus den Fingern saugen.“
(Frick, 1997, S. 11)

Diese scheinbar zusammenhanglosen Sätze sind viel zitierte Aussagen von Musiker Falco bzw. des Herausgebers des „Ego-Zines“ Enpunkt und deklarieren Forschungsbedarf: Zum einen stellen die 1980er Jahre in Österreich noch ein „schwarzes Loch“ in der kommunikationswissenschaftlichen Forschung dar, zum anderen ist es um den Forschungsstand zu Subkulturen dieser Zeit und deren Mediengebrauch dürftig bestellt. Gründe dafür mögen Angst vor dem Theoretisieren subkultureller Praxen sein oder schlichtweg eine Vernebelung beziehungsweise ein Vergessen österreichischer (Medien-) Kultur der 1980er, da zu ihrer Zeit nicht ausreichend dokumentiert oder archiviert wurde.

Ausgehend von dieser Problematik wird der Versuch unternommen, ein Bild der Gegenöffentlichkeit im Österreich der 1980er Jahre am Beispiel von Fanzines als Sprachrohr subkultureller Bewegungen zu zeichnen.

Die 1980er gelten als Dekade der Widersprüche, in der auch subkulturelle Umbrüche stattfanden. Sprach man nach dem „revolutionären Höhepunkt“ einer Gegenkultur im Jahr 1968 noch in den 1970er Jahren auf Grund des Erstarkens von Gruppierungen wie Hippies oder Punks von Rebellion und Revolution, so schienen ein Jahrzehnt später sämtliche Alternativbewegungen sowie deren mediale Repräsentation zu verebben. Etliche Mediengründungen fanden statt, doch wie sah es mit Alternativangeboten zu Mainstream-Medien, ausgehend von einer aktiven Gegenöffentlichkeit, aus? Was wurde im „schnellen Jahrzehnt“ aus kritischen Stimmen des Underground?

Als Untersuchungsgegenstand diente das Fanzine, ein wesentliches Printmedium der Wiener Szene. Anhand österreichischer Fanzines wurde der Stellenwert dieser Magazine für die Herausgeber und für die Gesellschaft untersucht. So soll ersichtlich werden, was Gegenöffentlichkeit in den 1980ern ausmachte. Welche Bedeutung konnten diese Publikationen als Gegenprodukte zum vorherrschenden Mediendiskurs gewinnen? Konnten sie Szene, Szenemitglieder und Gesellschaft prägen? …

Elisabeth Oswald: “…man hat das gar net so ernst genommen…” Informationsmanagement und kommunikatives Verhalten innerhalb einer burgenländischen Gemeinde nach der Atomkatastrophe in Tschernobyl

Einleitung: 

„Unsicherheit
Ungläubigkeit
Das darf doch nicht wahr sein
Und doch
Es musste ja passieren
Die belügen uns Verharmlosen
Manipulieren
Wem kann man noch glauben
Verantwortung für die Zukunft
Wir wollen leben
Ohne Angst
Ohne Atom“
(Glötzner, 1986, S. 41)

Sonntag, 26. April, 1 Uhr, 23 Minuten, 40 Sekunden: Im Reaktorblock 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl explodiert ein Atomreaktor. Damit ereignet sich die größte anzunehmende Katastrophe innerhalb eines Atommeilers. 28. April 1986, k. A.: In Norwegen, Schweden und Finnland werden erhöhte Werte an radioaktiver Strahlung gemessen. Die sowjetische Atomenergiebehörde schweigt und streitet ab. 28. April 1986, 21 Uhr: Die sowjetische Nachrichtenagentur TASS teilt mit, dass es im Kernkraftwerk Tschernobyl zu einem Unfall gekommen ist.

29. April 1986: Erst zwei Tage nach der Explosion in Tschernobyl berichten deutsche und österreichische Medien erstmals über die Katastrophe (Franke, Schreiber, Vinzens, 1996). Aus heutiger Sicht hat die Meldung über den Reaktorunfall die Welt verändert, brachte diffuse Aufregung, fundamentale Angst und elementare Verunsicherung in die Bevölkerung. Da war plötzlich eine unsichtbare, ungreifbare Bedrohung, die ob ihrer Unfasslichkeit unabwendbar erschien.

Die Menschheit hielt den Atem an und wartete auf weitere Informationen, Anweisungen und Unterstützung aus den Medien. So zumindest stellt man sich in der Retrospektive die Ereignisse vom April 1986 vor. Die Menschheit hielt also den Atem an – oder auch nicht? Wie erlebten Menschen, die rund 1400 Kilometer entfernt vom Unglücksort in einem kleinen österreichischen Dorf leben, diese wohl größte zivile Katastrophe des letzten Jahrhunderts? Wie haben sich diese Menschen informiert, die nicht wirklich wussten, ob oder inwiefern sie betroffen waren? Wie genau wusste man zu diesem Zeitpunkt über Atomenergie Bescheid? Und: Wie verhielten sich öffentliche Institutionen und Behörden gegenüber der verängstigten Bevölkerung?

Diese Fragen und auch jene welches kommunikative Verhalten Menschen nach einer Katastrophe in einer krisenhaften Situation an den Tag legen, sollte im Zuge der vorgestellten Studie beantwortet werden. Ort der Untersuchung war die rund 1000 Einwohner umfassende Heimatgemeinde der Autorin, Rotenturm an der Pinka im Süden des östlichsten österreichischen Bundeslandes, dem Burgenland.

Zur Anwendung kam das Verfahren der Oral History, der „mündlichen Geschichte“, die ihren Fokus nicht auf etablierte Großerzählungen, sondern auf eine akteurszentrierte Mikrohistorie legt. Die zentrale Forschungsperspektive dieser Methode ist es die erinnerten Erfahrungen von „einfachen“ Leuten, die mit Hilfe von Erinnerungsgesprächen erhoben werden, zu gewinnen und zu dokumentieren. Dieses Verfahren wurde bisher vor allem von jenen Sozial- und Kommunikationshistorikern angewandt, denen es darum ging die dominanten Sichtweisen und Erzählformen zu korrigieren. Anwendung fand dieses Verfahren besonders in jenen historischen Abschnitten in denen die Zeitgeschichte politisch umstritten ist. Oral History untersucht die Verarbeitungsformen von historischen Erlebnissen und ist interessiert an einer der Geschichte „von unten“, an einer Rekonstruktion der Ereignisse aus der Sicht der Erfahrungen der „einfachen Leute“. Die Lebenswelt einzelner soll untersucht werden sowie die Wirkungen von politischen und sozialen Veränderungen auf die Umgangsformen mit alltäglichen Lebens- und Arbeitsbedingungen (Behmer, 2008; Botz, 1988).

Die Auswahl der Befragten zielte darauf ab, Repräsentativität im Hinblick auf die personelle Struktur des Ortes anno 1986 zu gewährleisten, indem Menschen aus den verschiedensten Bereichen, Positionen und Rollen innerhalb des Ortes zum Zeitpunkt 1986 um Gespräche ersucht wurden. Insgesamt konnten 12 Personen interviewt werden, darunter der ehemalige Vizebürgermeister aus Rotenturm, der Gemeindeamtsleiter, der ehemalige Volksschuldirektor, aber auch Privatpersonen aus Rotenturm, die ebenfalls besondere Erinnerungen und ihre persönliche Geschichte zu Tschernobyl haben. Gesprächspartner waren zum Beispiel Eltern, die zu diesem Zeitpunkt Kleinkinder hatten oder ein Sonderschullehrer, der versuchte seine Schüler aufzuklären und zu schützen. Besonders interessant war das Zusammentreffen mit einer Frau, die zum Zeitpunkt der Reaktorexplosion nur ca. 60 km entfernt von der russischen Grenze in Ungarn lebte. Um zu ergiebigeren Informationen zu kommen, wurden die Personen unter anderem in Realgruppen wie der Familie befragt. Gestützt waren die Interviews auf einen Leitfaden, der den Rahmen der Gespräche absteckte und die Richtung vorgab. …

Johanna Fröhlich-Kriechbaum: Die Oberösterreichische Friedensbewegung und ihre Kommunikationsmaßnahmen von 1985 bis 1988

Einleitung: “Ein bißchen Frieden” wünschte sich auch die deutsche Sängerin Nicole 1982 und gewann mit diesem unpolitisch intendierten Schlager den Eurovision Song Contest im britischen Harrogate. Der Gedanke und das Bedürfnis nach Frieden, Abrüstung und einer gewaltfreien Welt erstarkten Anfang der 1980er Jahre auch bei der österreichischen Bevölkerung. Um gemeinsam einen Schritt gegen Krieg, Gewalt und Atomwaffen zu tun, schlossen sich Menschen zu Friedensinitiativen zusammen. Durch ihren gemeinsamen Auftritt und den Zusammenhalt der Bewegungen wurde das öffentliche Ansehen gestärkt und ihre Kommunikation sukzessive professionalisiert. Eine dieser regionalen Initiativen war die Oberösterreichische Friedensbewegung (OÖ-Friedensbewegung), die sich Anfang der 1980er Jahre aus den verschiedensten kleineren Organisationen gebildet hatte. Zu diesem Zeitpunkt verzeichneten die Friedensbewegungen in Österreich generell eine sehr dynamische Aufwärtsentwicklung, doch ein Jahrzehnt später schien die Energie der Friedensbewegten wieder verbraucht, und das Interesse junger Aktivisten nahm ab. Der Mobilisierungserfolg zuvor war nicht etwa den großen Massenmedien, sondern Netzwerken rund um ein starkes Bündnis zu verdanken. Auch Friedensaktivisten der „alten Schule“, wie die Interviewpartner dieser Studie (Fröhlich-Kriechbaum, 2010) Gerald Oberansmayr und Boris Lechthaler aus Linz sind der festen Überzeugung, dass es nicht die auflagenstarken Publikumsmedien waren, die den Gedanken von Frieden und Antimilitarismus unter die Bevölkerung brachten. Die OÖ-Friedensinfo war das wichtigste Kommunikationsorgan der OÖ- Friedensbewegung. Das Blatt besaß eine hohe Mobilisierungsfähigkeit, vor allem für die beiden Höhepunkte in der Geschichte der Österreichischen Friedensbewegung, die Großdemonstrationen am 15. Mai 1982 und am 23. Oktober 1983. …

Petra Sodtke: Aufreger – und zeitlose Anreger Journalismuskultur der 1980er vor dem Hintergrund der Waldheim-Affäre

Einleitung: Kaum ein Ereignis hatte die im Jahr 1986 immerhin schon knapp über vierzig Jahre alte (Zweite) Republik Österreich dermaßen schonungslos den Spiegel vorgehalten wie die Waldheim-Affäre. Kaum ein Ereignis wuchs zu einem dermaßen heftigen nationalen und internationalen Tornado der Polarisierung an. Kaum ein Ereignis schaffte es in Österreich so nachhaltig, die eigene, sorgfältig zurechtgezimmerte und behutsam gepflegte kollektive Story der Zweiten Republik und deren Mähr von der Insel der Seligen und des ersten Opfers des Nationalsozialismus in ihren Grundfesten so zu erschüttern. Und kein Ereignis zuvor hatte das lostreten können, was Österreich seinen Opfern des Nationalsozialismus der Jahre 1938-1945 bis dahin schuldig geblieben ist: Mit erheblicher Verspätung (1991) sollte sich erstmals die österreichische Bundesregierung im Namen des Volkes der eigenen Mitschuld an den Gräueltaten der NS-Herrschaft bekennen und folglich Restitutions-Maßnahmen ermöglichen. Die österreichische NS-Vergangenheit, davor stark tabuisiert, wurde plötzlich öffentlich diskutiert.

Das Jahr 1986 war historisch gesehen überaus prägend. Aus der Perspektive der Forschung scheint der politisch-mediale Ausnahmezustand rund um die Präsidentschaftskandidatur Dr. Kurt Waldheims (mit der journalistischen Aufdeckung seiner umstrittenen Kriegsvergangenheit) heute auf den ersten Blick ein bereits „ausgeforschtes“ Thema zu sein. Dennoch hielten Czernin und Tóth noch 2006 fest: „Im Rückblick liest sich manches klarer, anderes bekommt eine neue Wertung. Einiges wird aber weiterhin Gegenstand von Spekulationen bleiben. Für die universitäre Zeitgeschichtsforschung bleibt so gesehen noch genug zu tun“ (Tóth, Czernin, 2006, S. 13).

Und tatsächlich: Wer bei dieser Thematik einen zweiten, offeneren Forscher-Blick zulässt, wird – wie die Autorin des vorliegenden Aufsatzes – mit hoher Wahrscheinlichkeit überrascht sein, um welch zeitlosen Anreger zur Reflexion über den Umgang mit der österreichischen Vergangenheit, Gegenwart und letztendlich Zukunft es sich hierbei handelt. Viele Perspektiven und verborgenen „Schichten“ dieses Forschungsthemas zeigen sich dabei als potentielle Ausgangspunkte für neue, weiterführende Forschungsvorhaben offensichtlich.

Was etwa bisher nur wenig hinterfragt blieb, waren die „Köpfe hinter den Geschichten“ – aber genau diese prägten entscheidend die Art und Weise, wie mit dem Thema Waldheim-Affäre umgegangen wurde, welche Aspekte betont (oder vielleicht sogar ignoriert) wurden und welche es an die Spitze der Agenden schafften. So wurde in der hier beschriebenen Arbeit ein Fokus auf diese Journalisten bzw. Medienmacher-Persönlichkeiten und vor allem die Rahmenbedingungen, unter denen sie tätig waren, gelegt. Neben den persönlichen Beweggründen und Einflussvariablen auf die Behandlung der Causa Waldheim wurde auch konkret untersucht, vor welchen (persönlichen, rechtlichen) Herausforderungen diese Journalisten der 1980er Jahre gestellt waren (Stichworte: Akteneinsicht, Bewilligungen, Datenschutz, Zugang im österreichischen Staatsarchiv, Recherche im Vergleich damals zu heute, welche Quellen benutzt werden konnten, was schwierig war etc.). Damit werden vor allem die (Un-)Möglichkeiten der damaligen Recherche angesprochen und mit dem medialen Ereignis in Kontext gesetzt (man bedenke: damals war Fax die schnellste Technologie). Der Untersuchungszeitraum wurde auf den Wahlkampf zur Bundespräsidentenwahl 1986 eingegrenzt. …

Anna-Claudia Anderer: Verschmelzung von Literatur und Magazinjournalismus New Journalism / Gonzo Journalism am Beispiel der "Zeitgeist-Zeitschrift" Wiener-Österreich (1982-1986)

Einleitung: Das Eintauchen in das Leben. Der Reporter als Erzähler, als Mitwisser und Mitwirkender. Das sind die Zutaten für den New Journalism, der aus dem US-amerikanischen Markt erwuchs und sich aus den gesellschaftspolitischen Umbrüchen der 1960er Jahre entwickelt hat. Mit Verspätung tauchte er im deutschsprachigen Raum auf. In den 1980er Jahren übernahmen vor allem zwei Zeitschriften das Konzept des New Journalism, das Hamburger Magazin Tempo und der Wiener.

Die 1980er, ein so genanntes Spaßjahrzehnt, stand im Gegensatz zu den beiden Dekaden davor. Haben die alternativen Hippie- und Punkbewegungen der 1960er und 1970er Jahre hierarchisch- kapitalistische Gesellschaftsstrukturen abgelehnt und moralische Werte wie Innerlichkeit idealisiert, orientierte sich die „Yuppiegeneration“ der 1980er Jahre mit ihrem Streben nach beruflichem Erfolg und materiellem Wohlstand an jenen der Äußerlichkeit. Der Wiener als auch Tempo können als typische medienkulturelle Produkte dieses Jahrzehntes betrachtet werden. Im Folgenden werden Ergebnisse einer inhaltsanalytischen Untersuchung des österreichischen Lifestyle- Magazins präsentiert. Ziel dieser Analyse war es, zu erforschen, inwieweit sich im Wiener in den Jahren 1982-1986 die für den New Journalism typischen „Gonzo-Elemente“ der Subjektivität und der Selbstinszenierung in der Darstellungsform der Reportage wiederfinden, beziehungsweise inwieweit sich darin der journalistische Rollenwechsel vom Beobachter zum Akteur vollzogen hat.

Stark an Alternativkulturen der 1960er Jahre gebunden, fokussierten „New Journalists“ auf Subthemen wie Drogen, Gewalt, freie Sexualität und erschütterten damit die Wertewelt des amerikanischen Mittelstandes. Das Verwenden literarischer und journalistischer Stilmittel zählte zu seinen weiteren Merkmalen und führte dazu, dass der New Journalism umstritten blieb, da er Gefahr lief, „die ohnehin nicht evidenten Grenzen zwischen Fakten und Fiktion zu interpolieren“ (Wallisch, 1990, S. 145).  Dies gilt insbesondere für seine radikale Spielart, den so genannten Gonzo Journalism. Der Autor geht hier noch einen Schritt weiter, inszeniert sich selbst, macht sich zum Akteur, greift ins Geschehen ein und verändert es dadurch. Barbara Reichmann zeigt in ihrer Diplomarbeit aber auf, dass Gonzo Journalism, der Terminus geht auf das Schaffen von Hunter S. Thompson zurück, „ehrlicher berichtet als so manche andere Journalismusform“ (Reichmann, 1999, S. 1), da es dem Autor in seinem Werk immer nur darum gehe, Authentizität herzustellen.

Gianluca Wallisch setzte sich in zahlreichen Arbeiten mit dem Thema New Journalism auseinander. Er vertritt die These, dass es sich bei diesem Genre um ein durch und durch amerikanisches Phänomen handle, das man nicht – zumindest nicht mit Erfolg – in andere Kulturen verfrachten könne (Wallisch, 1990, S. 120). Dies sieht er vor allem in der Sprache der Journalisten begründet, die mit ihren zahlreichen Neologismen und Begriffen wie „Varoom“ oder „Zonk!“ zum Teil stark an die Diktion amerikanischer Comic-Strips erinnert und damit belegen würde, wie sehr dieser Stil als Ausdruck der amerikanischen Alltagskultur gelten könne (ebd., S. 117). Im europäischen Raum ortet Wallisch hingegen generell wenige Ansätze dieser Journalismusform, und in Österreich zählt er dazu überhaupt nur die Monatsmagazine Auto Revue oder Diners Club Magazin. Diese Zeitschriften bezeichnet er als „Relikte“ des New Journalism, da beide Lifestyle-Themen mit sprachlichem Witz und mit einer Einstellung behandeln, wie es für das Genre typisch ist. Für ihn erreichen andere „Zeitgeist-Magazine“ diesen Standard nicht einmal annähernd, v.a. die literarische Komponente betreffend (ebd., S. 120). Siegfried Weischenberg hingegen sieht die Mischung aus Journalismus und Literatur in Deutschland vom Zeitgeist- bzw. Autoren-Journalismus in den 1980er Jahren aufgegriffen, der sich mit den Zeitschriften Tempo und Wiener seine eigenen Medien geschaffen habe (Weischenberg, 2001, S. 43). …

Kerstin Madner: Themen und Werte des ORF-TV-Jugendmagazins “Okay” 1980 und 1986

Einleitung: Vor allem durch seine Sozialisierungsfunktion spielt das Fernsehen für den jugendlichen Rezipienten eine bedeutende und einflussreiche Rolle, da es ihm in jener Phase, die vom Aufbau der eigenen Identität sowie der Entwicklung einer individuellen Werthaltung bestimmt ist, Normen und Leitbilder aufzeigt. Die österreichischen Jugendlichen der 1980er Jahre wuchsen als erste Generation mit zwei für sie konzipierten TVFormatausprägungen heran.

Im Zentrum der vorliegenden Studie steht die Analyse der Themen, die der jugendliche Rezipient in zielgruppenspezifischen TV-Magazinen der 1980er Jahre vorfand, sowie der Werte, die medial vermittelt wurden. Das Interesse richtet sich dabei auf das bis dato wissenschaftlich noch nicht untersuchte ORF-TV-Jugendmagazin Okay und versteht sich deshalb als erste, explorative Studie. Das Erkenntnisinteresse zielte auf die von Okay aufgegriffenen und problematisierten Themen sowie die repräsentierten Werte. Bislang analysierten lediglich zwei Diplomarbeiten diese TV-Zielgruppensendungen des ORF. Hannes Duscher konstatierte 1998 anhand Ohne Maulkorb, Okay und X-Large, dass das klassische Jugendmagazin als Musiksendung für „alle“ überholt schien und begründete dies mit den veränderten Rezeptionsbedingungen, dem Jugendkulturwandel und mit dem Aufkommen von Spartenprogrammen wie MTV und VIVA (Duscher, 1998, S. 147). Zum anderen beschäftigte sich Walter Pesjak 1988 mit den Wertorientierungen im TV-Magazin Ohne Maulkorb. Aus den Theorien von Ronald Inglehart und Helmut Klages – dazu später – leitete er ein Kategoriensystem ab, das er mittels Sequenzanalyse an einer Ausgabe des Magazins anwendete. Er untersuchte sowohl die Personen, über die berichtet wurde, als auch die Moderatoren und Beitragsgestalter und gelangte schließlich zum Ergebnis, dass in den untersuchten Gruppen fast ausschließlich Mischformen von materialistischen und postmaterialistischen Wertorientierungen – siehe unten – auftraten. Die Moderatoren tendierten zwar eher zu postmaterialistischen, mussten jedoch aufgrund der „Rahmenbedingungen der Sendung (wenig Zeit für wichtige Themen) Handlungen setzen […], die sehr von materialistischen Werten geprägt sind“ (Pesjak, 1988, S. 40). Sie geben zwar vor, dass sie ihre Meinung frei äußern, realiter beschränkt sich ihr Beitrag jedoch auf das bloße Beschreiben der Umstände. …

Rezensionen 2/2010

Knut Lundby (Ed.): Mediatization. Concept, Chances, Consequences. New York [u.a.]: Peter Lang 2009, 317 Seiten.
– rezensiert von Marian Adolf

Jürgen Wilke (Hg.): Massenmedien und Spendenkampagnen. Vom 17. Jahrhundert bis in die Gegenwart. (= Medien in Geschichte und Gegenwart, Bd. 26). Köln, Weimar, Wien: Böhlau 2008, 335 Seiten.
– rezensiert von Wolfgang Duchkowitsch

Gerlinde Gehring & Ulrich Pfarr (Hg.): Handbuch psychoanalytischer Begriffe für die Kunstwissenschaft. Gießen: Psychosozial-Verlag 2009, 500 Seiten.
– rezensiert von Steffen Krüger

Ralf Hinz: Pop-Diskurse. Zum Stellenwert von Cultural Studies, Pop-Theorie und Jugendforschung. Bochum: Posth 2009, 145 Seiten.
– rezensiert von Christoph Jacke

Stephan Ruß-Mohl: Kreative Zerstörung. Niedergang und Neuerfindung des Zeitungsjournalismus in den USA. Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft 2009, 284 Seiten.
– rezensiert von Erich Vogl

Corinna Lüthje: Das Medium als symbolische Macht. Untersuchung zur soziokulturellen Wirkung von Medien am Beispiel von Klassik Radio. Nordstedt: Books on Demand GmbH 2008, 421 Seiten.
– rezensiert von Wolfgang R. Langenbucher

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Peter Payer: Worte und Taten Die Schweizer Journalistin Else Spiller (1881-1948) und ihr Kampf gegen die Armut

Einleitung:

“Das Arme und Elende tastete sich zu mir heran.”
(Else Spiller, 1911)

Geboren am 1. Oktober 1881 in dem kleinen Ort Seen bei Winterthur, wuchs Else Spiller in einem klassischen Arbeitermilieu auf: Ihre Mutter war Fabriksarbeiterin, ihr Vater Monteur in einer Maschinenfabrik. Spiller besuchte die Volksschule des Ortes und entdeckte schon bald ihre Liebe zur Literatur, wenn auch mit anfänglichen Schwierigkeiten, wie sie sich Jahre später erinnerte: “[…] das Stillsitzen bedeutete für mich eine Pein und die Buchstaben standen sehr fremd vor mir. Die erste Fibel war mir ein Greuel! Aber dann ging mir auf einmal das Verständnis für die Buchstaben auf und ich wurde als Kind eine Leseratte” (Züblin-Spiller, 1929, S. 6).

Im Jahr 1889 übersiedelte sie gemeinsam mit ihren beiden Brüdern, ihrer Mutter und ihrem Stiefvater – ihr leiblicher Vater war inzwischen gestorben – nach Zürich, wo sie weiter die Schule besuchte. Hier trat sie im Alter von 17 Jahren, angetrieben durch die finanzielle Not der Familie, ins Erwerbsleben ein. Sie erhielt eine Anstellung in einer Papierhandlung, der bald darauf Saisonarbeiten in den Hotels von Pontresina und St. Moritz folgten. Eine wichtige soziale Erfahrung, erfuhr Spiller hier doch erstmals hautnah die Kluft zwischen Arm und Reich, zwischen der Eleganz und dem Luxus der Hotelgäste und dem mühevollen 17-Stunden-Arbeitsalltag der Angestellten.

Zurück in Zürich nahm sie erneut die Arbeit in der Papierhandlung auf, daneben begann sie mit ersten journalistischen Versuchen. Die Schweizer Hauszeitung druckte ihren ersten Artikel Einen Spaziergang im Engadin ab, andere lokale Zeitungen zeigten sich ebenfalls an ihren Schreibarbeiten interessiert. Spillers zentrales Thema war das Alltagsleben in der Stadt, namentlich in ihrem unmittelbaren Wohnort, weshalb die regelmäßig erscheinenden Artikel unter dem Titel Zürcherbriefe herauskamen.

Auf der Suche nach Themen gelangte Spiller auch in das von der Heilsarmee betriebene Nachtasyl in Zürich-Aussersihl. Tief ergriffen von der Armut und Not der dort aufgenommenen Menschen, spürte sie „wie verschieden dieses Leben hinter den Coulissen [sic!] von dem Leben, das ich bis jetzt gekannt, war“ (ebd., S. 20). In mehreren Artikeln berichtete sie über die bislang verborgenen „Nachtseiten des Lebens“, geleitet von einem ehrlichen aufklärerischen Impetus: „Es lag mir viel mehr daran, das Leben zu schildern, wie es wirklich war; diejenigen, die es besser hatten, darauf aufmerksam zu machen, wieviele im Schatten stehen müssen“ (ebd.).

Der Führungsetage der Heilsarmee, die 1880 in London gegründet worden war und sich rasch europaweit ausbreitete, blieben die engagierten Berichte der jungen Journalistin nicht verborgen und so wurde Spiller auch weiterhin zur Berichterstattung über einschlägige Veranstaltungen herangezogen. Und sie erweiterte beständig ihr Portfolio: Neben Sozialreportagen schrieb sie bald auch Reiseschilderungen und Theaterkritiken. …

Roland Steiner: Von “Alpine-Skalven” zu Hausmädchen Stellenanzeigen in der Industrieregion Leoben-Donawitz während der Weltwirtschaftskrise

Einleitung: Am 10. Juli 1930 notiert ein 17-jähriger Donawitzer, ehe er auf die Walz bis nach Skandinavien geht, in sein Tagebuch: „Das ganze Industriezentrum Leoben leidet an Arbeitsmangel. Insbesondere in Donawitz, wo infolge der Heimwehrschaft viele qualifizierte Arbeiter, die sich nicht dem Terror fügten, entlassen wurden“ (Schick, 1991, S. 29). Delogierte „Ausgesteuerte“ hausten da bereits in einer Barackensiedlung am Maßenberg, an dessen Fuß sich die Betriebsleitervillen der Österreichisch- Alpinen Montangesellschaft (ÖAMG) ausdehnten. Auf die durch Arbeitslosigkeit induzierte Armut in der steirischen Industrieregion Leoben-Donawitz wurde auch die Internationale Vereinigung für Kinderhilfe in Genf aufmerksam, die Donawitz drei Jahre nach Ausbruch der Weltwirtschaftskrise neben dem anderen lokalen ÖAMG-Zentrum Eisenerz in ihr Spendenprogramm aufnahm. Laut Obfrau des Donawitzer Kindergartens hatten im April 1933 von 18.000 Einwohnern „mehr als 10.000 kein geregeltes Einkommen“ (Fiedler, 1934, S. 8). Ab Mai befand sich die Stadt im Konkurs, mehr als 6.000 Menschen lebten von der Arbeitslosenunterstützung (Arbeiterwille, 1933). Zu diesem Zeitpunkt hatte die Ausrichtung der ÖAMG und ihrer vor Ort hergestellten Werkszeitung (WZ; 1926-1945) vom faschistischen Steirischen Heimatschutz (STHSCH) zur NSDAP umgeschlagen, die von ihr geförderte Unabhängige Gewerkschaft (UG) und deren gleichnamige Zeitung (1929-1931) waren zugunsten der NS-Betriebszellenorganisation fallengelassen worden. Während die medial-diskursiv dominante Obersteirische Volkszeitung (OVZ; 1885-1945, 1949- 2008) auf ihrer ÖAMG nahen, deutschnationalautoritären Linie und die ebenfalls in Leoben edierte Leobener Sonntagspost (LS; 1924-1938, 1946-1981) regierungsloyal auf ihrer arbeitgeberfreundlichen, katholischen Blattlinie beharrten, wäre es an einer oppositionellen Presse gelegen, die massiv gestiegene Arbeitslosigkeit kritisch zu thematisieren und sich der Deklassierung, Verarmung und Ausgrenzung von Arbeitslosen anzunehmen. Doch die geschwächten sozialdemokratischen Freien Gewerkschaften mussten die lokalen Arbeitermedien Alpinepost (1928-1930) und Der Bergmann (1920-1931) einstellen, die kommunistischen Betriebsblätter Der Alpine-Sklave (1927-1929) und Der Rote Alpine-Arbeiter (1929-1931) hatten, ob der ÖAMG-Schikanen, ihr Publikum kaum erreicht. …