Peter Payer: Worte und Taten Die Schweizer Journalistin Else Spiller (1881-1948) und ihr Kampf gegen die Armut

Einleitung:

“Das Arme und Elende tastete sich zu mir heran.”
(Else Spiller, 1911)

Geboren am 1. Oktober 1881 in dem kleinen Ort Seen bei Winterthur, wuchs Else Spiller in einem klassischen Arbeitermilieu auf: Ihre Mutter war Fabriksarbeiterin, ihr Vater Monteur in einer Maschinenfabrik. Spiller besuchte die Volksschule des Ortes und entdeckte schon bald ihre Liebe zur Literatur, wenn auch mit anfänglichen Schwierigkeiten, wie sie sich Jahre später erinnerte: “[…] das Stillsitzen bedeutete für mich eine Pein und die Buchstaben standen sehr fremd vor mir. Die erste Fibel war mir ein Greuel! Aber dann ging mir auf einmal das Verständnis für die Buchstaben auf und ich wurde als Kind eine Leseratte” (Züblin-Spiller, 1929, S. 6).

Im Jahr 1889 übersiedelte sie gemeinsam mit ihren beiden Brüdern, ihrer Mutter und ihrem Stiefvater – ihr leiblicher Vater war inzwischen gestorben – nach Zürich, wo sie weiter die Schule besuchte. Hier trat sie im Alter von 17 Jahren, angetrieben durch die finanzielle Not der Familie, ins Erwerbsleben ein. Sie erhielt eine Anstellung in einer Papierhandlung, der bald darauf Saisonarbeiten in den Hotels von Pontresina und St. Moritz folgten. Eine wichtige soziale Erfahrung, erfuhr Spiller hier doch erstmals hautnah die Kluft zwischen Arm und Reich, zwischen der Eleganz und dem Luxus der Hotelgäste und dem mühevollen 17-Stunden-Arbeitsalltag der Angestellten.

Zurück in Zürich nahm sie erneut die Arbeit in der Papierhandlung auf, daneben begann sie mit ersten journalistischen Versuchen. Die Schweizer Hauszeitung druckte ihren ersten Artikel Einen Spaziergang im Engadin ab, andere lokale Zeitungen zeigten sich ebenfalls an ihren Schreibarbeiten interessiert. Spillers zentrales Thema war das Alltagsleben in der Stadt, namentlich in ihrem unmittelbaren Wohnort, weshalb die regelmäßig erscheinenden Artikel unter dem Titel Zürcherbriefe herauskamen.

Auf der Suche nach Themen gelangte Spiller auch in das von der Heilsarmee betriebene Nachtasyl in Zürich-Aussersihl. Tief ergriffen von der Armut und Not der dort aufgenommenen Menschen, spürte sie „wie verschieden dieses Leben hinter den Coulissen [sic!] von dem Leben, das ich bis jetzt gekannt, war“ (ebd., S. 20). In mehreren Artikeln berichtete sie über die bislang verborgenen „Nachtseiten des Lebens“, geleitet von einem ehrlichen aufklärerischen Impetus: „Es lag mir viel mehr daran, das Leben zu schildern, wie es wirklich war; diejenigen, die es besser hatten, darauf aufmerksam zu machen, wieviele im Schatten stehen müssen“ (ebd.).

Der Führungsetage der Heilsarmee, die 1880 in London gegründet worden war und sich rasch europaweit ausbreitete, blieben die engagierten Berichte der jungen Journalistin nicht verborgen und so wurde Spiller auch weiterhin zur Berichterstattung über einschlägige Veranstaltungen herangezogen. Und sie erweiterte beständig ihr Portfolio: Neben Sozialreportagen schrieb sie bald auch Reiseschilderungen und Theaterkritiken. …

Roland Steiner: Von “Alpine-Skalven” zu Hausmädchen Stellenanzeigen in der Industrieregion Leoben-Donawitz während der Weltwirtschaftskrise

Einleitung: Am 10. Juli 1930 notiert ein 17-jähriger Donawitzer, ehe er auf die Walz bis nach Skandinavien geht, in sein Tagebuch: „Das ganze Industriezentrum Leoben leidet an Arbeitsmangel. Insbesondere in Donawitz, wo infolge der Heimwehrschaft viele qualifizierte Arbeiter, die sich nicht dem Terror fügten, entlassen wurden“ (Schick, 1991, S. 29). Delogierte „Ausgesteuerte“ hausten da bereits in einer Barackensiedlung am Maßenberg, an dessen Fuß sich die Betriebsleitervillen der Österreichisch- Alpinen Montangesellschaft (ÖAMG) ausdehnten. Auf die durch Arbeitslosigkeit induzierte Armut in der steirischen Industrieregion Leoben-Donawitz wurde auch die Internationale Vereinigung für Kinderhilfe in Genf aufmerksam, die Donawitz drei Jahre nach Ausbruch der Weltwirtschaftskrise neben dem anderen lokalen ÖAMG-Zentrum Eisenerz in ihr Spendenprogramm aufnahm. Laut Obfrau des Donawitzer Kindergartens hatten im April 1933 von 18.000 Einwohnern „mehr als 10.000 kein geregeltes Einkommen“ (Fiedler, 1934, S. 8). Ab Mai befand sich die Stadt im Konkurs, mehr als 6.000 Menschen lebten von der Arbeitslosenunterstützung (Arbeiterwille, 1933). Zu diesem Zeitpunkt hatte die Ausrichtung der ÖAMG und ihrer vor Ort hergestellten Werkszeitung (WZ; 1926-1945) vom faschistischen Steirischen Heimatschutz (STHSCH) zur NSDAP umgeschlagen, die von ihr geförderte Unabhängige Gewerkschaft (UG) und deren gleichnamige Zeitung (1929-1931) waren zugunsten der NS-Betriebszellenorganisation fallengelassen worden. Während die medial-diskursiv dominante Obersteirische Volkszeitung (OVZ; 1885-1945, 1949- 2008) auf ihrer ÖAMG nahen, deutschnationalautoritären Linie und die ebenfalls in Leoben edierte Leobener Sonntagspost (LS; 1924-1938, 1946-1981) regierungsloyal auf ihrer arbeitgeberfreundlichen, katholischen Blattlinie beharrten, wäre es an einer oppositionellen Presse gelegen, die massiv gestiegene Arbeitslosigkeit kritisch zu thematisieren und sich der Deklassierung, Verarmung und Ausgrenzung von Arbeitslosen anzunehmen. Doch die geschwächten sozialdemokratischen Freien Gewerkschaften mussten die lokalen Arbeitermedien Alpinepost (1928-1930) und Der Bergmann (1920-1931) einstellen, die kommunistischen Betriebsblätter Der Alpine-Sklave (1927-1929) und Der Rote Alpine-Arbeiter (1929-1931) hatten, ob der ÖAMG-Schikanen, ihr Publikum kaum erreicht. …

Beate Großegger: “Meine Lieblingsbeschäftigung ist fernsehen und ich schlafe ab und zu auch gern” Medien- und Konsumwelt von Kindern und Jugendlichen in sozialen Randlagen

Einleitung: Simon ist sechs Jahre alt und ein echter Pokemon- Fan. Er zögert kein bisschen, als er gefragt wird, was er sich wünschen würde, wenn eine Fee käme und er drei Wünsche frei hätte: “Ich würde mir wünschen, dass ich alle Pokemons der Welt hätte, weil ich Pokemons liebe. Ich täte mir wünschen, dass ich drei lebendige Pokemons hätte: ein lebendiges Garados, ein lebendiges Dialga und ein lebendiges Palkia. Dann täte ich mit meinem Garados baden können und mit dem Dialga und mit dem Palkia täte ich durch Raum und Zeit reisen können – dahin, wo die Libelldra wohnt. Da will jedes Kind hin: wegen den Elfen. Die erfüllen einem jeden Wunsch – nicht nur drei. Die erfüllen einem jeden Tag Wünsche und die bleiben bei einem, bis man uralt ist.”

Simons Redefluss ist kaum zu stoppen, wenn es um Pokemons geht. Für ihn sind seine Pokemons mehr als nur populäre Helden der Kindermedienkultur, er sieht in ihnen echte Gefährten seines kindlichen Alltags (vgl. Paus-Haase, 2002).

Simon wirkt wie ein durchschnittlicher Sechsjähriger, der in die so genannte Medien- und Konsumgesellschaft hineingeboren und mit Kindermedienmarken sozialisiert wurde. Zumindest auf den ersten Blick bzw. solange man über die Lebenssituation seiner Familie wenig weiß. Simon wächst nämlich in einer sogenannten Randlage auf. Simons Eltern sind Drop-outs: Sie haben die Schule abgebrochen und nie einen „richtigen“ Beruf gelernt. Ein geregeltes Erwerbsarbeitsleben in unselbständiger Beschäftigung und damit verbunden ein fixes Erwerbseinkommen ist in der Welt, in der sie leben, ein Fremdwort. In ihren beruflichen Karrieren sind sie über eine lose Aneinanderreihung von Gelegenheitsjobs nie hinausgekommen. Nie waren sie über längere Zeit in einem sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnis und haben daher auch nicht ausreichend Arbeitslosenversicherungszeiten angesammelt, um Arbeitslosengeld beziehen zu können. Mit „Tupper-Ware-Parties“ und „illegalem Kraftfahrzeugfahren“ bestreiten sie einen Gutteil ihres Lebensunterhalts. Erstaunlich selbstbewusst stehen sie dazu, dass sie auch in illegale Bereiche der Schattenwirtschaft ausweichen, um ihre kleine Familie zu finanzieren. Beide Eltern sind gerade einmal Mitte Zwanzig und scheinen sich dennoch damit abgefunden zu haben, dass sich ihre Lebenssituation zukünftig wohl kaum maßgeblich ändern wird. Lebensziele, die „Otto Normalverbraucher“ anspornen, sind ihnen fremd: morgens aufzustehen, um zur Arbeit zu gehen, einen Job zu finden, in dem man sich mit all seinen Qualifikationen einbringen und selbstverwirklichen kann oder das Geld, das man hat einzuteilen und für später etwas zurückzulegen.

Auf den nicht-legalen Status seines Broterwerbs angesprochen, meint der Vater: “Wie es mir geht mit der Arbeit? Solange mich die Polizei nicht erwischt, gut. Es ist nicht fad […] – jeden Tag verschiedene Arbeit: das ist das Beste. Weil du machst [morgen; Anm. B.G.] nicht, was du heute gemacht hast. […] Und du weißt nicht, was du machen wirst. Du bist gespannt, was kommt. Das ist das Tolle daran.” Die Sozialwelt, in der unser kleiner Pokemon-Fan Simon aufwächst, wirkt wie ein Pendant zur Gesellschaft der vollwertig Integrierten und Inkludierten: als eine Gesellschaft der sozial und kulturell Abgehängten und Desintegrierten, die losgelöst ist von den Fragen, Themen und zu einem Teil wohl auch von den Werten der Mehrheitsgesellschaft. Das zeigt sich im Großen wie im Kleinen, in scheinbaren Banalitäten des Alltags, etwa wenn Simon offen und ohne Schamgefühl davon erzählt, wie er normalerweise sein Frühstück einnimmt: “Ich stehe am Morgen auf. Ich gehe aus dem Bett und die Mama schläft noch. Und dann gehe ich ins Kinderzimmer und fernsehe ein bisschen. Dann gehe ich zurück und frage die Mama, ob ich mir schon etwas aus dem Kühlschrank holen darf. Ich hole mir was aus dem Kühlschrank und dann gehe ich fernsehen.”

Simon ist eines von 16 Kindern und Jugendlichen, die im Rahmen der vom Institut für Jugendkulturforschung – jugendkultur.at durchgeführten qualitativen Grundlagenstudie „Soziale Exklusion aus lebensweltlicher Perspektive“ (Großegger, 2009) über ihren Alltag in einer Familie in exklusionsgefährdeter Lage berichteten und er ist zugleich eines von jenen Kindern und Jugendlichen in Österreich, die in einer sozialen Randlage aufwachsen (müssen) und somit Kinder des „abgehängten Prekariats“ sind. …

Heinz P. Wassermann: Generation Prekär? Empirische Annäherungen zur Prekarisierung im Journalismus

Einleitung:

Medienunternehmen ist daran gelegen, die Personalkosten möglichst gering zu halten, weshalb Journalisten jahrelang in prekären Beschäftigungsverhältnissen werken, ohne arbeitsrechtliche und soziale Absicherung. Wer aber jederzeit für verzichtbar erklärt werden kann, wird sich bohrende Fragen ersparen. Wer seine Karriere vor Augen hat, während er auf Zeilenhonorare angewiesen ist, wird auf aufwändige, zeitraubende Recherchen und Hintergrundinformationen verzichten.”
(Rohrer, 2007, S. 98f)

Im Sommersemester 2007 führten Studierende des Studiengangs „Journalismus und Unternehmenskommunikation“ der FH JOANNEUM (Graz) im Rahmen der Lehrveranstaltung „cultural studies II“ ein Forschungsprojekt zum Thema „Prekarisierung im Journalismus“ (Hepp, 2009) unter der Leitung des Verfassers durch.

Methodisch setzte diese Pilotstudie auf zwei Ebenen an. Eine Studierendengruppe führte leitfadengebundene Interviews mit steirischen Journalisten. Die in Frage kommenden Journalisten wurden in vier Gruppen unterteilt: Ehemalige Journalisten, etablierte Journalisten, Einsteiger und Journalisten in unsicheren bzw. finanziell prekären Verhältnissen. Von besonderem Interesse waren selbstverständlich die letzten zwei Gruppen, da unter ihnen – so die implizite Hypothese – prekäre Arbeits- und Einkommensverhältnisse am wahrscheinlichsten sind. Um nun aber nicht in Gefahr zu geraten, Journalisten erst klar machen zu müssen, dass sie ja eigentlich in prekären Verhältnissen leben, wurde der Interessenfokus bei den Interviews (und bei der Onlineumfrage) mit „Arbeits- und Lebensverhältnisse im heimischen Journalismus“ neutraler formuliert. Insgesamt wurden 17 Interviews geführt.

Die Onlinegruppe (wie auch die Interviewgruppe) entwickelte im Rahmen der Lehrveranstaltung einen Fragebogen, der zum einen an alle österreichischen Chefredaktionen mit der Bitte um Weiterleitung an die Mitarbeiter und zum anderen über persönliche Kontakte direkt an alle Mitarbeiter von Medienhäusern versendet wurde. Er blieb zwei Wochen online und wurde insgesamt 265 Mal vollständig beantwortet sowie zur Auswertung freigegeben.

Die im Folgenden ausgewerteten Datensätze stellen lediglich einen Teilbereich der Onlineumfrage dar, die präsentierten Ergebnisse erheben auf Grund der Datenlage weder den Anspruch auf Repräsentativität noch auf Letztgültigkeit. …

Rezensionen 1/2010

Klaus Arnold, Markus Behmer & Bernd Semrad (Hg.): Kommunikationsgeschichte. Positionen und Werkzeuge. Ein diskursives Hand- und Lehrbuch. Berlin, Münster: LIT-Verlag 2008, 458 Seiten.
– rezensiert von Hendrik Wagner

Wolfgang Fritz Haug: Kritik der Warenästhetik. Gefolg von Warenästhetik im High-Tech-Kapitalismus. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2009, 350 Seiten.
Rahel Jaeggi & Tilo Wesche (Hg.): Was ist Kritik? Frankfurt am Main: Suhrkamp 2009, 375 Seiten.
Georg Kohler & Stefan Müller-Doohm (Hg.): Wozu Adorno? Beiträge zur Kritik und zum Fortbestand einer Schlüsseltheorie des 20. Jahrhunderts. Weilerswist: Velbrück 2008, 351 Seiten.
Axel Honneth: Pathologien der Vernunft. Geschichte und Gegenwart der Kritischen Theorie. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2007, 239 Seiten.
Heinz Steinert: Das Verhängnis der Gesellschaft und das Glück der Erkenntnis. Dialektik der Aufklärung als Forschungsprogramm. Münster: Westfälisches Dampfboot 2007, 298 Seiten.
– vergleichend rezensiert von Christoph Jacke

 

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